Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 25 (18.6.1925)
- Date
- 1925-06-18
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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ar Der Israelit nr. 25 192$ Zurück... Ein kleines bescheidenes Gemach. An der Längswand ein Regal bis zur Decke, auf dem lange Folianten herumstehen und Herumtiegen. Ein kleiner Tisch, einige Stühle und ein altverblaktes Sofa bilden das ganze Mobilar. Auf dem Tische flimmert in einem Glase ein Oel- Uchtchen. Cs ist früher vormittag. Am Tische sitzt Rabbi Leibele, der alte Dajan, vor einem kleinen aufgeschlagenen enggedruckten Buch. Eine dünne Wand trennt das Zimmer vom Beth Hamedrasch, von wo vereinzelte Stimmen Spätbetender herüberdringen, untermisch? mit Hellen Knabenstimmen, die singend lernen. gemächlich geht die Türe zum Zimmer auf und herein tritt ein junger Mensch mit glattem, blassem Gesicht, in moderüer, aoer verschlissener Kleidung. Die Gesichtszüge zeigen eine Müdigkeit, wie bei einem Manne, der lange kein Bett gesehen hat. Zu der etwas schäbigen Eleganz der Gewandung passen auch Gang und Haltung. Etwas erhaben und verächtlich sieht sich der Eintretende im engen Raume um, aber die Augen scheinen zu müde, die Lippen zu ausgetrocknet, um das überlegene Lächeln zum Asdrucke zu dringen. „Guten Morgen, Großvater!" Rabbi Leibele reißt seine alten Augen weit auf, steht dann behende für sein Alter auf und reicht dem Jüngling die Hand. . - . „Chajim Josiel, mein Kind, ich hätte dich beinahe nicht erkannt. Du siehst aber auch sehr verändert aus." Der junge Mann lacht lässig. „Nicht erkannt? Warum denn nicht? Wegen des kurzen Rockes, des Kragens und der Krawatten Sind es diese Dinge, die den Menschen machen?" Der alte Dajan, unter seinen Büchern ergraut und vom vielen Studieren in seiner Sehkraft sehr geschwächt, geht etwas näher an den Enkel heran, betastet ihn ein wenig. „Kragen und Krawatte? Die habe ich wirklich noch gar nicht gesehen. Habe es nicht so genau beachtet. Auch kurzen Rock schon? Ich sah diese Einzelheiten nicht. Der Mensch im Sange., schien mir nur anders. Gäbe Gott, es liege dies nur an den Kleidern. Nun, lassen wir das. Sei mir willkommen. Junge. Setze dich zu mir. i üief) eine liebe Ueberraschung. Wie lange ift es schon her r Acht Jahre wohl. Freue mich, daß du noch den Weg zum Großvater gefunden hast." Der Alte holt aus dem Schrank Flasche und Gläschen und auch Honigkuchen und lädt den Jüngling ein, etwas zu genießen. „Immer noch dieses alte, kleine Buch?" frag: der Enkel, die Aufwartung übersehend, „immer noch die „Buchstaben des Rabbi Akiba"? Wie. oft hast du sie wohl schon ausgelernt?" „A u s g e l e r n t?" sagt der Alte. „Was aus heiligen Tiefen der Thora kommt, lernt man nie aus, so wenig etwa wie man einen Brunnen ausschöpft. Ausgelernt hat man, wenn man ausgelebt hat. Man lernt und lernt immer das Gleiche, um beim zweiten Male zu erfahren, daß man es zum ersten Male nicht verstanden hat, und wenn man es zum hundertsten Male lernt, so weih man erst, daß man es neunundneunzig mal nicht ganz und bis ins Letzte ersaßt hat. Aber nun, bitte ich dich, etwas zu genießen (er schenkt ein Gläschen ein). Du hast doch sicher bereits dem Morgengebet verrichtet. Ich habe die „Tefilin des Rabbenu Tarn" noch nicht gelegt,, ich würde sonst mit dir eines trinkem" „Ich danke, Großvater," lehnt der Jüngling ab. Warum brennt das Flämmlein hier am hellichten Tag?" „Für die reine Seele deiner frommen Großmutter, es ist heute ihr Jahrzeitstag." Rabbi Leibele seufzt tief. „Bis zum letzten Augenblicke ihres Lebens dachte sie, Chajim Josiel, an dich und nur an dich." „Du seufzst, Großvater? Warst du es nicht, der mich früher immer lehrte, Seufzer und Klagen seien fern von dem Juden, so verpönt wie ein Thoraverbot. Nur Freude, Vertrauen, Frohsinn sollen den Juden begleiten." „So ist es auch, Chajim Josiel. So sprach ich und so hielt ich es auch all die Tage. Aber nun.... Als du das Haus verließest, weinte deine Großmutter, Friede mit ihr. Weißt du noch, wir sind mitten im „Ran" auf Seite zwanzig zu „Nedorim" stehen geblieben. Das Zeichen liegt noch in der Gemoro drin, und so oft ich darüber komme, weint auch in mir etwas ganz leise. So sehr sehnten wir uns beide nach dir. Nun geht die Türe auf und du sagst, du wärest da. Warum hör ich aber deine Stimme nicht, warum sehe ich deine Gestalt nicht; deine Stimme und Gestalt von damals? Oder sind bereits meine Augen und Ohren so gealtert? Du bist d a mein Kind, und ich sehe und höre dich nicht! . . . ." „Ick bin so müde," seufzt der Jüngling, „müde und verzweifelt an Idealen, die verflogen und verflackert sind, wie der Schein des Lichtleins hier verlöschen wird, wenn das bischen Oel ausgebraucht ist." Der Alte sieht den Enkel groß an. „Nun verstehe ich auch deine Sprache nicht. Ist das alles, was dir die neuen Wege, auf die du aus dem engen Zimmer des Großvaters gesprungen bist, gegeben haben?" „Ja, die neuen Wege, ich habe sie mit der gleichen Freude und Begeisterung und Ausdauer betreten, wie ich sie damals bei der Gemoro betätigt habe, aber die Freude als Enderfolg blieb aus." „Die Freude am Erfolge. Weißt du noch, Chajim Josiel, wie du einstens volle achtzehn Stunden über einem schweren „Maharscho" gesessen hast, und selbst in der Ueberzeugung, daß du der Sache niemals auf den Grund kommen würdest, lag noch etwas von der Freude, die aus höheren Regionen strahlt. Weißt du noch, es war kurz vor Sabbateingang, der Schames hatte bereits zur Schul gerufen, da kamst du angerannt und hieltest mick fest am Sabbatrocke: „Großvater, nun habe ich es heraus, was Maharscho will." Diese leuchtenden Augen sehe ich jetzt noch und ich war Kind mit dir. Weißt du noch all dies?" Der Jüngling verhüllt das Gesicht mit beide?: Händen. „Sprich, lieber Großvater, hole mir all diese -crr'cken Dinge wieder aus der Erinnerung." „Erinnerung?" erschrickt Rabbi Leibele und ist ganz blaß und zittrig. „Sind das für dich nur noch Erinnerungen? Hast du, Gon verhüte es, Gemoro, „Ran" und „Maharscho" beiseite gestellt? Wer trat an ihre Stelle? Die kleinen, mit fremden Lettern bedruckten Büchlein? Du, Chajim Josiel, der sich in den Dezisoren besser auskannte wie ich, der alte Dajan, konntest so .den Nichtigkeiten verfallen?" Der Jüngling atmet schwer. „Ich bin nicht der erste, lieber Großvater, und auch nicht der letzte, der den Sprung ins Helle wagte und sich bald in der Tiefe und Finsternis des Abgrundes fand. Das Schifflein stieß vom Lande ab, und das Ufer wurde ferner und ferner. Dann waren es f r e m d e Kräfte, die Gewalt über uns erhielten. ... In ersterer Zeit kostete es noch eine Träne, einen Seufzer, dann aber wurde alles Gewohnheit. Im Hintergründe saß aber die Sehnsucht. Und als das Schifflein gekentert war. und wir uns von Welt und Licht, die uns gelockt und gerufen, schmählich betrogen wußten, uns entwurzelt sahen, losgelöst vom Boden des Seins, wie ein Blatt hin und her geweht, ohne Halt und Stütze, blieb von allem nur noch die Verzweiflung. Der Alte holt tief Atem. „Und warum kamst du jetzt? Nur um mir den letzten orest des späten Lebensabends zu vergüuen? Achtzig ^ahre habe ich meinem Gotte in Freude und Liebe gedient und duckte den Kopf vor jeder Woge, die über mich dahinfuhr. Ich sagte mir: was ich getan habe, ist nicht viel, aber das Werk stirbt nicht mit mir. Nun kommst du und redest Worte, die ich nicht verstehe, Worte, aus denen ich nur das ersehe, daß i ch der letzte meiner Familie sein soll, daß ich als letzter dieses Büchlein schließen und es keiner mehr nach mir öffnen folll Kamst du, damit dieses entsetzliche Bewußtsein mir vor meinem Tode nicht erspart bleibt?" Der Jüngling ergreift die Hände des Alten. „Verstoße mich nicht, Großvater. Noch sind die Fäden, die uns verbinden, stark, zahlreich und eng verschlungen. Ich hätte sonst nicht den Weg aus der Verzweiflung zu dir gefunden. Im Düster meiner Seele zitterte immer, wie hier das Oellichtlein zum Andenken der Großmutter, ein kleiner Funken, der, wenn die Winde von außen hemren, oft zur Flamme aufloderte. Die Ge- ' schichten des Bal Schem Tow, die du mir in der Dämmerstunde vor Sabbatausgang erzähltest, sitzen auch noch in mir. Ich weiß es nicht, ob die alte Kraft wieder ganz kommen wird, aber der Funken glimmt noch, und so kam ich, bevor alles verloren ist. . . „Und nun bitte ich dich, Großvater, was auch kommen mag, schlagen wir noch einmal die Gemoro auf, da wo das Zeichen seit acht Jahren liegt, und sehen wir uns noch einmal den „Ran" an. Meine Seele lechzt danach, wieder einmal in diesen reinen Tiefen zu baden. . . ." Chaim Josiel umarmt den Alten, als wollte er die gelockerten Bande von neuem enger binden und schlingen. Durch die dünne Wand dringt aus dem Beth Hamedrasch die Stimme eines Einzelbeters: E-cho-d. Hawdoloh und Zapfenstreich?' Ein Buch, zumal schöngeistigen Genres, kann unter drei Gesichtspunkten gewertet werden: dem künstlerischen, dem unterhaltenden und schließlich dem erzieherischen, d. h. nach seiner beeinflussenden Kraft, seinem Bemühen, des Lesers Seele auf eine bestimmte Welle innerhalb eines Fragenkomplexes einzustellen. Diese drei Gesichtspunkte müssen sich nicht naturnotwendig ergänzen. Man kann unter dem einen oder dem anderen dieser Gesichtspunkte Gefallen an einem Buche finden, oder reichen Nutzen aus ihm ziehen. Bei der Beurteilung des Gronemannschen neuesten Buches müssen wir uns vom ersten Punkte weitab entfernen. Es ist ein u n k ü n st l e r i f ch e s Buch im höchsten Grade, und daran ändert nichts, daß es der Autor selbst im Vor- und Schlußwort sogar mit einer gewissen Selbstzufriedenheit heroorhebt. Es ist ein Buch der Intermezzos, besteht aus lauter Paranthesen, Einschiebungen und Einschaltungen. Die Witze und Witzchen, Anekdoten und Anekdötchen wachsen nicht organisch aus der Materie heraus, sondern glitzern von außen in die Materie hinein, zumeist durch ein Wort oder eine Wendung ausgelöst, die dem Kapitel eigens zu dem Zwecke angehängt wird. Wie in der Operette, wo irgend ein gezwungenes Stichwort den „Schlager" vorbereiten muß, oder (Gronemann wird für diesen jüdischen Vergleich mehr Sinn haben) wie der bekannte Wandermaggid, der nur einen Vortrag in seinem Repertoir hat, und zwar zu „K o r a h", daher überall etwas fallen läßt, in gemachtem Zorn „zum Korach" verwünscht und dann seine Droscho an dieses Wort anknüpft. Auf diese Weise sind im Buche Anekdoten und Geschichtchen ältern und ältesten Bestandes zusammengefaßt, die vom Eigentlichen ablenken und eine durchgreifende Charakteristik geradezu verhindern. Wenn man zum Exempel aus Seite 42 nach der Überschrift glaubt, einen jüdischen Bader kennen zu lernen, so hat man nach Schluß des Kapitels erfahren, daß es im D Von Sammy Gronemann. Erinnerungen an die ostjüdische Etappe 1916—18. Jüdischer Verlag, Berlin.