Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 24 (11.6.1925)
- Date
- 1925-06-11
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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\3Ctte 10 3 IC. L-t PÜPWI WWW großem Freudengebell stürzten sie sich darauf, warfen die Kartons um, zerstreuten die Mußen hin und her und balgten sich um sie, während ihr kleiner Herr, der in der Halle geblieben war, verg-.'' ' und die Hunde aufhetzte, i'i -1 Vom Gesinde wagte Nie..^nd zu helfen. Einige lachten, andere sahen schweigend zu, wie der Mützenhändler sein beschmutztes und zerknittertes Eigentum den Hunden zu entreißen bemüht war. Endlich war es ihm doch gelungen, wieder hob er die Last auf den Rücken und schritt langsam aus der Halle von Narodowo. Der Bettler war schon längst verschwunden. Aber als Josua Abromowski nur wenige Schritte aus dem Hofe war, sah er ihn auf einem Steine sitzen. „Ich wollte dir danken," sagte der Alte und erhob sich. „Aber besser wäre es gewesen, du hättest nichts gesagt." Josua Abramowski erwiderte nichts darauf. Schweigend gingen sie eine Weile nebeneinander. Es hatte zu schneien begonnen. Große nasse Flocken legten sich feucht auf ihre Bärte und Kleider und das Gehen war noch erschwerter als vordem. Die Luft war dick von Feuchtigkeit und machte den Atem schwer. „Gehst du jetzt nach Hause?" fragte der Mützenhändler den Alten. „Ich bin nirgend zu Hause," erwiderte dieser ergeben. „Ich wandere und wandere — durch die Steppe bin ich gewandert und das große Mütterchen Wolga entlang, und wo man mir ein Stück Brot gab und einen Platz zum Sitzen, da war ich für eine Stunde zu Hause. Ich gehe jetzt ins Dorf" — er deutete auf einige Lichter, die fern schimmerten — „dort wird wohl ein christlicher Mensck mich irgendwo in seinem Hause schlafen lassen." „Ja, komm, laß uns rascher gehen," sagte der Andere. „Es ist kalt, und der müde Leib sehnt sich nach Wärme und das Haupt nach dem Kisten." Und wieder gingen sie schweigend. Wirbelnd stoben die Flocken um sie her in der Dunkelheit, aber vor ihnen waren die fernen Lichter. Stumpf ging der Alte. Aber der Mützenhändler träumte mit halb geschlossenen Augen schauernd in der feuchten Kälte. Er träumte von seinem stillen Hause und von seinem jungen Weibe. Er wußte, sie saß schweigsam und traurig, wenn er fort war, denn noch hatten die Wände kein Kinderlachen oder -Weinen gehört. Und er mußte wandern, wandern wie jener alte Bettler neben ihm. Er hatte ein Haus und er war dennoch ein Sturmgetriebener. Aber wanderte nicht schon sein ganzes Volk Jahrtausende lang ruhelos und suchend durch das Leben wie durch eine öde Heide, über die der Wind mit Klagegesängen fuhr? Heftiger blies der Sturm und schlug ihm eine Handvoll Schnee in die Augen. Er fuhr auf und griff unwillkürlich nach der Hand des Alten. „Ja," sagte er vor sich hin, „wir Heimatlosen. ..." Sefiraleiden. Die Verfolgungen des ersten Kreuzzuges nach den hebräischen Berichten. Von Dr. Simon Goldman« in Köln. (Schluß.) Das göttliche Strafgericht. Das Vorspiel zum ersten Kreuzzuge hatte mit der Vernichtung der blühenden Judengemeinden aus der ganzen Rheinlinie geendet. Die Sesira des Jahres 1096 zählte mehr als 12 000 heilige Märtyrer, sie war aufgegangen in unzähligen Strömen Blutes und Tränen. Aber auch an den Mördern dieser unschuldigen Opfer bestätigte sich die Wahrheit des Prinzips von der ewig ausgleichenden göttlichen Gerechtigkeit, denn wodurch sie frevelten, damit wurden sie gestraft. Ohne das heilige Land erreicht zu haben,. erlagen sie unterwegs nach unsäglichen Leiden einem elenden Tode, meist durch das Schwert der Un- DerJsraelit garn. Juden und Christen erblickten darin die furchtbare Hand des göttlichen Strafgerichts. Anfangs des Jahres 1097 kehrte Heinrich IV. aus Italien zurück und erfuhr nun mit heftiger Entrüstung von den in seiner Abwesenheit verübten Greu"ltaten. Auf dem Reichstage zu Regensburg sprach er öffentlich seinen Unwillen darüber aus und gestattete durch Vermittlung des Vorstehers R. Moses ben Jekuthiel von Speyer den zwangsweise Getauften, zur Religion ihrer Väter zurückzukehren, Dieser Zug edler Menschlichkeit löste zwar in der katholischen Kirche einen Entrüstungssturm aus, was aber die Juden keineswegs zurückhielt, der Erlaubnis freudig nachzukommen. Erzbischof Ruthard aber sollte sich 1098 auf dem Reichstage zu Mainz wegen der Lermögensberaubung der Juden vor dem Kaiser verantworten. Ruthard entzog sich der Vernehmung, und der Kaiser ließ zur Strafe die Einkünfte des Erzbistums einziehen. Um eine Wiederholung der grausigen Vorgänge zu vermeiden, nahm er die Juden 1103 in den zu Mainz beschworenen Burgfrieden auf. Vermochte Heinrich dadurch auch kaum den Gang der Geschichte nachhaltig zu beeinflussen, so genügt doch dieser Zug reinen Menschentums, ihm einen Ehrenplatz in der Geschichte des Judentums zu sichern. -I- * * In vielen Gemeinden hat man den Brauch, am Sabbat vor dem Schewuausfeste zu „memern", jener Märtyrer zu gedenken, die die Leidensgeschichte der betreffenden Gemeinde verzeichnet hat. Da wird denn alljährlich am Ende der Sefira die Erinnerung an die Geister der großen Ahnen in uns wach, „Die ihr Leben einsetzten für die Heiligung des göttlichen Namens, Die im Leben seiner Liebe und seinem Wohlgefallen gelebt. Und auch im Tode sich von ihm nicht trennten, Die leichter waren als Adler Und stärker als Löwen, Den Willen ihres Eigners zu erfüllen Und das Verlangen ihres Horts." Heute verstehen wir die Sprache der „Sefiras hoaumer", wissen wir, daß die Zählung erst beginnen konnte, nachdem die Sichel über dem „stehenden Getreide" geschwungen, daß die blühende Saat auf dem Felde des Lebens erst geschnitten werden mußte, um uns das Zählen auf die Zeit unserer Gesetzgebung zu lehren. Erst wenn die Perioden der Zählungen „temimaus", lückenlos gewesen sein werden, können wir herantreten, „eine neue Huldigungsgabe darzubringen unserem Herrn." Uinderecke. Historische Streiflichter zu den „Vätersprüchen". (Fortsetzung.) V. Die Paare. Waren es in den ersten drei Mischnasätzen einzelne Meister, die zu Worte kamen, so werden sie in den folgenden Sätzen paarweise genannt. Es sind im ganzen fünf Paare, „Sugaus", deren jedes in der Folgezeit an der Spitze des Sanhedrin stand. Zumeist war der erstgenannte Nassi, Fürst und Präsident der jüdischen Gemeinschaft auch nach außen, während der zweite als „Vater des Gerichtskollegiums" die Verhandlungen des Sanhedrin leitete. Das erste Paar bestand aus Joffe, dem Sohne ■ ■_11. Juni 1928 Joefers aus Zreda und Josse, dem Soh,^ Jochanans aus Jerusalem. War bis dahin die Tradition in all ihren Einzelteilen klar und keinem Zweifel unterworfen, so setzten mit diesen „Paaren" die ersten Meinungsstreite ein über einzelne Ausführungsbestimmungen des Gesetzes. Die hier genannte-; Lehrer stritten darüber, ob man am Festtage u - Hände auf das Festopfer a u f st ü tz e n soll oder nicht. Joffe, Sohn Joessers verbot es, Joste ben Jochanan gebot es, und dieser Meinungsstreit setzte sich fort bis zu Hillel und Schamai, da die Abstimmung für die Ansicht Hillels entschied, der,, wie Josse, der Sohn Jochanans, das Aufstützen gebot. Josse, der Sohn Joesers war Hoherpriester und wird als „der Fromme der Priesterschaft" bezeichnet. Er war von vornehmer Abstammung, und im Bestreben, den Geistesadel zu erhalten, vielleicht auch, um ihn, in Furcht vor dem Eindringen unsauberer Elemente, ein wenig nach der Außenwelt abzusperren, prägte er den Satz: „Es sei dein Haus ein Versammlungshaus für die Weife n." Sein Partner, Joffe, der Sohn Jochanans, betätigte sich, wie später Hillel, mehr als Volksmann. Die unteren Schichten, auch die Armen an Wissen heranziehen, war sein Ziel und diesem dient auch der Lehrsatz: „Es fei ^.ein Haus stets weit offen, und die Söhne der Armen feien deine Hausgenossen." Josse ben Jochanan war ein ausgesprochener Gegner der damals beliebten Sperrung des Lehrhauses — aus Mißtrauen gegen Schüler, „deren Inneres ihrem äußeren Verhalten nicht entspricht." — Das Mißtrauen war in einer Zeit, da neue geistige und politische Strömungen allerlei Ueberläufer und Verräter zeitigten, mehr wie berechtigt. Aber der im festen Glauben an die Kraft des Thoralichtes wurzelnde „Mann aus Jerusalem" hoffte, auch diese Elemente, wenn ihnen einmal Familien- und Lehrhaus geöffnet wäre mit dem Licht der Thora erfüllen zu können. Er übte auch weitgehende Gastfreundschaft gegen seine Schüler, wobei es wohl gelegentlich zu Unstimmigkeiten mit seiner weniger wohltätig veranlagten Frau kam. Darauf bezieht sich seine Mahnung: „Pflege nicht lange Unterhaltung mit der Frau", d. h., lasse dich im Wohltun von kleinlichen Bedenken nicht beirren. Die Nachbemerkung in dem Satze, die sich auf die Frau gemeinhin bezieht, gehört nicht in diesen Zusammenhang und stammt auch nicht von ihm, sondern stellt, wie die Wendung n»K joa besagt, eine spätere allgemeine Schlußfolgerung dar. Es ist ausschließlich Sache der Leser, die im Vnseratenlei enthaltenen Empfehlungen ritueller Waren oder sonstig« Angaben religionsgesetzltche« Charakter» auf ihre Zuoer lässtgkeit zu prüfe«. 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