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Der Israelit · 1925-06-11 · Heft 24 (11.6.1925) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
66 (1925)
Issue
Heft 24 (11.6.1925)
Date
1925-06-11
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Beilagt Der Israelit Dr» 24 1925 Der Mühenhändler. Von Ludmilla von Wehren. Durch den naßkalten russischen Märztag wandrrte langsam und gebückt der Mützenhändler Josua Abramowski die ausgeweichte Landstraße entlang. Er war müde, denn schon sehr früh war er in den weißen Morgensrost hinaus" gegangen aus dom Wirtshaus, in dem er die letzte Nacht verbracht hatte, mit seiner Last von großen Kartons auf dem Rücken, in denen die Mützen wohlverwahrt lagen. Durch zwei Dörfer war er bereits gekommen und jetzt strebte er dem Gute Narodowo zu, das dem reichen Edelmann Pawel Gawrilowitsch Suwalki gehörte. Dort gab es viel Gesinoe, und jedesmal, wenn der Mützenhänoier erschien, was regelmäßig alle Vierteljahr geschah, wurde die Last auf seinem Rücken um ein beträchtliches leichter, dort hoffte er auch. me schon so oft, die nächste Nacht zubringen zu rönnen. Mehrere kleine Bauernschlitten begegneten ihm, die Pferde gingen ebenfalls mühsamer wie sonst und hoben schwerfällig die Hufe in dem weichen, halbgeschmolzenen Schnee und dem Schmutz der Landstraße. Abramowski blieb manchmal stehen und sah ihnen nach. Wie schade, daß niemand seinem Weg entlang fahren wollte. Gewiß hätte ihn dieser oder jener, wie sckon öfter, gegen ein kleines Entgelt mitgenommen. Aber gerade heute, wo er so müde war, mußten sie alle die entgegengesetzte Richtung nehmen. Mit einem Seufzer der Ergebung setzte Abramowski seinen Weg fort. Er kannte das Leben auf der Landstraße, nur zu gut kannte er es. Schon als kleiner Junge hatte er neben seinem Vater herlaufen müssen, um ihm beim Tragen zu helfen. Daheim sahen die Mutter und der ältere lahme Bruder, der die Mützen verfertigte. Jetzt waren die Eltern gestorben, aber sonst war alles beim alten geblieben: Er ging auf der Landstraße umher und der Bruder arbeitete zu Hause. Aber an Stelle der Mutter waltete jetzt im Hause der Eltern Josuas junges Weib. „Reisende und Kaufleute, dre lange fort sind, sollten kein Weib allein daheim lassen," hatte er oft sagen hören, aber er hatte es doch gewagt, sich ein Weib zu nehmen, obgleich er oft in vielen Wochen nur einige Tage zu Hause war. Als die Sonne schon erloschen war, und ^,er Märzhimmel rasch immer grauer und dunkler wurde, stand er endlich vor den langgestreckten Gebäuden von Narodowo. Erschöpft lehnte er einen Augenblick am Tore. Da kam von der anderen Seite her eirr zweiter Wanderer. Es war ein ganz alter 'Mann, der sich nur mühsam an einem Stocke vorwärts bewegte. Er trug einen alten Schafpelz, über dem ein Sack bmg, und seine geröteten Augen blickten mit einem betrübten und zugleich unsäglich demütigen Ausdruck. Fast zugleich betraten sie die große, steingedielte Vorhalle des Gutes, in der bereits eine große Lampe brannte, und die eine warme, nach saurem Kohl und Leber riechende Luft erfüllte. Abramowski ging bis in die Mitte der Halle und begann seine Last abzulegen, und von den sie bedeckenden Tüchern zu befreien, während der Alte sich erst, sich dabei bekreuzigend, mehrmals tief vor dem Heiligen-Schrein in der einen Ecke verneigte, und dann mit zitternder Greisenstimme nach Art der russischen Bettler, ein geistliches Lied zu singen.anfing. Das Gesinde kam herbeigelaufen, in kurzer Zeit war die ganze, weite Halle mit Menschen angefüllt. Eine rüstige, nicht mehr junge Magd, die augenscheinlich die Köchin des Hauses war, sagte einige Worte zu dem Bettler und ging mrt ihm fort, während die Uebrigen den Mützenhändler umringten, der jetzt seine Kartons geöffnet hatte. Da gab es Mützen von verschiedener Größe und Form: runde Mützen aus blauem Tuch mit einem Sturmleder, sogenannte Baronmützen. Kalpaks mit Pfauenfeder, wie sie die Kutscher vornehmer Herrschaften trugen und noch viele andere mehr. Ein lebhaftes Stimmengewirr erfüllte die Halle, die Männer, meist junge Burschen, setzten die Mützen auf die Köpfe, um zu probieren, wie sie ihnen standen und die Mädchen schauten zu, kauten Sonnenblumen und gaben lachend ihr Urteil ab. Und dann wurde gefeilscht, mit der Ausdauer, dis nur der Rusts kennt: „Aber die Mütze ist ganz sicher um 50 Kopeken zu teuer, — für diese mußt du mindestens 30 Nachlassen — nun dann 20. ..." „Was gibt es denn, weshalb seid ihr alle von der Arbeit fortgelaufen?" fragte plötzlich eine laute, befehlende Stimme und Pawel Gawrilowitsch Suwalki kam breit und ansehnlich hereingestampft. Es war ein sehr stattlich anzusehender Herr, noch ganz nach alter Art. Sein mächtiger Körper steckte in einem blauen Kaftan von feinstem Tuch, der mit einer roten Seidenschärpe gegürtet war und an den Füßen trug er hohe, glänzende Stiefel. Die Augen funkelten scharf unter buschigen Brauen und sein langer Bart fiel gleich unzähligen Fäden weißer Seide auf die Brust herab. Das Gesinde trat scheu zurück. Pawel Gawrilowitsch war sehr gefürchtet. Wenn seine Augen zornig aufflammten, hob sich auch gar zu leicht die Hand mit der Kosakenpeitsche, die sie jetzt nur spielend hielt. „Der Mützenhändler ist da," wagte eine junge Magd zu antworten. Pawel Gawrilowitsch schien guter Laune zu sein. „Ach der Abramke — was hast du den Neues, Jude?" sagte er, trat an den sich Verneigenden heran und betrachtete belustigt die ausgebreiteten Waren. Das Gesinde stand da und wagte nicht mehr seinen Handel fortzusetzen. Pawel Gawrilowill schien sich aber gar nicht lange weiter aufhalten zu wollen. Er sagte noch ein paar ziemlich gnädige Worte und machte Miene, sich in die Herrschaftszimmer zurückzuziehen. In desem Augenblicke kam ein hübscher Knabe aus der Tür gestürzt, die seitwärts in die Küche führte. Ihm folgten mit lautem Bellen zwei riesige junge Hunde, die einander in großen Sprüngen in der Halle herumzuhetzten begannen und überall auf dem Fußboden die Spuren nasser Pfoten zurückließen. Der Knabe lief auf Pawel Gawrilowitsch zu und rief mit klagender und zorniger Stimme: „Großväterchen höre — ich komme eben mit Schuu^ und Scheko in die Küche und will ihnen heute selbst ihr Fleisch geben. Da hat es die Akulina gerade dem alten häßlichen Bettler gegeben, der immer herkommt. Ich habe ihnen aber befohlen gleich zu dir zu kommen. Sei recht böse zu ihnen Großväterchen." Das hübsche Ge^ des Knaben war zornig und hochmütig verzerrt. Pawel Gawrilowitschs Brauen zuckten. „Wo sind sie?" fragte er. Die Köchin und der Bettler traten scheu, hinter der Dür hervor. „Was^.soll das heißen, Akulina?" fragte er streng, wahrend sein kleiner Enkel sich^ben ihn stellte und mit einem neugierigen und befriedigten Gesicht zuhörte. „Ihr alle wißt, ich habe nichts dagegen, daß die Bettler reiche Gaben hier im Hause erhalten, ich gebe selbst jedem, der mich bittet reichlich uno Gott segnet mich auch dafür. Aber meine Befehle will ich respektiert sehen, und was Peter Afanaßjewitsch, mein lieber Enkel wünscht, soll geschehen, so habe ich besohlen. Nun, wie ist das, Akulina. Kannst wohl nicht antworten, du Närrin?" Die stattliche Köchin war jetzt ein Bild der Angst. Zitternd und unter Tränen brachte sie hervor: „Ich — ich habe es ihm nicht gegeben, er hat es selbst genommen/ Die Augen des alten Bettlers öffneten sich weit in einem hilflosen Erstaunen, als jetzt der Herr ihn anfuhr: „So, also das ist der Dank für die vielen Wohltaten, die du hier erhalten hast? Du kommst her, um zu stehlen!" Die Lippen des Alten zitterten, und der Ausdruck ängstlicher Demut in seinem Gesichte trat noch deutlicher hervor. Aber er antwortete ziemlich ruhig, indem er sich fast bis zur Erde verbeugte: „Wohltäter, sie weiß nicht, was sie spricht. Sie hat mir aus gutem Herzen das Fleisch gegeben und sagte, es wäre zu gut für die Hunde, die könnten auch mal etwas anderes bekommen. Ich habe noch nie gestohlen." „Wie er lügt, wie er lügt!" schrie die Köchin in ihrer Angst. „Er hat es genommen — als ich einige Minuten fortging, hat er es vom Tische genommen und in seinen Sack gesteckt." Sie schlug die Schürze vors Gesicht und brach in ein lautes Angstgeheut aus. Pawel Gawrilowitschs nicht allzu reichlich zugemessene Geduld war erschöpft. „Schweig," herrschte er Akulina an, die erschrocken zusammenfuhr und möglichst weit zurückwich. Pawel Gawrilowitsch sah aber auch zum Fürchten aus mit seinen bösen Augen. „Ich will garnicht wissen, wer schuld ist," schrie er. „Du, Akulina, bekommst noch deine Strafe, und du, alter Narr — packe dich fort und komme mir nicht mehr unter die Augen." Und die Kosackenpeitsche erhebend, schlug er dem Alten mehrmals über Kopf und Rücken. Die Dienerschaft stand zitternd. Einige hatten sich schon bereits verstohlen fortgeschlichen. Kein lauter Ton war in der weiten Halle zu hören. Josua Abromowski hatte viel Demütigungen und viel Leiden in seinem Leben gesehen und hatte gelernt, daß Schweigen in den meisten Fällen das Beste ist. Aber jetzt wallte das heiße südliche Blut heftig in ihm empor. Auch seine Augen funkelten: er trat einige Schritte vor, und mit einer Kühnheit, die ihm selbst unerklärlich war, sagte er laut: „Herr, das war Unrecht, das war schlecht. . ." Pawel Gawrilowitsch drehte sich erstaunt um und wußte augenscheinlich nicht gleich, was er sagen sollte. Die Dienerschaft stand wie erstarrt und erwartete jetzt irgend etwas Schreckliches. Aber Pawel Gawrilowitsch blieb merkwürdig ruhig; vielleicht imponierte ihm auch im Stillen das Auftreten des Händlers. „Es ist nicht deine Sache, fremde Kinder zu wiegen, Jude," sagte er nach einer Weile kalt. „Sei froh, daß ich heute gnädig gelaunt bin, sonst. . . . Aber mach, daß du fortkommst, es könnte mich vielleicht noch reuen." Dabei schlug er mit der Peitsche verächtlich unter die Mützen und warf ein paar auf den Fußboden, wo sie übereinander kugelten, worauf er stolz und stattlich sich in die Wohnzimmer begab. Der Mützenhändler bückte sich mit blassem Gesichte und begann seine Ware einzupacken. Aber die jungen Hunde schienen die herumkollernden runden Dinger für etwas anzusehen, das ihnen zum Spielen hingeworfen war. Mit

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