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Der Israelit · 1925-06-04 · Heft 23 (4.6.1925) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
66 (1925)
Issue
Heft 23 (4.6.1925)
Date
1925-06-04
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 Nr. 23 Der Israelit 4. Juni 1925 zu schützen, es sei denn, daß sie die Taufe annehmen würden. Da die Flüchtlinge ihren letzten Rettungsanker zerrissen sahen, beschlossen sie, freiwillig den Tod zu wählen. Kalonymos schlachtete seinen Sohn Mar Josef, worauf Ruthard erklärte, sie ihrem Schicksal überlassen zu müssen. Bei einem Versuche, auf den Erzbischof einzudringen, soll Kalonymos den Tod gefunden haben. Die übrigen, die der Erzbischof in den Wald treiben ließ, fielen dem Fanatismus der umliegenden Dorfbewohner zum Opfer. So war die blühendste Judengemeinde Deutschlands der Vernichtung anheim gefallen. Weit über 1000 Personen hatten als Märtyrer der heiligen Sache ihr Leben gelassen, und der vorerwähnte Dichter Kalonymos den Juda hat dem Schmerz darüber in jener Kina ergreifenden und wehmutsvollen Ausdruck verliehen. Vereinzelte Flüchtlinge, die dem Blutbad entronnen waren, hatten ihre Schritte nach Speyer gelenkt und entfalteten hier unter dem Schutze des Bischofs Johann die Mainzer Gelehrsamkeit zu neuer Blüte. d)Die Verfolgungen in Köln und Trier. Etwa um die gleiche Zeit, da in Mainz sich das Verhängnis über der blühenden Gemeinde entlud, hatte ein Trupp der verrohten Gesellen unter Führung Wilhelms des Zimmermanns seinen Weg auf Köln genommen und war dort am 5. Siwan (29. Mai), am Rüsttage des Wochenfestes eingetroffen. Durch die mittelrheinischen Vorgänge gewarnt, hatten die Juden in den Häusern ihrer christlichen Bekannten, mit denen sie in gutem Einvernehmen standen, Zuflucht gesucht und gefunden und sich dort über das Wochenfest hinaus aufgehalten. Die enttäuschten Kreuzfahrer, die die Häuser der Juden leer fanden, ließen ihre Wut an dem Eigentum derselben aus, indem sie die Häuser plünderten und demolierten. Dann drangen sie in die Synagoge ein, zerrissen die Thorarollen und zerstampften die Fetzen aus den Straßen. Rur zwei Frauen und der gelehrte Mar Jsak bar Eljakim wurden von dem Verhängnis erfaßt. Letzterer wurde, aus seinem Hause tretend, ergriffen und in die Kirche zur Taufe geführt. Als man ihm dort ein Kruzifix vorhielt, spie er davor aus, worauf man ihn erschlug. Die übrigen Juden ließ der hochherzige Erzbischof Hermann III. heimlich aus der Stadt entfernen und sie auf sieben Ortschaften seines Erzstiftes verteilen, wo sie allerdings später doch ihrem Geschick erlagen. In Trier zeitigte die Verfolgung, die am Tage nach dem Schewuausfeste einsetzte, ein trauriges Ergebnis. Aehnlich wie in Mainz hatte auch hier der Erzbischof Egilbert die Juden ursprünglich in seine befestigte Pfalz ausgenommen und ihnen seinen Schutz versprochen. Später aber suchte er sie, aus Furcht vor den Drohungen des Pöbels, zur Taufe zu überreden. Einige wurden zum abschreckenden Beispiel getötet, die übrigen wurden teils gewaltsam getauft, teils ließen sie sich durch die Vorstellungen des Rabbiners Micha zur Taufe bewegen, die sie nach einem heruntergeleierten Glaubensbekenntnis annahmen. Einzelne aber zogen den Tod einem schmachvollen Leben vor. Zu diesen gehörten Esther, die Tochter des Vorstehers Chiskija und zwei Mädchen aus Köln, die durch einen Sprung von der Moselbrücke den Tod in den Wellen suchten. Als den Täuflingen später die Rückkehr zum Judentum gestattet wurde, war Micha der einzige, der in seiner Abtrünnigkeit verharrte, wahrlich ein beredtes Zeugnis für die tiefwurzelnde Frömmigkeit dieser Glaubenshelden. (Schluß folgt.) Uinderecke. Was das Schwälbchen erlauschte. Goldregen, Kastanie und Fliederbaum standen in einem Garten beisammen und wetteiserten in der Farbenpracht ihrer Blüten. Manch Einer, der vorüberging in diesen Tagen, blieb bewundernd stehen und freute sich dieser Schönheit. Stolz richteten die Bäume dann ihre Kronen empor und wiegten ihre Blütendolden noch zärtlicher, in der warmen Sonne, wie wohl eine Mutter ihre Kinder Herzen mag. Die Kastanie ragte mit ihren Kerzen am höchsten empor und guckte mit ihren obersten Zweigen gerade in ein Fenster, das zur Sommerszeit fast den ganzen Tag weit geöffnet stand und Sonne und Lust voll ins Zimmer fluten ließ. Weil die Kastanie nun aber dadurch sozusagen Familienanschluß hatte und alles mit erlebte, was in dem Zimmer vor sich ging, so hatte sie ihren Freunden draußen und dem Schwälbchen, das abends zu Besuch kam und den Schmetterlingen, die ab und zu flatterten, gar viel zu erzählen. Da waren 4 Kinder, die vor allen Dingen ihre Neugier erregten. Wenn am Freitag Abend Vater und Mutter die Kinder benschten, wenn der Tisch so fein gedeckt, die Stube voll Licht war, wenn die beiden Kerzen in den blanken Leuchtern so feierlich brannten, und Eltern und Kinder nach dem Essen zusammen sangen, dann tonnte der Baum andern Tages gar nicht genug davon erzählen. „Was singen sie?" fragte das Schwälbchen. „Ich verstehe viele Sprachen, müssen Sie wissen, denn ich komme ja in weite Länder, und Reisen bildet." „Komme morgen abend, wenn es draußen dunkel geworden ist, kleiner Vogel," sagte die große Kastanie, „dann darfst du oben in meinen Zweigen sitzen und ins Zimmer gucken." Zeitig am andern Abend brachte das Schwälbchen seine Kinderchen zu Bett, sah nochmals sorgfältig nach, ob sie auch alle gut zugedeckt im Nestchen lagen und flog dann zu der Kastanie, die es mit offenen Zweigen ausnahm. Es war gerade ein Freitag-Abend. Lieblich tönten Gesänge in den friedlichen Garten. „Höre, wie sie singen." sagte der Goldregen, „kannst du sie verstehen, kleine Schwalbe?" „Ich bin in den fernen Ländern am blauen Meer gewesen, wo die Sonne glühend brannte, ich war am Nil im Aegypterland, überall reden die Menschenkinder eine andere Sprache. Aber wisset, ich glaube, sie loben Gott, klingt es nicht ganz ähnlich so, wie ich singe?" Und sie sang in vollen Tönen, als ob sie den Gesang im Zimmer begleiten wollte. „Wirklich, du magst recht haben, flüsterten die Bäume, „es klingt ganz ähnlich. „Es ist schon einige Zeit her," sprach die Kastanie, „wir halten alle noch keine Blätter, wir waren noch kahl und leer, draußen wehte noch ein unfreundlicher Wind, da hatten sie drinnen einen Festtag. Im Zimmer waren Blumen und Früchte aller Art, und die Kinder durften schmausen nach Herzenslust. Und dann stürmten sie heraus und umringten uns Bäume und riefen uns zu, daß wir heute Rosch- Haschonoh, Neujahr hätten, daß sie wohl wüßten, daß uns heute neue Kraft, ' neuer Saft zugeieilt würde, unb daß sie deshalb den Tag mit uns feiern dürften. Sie bildeten einen Kreis und umschlangen unfern Stamm, wißt Ihr noch?" — Ja. das wußten sie alle noch, und das Mandelbäumchen in der andern Ecke des Gartens rief ganz stolz, daß es auch was zu sagen hatte neben den großen Bäumen: „Und als der Frühling kam und die Sonne zuerst meine Blütenkinder weckte, wie kamen sie da am Morgen so glücklich und froh gesprungen, und riefen nockalle Bekannten dazu! Wie bewunderten sie mich kleines Bäumchen, und dann sprachen sie mit ihrem Vater mir fremdklingende Worte,- aber der Vater übersetzte sie dann laut. Ich weiß es noch gut, auch damals lobten sie Gott, der es in seiner Welt an nichts fehlen lasse, gute Geschöpfe und gute Bäume geschaffen habe, daß sich die Menschenkinder an ihnen erfreuen." Und sie freuten sich auch von Herzen, daß nun der Frühling gekommen war und sangen fröhlich: „Mandelbäumchen, Mandelbäumchen, blühest schneeweiß." „Wisset," sprach der Fliederbaum, „ich habe die Kinder heute belauscht; sie feiern ein Fest, in den nächsten Tagen. Sieben Wochen haben sie bis zu diesem Feste zählen müssen; jeden Abend vorm Schlafengehen zählten sie die Tage, und nun sind die sieben Wochen bald voll, und wer gar nicht, auch kein einziges Mal, vergessen hat, zu zählen, der soll eine kleine Belohnung bekommen. Dann wollen sie bei uns Zweige holen, der Gärtner ist schon bestellt, die Synagoge, ihr Gotteshaus, zu schmücken. Und sie selbst wollen Blumen und Blüten, pflücken zum Schmuck ihrer Zimmer." „O, wir wollen gerne hergeben, so viel wir können, die Menschen zu erfreuen." riefen die Bäume und Blumen. „Darf ich wohl, wiederkommen und in die Festtagsstube blicken?" fragte schüchtern das Schwälbchen. „Komme nur, kleine Schwalbe, der Schmetterling soll dir Botschaft bringen, wenn es an der Zeit ist," sprachen die Bäume. Und die Schwalbe kam pünktlich des Abends und sah, wie schön die Kinder ihre Stube geschmückt hatten, Blumen in Gläsern. Blumen um der Eltern Bild und grüne Kränze an der Wand. Iedes der Kinder hatte als wohlverdiente Belohnung einen kleinen Kuchen vor sich. Froh ertönten die Kinderstimmen und verstummten erst, als die Kleinen müde wurden und zu Bett sollten. Das Schwälbchen aber, das ebenfalls lang über die gewohnte Schlafenszeit wach geblieben war, taumelte schlaftrunken durchs offene Fenster ins Zimmer. Wie pochte da des kleinen Vogels Herz, als er sich verirrt sah, wie flatterte er verwirrt umher. „O," riefen die Kinder da plötzlich ermuntert, „der süße Vogel, Vater, dürfen wir ihn behalten und ihn in den Käfig tun?" „Nein, liebe Kinder, ein Vögelchen, das an die Freiheit gewöhnt ist, dürfen wir nicht gefangen halten." Und er verhalf dem verängstigten Tierchen ins Freie. Dort sang es ein dankbares Quivit. Friedlich lag der Garten, Flieder und Goldregen dufteten leise, und in sorglosem Schlummer träumten die Kinder dem morgigen Iomtans entgegen. Er ist ausschließlich Sache der Leser, die im Dnseratentei enthaltenen Empfehlungen ritueller Waren oder sonstig» Angaben religionsgesetzlichen Charakter» ans ihre Zuverlässigkeit zu prüfe». Note! liest Scheveningen Unter Aufsicht des Haagschen Rabbinats Erstklassiges Hotel und Restaurant. CAFE HANSELMANN KAISERGARTEN gegenüber dem Opernhaus Künstler-Konzerte 4—12 Uhr »eranuoortuw i« Frankfurt in Fulda. — __ __ ____ Druck Sermon Verlags-Aktiengesellschaft, Frankfurt a. M

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