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Der Israelit · 1925-06-04 · Heft 23 (4.6.1925) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
66 (1925)
Issue
Heft 23 (4.6.1925)
Date
1925-06-04
Page
– (sequence 9)
Language
German
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BST Oer Israelit Ein Heim der Liebe in Bad Nauheim. Es ist kein Haus der Wohltätigkeit in gewöhnlichem Sinne, von dem ich hier sprechen möchte, nein, ein Haus, in dem müde, vom Leben zermürbte Menschen vier Wochen lang glücklich sein dürfen, ein Haus, in dem die Liebe wie aus einem Springbrunnen in großem, strahlendem Bogen sprudelt und alle Gesichter im Glücke verklärt, die Menschen, die hier Erholung suchen, das Pflege- und Dienstpersonal, die Herren der Verwaltung, die Besucher . . . Ein Haus, in dem das Licht nicht äusgeht und die Blumen nicht verduften, das ist das Israelitische Männerheim zu Bad Nauheim. Das Heim ist, wie die anderen zwei Heime in Bad Nauheim (Israelitisches Frauenheim und Kinderheim) alt und hat schon in früheren Jahrzehnten, ccuch in der schweren Zeit des Krieges, eine große Aufgabe nach Kräften gelöst. Vieles aber blieb ungelöst, unerfüllt, schien mit Hinblick auf die Zeit und ihre harten Widerstände unlösbar und unerfüllbar. Da trat vor einigen Jahren ein Mann (alle Welt hier kennt seinen Namen) an die Spitze der Verwaltung, der mit der Gabe von Gott begnadet ist, Probleme der Wohltätigkeit mit dem Herzen zu lösen; und siehe! Alle Rechnungen und Berechnungen, alle Erwägungen des Verstandes und Bedenken der praktischen Klugheit, sie zerschmolzen wie das harte Eis, wenn heller Sonnenglanz aufs Feld niederschaut ... Sonne drang durch die Bäume des Vorgartens des alten Baues und erfaßte das Haus bis in die letzte Ecke. Und wer heute ins Haus tritt, ob Patient oder Besucher, er wird von einem' warmen Strahle bis auf die Seele geküßt. Auf einmal, wie über Nacht, waren die Wege zwischen den Bäumen im Vor- und Hintergarten glatt und mit weißem Kies bestreut und die Treppenaufgänge vorne und hinteitz oben und unten mit roten Teppichen belegt und-die sonnigen Veranden hatten Blumen und Lie'gestühke. Und in den Zimmern standen neben schneeweißen Betten ebensolche Tische, Tischchen und Schränke, und auf dem Tische vor einem zur RuW.ladenden Chaiselongue blühten Blumen in grün».'eingefaßtem Topfe. Noch fehlte etwas: Der-' Speifesaal schien dem Manne mit. dem goldmenMdischen Herzen nicht, behaglich genug," unv'noch.Weniger würdig der Betraum. Da ging man ans Bauen. Ms einer primitiven kleinen. Liegehalle wurde eine Art Wintergarten mit Maswand nach grünen Wiesen. Vorhänge und» MMguisen aus edelstem Weiß dehnten sich aiA blhWanken Messingstangen, die abends, zusammEezogen,' im herrlichen Lichte schimmern. Der: oöece Teil, des langen Raumes beherbergt hEige Kleinodien: Thoraschrank mit heiligem Inhalt, samtbedecktes Vorbeterpult, Gebet- 'und Lehrbücher, und ist das kleine Gotteshaus, dem sich die Speisetafel, an der viermal täglich „mit Mlnjan gebenscht" wird, an der bei jeder Mahlzeit Thoraworte ausgelauscht werden, ohne Bedenken anschließen darf. Dieser neue Anbau für Seele' und Leib wurde in der Schwuausnacht mit dem üblichen Schwuauslernen eingeweihtz mit vielen Blumen und schönen Worten,, mit den schönsten ersten Früchten des jungen Sommers und den köstlichsten Beständen aus Küche und Keller der Anstalt. Das Sinaiwort unter Donner und Blitz und Posaunenschall und die gastliche, stille Liebe auf dem Felde zu Bethlehem, diese Schwuaüssynthese lebte hier an diesem Abend in Darbietung und Aufmachung, leuchtete in Licht und Blumen und in den Worten der Reden und Ansprachen. Das Schwuausfest ist vorbei, aber Fest .bleibt es für die Menschen, die hier vier Wochen glücklich sein und ihr angegriffenes Herz für des Lebens ferneren Kampf stärken dürfen.- Die größte Wohltat dieses Hauses besteht darin, daß es keine eigentlichen Wohltaten bietet. Jeder Patient zahlt, nach seinem Können sogar ganz und voll; und er kann verlangen, seine Ansprüche stellen, seine Eigenheiten geltend machen wie im ersten Hotel, wie im teuersten Sanatorium, und weit mehr wie in diesen wird ihnen hier Rechnung getragen. Denn hier ist alles aus Liebe geboren und von Liebe diktiert, die nie ermüdet und nie den Geduldfaden verliert. Von der Oberin, die früh und spät auf den Beinen ist und jeden ihrer Patienten im Auge hat, jedem seine Natur, seine Bedürfnisse, seine Wünsche förmlich ablauscht, der freundlichen, immer hilfsbereiten „Schwester" bis zum jüngsten, blonden Zimmermädchen, sie alle sind vom guten Geiste des Hauses getragen. Der Ton ist von Verwaltung und Oberin gegeben. Alles ist großzügig und in Fülle. Kein Wunsch wird abgelehnt, kein hartes gereiztes Wort fällt, auch da, wo einmal krankhaft gereiztes Benehmen eines Patienten dazu herausfordert. Wie eine große Familie sah ich hier die dreißig oder vierzig Menschen am Festtage beisammen, Lehrer, Kaufleute, Gemeindebeamten, auch in Ehren ergraute Handwerker. "An der Spitze der Tafel hervorragende Talmudgelehrte aus Frankfurt und anderen Städten, die in Talmudica das Wort führen, Menschen aus allen Gauen des deutschen Landes und auch jenseits der deutschen Grenze. Wenige, die vom Haus aus weniger auf das religiöse Leben eingestellt sind, werden hier mitgerissen und nehmen nicht allein für ihre Herz muskeln, sondern auch für das jüdische Herz, für Geist und. Seele etwas mit. Und wenn die vier Wochen herum sind, wird in dem Hause ein Abschiedsfest, ein Fest der Dankbarkeit gefeiert werden. Nur einen Tag wird das Haus ausschnaufen, Atem holen, dann werden sich die Zimmer von neuen Menschen füllen und die Plätze an der langen, weißen Tafel werden neue Gesichter einnehmen. Andere Thoraworte werden gesprochen, vielleicht auch andere Melodien sich vom Vorbeterpulte ergießen, denn sie kommen aus verschiedenen Gegenden, die Männer, die hier führen dürfen. Der Geist wird der gleiche bleiben, der Geist der jüdischen. Treue und Zusammengehörigkeit. Er pflanzt sich fort von Monat zu Monats von Jahr zu Jahr..., Die Leute zahlen, sogar ihr Volles. Aber für den Komfort,, für diese Reichhaltigkeit der Verpflegung, für diese Fülle von Sonnenschein, die den Menschen hier je vier Wochen (es sind mehrere Hundert im Jahre), ins kranke Herz zu leiten, der Mann an. der Spitze der Verwaltung seine ganze Persönlichkeit einsetzt, reicht es nicht. Es muß mitgeholfen werden von allen Seiten. Es ist das Höchste, was uns Menschen beschießen sein kann: jüdische Menschenleben zu retten, Familienväter ihren Familienzu erhalten! Es ist eine schwere Zeit? Dann erst recht! —- An alle, die cs können und auch wollen, -ergeht der Ruf: Gehet hin und sehet euch mit eigenen Augen an, dieses Heim der LDebe. EL werden euch.dkö Herzen auf^ehen, pH dgnK! sich auch die Hände auftun! V. m.rr 1925 Das Haus muß auf seinem jetzigen Niveau erhalten bleiben. Es ist dies eine Ehrenpflicht der ganzen deutschen Iudenheit! Sefiraleiden. Die Verfolgungen des ersten Lreuzzuges nach den hebräischen Berichten. Don Dr. Simon Hotdmann in Köln. (Fortsetzung.) Schwache Frauen gaben gleich den hervorragenden Gelehrten das heldenmütige Beispiel der Hingabe für die Einheit des göttlichen Namens, indem sie mit ihren Angehörigen den Tod aus eigener Hand dem noch schrecklicheren Geschick in Feindesgewalt vorzogen. Um die Feinde aufzuhalten, bis sie die Schlachtungen beendet hatten, warfen die frommen Frauen Geld und Silber aus den Fenstern. Bis zum Abend wurde noch ein befestigtes Gemach gehalten, dann gingen auch die Letzten in den Tod. Die Leichen der Getöteten wurden alsdann von dem Pöbel geplündert. Nur dem Vorsteher Kalonymos war es mit 53 anderen gelungen, unter dem Schutz der Dunkelheit zu flüchten und sich in der Schatzkammer des Domes verborgen zu halten. Von dem Bischofspalaste zogen die Raubscharen zum Hofe des Burggrafen, wo sich gleichfalls erschütternde Szenen ereigneten. Der Rest der blühenden Gemeinde erlag hier dem wütenden Ansturm des Pöbels. Unter denen, die freiwillig aus dem Leben schieden, ragte vor allem das Beispiel des Mar Jakobs bar Sulam hervor, dessen Mutter eine Nichtjüdin war. Die Leichen wurden dann ihrer Kleider beraubt, später aber von den Städtern in zu spät aufwallender Liebespflicht in neuen Gräbern, deren Kosten sie aus den Schätzen der Juden bestritten, bestattet. Zwei Männer, Mar Jsak, der Sohn des Vorstehers R. David und Mar Uri, Sohn des R. Josef, die gegen ihren Willen getauft worden waren, suchten auf eine wahrhaft heroische Weise Sühne für ihre Schmach zu erlangen. Am Rüsttage des Wochenfestes brachte Mar Jsak zuerst seine zwei Kinder in die Synagoge und schlachtete sie dort als Opfer zur Heiligung des göttlichen Namens. Hierauf zündete er sein Haus an allen vier Ecken an, wobei auch feine Mutter mitverbrannte. Alsdann steckte er auch die Synagoge, die die Feinde in eine Kirche zu verwandeln beschlossen hatten, in Brand und ging in den Flammen unter. Mar Uri, der ihm Beistand leisten wollte, wurde auf dem Wege zur Synagoge erschlagen. Ein tragisches Nachspiel wird uns noch von den entronnenen Kämpfern der erzbischöflichen Pfalz berichtet. Die hereinbrechende Dunkelheit schützte sie einstweilen vor Entdeckung, zumal der Eingang zur Schatzkammer so schmal war, daß niemand darauf achtete. Kaum wagte man zu atmen', allein ein quälender Durst peinigte sie so sehr, daß sie den wachhabenden Geistlichen um etwas Wasser baten, was er ihnen schließlich auch für zehn Mark Silber besorgte. Wegen der schmalen Fensteröffnung mußte er aber das Wasser durch ein Bleirohr hineinführen. Es war um Mitternacht, als die Geängstigten ein Pochen am Fenster vernahmen. Nachdem sie vorsichtig geöffnet hatten, erkannten sie einen Abgesandten des Erzbischofs, den die Sorge um sie veranlaßt hatte, einen Versuch zu ihrer Rettung zu unternehmen. Mit Hilfe der Boten gelangten Kalonymos und seine 53 Gefährten auf ein Rheinschiff, das sie nach Rüdesheim brachte, wo der- Erzbischof ihrer harrte. Dieser freute sich herzlich, Kalonymos, für den er große Verehrung empfand, noch am Leben zu finden und versicherte ihn seines Schutzes. Kurz darauf aber trat bei dem Willensschwächen Mann eine Sinnesänderung ein, die hauptsächlich durch seine judeNfeindliche Umgebung herbeigeführt war. Er ließ Kalonymos zu sich rufen und sröffnete ihW, dah er nicht mehr die Macht besitze, ihn und die Seinen

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