Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 22 (28.5.1925)
- Date
- 1925-05-28
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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«W- »WM«W WWWW!MWWMW»WWWWWWW Seite 14 Nr. 22 Der Israelit 28. Mai 1926 Wehrlosen stürzten und sie bis auf einige, die zur Notkäufe gezwungen wurden, abschlachteten. Viele gaben sich selbst den Tod, nachdem sie vorher ihre nächsten Verwandten getötet -hatten und hauchten mit dem Einheitsbekenntnis „Sch'ma Iisroel" ihre reine Seele aus. Der Pöbel verschonte selbst die Toten nicht, indem er sie ihrer Kleider beraubte. Dann plünderten sie die Habe der Ermordeten, demolierten ihre Häuser, verwüsteten die Synagoge und zerrissen die Thorarollen. Sieben Tage hatte das grauenvolle Gemetzel gewährt. Am Sonntag, den 1. Siwan (25. Mai) wandte sich der Haufen, der durch Zulaus von Bewohnern der umliegenden Dörfer verstärkt war, zum bischöflichen Palast, uni die dorthin Geflüchteten zu ergreifen. Diesen eröffnete jetzt der Bischof, daß es ihm nicht länger möglich sei, ihnen Schutz zu gewähren. Sic könnten ihr Leben nur unter der Bedingung retten, daß sie sich laufen ließen. Die Juden baten sich eine kurze Bedenkzeit aus und zogen sich unter dem Vorwand der Beratschlagung in des Bischofs Schlafzimmer zurück. Dort gaben sie sich selbst den Tod. Als den Wallfahrern die Zeit zu lange dauerte, drangen sie in das Gemach ein und fanden die Juden in ihrem Blute schwimmend. Mit um so größerer Wut stürzte man sich auf die wenigen Ueberlebenden, denen man nur die Wahl zwischen Tod und Taufe lieh. Einen Iüngling namens Isak ben Daniel, schleifte man an einem Strick, den man ihm um den Hals gebunden hatte, durch die ganze Stadt bis vor die Kirche und forderte ihn hier auf, durch den Glaubenswechsel sein Leben zu retten. Jener aber, unfähig zu reden, wehrte mit dem Finger heftig ab, worauf man ihm den Kopf abschnitt. Ein anderer Jüngling namens Simcha hakohen, Tressen gelehrter Vater und sieben Brüder bereits den Märtyrertod erlitten hatten, wollte vor seinem Tode an seinen Peinigern erst Rache nehmen. Er erklärte sich zum Scheine bereit, die Taufe anzunehmen und ließ sich willig in die Kirche führen. Als er aber das Sakrament empfangen sollte, zog er ein verborgen gehaltenes Messer hervor und erstach damit einen Neffen des Bischofs, den er für diesen hielt: Die ilmstehenden hatten zuerst die Flucht ergriffen. Als sie aber sahen, daß die Klinge seines Messers abgebrochen sei, stürzten sie sich auf den Wehrlosen und zerfleischten ihn. Auch die weit und breit angesehene Frau Minna, die sich im Keller eines- Hauses außerhalb der Stadt verborgen hielt, wurde, nachdem sie den flehentlichen Bitten der um sie besorgten Städter, sich taufen zu lassen, kein Gehör schenkte, getötet. 800 Opfer zählte das traurige Ergebnis dieser Verfolgung, die der Dichter Kolonymos ben Juda aus Mainz in der Kino v'» 'wan mit folgenden Worten beklagt: „Die erprobte und erwählte Gemeinde Worms mit ihren erhabenen und lauteren Gelehrten mutzte zweimal in Ehrfurcht den Namen des einzigen Gottes heiligen: am 23. des Monats. Siw und am Neumondstage des Siwan." c) Die Verfolgung in Mainz. Die Schreckenskunde von den Geschehnissen in Speyer und Worms war auch nach Mainz gedrungen und versetzte die dortigen Juden in Angst und Entsetzen. Wehklagend sandten sie ihre Gebete zum Herrn empor, der die Väter aus tausend Gefahren errettet hatte. Aber es schien, als habe sich der Himmel ihren Bitten verschlossen. Da traten die Vornehmsten der Gemeinde zu einer Beratschlagung zusammen, und man kam überein, eine Deputation aus den Angesehensten der Versammlung mit einer hohen Geldsumme als Lösegeld für ihr Leben zum Erzbischof Ruthard zu schicken und dessen Schutz nachzusuchen. Diesen wurde der Rat erteilt, ihr Vermögen in die erzbischöfliche Schatzkammer zu bringen und sich selbst mit ihren Angehörigen in die erzbischöfliche Pfalz zu begeben, bis die Gefahr vorüber sei. Am 1. Siwan (25 .Mai) näherte sich der wilde Graf Emihr von Leiningen, ein näher Verwandter des Erzbischofs Ruthard, mit einem Heere von 12 000 Wallfahrern dev Stadt: Ruthard, der ursprünglich eine Reise nach den ihm unterstehenden Dörfern des Rheingaues beabsichtigte. hatte sich durch das Geschenk von 300 Silberstücken bewegen lassen, in der Stadt zu bleiben und einen Teil der Juden bei sich aufzunehmen. Ein anderer Teil fand in dem Hofe des Burggrafen Gerhard, der gleichfalls von den Juden bestochen war, einen Unterschlupf. Bange Stunden verbrachten hier die Geängstigten. Einzelne hatten noch den Mut gefunden, am Tage vorher in de? verödeten Synagoge zu beten. Zu diesen gehörte der gelehrte Rabbi Baruch bar Isak, der den geflüchteten Gemeinde-. Mitgliedern seltsame Kunde brachte. „Erkennet", sprach er, „daß der Himmel unser Verderben beschlossen hat. Ich und mein Schwiegervater Jehuda hörten diese Nacht in der Synagoge lautes Beten weinender Stimmen. Zuerst dachten wir, es habe sich ein Teil der Gemeinde vom Hofe des Bischofs zum Beten versammelt. Als wir aber schnell hinliefen, fanden wir das Tor verschlossen. Es waren die Seelen der Hingeschiedenen, die da beteten, ohne daß wir die Worte verstanden." Weinend fügte sich die Gemeinde, die das Unabänderliche ihres Geschickes erkannte, in den Willen des Allmächtigen. Zwei Tage hatte Emihr vor den Toren der Stadt gelagert, ohne daß es ihm gelang, Einlaß zu erhalten. Ein von den Juden unternommener Vestechungsversuch, der ihn zum Abzüge bewegen sollte, blieb ohne Erfolg. Am 27. Mai gegen Mittag wurde ihm von einigen Bürgern ein Stadttor geöffnet, und nun ergoß sich die nach Blut dürstende Menge über die Stadt. Bald erschienen sie vor der erzbischöflichen Pfalz, wo die Juden unter der Führung ihres tapferen Vorstehers Kalonymos ben Meschullam sich bewaffnet zum Widerstand gerüstet halten. Allein von den Leuten des Erzbischofs feige im Stich gelassen, — Ruthard selbst hatte sich aus Furcht wegen seines Eintretens für die Juden aus der Stadt geflüchtet — erlagen sie gar bald ihrem Schicksal. In den Gemächern der Pfalz, deren Türen die Feinde nacheinander erbrachen, spielten sich herzzerreißende Szenen ab» die die Feder zu schildern, der Mund auszusprechen und das Ohr anzuhören sich sträuben. (Schluß folgt.) Uinderecke. Antigonos. Antigonos, der Maün aus Socho, deutet schon mit seinem griechischen Namen auf die neue Zeit, die mit dem Tode Simons einsetzte. Sie fand ihren Ausdruck in der Verbreitung der griechischen Sprache und Kultur unter den Juden Alexandrias und auch Jerusalems. Sein Lehrsatz in den Sprüchen: „Seid nicht wie die Diener, die dem Herrn um des Lohnes wegen dienen", hat, wie Talmud mitteilt, zu Mißverständnissen geführt und in der Folge zur Bildung einer Sekte, die bald außerhalb des Judentums und sogar feindselig zu demselben stand, der Sekte der S a d d u - zäer. Es waren zwei Schüler des Antigonos mit Namen Z a d o k und B a y t o s, die den Lehrsatz unvollständig weiter gaben und er führte später in entstellter Form zu der Auffassung, als hätte Antigonos Lohn und Strafe und die göttliche Vergeltung in Abrede gestellt. Mindestens beriefen sich die aus dem Hellenismus hervorgegangenen Sadduzäer auf diesen mißverstandenen oder absichtlich' mißdeuteten Lehrsatz. Die Schüler des Antigonos, denen die Verantwortung für diese falsche Auslegung zufällt, haben das zweifelhafte Glück,, daß ihre Namen mit der genannten Sekte eng verbunden bleiben. Sie ist die Sette der S a d d u z ä e r und B a y t o s ä e r. Gewiß nicht ohne Rücksicht auf diese traurige Entwicklung lehrt ein späterer Weise der Spruche: „Ihr Weisen seid recht vorsichtig in euren Aussprüchen, daß nachfolgende Schüler nicht schlechtes Wasser trinken," d. h., daß unreife oder unwürdige Schüler die Lehren nicht mißdeuten. Die Lehren der Sadduzäer haben sich bis auf den heutigen Tag in der Hauptsache bei den K.aräern in Südrußland erhalten. In der Verneinung der mündlichen Lehre haben sie eine eigene Tradition geschaffen, die das Leben weit mehr erschwert, als es die Thora und die talmudiicbe Auslegung von uns verlangt. Die Gerichtsbarkeit der Sadduzäer ruht auf dem Gesetze des „Zahn um Zahn, Auge um Auge", in buchstäblicher Handhabung, während die Talmudiften sonnenklar nachwiesen, daß damit nur eine Geld st rase gemeint sein kann. Auf einen mißverstandenen Buchstaben der Thora sich stützend, verlegen sie auch den Beginn des Omerzählens auf den Sabbatausgang nach dem ersten Pessachfeste, so daß Ihr Wochenfest auch nur aus Sonntag fallen kann. Mit der Trennung des Wochenfestes vom sechsten Siwan ist symbolisch und auch praktisch die Trennung vom Sinai und vom Sinaigesetz durchgeführt. Das ganze Religionsleben und die Entwicklung der Sadduzäer wie der ihnen geistig verwandten Karäer sind eine lebendige Bestätigung des Talmudsatzes: „Wer da spricht: ich kenne nur das schriftliche Gesetz, der hat in Wahrheit auch das schriftliche Gesetz nicht." Zu beachten im Ausspruche von Antigonos ist der Ausdruck vis, was eine gewisse Prämie über den verdienten Lohn hinaus bezeichnet, im Gegensätze zum sonst gebräuchlichen -ow, der den glatten Lohn bezeichnet. Der Sinn des Satzes ist also: Man tue sich nicht besonders zu Gute auf seine Frömmigkeit und Pflichterfüllung, denn sie dient ja in erster Reihe unserer Selbsterhältung, und es trägt jede gute Tat schon den Lohn in sich. Worauf es ankommt, so lautet der von den unwürdigen Schülern wohl unterschlagene Nachsatz des Antigonos, ist, daß „die Furcht vor Gott im Himmel in Euch wohne." Israel zählt! Ein Sefirah-Gebet. Von Lehrer Oskar Simons in Köln. Nach dem Worte feines Gottes Zählet Israel die Tage; Zählet Israel die Wochen. Rüstet sich zum Wochenfeste. Zählt mit heil'ger Sehnsucht sie, Die da führen zu dem Tage, An dem die Tauroh uns geworden Unsres Lebens starker Baum. Also zählet Israel auch In dem Lande seiner Väter: Jahre und Jahrwochen sind's. . Führ'n zu Schmittoh und zu Jauwel, Führ'n zu Schmittoh, zuder Ruhe; Führ'n zu Jauwel, zu der Rückkehr. Laß uns Ruhe finden, Gott! Bring' uns in das Land der Väter! „Lehr' uns, unsere Tage zählen. Daß ein weises Herz wir hätten." Also sprach der große König David, Jischai's starker Sohn. - Bring' aus seinem Hause bald, Guter Gott, uns den Erlöser! Daß wir mit der Tauroh dann Freuen uns im Land der Väter. Daß im Lände Israels Wir Dir dienen, dankerfüllt. Wir dir wieder Opfer bringen Wieder Schmittyh-Jauwel feiern.? Daß Dein Lob die Welt erfülle! Daß die Völker all erkennen an: „Einzig der Gott Israels": „Höre Israel, Gott ist einzig!" am