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Der Israelit · 1925-05-28 · Heft 22 (28.5.1925) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
66 (1925)
Issue
Heft 22 (28.5.1925)
Date
1925-05-28
Page
– (sequence 13)
Language
German
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KST' Der Israelit Ein Waldgottesdienst. Line chassidische Schewuaus-Geschichle. In der Nähe von Spula zeichnete sich der Gutsbesitzer, der in der ganzen Gegend wie ein Zar schaltete und waltete, durch starken Judenhaß aus. Unzählige jüdische Pächter waren von ihm abhängig, und je nach Laune und Stimmung ihres Herrn wurden sie drangsaliert, oder auch broi- und obdachlos auf die Straße gesetzt. In ihrer Zahlungspflicht säumige Pächter wurden auch ins Gefängnis geworfen und mit schweren Leibesstrafen bedacht, wenn nicht Zhre Brüher jn den Städten Mit Äösegeld ihnen zu Hilfe kämen. Eine höhere Instanz, bei der man seine Klagen und ^Beschwerden anbringen konnte, gab es nicht. Etwas besser war es im Winter, wenn der hohe Herr sich fern in der Hauptstadt amüsierte und auf seinem Gute seine bestechungsgierigen Diener die Herrschaft ausübten, die sich aber nach der Höhe der Bestechung wandelte. Seine Sommerwohnung auf dem Gute bei Spula pflegte der Gutsherr im Frühling zu beziehen, in der Zeit vom Osterfeste bis nach der Ernte. Hatte er Langweile auf seinem einsamen Besitze, so suchte er seinen Zeitvertreib in der Verhöhnung der Juden, der Menschen, die seiner Ansicht nach, keine Annehmer hatten. Er liebte es, bei seinen Bällen und Festgelagen, an denen die Herren der ganzen Umgend teilnahmen, Juden oorführen zu lassen, die mit ihren Chassidimtänzen und Liedern die betrunkenen Gäste erheitern mußten. Zu jener Zeit fing aber Spula schon an, das Zentrum, des chassidischen Lebens zu werden, nachdem der „Alte von Spul a", der Lieblingsschüler des Bal Schem Tow, dort seinen Sitz genommen hatte. Zu diesem Heiligen strömte Jung und Alt aus allen Gegenden der Erde, natürlich auch die jüdischen Pächter aus den Besitzungen unseres Gutsherrn. Alle brachten sie ihm ihre Not, ihre Leiden und. Klagen über die Drangsalierungen von Seiten des Herrn und seiner Diener. Der Rabbi las die Zettel, schüttelte mit dem Kopfe, unternahm aber scheinbar nichts. Und wieder kam der holde Blütenmond, da sicb Gottes Erbe wie eine Braut Kranz- und Blumenschmuck anlegte und im Duften der Bäume und Felder die Vögelchen ihre Lieder schmetterten. Der Gläubige erlebte die Welterneuerung und hob den Blick zum Schöpfex, der nach Tod und Vergehen die Natur in solcher Kraft .und Prach wieder auferstehen lieh. Im Schlosse wurden aber Vorbereitungen getroffen für die Ankunft des Herrn, und die Freude der Juden war trübt. Welche neuen , Pläne zur Drangsalierung der jüdischen Pächter und Bewohner wird er in den ^agen, da die Menschen mutig und unteruebmungsvoll in die Sonne, schauen, ausgeheckt haben! Die Dienerschaft, die den ganzen Winter dank der Bestechungen ein Auge zugedrücrt hatte, sing nun an, die Juden zu verfolgen. Es waren schlimme Vorzeichen. Und wirklich! Der Herr Baron kam und brachte eine neue Idee mit. Alle jüdischen Pächter inüssen am Sabbat ihre Läden und Schenken affen halten, andernfalls sie unverzüglich unter Verlust all ihrer Habe auf die Straße geworfen werden. Außerdem hätten alle Juden, die auf seinem Grund und Boden wohnen, ein Heiligenbild an die Wand zu hängen,, wenn sie nicht um Dach und Heim kommen wollen. Eine dritte VeMdnung ,aber ging den Leuten tief verletzend , bis' m die innerste Seele. Jede jüdische Praut, so verfügte er in seinem maßlosen Uebermut, mülle am Abend vor der Hochzeit ihm vorgeführt werden. Damit war das ^»caß übervoll. Man versammelte sich kurz vor dem Schewuausfeste in Spula und drang in den Rabbi, daß er endlich die Pforten des Erbarmens sprenge, nachdem die jüoische Seele gefährdet sei und der Tränenkelch mehr denn gefüllt war. Der Rabm erhob sich nach minutenlanger Geistesabwesenheit und sprach wie zu sich selbst: „Nun kann nicht mehr länger gewartet werden! —,— —" Keiner wußte, was geschehen sollte. Aber der Rabbi sprach weiter: „In vier Tagen haben wir das Schewuausfest, und ich befehle, daß keiner von den Dorfbewohnern dieses Mal wie sonst in die Stadt komme. Im Dorfe Sinkow, unweit des Schlosses, zwischen dem dichten Tannenwald und dem hohen Berge sollt ihr an diesem Feste alle versammelt sein. Kommet r e i n an Leib und Seele zum Gebete. Für Borheter und Vorleser sorge i ch. . Außerdem gehet ihr zum. Gutsherrn hin, um ihn einzuladen, daß er sich mit seinem Gefolge den jüdischen Festgottesdienst im Walde ansehe. Er wird kommen, sage ich euch. Ihr aber reinigt und heiligt euch für diesen Gottesdienst, wie sich eure Väter drei Tage lang vor der Gesetzesverkündung am Sinai gereinigt haben/' Ohne zu fragen und zu forschen, befolgten die Pächter den Befehl des Rabbi. Der Gütsherr nahm die Einladung gern an. Er wollte sich und semen Freunden das' Schauspiel nicht entgehen lassen. Nach einem wilden Gelage überraschte er seine Gäste mit der Hauptattraktion und fuhr mit ihnen nach dem Walde hinaus. Ein herrlich blühender und duftender Morgen, in den Tannen und Birken von Sinkow hatten sich Scharen von Vögeln zusammengetan und sangen und zwitscherten. Es summten tausend bunter Käfer und es rauschte durch den grünen Waw, als beteten dort unsichtbare Geister. Unten aoer am Fuße des hohen Berges stand eine große Gemeinde in weiße Gebetmäntel gehüllt und schr und weinte und betete und jauchzte und sang. Und es schien, als würden die Vögel und die Käfer, und die Bäume und der Bach und der blaue endlose Himmel, als würden sie alle mitsingen und mitjauchzen im Chore der Betenden. Auf den Hügeln rund herum und auch unten saßen die Gutsherren der Umgegend und wollten lachen und höhnen. Aber das Hohnlachen und die spöttischen Worte erstarben ihnen im Munde und in den Zügen, und es war ihnen, als müßten sie selbst mitbeten und mitsingen. Der „Alte von Spula" stand selbst am Vorbeterpulte. Und als er das „Schema Jisroel" hinaus- und hinaufschrie, und der Wald in tausendstimmigem Echo den Ruf zurückwarf, ging ein Zittern durch die Reihe der Herren. Nach einigen Versuchen, kalt und spöttisch zu bleiben, gaben sie si^ doch der Ergriffenhei^vollkommen hin-. Nun wurde die Thora mit großer goldener Krone aus dem Kasten gehoben und auf den Tisch unter dem blumenbekränzten Baldachin gelegt. Die unverständlichen Worte des Llwdomus erschallten. Da plötzlich verfinsterte sich der Himmel und es zuckten Blitze, denen Donnergrollen folgte. Aber es kam kein Regen, der Gottesdienst ging weiter. Und nun trat ein Mann, den bis jetzt keiner gesehen hatte, an die Seite des Rabbi an das Pult und fing an, aus der Thora zu lesen, nnt einer Stimme und einer Betonung, als käme alles von weither. . . . Die „zehn Gebote", flüsterte der jüoische Pächter, der in der Nähe des Herrn stand und ihm alles erklärte. „Onauchi". Und der Pächter übersetzte ihm die Worte des ersten und zweiten Gebotes. „Du sollst Dir kein Ebenbild machen und keine Gestalt." Der Gutsherr erblaßte.. Er sah die tiefe Ergriffenheit der Ge? meinde, und er wußte, daß ihrer jeder ins Feuer sprjngen würde fsir dieses Gebot. Und erbärmlich kam ihm s e i n Befehl vor, der diese Menschen nötigen wollte, seine Heiligenbilder in ihren Häusern anzubringen. Dann dröhnte aus hohen Fernen das „Gedenke des Sabbat".. Der Gutsbesitzer kämpfte jetzt schon mit einem Tränenanfall. Er wußte, alle diese Menschen würden eher mit ihren Kindern Hungers sterben, als Schenke und Laden am Sabbat, den Gott geheiligt hat, zu öffnen. „^u sollst nicht ehebrechen!" Es war keine Menschenstimme, die ihn ausrief, er kam mit dem Donner von geheimen Höhen, dieser Ruf. Der Gutsherr dachte an seinen Befehl über die jüdischen Bräute und er schauerte so zusammen, daß seine Beine schwankten.- Nach dem Gottesdienst saß die ganze Gemeinde mit dem Rabbi im Hause des einzigen Juden von Sinkow bei einem reichen Festmahle aus Milchspeisen. Nur einer fehlte: der Mann, der aus der Thora vorgelesen hatte. Und keiner wagte nach ihm zu fragen. Der Rabbi selbst sprach nicht davon. Die Chassidim raunten sich zu, es sei kein Sterblicher aus Fleisch und Blut gewesen, es war ein Abgesandter aus den Regionen, wo Möses mit seiner Thora in der Hand für seines Volkes Zukunft betet. . . . Am Ende gar er selbst. ... Nach Festesausgang ließ der Gutsherr den „Alten von Spula" kommen. Sie blieben die ganze Nacht beisammen, und kein Sterblicher erfuhr je, was sie miteinander sprachen. Nur einmal sagte der Rabbi kurz vor seinem Tode: „Wenn der Vorleser etwas in seiner Seele von der unseres Lehrers Moses hatte, so lag in der Seele des Gutsherrn ein starker Funken von der Seele Jitros." An der Stelle zwischen Wald und Berg in Sinkow steht heute noch die schöne geräumige Synagoge, Sammelplatz aller Juden der umliegenden- Dörfer, die der Gutsherr in diesem Sommer auf seine Kosten errichten ließ. Er selbst verschwand noch vor Eintritt des Herbstes, man wußte nicht wohin. Irgendwo in einer weiten überseeischen Stadt sollen seine Reste ruhen, und auf einem einfachen Sandsteine über seinem Grabe leuchten in Goldschrift die Worte: „G e r Z e d e k". Sefiräleiden. Die Verfolgungen des ersten Kreuzzuges nach den hebräischen Berichten. Don Dr. Simon Hokdmann in Köln. (Fortsetzung). b) Die Verfolgung in Worms. Von Speyer aus wandte sich die Rotte, durch Zuzug verstärkt, nach Worms, wo sie am 23. J.'ar (18. Mai) eintraf. Die Juden in Worms hatten bereits von den Vorfällen in Speyer erfahren und griffen in ihrer Angst zur Waffe der Väter, dem Gebet, denn sie sahen keinen Ausweg, wie sie dem drohenden Geschick entrinnen könnten. In ihrer Unschlüssigkeit teilten sie sich in zwei Lager. Der größere Teil der Gemeinde, unter ihnen die Vornehmsten und Angesehensten, flüchteten in den Palast des Bischofs Adalbert. Die übrigen waren im Vertrauen auf den ihnen zugesicherten Schutz der Städter, denen sie ihr ganzes Vermögen zur Aufbewahrung übergeben hatten, in ihren Häusern geblieben. Die Städler aber, aus Gier nach den Reichtümern der Juden, beschlossen, ihr Verderben und suchten deshalb ihr Entkommen zu verhindern. Zu diesem Zwecke gruben sie einen längst begrabenen Leichnam wieder aus, zeigten ihn in der Stadt herum und sprachen: „Sehet, was die Juden an unseren Nächsten verübt haben. Sie haben einen Christen mit Wasser verbrüht und dieses Wasser in unsere Brunnen geschüttet, um, uns zu'töten." Dieses stachelte die Wut des Pöbels upd der inzwischen herangekommenen Kreuzfahrer so sehr an, daß sie sich über die

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