Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 21 (21.5.1925)
- Date
- 1925-05-21
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2450337-2450357--72200-2529560- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 10 Nr. 21 Der Israelit 21. Mai 1925 Das Jahr 1096 hatte unter den ungünstigsten Auspizien seinen Einzug gehalten. Eine seit Oktober vorigen Jahres ununterbrochen dauernde Regenperiode hatte Teuerung und verheerende Seuchen im Gefolge und nur zu leicht war man geneigt, den Juden die Schuld daran in die Schuhe zu schieben. Allerhand böse Gerüchte durchschwirrten die Luft. Durchziehende Wanderer brachten eines Tages die Nachricht an den Rhein, daß Herzog Gottfried von Bouillon geschworen habe, das Blut seines Erlösers am Blute Israels zu rächen und keinen am Leben zu lassen. Da sandte der kluge und tatkräftige Vorsteher der Mainzer Gemeinde, R. Kalonymos, eiligst einen Boten an Kaiser Heinrich, der seit März 1090 in Italien weilte und ließ ihm das Vorgefallene berichten. Heinrich geriet in heftigen Zorn und ließ an die Fürsten, Bischöfe und Grafen seines Reiches sowie an Herzog Gottfried selbst Schreiben ergehen mit der Aufforderung, die Juden zu schützen. Gottfried beteuerte nun hoch und heilig, daß er nie beabsichtigt hätte, den Juden etwas Böses zuzufügen. Ein von den Kölner und Mainzer Juden ihm gesandtes Geschenk von 1000 Silberstücken stimmte ihn so milde, daß er versprach, ihnen eine Stütze sein zu wollen. Wie wenig gedachte er später seines Versprechens, als er nach der Einnahme Jerusalems eine mit Juden vollgefüllte Synagoge in Brand stecken ließ. Indessen erschienen die ersten Kreuzfahrerscharen unter Führung des wilden, schwärmerischen Einsiedlers Beter von Amiens und der Priester Volkmar und Gottschalk am Rhein. Peter von Amiens beschränkte sich jedoch nur auf das Ansordern von Lebensmitteln, vie ihm die Juden willig gaben, und ließ sich dann in Trier durch Bestechung zum Abzüge bewegen. Beunruhigt wurden die Juden erst durch die Drohungen des Grafen Volkmar, der beteuerte, nicht eher aus dem Reiche zu gehen, bis er nicht wenigstens einen Juden getötet habe. Die Gemeinde Mainz setzte daraufhin ein Fasten an. Schon waren hier einzelne Trupps erschienen, die ihre Banner vor den Häusern der Juden aufpflanzten und mit ihren Speeren nach ihnen stachen, sobald sich einer von ihnen blicken ließ, so daß die Juden nicht wagten, aus ihren Häusern hervorzukommen. m. Die Verfolgungen am Rhein. a) Die Verfolgung in Speyer. Die eigentlichen Anführer der blutigen Gemetzel, die bald darauf stattfanden, waren ein französischer Ritter,- Wilhelm der Zimmermann, und der wilde Gras Emicho von Leiningen. In ihrem Gefolge befand sich allerhand fahrendes Gesindel veiderlei Geschlechts, Abenteurer, die sich den schamlosesten Ausschweifungen ergaben, und die insbesondere nach den Reichtümern der Juden lüstern waren. Den Auftakt zu den nun folgenden blutigen Szenen machte die Verfolgung m der neugegründeten Gemeinde Speyer. In Angst und Bangen hatten die Juden des Rheingaues das Pessachfeft des Jahres 1096, das auf Donnerstag, den 10. April fiel, zu Ende gefeiert. Immer näher und näher waren die Horden der Wallfahrer gekommen. Hier und dort hatte man Kunde von anderweitigen blutigen Ausschreitungen vernommen und man machte sich auf das Schlmmfte gefaßt. Es war am Sabbat, den 8. Jjar (3. Mai), als ein kleinerer Trupp der Kreuzfahrer sich Speyer näherte. Sie hatten die Absicht, die Juden während des Gebets in der Synagoge zu überfallen. Doch diese hatten rechtzeitig Nachricht von dem Plane erhalten und verließen nach dem Frühgottesdienst eiligst die Synagoge. Auf Veranlassung des wackeren Gemeindevorstehers R. Moses ben Jekuthiel kam der Bischof Johann, der würdige Nachfolger Rüdigers, mit bewaffneter Macht den Bedrängten zur Hilfe. Allein schon hatten die Kreuzfahrer zehn der Juden, darunter den ehrwürdigen Gabbai R. Juda hasoken, niedergemacht. Die übrigen führte der Bischof in seinen Palast. Einen Teil des Gesindels ließ er ergreifen und ihnen zur Strafe die Hände abhauen. Von den in dem Vischofspalast Geborgenen hatte Sara, die Gattin des Gabbai Sabbatai ben Kalonymos, ihren Gatten vermißt und entfernte sich trotz der Warnungen ihrer Leidensgefährten, um ihn zu suchen. Mit einem Dolche bewaffnet durcheilte sie die Straßen der Stadt. Als sie endlich den geliebten Gatten vor der Kirche neben den übrigen Märtyrern tot hingestreckt sah, durchbohrte sie sich in wildem Schmerz mit ihrem Dolche, so daß die Zahl der Todesopfer in Speyer elf betrug. Bischof Johann ließ den Rest der Gemeinde in seine befestigten Städte bringen und hielt sie dort verborgen, bis die Feinde vorübergezogen waren. Rinderecke. Historische Streiflichter zu den „Vätersprüchen". .(Fortsetzung.) IV. Alexander in der jüdischen Geschichte und talmudischen Agada. Die Kaisertage in Jerusalem hatten auch ihre Gefahren. Als Alexander den Tempelberg betrat und es galt, ihm beizubringen, daß er nach der Vorschrift die Schuhe von seinen Füßen abstreisen sollte, überbrachte man ihm goldene Pantoffeln, die er auch anzog. Es kostete schwere Mühe, ihn davon abzuhallen, das Allerheiligste zu betreten. Als er gar schließlich die Errichtung eines Denkmals, seines Standbildes, im oder vor dem Tempel wünschte, gelang es Simon, seine Zustimmung für ein anderes sinnigeres Denkmal zu erlangen, das dauernder denn Erz und Stein seinen Namen verewigen sollte. Alle jüdischen Knäblein, die in diesem Jahre in Jerusalem das Licht der Welt erblicken würden, sollten den Namen Alexander tragen, zur lebendigen Erinnerung an den großen Kaiser und an die Wohltaten, die er dem jüdischen Volke erwiesen hatte. Die talmudische Agada weiß ungemein viel von dem großen Mazedonier zu erzählen, sowohl von den weisen Reden, die er mit Israels Lehrern gepflogen wie auch von den vielen Abenteuern, die ihm auf seinen Eroberungswegen widerfahren sind. Als er einst in das Land der Frauen kam, um es zu erobern, und, da es ihn hungerte, Brot verlangte, brachten ihm die klugen Frauen eingoldene s Brot auf goldener Schale. „Wie soll ich dieses essen?" fragte er. Die Frauen erwiderten, sie könnten nicht glauben, daß der große Kaiser, dem die ganze Welt nicht genug sei und sogar das friedliche Ländchen der Frauen mit Krieg überziehe, wie ein gewöhnlicher Sterblicher einfaches Brot aus Weizenmehl esse. Sie dächten, er müsse mindestens Gold essen. ,. . . Alexander verstand die tiefe Ironie, zog ab und schrieb an die Toren der Stadt: „Ich, Alexander, der Mazedonier, war mein Lebtag ein Narr, bis ich Vernunft bei den Frauen lernte!" —- In einem entlegenen Lande in Afrika sah er, wie zwei Parteien vor dem Throne des dortigen Königs einen eigenartigen Streit zum Austrage brachten. Der eine hatte dem anderen ein Landstück verkauft, in dem der Käufer beim Graben einen Schatz fand. Der Käufer wollte den Schatz nicht behalten, denn, so sagte er, er habe ja nur Boden gekauft und kein Gold. Der Verkäufer weigerte sich aber, den Schatz anzunehmen, mit der Begründung, er habe den Boden mit allem, was darauf und darin ist, verkauft. So standen sie vor ihrem Könige und stritten und konnten zu keinem Vergleich kommen. Da sagte der König zu dem einen gewandt: „Hast du einen Sohn?" „Ja," lautete die Antwort. „Änd hast du eine Tochter?" wandte er sich zum anderen. Auch dieses wurde bejaht. „So sei es denn," entschied der Richter „eure Kinder reichen sich die Hand zum Ehebunde und erhalten den strittigen Schatz zur Vrautsteuer." Alexander machte ein erstauntes Gesicht. Auf die Frage, ob er in solchen Streitfällen anders entscheiden werde, sagte er: „Bei uns kommen solche Streitfälle nicht vor, dort sucht jeder seinen Besitz zu mehren. Sollte aber einmal Derartiges Vorkommen, fo stände unser Urteil fest: Wir schlagen dem einen und dem anderen den Kopf ab und behalten das Geld für uns!-" „Und scheint denn dennoch die Sonne über eure Erde, auf der solches Recht gesprochen wird?" fragte der fremde Zronig naiv. „Wenn ja, dann habt ihr es dem lieben Rindvieh zu danken, Ihr Menschen würdet es kaum verdient haben." An der Türe des Paradieses pochte Alexander, Einlaß gebietend, und erhielt zur Antwort: „Diese Pforte ist Gott geweiht, nur die Gerechten ziehen darin ein!" Als er aber unter Berufung auf seine Königswürde doch um etwas Schwerwiegendes aus dem Paradiese als Andenken bat, wurde ihm ein Totenschädel gereicht, er war so schwer, daß er alle seine Schätze aufwog. „Es kommt daher," sagten ihm die Weisen, „weil noch die Augen daran sitzen, die Augen des Menschen, die Nimmersatten, deren Gier unerlöschlich ist. Es gibt nur einen Stoff, der noch schwerer wiegt, es ist die E r d e, die diese Augen später zudeckt. . ." •n t * n jhö 1. 2. 3. -pia rr.T wwVi nsnif? ’D irofci 1. 2. 3. nsa vrri 1. 2. 3. 03/ ts Kreuznach. E. Agulnik.! HERMOH-DRUCKEREI! ■ ■ ' : '; \ empfiehlt ihre modern einge- I richtete Offizin zur billigsten sauberen Herstellung von größeren und von, kleineren h e b r ä - i s c h e n, deutschen | und fremdsprach- I liehen Verlagswerken, von Jahresberichten und von Drucksachen aller Art Auf Anfrage erfolgt umgehendes Preis-Angebot HERMON VERLAGS AKT -GES. | FMHfmJRT JIM MAIN j GROSSE ESCHENHEIMERSTRA.SSE23 fl CAFE HANSELMANN KAISERGARTEN gegenüber dem Opernhaus Künstler-Konzerte 4—12 Uhr