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Der Israelit · 1925-05-21 · Heft 21 (21.5.1925) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
66 (1925)
Issue
Heft 21 (21.5.1925)
Date
1925-05-21
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Der Israelit ßr.21 192$ \'%rm mm Der Arzt Von Ludrnikka von Wehren. (Schluß.) Und Licht und Freudigkeit schien mit dem jungen Weibe gekommen zu sein. Er hatte das, was er für seine Pflicht hielt, bis jetzt getan, ohne sich von der Schwere Niederdrücken zu lassen und ohne zu seufzen, aber-auch ohne jede Freudigkeit. Grau waren ihm die Tage seiner Arbeit erschienen und er glaubte, das müsse so sein; denn die Pflicht war eine strenge und ernste Herrin, und nur strenge und ernste Menschen konnten ihre.Gebote erfüllen. Aber jetzt sah er, daß auch in der Pflicht Freudigkeit sein kann, nicht nur Freudigkeit des Gehorsambewußtseins, nein, die Freudigkeit einer Seele, die über all diesem Ernsten und Traurigen, weit davon entfernt, ein verborgenes, seliges Leben sich selbst schafft, ein Leben, in dem immer Sonne ist. Und aus diesem Sonnenleben Strahlen hinab sendet in alles Dunkel, um es licht und warm zu machen. So war es, seit das junge Weib an seiner Seite arbeitete, und auch das Schreckliche schien ihm verklärt durch ihre Nähe. Und als hätten auch mit ihrer Ankunft alle Mittel erst die rechte Kraft erhalten, fing die Krankheit, bald darauf an, langsam zu erlöschen. Das Volk atmete auf und wollte wieder an das Leben denken. Aber der äbziehenden Krankheit folgte ein nicht minder schrecklicher Feind alles Lebendigen: die Hungersnot. Wer hatte wohl daran - denken mögen zu arbeiten und das'Feld zu bestellen, in jener Zeit, wo jeder nur für das.Heute lebte,-weil ihn schon der andere Tag vielleicht nicht mehr fand? Die Krankheit war wohl, fortgezogen, aber sie war noch Nicht erloschen. Sie war nur weiter gegangen. Und diejenigen, die man um Hilfe in der Not des Hungers anrief, die. weiter im Lande wohnten, antworteten: „Wir hohen jetzt /genüg zu tun mit unserem eigenen Unglück. Sucht ihr euch Hilfe, wo ihr sie findet, das Reich ist groß. Wir können nicht an andere denken."; Und eine dumpfe Ergebung kam über das' Volk. Lastend lag sie auf den Herzen. Jetzt wollte niemand ..mehr Schlemmerfeste.feiern; stumpf und gleichgültig lebte jeder dahinaber tief drinnesi, tief in den Seelen lebte eine unterdrückte Wut, ein Haß gegen alles andere, was auch lebte, und damit die Not. hatte wachsen machen, Und dieser Haß wartete nur darauf, hervorzubrechen. Und fernher aus dem Reiche, kamen Nachrichten, erregend und äUfftachelnd. An vielen Orten hatten, diejenigen, die hungetten, sich gewaltsam das genommenwas sie wollten, von denen, die mehr hatten und ihre Schätze hüten wollten. Und das Volk hörte gern urid gierig darauf. Und noch andere Gerüchte kamen; dumpf und schauerlich in die Ohren klingend: „Wir sind ihnen zu viele da, wir, das Volk, ihnen, den Herren. Sie fürchten sich vor' uns- Deshalb war diese Krankheit gemacht und über uns geschickt, damit wir sterben und weniger Werden. Die Aerzte sind von den Größen nur deshalb zu uns geschickt, um durch ihre Arzneien die schreckliche Krankheit immer mehr zu verbreiten. Darum hütet euch vor den Aerzten! Am schlimmsten sind aber sie", die sich an uns rächen rpollen und die immer mächtiger und reiche^ i^rd en, jernehr^von Mn anderen Sterben: Die JuBen!" Darum tötet, die Aerzte und die Juden, damit ihr nicht von ihnen getötet werdet!" Auch zu dem jungen Arzte drangen solche Worte, aber sie gingen an ihm vorüber, ohne daß er viel darauf hörte. Als die Seuche langsam erlosch, war über ihn ganz allmählich eine Zeit der immer größer werdenden Müdigkeit und eine tiefe Sehnsucht nach Ruhe und Glück gekommen. Er hatte niemals früher daran gedacht, daß es für ihn etwas geben dürfe, das bester wäre, als die anderen es hatten; aber jetzt glaubte er es verdient zu haben. Und war ihm nicht diejenige ohne sein Zutun geschickt worden, die ihm alles geben konnte, was feiner Seele Sehnsucht war? Er wurde lässig in seinen Pflichten, süße Träume wollten ihn einwiegen, und zum ersten Male in seinem Leben wandte er sich unwillig von den anderen und dachte, daß er doch auch ein Recht habe, für sich zu leben. In seinen Träumen und seinen neuen Gedanken achtete er garnicht auf das, was um ihn vörging. Und als er aus ihrem Munde die Gewißheit erhielt, daß die sehnenden Träume sich erfüllen sollten, sah er erst recht nichts anderes in der seligen ^eit, die nun folgte. — Ganz kurz war die Brautzeit — worauf sollte gewartet werden? Und der Tag kam bald, der ihm Erfüllung alles Sehnens brachte. Winter war im Lande, reichlich war der Schnee gefallen, aber in dem Hause des jungen Arztes war der Frühling. — > Draußen aber ging ein schauriger Gast um — der Haß, der noch kälter war, wie der Frost. Und er ließ alle Wärme und alle Liebe in den Herzen der Menschen erstarren. Unhörbar und unsichtbar verrichtete er sein Werk über Nacht. In die Träume hinein sandte er Bilder von Mord und Tod, und wo er ein freundliches Lächeln im Gesichte eines Schlafenden sah, da schlich er hinzu und bald war es verwandelt in Gier und Wut. Als die Menschen am Morgen erwachten, war über Nacht die giftige Saat, die schon lange gesät war, voll zur Reife gekommen. Das Werk des Hasses war vollendet. Aufruhr und Geschrei entstand überall. Ueberall war der Mord und die Roheit in den Straßen zu Hause, und Nachrichten schrecklicher Geschehnisse gingen mit Windeseile weiter und erhitzten die Gemüter immer mehr zü gleichem Tun. - Der junge Arzt sah wähl, daß Schreckliches um ihn - her geschah, aber noch immer, war er wie blind in seinem Glücke. Und was konnte ihm denn auch geschehen?, dachte er. Hatte er nicht allen Gutes getan? Wie konnten die Menschen wirklich schlecht sein, da es noch möglich war, daß es so viel Seligkea auf Erden gab?^ . - •' Und er ging heim in sein Haus zu seinem 'jungen Weibe. Sie schlossen die Türen und waren ganz still und dachten, daß so alles am ersten an ihnen vorüber gehen würde. Aber in der Nacht wuchs draußen das wüste Geschrei und kam auch ihrem Hause immer näher. Aus dem tiefen Schlafe der Arglosigkeit wurden sie erweckt, durch gellende, mit Wut erfüllte Stimmen vor-ihren Fenstern. Als sie erschreckt aüffuhren, hörten sie, wie sie unten schrien: „Macht auf, wie wollen hinein. Uns habt ihr nicht zur Hochzeit geladen, aber wir sind trotzdem gekommen,'um. sie noch einmal mit euch zu feiern. Ihr habt eure, Freude mit uns gehabt, als ihr Tod und Krankhell über uns brachtet — jetzt wollen wir uns über euch freuen! Kein Geld habt ihr genommen — ihr wußtet rbohl warum — jetzt sollt ihr eure Bezahlung reichlich bekommen!" Und andere riefen immer wieder dazwischen: „Brecht die Tür ein — sucht sie, schlagt sie tot!" , Der junge. Arzt blickte? hinab^öüf die? Menge unten, auf alle diese Menschen, zu denen er nur mit Liebe gekommen war, die er gepflegt hatte in schlaflosen Nächten, von deren Lager er den Tod vertrieben hatte. Und als er sie so sah, brüllend, tierischer als Tiere in ihrer Wut, da wußte er, bei ihnen gab es kein Erbarmen. Und er wandte sich zu seinem jungen Weibe, das blaß und stumm auf das Toben draußen lauschte und sprach: „Wir gehören nicht zu denen, die leben dürfen, um glücklich zu sein — wir beide. Wir durften nur für andere da sein. Einmal in unserem Leben haben wir das vergessen und die Strafe ist nun gekommen. Sie ist schwer — es ist der Tod! Wir können ihn aber uns leichter machen, das dürfen wir .... Nicht die Schrecklichen dort unten sollen ihn uns bringen. Hast Du Mut, mein Weib?" Sie zitterte und wurde weißer wie die Tücher ihres Lagers. Aber sie dachte daran, daß sie dem gleichen Volke entstammte, wie Judith und die Tochter Jepthas. Und sie richtete sich auf und breitete die Arme gegen ihn zu einer letzten Umarmung. Als unten die Türe krachend zersplitterte und die brüllende Menge die Treppe herauf stürzte, fiel oben ein Schuß und dann noch einer. ... Sefiraleiden. Die Verfolgungen des ersten Kreuzzuges nach den hebräischen Berichten. Don Dr. Simon Kokdmann in Köln. (Fortsetzung). Die Auswirkungen der Kreuzzugsidee auf die Juden. Die seit Jahrhunderten im Volke aufgespeicherte religiöse Ekstase brach sich mit gewaltiger Expansionskraft Bahn, als Papst Urban 1l. im Jahre 1095 auf der Kirchenversammlung zu Clermont die Befreiung des heiligen Landes aus der Hand der Ungläubigen zum Ziele der Christenheit aufstelltö Tausende und Abertausende hefteten, von der allgemeinen Strömung ersaßt, in wildem Taumel das Kreuz auf die Schulter und, harrten ungeduldig des Aufbruches, der erst im Äugüst des folgenden Jahres erfolgen sollte. ■ * Dem Hauptheere der Kreuzfahrer, deren bedeutendster Führer Gottfried von Bouillon war, zogen in ungestümem Eifer untergeordnete und schlecht bewaffnete Scharen voran, an deren Spitze verwegene Ritter und Abenteurer standen. Eine schwärmerische, religiöse Geistesverirrung: verband sich bei diesen Menschen mit den niederen Instinkten der rohen Masse, war ihnen doch völliger Sündenablaß und ewiger Lohn im Himmel verheißen worden. Bezeichnend für ihre Geistesverfassung wak, daß sie eine Gans vor sich herziehen ließen, von der sie glaubten, daß sie, vom göttlichen Geiste inspiriert, ihnen den Weg nach dem hl. Lande zeigen würde. Plötzlich wurde von irgend einem fanatischen Mönche der zündende Gedanke unter die Menge geworfen, daß der Kreuzzüg eigentlich schon bei den Ungläubigen im eigenen Lande, den Juden, beginnen könne. Die in Frankreich begonnenen Ansammlungen nahmen eine drohende Haltung gegen die Juden ein. In ihrer Herzensangst schickten die französischen Gemeinden Boten an die Brüder am Rhein, damit diese durch Fasten und Beten das Verhängnis abwenden möchten. Die Gemeinde Mainz schrieb ihnen zurück, daß die Gemeinden ein Fasten angeordnet hätten, da sie ihretwegen sehr besorgt seien. Sie selbst brauchten sich dagegen nicht zu fürchten, da sitz nie gehört hätten, daß ihr Leben bedroht sei. Während aber an den französischen Gemeinden das Verhängnis für dieses MÄl vorüber zog, entlud es sich um so schwerer auf die deutschen Juden.

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