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Der Israelit · 1925-05-14 · Heft 20 (14.5.1925) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
66 (1925)
Issue
Heft 20 (14.5.1925)
Date
1925-05-14
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 Nr. 20 Der Israeli! 14. Mai 1925 lieblichen Gestaden des Rheins in der Längsrichtung des alten Römerwalles angesiedelt hatten. Unter diesen nahmen die durch gemeinsame Interessen und gleiche Geschicke in dem gemeinschaftlichen Namen „Schum" organisch verknüpften Gemeinden Speyer, Worms und Mainz eine hervorragende Stellung ein. Unter den Segnungen ungehemmter Entwicklung, die kaum durch vorübergehende Störung beeinträchtigt wurde, brachten sie es zu hoher Blüte und Wohlstand. Allmählich waren die Juden fast in den Alleinbesitz des Rhein- und Donauhandels gelangt, wie denn auch die Bezeichnungen „Jude" und „Kaufmann" um jene Zeit beinahe identisch waren. Den Knotenpunkt des deutschen Wirtschaftslebens aber bildete Köln durch seine günstige natürliche Lage. Dreimal jährlich pilgerten die rheinischen Gemeinden rheinabwärts zu der großen Kölner Messe, um ihre Waren zum Verkaufe anzupreisen. Daraufhin pflegten sie sich gemeinsam in der Synagoge gegenüber dem Rathaus, der heutigen Rathauskapelle, zu versammeln und lauschten hier den weisen Reden ihrer Oberhäupter. Unter diesen ragte besonders der Kölner Gemeindevorsteher Mar Juda bar Abraham hervor, der später im Leidensjahr 1096 den Märtyrertod fand. Auch das Talmudstudium hatte in den rheinischen Gemeinden feste Wurzel geschlagen und die Lehrhäuser von Mainz und Worms zeitigten manchen Glanzstern der jüdischen Geschichte. Aus ihnen hatte vor allem Raschi seine geistige Nahrung gesogen und sein Andenken hat sich in Worms bis auf den heutigen Tag, in Benennungen gewisser Lokalitäten selbst in der Stadtgemeinde überliefert. Aus die günstigen Privilegien, die Heinrich IV. den Juden „zur Zeit ihres Judenbischofs Solmann" gleich den anderen Bürgern dieser Stadt für ihren wirksamen bewaffneten Beistand gegen seine Feinde verlieh, bezieht sich auch eine Urkunde Friedrich Barbarossas vom Jahre 1157. Als „Schild und Panzer aller Gemeinden, deren Ruf in allen Ländern verbreitet ist" wird die Stadt Mainz bezeichnet, die als der Sitz des Rabbenu Gerfchom, der „Leuchte des Exils", einen gewissen Vorrang beanspruchte. Sie war auch der Wohnsitz der berühmten Familie Kolonymos, die von den Karolingern für treu geleistete Dienste — ein Mitglied derselben hatte Otto II. auf seiner Flucht in Italien das Leben gerettet — aus Lucca hierher verpflanzt wurde. Später erst, im Jahre 1084, erfolgte die Gründung der jüdischen Gemeinde zu Speyer durch Mainzer jüdische Bürger, die infolge eines Brandes, der ein jüdisches Viertel und auch eine von Christen bewohnte Straße einäscherte, aus Furcht vor den Christen geflüchtet waren. Es war eine göttliche Fügung, daß zur gleichen Zeit der edle Bischof Rüdiger von Speyer beschlossen hatte, Juden bei sich aufzunehmen, um dadurch „das Ansehen der Stadt tausendfach zu erhöhen." Durch Bewaffnete ließ er die Auswanderer sicher zu dem ihnen bestimmten Aufenthaltsorte geleiten. Ihre neue Heimat war das Dorf Altspeyer, das Rüdiger zur Stadt gezogen hatte und zum Schutze gegen Belästigungen mit einer Mauer umgeben ließ. So konnte sich unter dem Schutze eines wohlwollenden Herrn recht bald ein blühendes Gemeindeleben entfalten. Als Heinrich IV. anläßlich der Einweihung des von ihm vollendeten herrlichen Kaiserdomes im Februar 1090 zu Speyer weilte, empfing er eine Gesandtschaft dieser Gemeinde, bestehend aus dem damaligen Oberhaupte des Lehrhauses in Speyer, R. Juda ben Kolonymos, dem Paitan David ben Meschulam, der sich durch eine Selicha aus dem Jahre 1096 verewigt hat, und dem Vorsteher der Speyerer Gemeinde, Moses ben Jekuthiel, alles Nachkommen der berühmten Kalonymiden aus Lucca. Der Kaiser bestätigte und erweiterte den Juden die großzügigen Privilegien des Bischofs Rüdiger. Bei dieser Gelegenheit hielt er den ehrwürdigen Vorsteher des Lehrhauses zurück und vertiefte sich mit ihm in ein Gespräch. U. a. fragte er ihn, ob der Speyerer Dom nicht den Salomonischen Tempel an Pracht übertreffe, welche Frage der Rabbi geschickt zu beantworten wußte. So lebten die Juden wie hier so auch allenthalben im Reiche in Ruhe und Frieden, bis das Schreckensjahr 1096 sie aus ihrer Sorglosigkeit aufstörte. (Fortsetzung folgt.) Kinderecke. Historische Streiflichter zu den „Vätersprüchen". (Fortsetzung.) - Die Haupttätigkeit der Großen Synode erstreckte sich 1. auf die Einsetzung von Richtern und Gerichtstagen (Montag und Donnerstag) in allen Städten des Landes; 2. die Errichtung von Schulen für Lehre und Jugendunterricht: 3. die Festlegung von Bestimmungen, die als „Zaungesetze" die Thoralehre in ihrem heiligen, reinen Gehalte dem Volke erhalten sollten. Auf diese dreifache Aufgabe mag wohl auch der von ihnen zu Anfang des Perek 1 aufgestellte Grundsatz in seinen drei Punkten Hinweisen: 1. Seid behutsam im Urteile (Mahnung an die Richter). 2. Stellet viele Schüler an (Aneiferung oer Lehrer und Schulleiter.) 3. Macht einen Zaun um die Thora (Bestimmungen und Verordnungen als Zaungefetre). Der Großen Synode war es Vorbehalten, das überlieferte Gesetz und die Gesamtheit der heiligen Schriften zu ordnen und zusammenzustellen und sie uns in 24 Büchern als Ganzes zu bieten. Auch die Gebetordnung in ihrem alten klassischen Teile danken wir den Männern der Großen Synode. Die Grundlagen der Messora, d. h. die überlieferte Lesart, vielleicht auch die Neginaus, stammen von ihnen. Eine große Reihe von zivilrechtlichen Bestimmungen zum Schutze des Handels, der Landwirtschaft, des Gemeinlebens und insbesondere des geistigen und sittlichen Lebens werden im Talmud „Baba kama" aufgezählt und auf Esra oder die Männer der Großen Synode zurückgeführt. Zu diesen gehört auch die Einrichtung, daß außer am Sabbatmorgen auch am Sabbatmittag, Montag und Donnerstag ein Stück aus der Thora verlesen wird, um so den Landbewohnern, die am Montag und Donnerstag, den Markt- und Gerichtstagen, in der Stadl weilen, Gelegenheit zu bieten, öffentliche Thoravorlesung mitanzuhören. Doch dürfte diese Verordnung, wie viele andere, schon in früheren älteren, die vis zur Moseszeit hinreichen, ihre Wurzel haben. Heißt es doch im Talmud: „Nachdem Moses gesehen hatte, daß sie drei Tage ohne Wasser, — d. h. ohne Thora — nicht auskomrnen konnten (das Murren in Marah), so richtete er es ein, daß durch Thoraverlesung am Montag und Donnerstag keine drei Tage ohne öffentliche Thoraverkündung vergehen sollten." III. Simon der Gerechte. Simon der Gerechte nimmt den goldenen Faden nach Auslösung der Großen Synode, deren letztes Mitglied er war, auf, um ihn weiter zu spinnen. Große Dinge hatten sich inzwischen in der Welt ereignet, die, wie immer, auch für das jüdische Schicksal entscheidend waren. Um 300 vor der üblichen Zeitrechnung hatte Alexander der Große, oder wie man ihn nannte, der große Mazedonier alle Völker zu seinen Füßen geworfen und den Persern die Weltmacht entrissen. Das kleine, schwache jüdische Volk in Palästina weigerte zunächst Alexander den Gehorsam, aus Dankbarkeit gegen die Perser, die Jerusalem und den Tempel wieder aufrichteten. Indes die unter den Juden wohnenden Samaritaner, die schlimmsten Feinde und Neider der Juden, sich sofort bei der ersten Wendung der Dinge treulos und wortbrüchig dem neuen Herrscher zu Füßen warfen, bewahrten die Juden Liebe und Treue den persischen Wohltätern bis zuletzt. Nun war Persien niedergeworfen und der große Alexander auf dem Wege nach Jerusalem. Ein grausames Strafgericht war zu erwarten. Jerusalem zitterte. Umsomehr als es Samaritanern inzwischen gelungen war, sich dem Heere Alexanders anzuschließen und die Juden bei ihm als Rebellen und Verräter zu verleumden. Die Samaritaner baten sich vom großen Kaiser eine Landfläche auf Moriah aus, die ihnen gewährt wurde. Es war aber der Tempelplatz, auf dem sie nun mit.Hilfe der Mazedonier alles Heilige zu zerstören gedachten. In Erwartung des heranziehenden Unheils sammelten sich die Priester und Leviten und alle führenden Männer in Jerusalem unter Leitung Simons, der feine kostbarsten Priestergewänder anlegte. So zogen sie mit Sang und Klang und leuchtenden Fackeln Alexander entgegen. „Warum kommt ihr?" fragte der Kaiser. „Um dem großen Kaiser zu huldigen, für dessen Wohl wir in unserem heiligen Tempel täglich beten, in dem Tempel, den unsere Feinde — er zeigte auf die mitziehenden Samaritaner — „zerstören möchten." Da geschah es, daß Alexander, wie gebannt von der Erscheinung des Hohenpriesters, vom Pferde stieg und sich vor ihm tief verbeugte. Den erstaunten Generälen erzählte er, er habe vor der entscheidenden Schlacht im Kriege gegen die Perser im Traume eine göttliche Gestalt gesehen, die ihm Mut zusprach und den Sieg verhieß. Diese Gestalt trug das Antlitz des Hohenpriesters, dem er nun huldigen müsse. Damit hatte sich das Schicksal Jerusalems zum Guten gewendet, und die Samaritaner mußten ihr verleumderisches Tun schwer büßen. Dem jüdischen Volke wurden alle alten Rechte aus der persischen Zeit bestätigt und neue eingeräumt. Simon der Gerechte als Staatsoberhaupt wirkte gleich segensreich als Lehrer, als Hoher- Priester wie als Wohltäter des Volkes. Und nach diesen drei Richtungen seiner Wirksamkeit dürfte wohl sein Ausspruch in der zweiten Mischna des ersten Perek Hinzielen: „Auf drei Dingen steht die Welt, auf der Thora (Lehre): Abodah (Hoherpriester) und Wohltat" (Führer und Helfer des Volkes). Simon führte und lehrte das Volk in Judäa vierzig Jahre lang, und es war eine Periode des Glanzes und geistigen Aufstieges, von der man in späteren Zeiten des Niederganges noch oft mit großer Sehnsucht sprach. Zu seiner Zeit, so erzählt Talmud Jaumo, pflegte das Los für den Bock, den man am Versöhnungstage Gott opferte, stets zur rechten Hand hervorzukommen, was ein gutes Zeichen bedeutete. Ein Faden roter Wolle hing am Versöhnungstage an der Außentüre des Tempels, der, nachdem der andere Bock den Felsen hinuntergestürzt worden war, schneeweiße Farbe annahm, ein Zeichen, daß sich Israels Schuld in blütenreine Unschuld gewandelt. Das Westlichtan der Menorah brannte in den Tagen Simons durch von Abend zu Abend und das R i ch t f e u e r auf dem Altäre ging nie aus. Reicher Segen waltete über den Omer, die Brotopfer am Wochenfeste und die Schaub r o t e. Mit dem Tode Simons hörten alle diese Wunder und Segnungen auf, was auch so gemeint sein kann, daß mit dem Einreißen des Hellenismus das geistige Leben in Niedergang geriet. Als Simon der Gerechte am vierzigsten Versöhnungstage seiner Wirksamkeit aus dem Allerheiligsten kam, sagte er zu seinem Nächsten, es sei sein letzter heiliger Gang gewesen. „Woher weißt Du das?" fragten sie. „Es ist mir ein Zeichen geworden," erzählte er. „Alljährlich pflegte eine weißgekleidete Gestalt mit mir in das Allerheiligste zu treten und es mit mir zu verlassen, heute war die Gestalt in S ch w a r z gehüllt, sie kam mit mir hinein, aber nicht wieder heraus." Sieben Tage nach dem Sukkausfeste dieses Jahres erkrankte Simon und starb, und die Priester wagten es nicht mehr, in ihren Lobliedern den vollen Gottesnamen auszusprechen. (Fortsetzung folgt.)

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