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Der Israelit · 1925-05-14 · Heft 20 (14.5.1925) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
66 (1925)
Issue
Heft 20 (14.5.1925)
Date
1925-05-14
Page
– (sequence 9)
Language
German
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I IST' Der Israelit nr. 20 192$ Der Arzt Von Ludmilla von Zteßren. H Er war einer von denen, die mit ihrer ganzen Seele dem Berufe dienen wollen, den sie sich erwählt haben. Und immer war das große, selbstvergessene Mitleid in ihm gewesen. Schon als Kind war es in brennend heißen Wogen in ihm aufgestiegen: wenn er Krankheit, Elend, Tod sah, war diese Mitleidswelle gewaltig über ihn hinweggeflutet und hatte ihm bittere Tränen ratlosen Wehgefühls in die Kinderaugen getrieben. Und zitternd fühlte er in sich die treibende Sehnsucht derer, die in die Welt geschickt sind, damit die Hoffnung nicht ganz in leidenden Herzen sterbe. Schon sehr früh lernte er auch selbst das Leid kennen. Nicht jenes Kinderweh, das unter leichten Tränen vergessen wird, sondern die tief schneidenden Schmerzen, die bitterheißen Tränen, die der Spott, die Grausamkeit, die unverdiente Verachtung. Hervorrufen. Er begriff nicht, weshalb andere Kinder ihn so oft verhöhnten, weshalb sie zusammenhielten, um sich gegen ihn zu wenden und ihn zu mißhandeln. Weinend flüchtete er zur Mutter, die ihn selbst mit Tränen in den Augen tröstete. Sie sagte ihm auch, weshalb die anderen schlecht zu ihm waren, aber er wollte es lange nicht begreifen. Mit großen, erschrockenen unschuldigen Kinderaugen blickte er voll Ratlosigkeit in diese lieblose Welt. Er fühlte doch, daß er in sich Liebe zu allen trug, weshalb erwiderten sie diese Liebe nur mit Haß? Erst ganz allmählich verstand er, daß sie ihn für schlechter, viel schlechter hielten, wie sie alle waren, nicht weil er etwas besonderes getan hatte, das diese Meinung rechtfertigte, sondern nur weil er zu jenem Volke gehörte, das alle anderen Völker in einer sonderoaren, unerklärlichen Einmütigkeit als in jeder Hinsicht unter ihnen allen stehend ansahen. Jenes Volk, das Jahrhunderte lang Leiden ertragen, wie kein anderes, das aber trotz aller Verfolgung, aller Grausamkeit der anderen, schweigend, wenn auch mit verbissenem Ingrimm im Herzen, sich hindurch zwang durch diese feindlichen anderen, um sich auch einen Platz zu erkämpfen an der Tafel des Lebens. Er nahm es hin, daß er leiden mußte um seiner Väter willen. Zwar gab es auch in seinem Leben eine Zeit, wo der Zorn groß und stark wurde in ihm, aber auch das große Mtileid war wach und stark geworden und besiegte den Zorn wieder. Und das Mitleid wuchs immer mehr und drängte zum Tun. Er wollte versuchen, einer der Mittler zu werden, zwischen jenen und und diesen, die ewig in Feindschaft und ohne Verständnis sich gegenüber stehen. Er wollte ihnen zeigen, daß es auch hier eine Brücke geben konnte, die von Herz zu Herz führte und die so fest war, daß keine der häßlichen Gewalten dieser Welt sie zertrümmern konnte. — Und er wurde ein Arzt und glaubte damit das Rechte gefunden zu haben. In einer der großen russischen Städte, in der so oft höchste Zivilisation und niederste Barbarei dicht nebeneinander wohnen, war er geboren und batte seine Jugendjahre verbracht, und vielleicht hätte er nirgends sonst in der Welt so viel gesehen, was seinen glaubensstarken Mut und sein Wollen so groß hätte werden lassen können. An irdischen Gütern hatte es ihm nie gefehlt; er *) Die Erzählung entstammt der Feder einer Nichtjüdin und zeigt die Tragödie des jüdischen Arztes in Rußland im, überaus künstlerischer . und. .anschaulicher Weise. konnte in jeder Hinsicht ganz nach freier Wahl handeln, und wenn er wollte, so konnte er in der großen Stadt bleiben, die so vieles bot, nicht nur dem, der nach Freude und Genuß suchte, sondern auch dem, der sich betätigen wollte. Aber ihm war, als wäre dies nicht das Rechte für ihn, und er zog fort, ganz weit hinauf nach dem Norden des Reiches, wo ein armes und unwissendes Volk lebte. In der großen Stadt gab es noch so viele andere Helfer, aber hierher wollte niemand kommen, hierher, wo Einsamkeit und Armut herrschten. Es war eine kleine, enge und schmutzige Stadt, in der er jetzt lebte; nichts von Freude und Glück war hier zu finden. Rauh und kalt war das Land, rauh und kalt die Sitten. Ein unfreundliches, geldgieriges Krämervolk wohnte in den Häusern; sie lebten hier nur, weil von allen Seiten die Bauern kamen, um die Felle kostbarer Tiere, die sie in den weiten und tiefen Wäldern ringsum fingen, zu verkaufen. Und unter diesem Volke, diesen Bauern und Krämern, versuchte der junge Arzt zu wirken. Sie dauerten ihn in ihrer Niedrigkeit, ihrer grenzenlosen Unwissenheit. Und er ging von Haus zu Haus, fuhr von Dorf zu Dorf und lehrte sie, heilte ihre Krankheiten und sagte ihnen, wie sie sich verhalten sollten, um gesund zu bleiben. Einige nahmen ihn gern auf und waren dankbar, andere wieder betrachteten ihn mit Mißtrauen; denn er wollte niemals etwas von den Armen nehmen und diente ihnen umsonst. Das verstanden sie aber gerade nicht. Eine längere Zeit verging; sein Ansehen mehrte sich und das Zutrauen zu ihm wuchs. Da kam eine, große und schreckliche Zeit der Plage über Volk und Land. Aus dem fernen Osten, wo grausam der Krieg gewütet hatte, waren viele heimgekommen, so siech und elend, die die Ihrigen, die sie frisch und gesund hatten fortziehen sehen, nicht wieder erkennen wollten. Und viele von ihnen waren nur heimgekommen, um sich niederzulegen und zu sterben. Mit ihnen war aber auch eine furchtbare Krankheit gekommen, eine von den Schrecknissen, welche hinter dem grausamen und erbarmungslosen Fürsten Krieg herziehen, nicht so gewaltig und machtvoll wie er einherstürmend, aber vielleicht nicht weniger grausam und erbarmungslos in ihrer schleichenden, ungreifbaren Unheimlichkeit. Ganz langsam fing es an — hier starb der eine, dort der andere. Aber es währte nicht lange und die Krankheit griff voll gewaltiger Gier um sich und von Tag zu Tag steigerte sich das Entsetzen der noch Ueberlebenden. Anfangs wirkte die Not nur bessernd. Die Menschen schlossen sich so eng zusammen, wie sonst nie. Die Leichen wurden ordentlich beerdigt, die Kranken liebevoll und mit Geduld gepflegt und mit Gebeten voll Inbrunst drängte das Volk tagtäglich in die Kirchen. Das ganze Land war voller Glockenklang: fast den ganzen Tag hindurch riefen die Glocken überall mit ihren schwingenden Schlägen flehend zum Himmel empor. Fasten wurden anbefohlen, und vor den Heiligenbildern brannten so viele Wachskerzen wie nie zuvor. Aber als alles nichts half und die Krankheit nur immer schlimmer wurde, wuchs das Entsetzen und steigerte sich bis zu Grimm und Wut gegen den Himmel, der so ganz ohne Erbarmen war. Und keiner mochte sich mehr um den anderen kümmern, weder noch um Gesunde, noch um Kranke. Jeder Handel stockte; wer nicht hinaus mußte verschloß sich in seinem Hause; denn draußen wütete der Schrecken und die Luft war voll Verwesungsgeruch. Und in den Häusern drinnen saßen Völlerei und Unzucht, ließen sich's wohl sein und sprachen: „Lasset's euch heute noch gut gehen, esset und trinket noch was ihx habt Md freuet euch; denn morgen müßt ihr vielleicht schon sterben!" Und in all dieser Not, all diesen Greueln ging der junge Arzt geduldig seinen opferwilligen Pfad. Aber er sah wohl, daß er allein nicht viel ausrichten konnte und bat deshalb wiederholt um Hilfe bei der Obrigkeit. Aber es war viel zu tun im Lande, wer konnte da an die kleine Stadt und die geringen Leute, die darin und neben ihr lebten, denken. Endlich wurde wenigstens versprochen, noch einen zweiten Arzt zu senden. Aber auch das dauerte eine ganze Weile und als diese Hilfe endlich kam, da war es ein Weib. Der junge Arzt nahm überrascht und anfangs fast unwillig den neuen Mithelfer in Empfang. „Sie ist doch noch so jung und so zart," dachte er, als sie ihm entgegentrat, „wie wird sie das alles ertragen?" Aber als sie sich die Hände gereicht und sich lächelnd und freudig als Kinder eines Stammes erkannt hatten, und als er sah, daß in ihren dunklen Augen die gleiche Begeisterungsflamme glühte wie in den seinen, daß sie die gleiche stille Ruhe im Dulden zeigte wie er, da fürchtete er nicht mehr für sie. (Schluß folgt.) Sefiraleiden Die Verfolgungen des ersten Kreuzzuges nach den hebräischen Berichten. Don Dr. Simon Hokdmarrn in Köln. Wenn wir jetzt mit Inbrunst der Tage der Zählung gedenken, dann steigen uns Erinnerungen auf an jene erste Zählung, die die Sehnsucht des befreiten Gottesvolkes zum Sinai hinführten. Sefira, Tage der Zählung, der freudigen Hingebung an das Gottesgesetz, hinzuzählen zum Ziele und Zwecke alles Irdischen, also empfingen diese Tage ihre Bestimmung in jener Frühlingsnacht, da Israel in die Freiheit zog und jauchzend seiner geistigen Vollendung entgegenzählte. Hatte das Volk die Zählung vergessen, war es seiner Bestimmung untreu geworden? Gar mancher Reis siel in der Frühlingsnacht der jüdischen Freiheit und ließ die Knospen welken, tausende schlagender Herzen erstarren. Es ist ein weiter dorniger Leidensweg von jener Sefirazeit des Zeitalters Rabbi Akibas, wo die Thorahallen verödeten, weil ihre Besucher das Zählen auf die Thora vergaßen bis zu jener dunklen und doch so hellstrahlenden Epoche des Kreuzzugalters, in dem die Sefira zu einer Kundgebung der freudigen Hingebung an das Gottesgesetz wurde, der Heiligung des göttlichen Namens durch Ströme von Blut. Tage, die das Leid gestempelt, wiegen doppelt schwer in der Erinnerung. Auf dem Leidenswege wurde uns die Sefira unauslöschlich in das Bewußtsein geprägt. Die ersten schmerzensreichen Blätter der jüdischen Geschichte des Mittelalters fallen in die Regierungszeit des Kaisers Heinrich IV., jenes edlen und ritterlichen Fürsten, dessen Herz gleich seinem Vater Heinrich IV. in Wohlwollen den Juden geöffnet, und der ihre Menschenrechte, soweit es in seiner Macht stand, stets zu wahren bestrebt war. Allein ein unglückseliges Geschick ließ diesen hochbegabten Kaiser in vergeblichem Kampfe gegen das Papsttum und die mit verbündete deutsche Fürstenmacht sowie auch gegen den Verrat der eigenen Söhne seine Kräfte aufzehren, so daß er das Verhängnis, das sich über den Köpfen der deutschen Juden entlud, nicht abzuwehren vermochte. * Erste Blüteperiode der jüdischen Gemeinden des Rheingaues bis zum Jahre 1096. In tiefes Dunkel gehüllt ist die Geschichte der jüdischen Gemeinden des frühesten Mittelalters. Abgesehen von Köln, der ältesten Judensiedlung auf deutschem Boden, erhalten wir erst im 3.0. und .11. Jahrhundert historische Nachrichten von Judengemeinden, die sich insbesondere an den

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