Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 19 (7.5.1925)
- Date
- 1925-05-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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66. Jahrgang. Frankfurt a. M., den 1 Der Israeli! Ein Centralorgan für das orthodoxe Judentum mSj Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. UHR i Abonnement ab Januar ISA: Deutschland 1 Gowmark monatlich; Ausland: Viertel. jahrpretse (entsprechend dem deutschen Inlandspreis zuzüglich Kosten des Streifband-Versandes) Deutsch-Österreich: Schilling 6.—; Amerika 1 Dollar; England 4 sh.; Frankreich 15 Fr.; Velgie« 15 Fr.: Hollands fl.; Italien 30 Lire; Jugoslawien 70 Di».; Litauen 7.50 Sit.; Rumänien 200 Lei; Polen 4 deutsche Toldmarl zum Tageskurs oder 5 Zloty; Schweiz 5 Fr.; Tschecho-Slowakei 25 Kronen; Ungarn70000Kronen; Dänemark 5 Kronen; Norwegen 8 Kronen; Schweden 8.50 Kronen. Einzelnummer dreißig Goldpfennige. Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. Inserate 40 Doldpf. für die stebengespaltene Nonpareille-Zeile. Abonnenten zahlen bei Stellengesuchen und Familienanzeigen nur 80 Pf. 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Schulchan Aruch über nsnV *7SN2 Daß die Erneuerung dieser Bestimmung in Form eines Rabbinatsbeschlustes aber nötig wurde, rührt daher, daß man bisher w der Praxis vermieden hat, den Begriff nvi'? 12X2 allzu engherzig zu deuten. Man konnte eine solche Verzweiflungstat bei einem ^uden sich eben nur aus einer tiefen geistigen Umnachtung des Lebensmüden erklären, wobei; das d. h. das Bewußtsein als ausgeschaltet! betrachtet und damit auch die Ausnahmebestimj mungen vermieden werden konnten. Ist es i"n! nun bei unseren Brüdern in Polen mit der Flucht! aus dem Leben so weit gekommen, daß man mit emem Rabbinatsbeschluß die alten Bestimmungen über den „Selbstmörder mit klarem Wissen und Vorbedacht" wieder in Kraft setzen muh? Die „Wirtschaftsnot", heißt es im Rabbinatsbeschluß. Aber kann wirtschaftliche Not allein d'e Ursache so tiefer, bis zur Lebensverneinung gehenden Verzweiflung sein? Ein Blick auf die Ü'dische Geschichte im Orient wie im Okzident, im -'sten wie im Westen Europas belehrt UNS darüber, daß zu keiner Zeit die Juden auf Rosen gebettet waren. Abgesehen von den Verfolgungen, von den Gefahren für Leib und Leben, die jeder Tag von neuem von der Außenwelt ins Ghetto des Mittelalters brachte und Hand in Hand mit diesen steigerten sich auch die wirtschaftlichen Nöte. Wir hören aus diesen.Zeiten, daß unsere Väter und Mütter Tod und Grauen auf sich nahmen, wenn es galt, den Namen Gotteszuheiligen. Auch von freiwilliger Flucht aus dem Leben erzählen gerade diese Sefirotage, nämlich wenn der Feind draußen an die Ghettotore pochte, mordgierig und bekehrungswütig; da kam es wohl vor, daß jüdische Männer sich und den ihren den Tod gaben, um der Versuchung zu entgehen, da ereignete es sich wohl, daß jüdische Töchter heldenmütig vor der drohenden Schändung ihrer Ehre in den Tod flüchteten. Das war H e^l d e n t o d von Märtyrern, deren wir heute noch in unseren Gotteshäusern in stiller Wehmut und Bewunderung als der „Heiligen und Reinen" gedenken. Aber von Selbstmord aus wirtschaftlicher Not erzählt keine Kunde aus jenen alten Tagen. Und wenn sich Derartiges irgendwo vereinzelt ereignete, so war es eine Folge geistiger Störung, seelischer Umnachtung, und die Vorschriften für den rvib 12x2 12x2 kamen nicht in Kraft. Wenn also heute gar von einer Selbstmorde p i d e m i e in Polen gesprochen wird, so genügt zur Erklärung nicht der Hinweis auf die furchtbare wirtschaftliche Krisis, sondern es wirken hier offenbar noch andere Zusammenhänge mit, wie sie sich nämlich nach.dem Kriege und den von ihm gebrachten geistigen Verheerungen herausgebildet haben. Es liegt an der Strömung der Zeit, die der jüngeren Generation im Osten den inneren Halt genommen und nichts dafür gegeben denn eine realistische Auffassung des Lebens und ein „Kikajon" von handgreiflichem Cintagsleben, ohne Ideal, ohne Aufwärtsstreben, ohne das Licht des Thoragedankens. Und wo dieses nicht mehr leuchtet und wärmt, da ist es Nacht und winterliche Oede, und es bedarf nur des geringsten Anstoßes, einer Zufälligkeit bloß, eines wirtschaftlichen Zusammenbruches, der schon morgen vielleicht saniert sein könnte, um den Verzweifelten aus diesem Leben der Finsternis panikartig zu jagen. Wo es Höheres und Tieferes nicht mehr gibt, da hört die Verantwortung für die eigene Lebensaufgabe, für die Daseinspflicht, für die Berufung, die Seele,-„die uns Gott gegeben", solange „rein in uns zu behüten, bis er sie wieder genommen", auf. Was in jüdischem Kreise uns bislang unmöglich dünkte, der 1122-Begriff beim Selbstmorde, wird zur Tatsache, und die Rabbiner müssen auf Gegenmaßregeln sinnen. Das menschliche Mitleid mit den Unglücklichen muß zurücktreten hinter der Rücksicht auf das Leben der Gesamtheit, die der geistigen Epidemie der Lebensflucht zu erliegen droht und die neuer Antriebe zur seelischen Immunisierung bedarf. Das alles schließt aber nicht aus, daß auch die jüdische Öffentlichkeit, die geistigen Führer und die berufenen, geübten Helfer in der materiellen Not, sich mitschuldig machten an dieser Verirrung und Selbstvernichtung, wenn sie nicht führend und helfend ganz ihr Augenmerk darauf richten wollen. Es gibt eben Fälle von Not, — und ein trauriger Fall in Frankfurt a. M. zeigt, daß diese Mahnung auch im Westen sehr am Platze ist, — die, vielleicht aus falscher Scham, vielleicht aus innerer Hoffnungslosigkeit, die Hilfsstellen nicht suchen, nicht suchen können, und die erst von letzteren gesucht, eruiert werden müssen. Niemals hatte das Wort des Talmuds: „Du hast dem Armen nicht die Münze gegeben, Du hast ilM das Leben gegeben!" so seine lebendige Bedeutung wie heute> in einer Zeit, da das Leben leider oft in den Augen seines eigenen Trägers so billig werden kann. Bei aller Verurteilung und allen berechtigten Gegenmaßregeln legt doch jeder Fall von „Selbstmord aus wirtschaftlicher Not" der näheren Umgebung den Gedanken der .12122 rte sehr nahe. Sie sollen sich, nach dem Rabbinatsbeschluß, die Nachbarn nämlich, an der Beerdigung des Selbstmörders nicht beteiligen. Aber daheim, so wollte uns dünken, sollte der Nachbar still üherlegen, ob sich nicht in seine Entrüstung etwas Selbstvorwurf mischen könnte, ob er seine Hand völlig in Unschuld waschen kann, oder ob er nicht mit den Worten der Schrift in solchen Fällen bekennen müsse: r-' imw n*? w» rim vi wohl haben meine Hände dieses- Blut nicht vergossen, allein 1x2 ursn. meine Augen haben nicht geschaut, wo sie sehen und Unheil hätten verhüt en m ü s s e n. . . . Vor allem obliegt aber den geistigen Führern und Lehrern die heilige Aufgabe, erzieherische und aufrichtende Arbeit zu leisten für Jung und Alt und mitten in den Bitternissen des Lebens mit dem alten Lebensbalsam des Thoragedankens Trost und Herzensstärke zu reichen. Der ganze Jugendunterricht, aber auch die Lehrtätigkeit der Vereine, muß darauf eingestellt sein. Tröstung und Aufrichtung der Notleidenden, eindringliche