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Der Israelit · 1925-04-30 · Heft 18 (30.4.1925) · page 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
66 (1925)
Issue
Heft 18 (30.4.1925)
Date
1925-04-30
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 10 Nr. 18 Der Israeli! eine absonderliche Jungfrau, die aller Männer Herzen in den Wahnsinn trieb. Und der Geistliche war einer, der sich nach langer Wanderschaft durch alle Jrrnisse und Wirrnisse des Lebens in den Schoß der Kirche und ins Hirtenamt gefunden hatte. Erlöserträume im Hirn, Erlösungssehnsucht im Herzen. In seiner Seele saß aber, mit all jenen Träumen und Sehnsüchten eng verquickt, ein Bild, das er, nach einem Jahrzehnte vermeintlich errungener Ruhe auf dem Heiligenbanner plötzlich wiederfand. Dieses Bild hatte es dem wegemüden Wanderer angetan, hatte ihm das Herz gebrochen. Nehemja-Kasiato fand die ersehnte Erlösung mit dem Bilde im Herzen, dem Bilde der Messiasbraut. . . . Frankfurts großer jüdischer Sohn. Aus der Jugendzeit des Chasam Sofer. in. Da die Kämpfe gegen und um Rabbi Nathan Adler nicht aufhörten und sogar zu einem abermaligen Banne führten, entschloß sich Rabbi Adler 5542 (1782) einem Rufe als Rabbiner nach der mährischen Gemeinde Boskovicz zu folgen. Mosche war damals 19 Jahre alt und hatte vor drei Jahren seinen Vater verloren. Als sich Freunde und Schüler bei Rabbi Nathan zum Abschiede einfanden, durfte jeder einen Wunsch äußern, den der Rabbi erfüllte. Mosche sagte: „Ich möchte den Rabbi in Boskovicz sehen." Man hielt es für einen frommen Wunsch auf lange Sicht und verabschiedete sich. Wie erstaunt war aber Rabbi Nathan Adler, als er auf der ersten Haltestation seinen Schüler Mosche antraf. Er konnte sich von seinem Meister nicht trennen und es blieb Rabbi Nathan nichts anderes übrig, als ihn mit nach dem neuen Wirkungskreis zu nehmen. Er war und blieb der Lieblingsschüler des großen Rabbi Nathan. Noch in alten Tagen pflegte Chasam Sofer seinen Bachurim zu erzählen, wie treu und hingebungsvoll er seinem Rabbi gedient hatte, wie er auf der Reise mit seinen Händen das Eis zerdrückt hatte, um dem Rabbi Waschwasser zu verschaffen. „Ich war ein anderer Schüler wie ihr es seid, freilich," pflegte er in seiner witzigen Art hinzuzufügen, „habe ich auch einen ganz anderen Lehrer gehabt wie ihr." Eine Thorarolle des Rabbi Nathan Adler erwarb später der Schüler um teures Geld von den Erben und sie isi heute noch Eigentum der Familie der Sofers. Auf dem Wege berührten sie auch Prag, wo sie mit Rabbi Jecheskel Landau zusammentrafen. Dieser große Führer war voll des Lobes über den Lehrer und dessen kongenialen Schüler. In den Responsen des Chasam Sofer lesen wir auch zuweilen: „Als ich in meinen jungen Jahren: durch Prag reiste, hörte ich es aus dem Munde Rabbi Jecheskels usw." Eine kleine Episode aus dieser Reise nach Boskovicz erscheint uns besonders bezeichnend. Auf vereistem Wege in hügeligem Gelände stand der Wagen fest und konnte nicht vorwärts. Der Fuhrmann ging ins nächste Dorf, um noch einige Pferde zu holen, indes Rabbi Nathan und Mosche stundenlang halb erfroren warteten. Nun war der Fuhrmann mit seinen Tieren sichtbar. Aber Mosche sprang erschrocken auf: „Rabm, es sind ja Ochsen, die er herbringt und die er zu den Pferden spannen will. Es ist ja „Kilajim". Da rieb sich Rabbi Nathan vergnügt die Hände und jubelte ein Dankeslied: „Gelobt seist Du Gott, der Du uns die Erfüllung dieser Mizwoh hast erleben lassen."' Er erklärte dann diese Freude wie folgt. Fast alle Gesetze der Thora, mit Ausnahme derer, die mit dem heiligen Boden Palästinas Zusammenhängen, können wir hier erfüllen. Ich machte mir aber stets Gedanken, wie sollte ich das Gebot: „Du sollst nicht pflügen mit Ochs und Esel zusammen" erfüllen, nachdem ich doch keinen Garten und keinen Bodenbesitz habe und garnicht in die Lage komme, so etwas tun zu können. Nun ist uns das Glück geworden, auch dieses Gebot zu erfüllen. Wir stehen müde, hungrig und halb erfroren da und warten und werden natürlich das Gefährt mit diesem Mischgespanne nicht benutzen, sondern weiter warten und zu Fuß wandern. Wir erfüllen eine Mizwoh, auf die ich im Leben kaum rechnen konnte. Wie sollten wir nicht jubeln und Gott danken für dieses Glück." So gingen sie froh und bewegt den schwierigen Bergweg hinauf bis unten im Tale die Ochsen ausgefparmt würben und sie das Gefährt wieder benutzen konnten. In Loskovicz teilte der Schüler Leid und Freud mit dem Meister. Es fehlte auch dort nicht an Kämpfen und Widerständen aller Art. Rabbi Nathan, eine beschauliche Natur, in Heiligkeit und Reinheit versunken und den Blick' weltentrückt nach oben gerichtet, sah bald selbst ein, daß er für die praktischen Geschäfte eines Rabbiners nicht berufen sei. 5545 sehen wir Mosche mit Rabbi Nathan in Wien, ein Jahr später ist Rabbi Nathan wieder in seiner Heimatstadt Frankfurt. Sein Schüler Mosche durfte ihn aber nur bis Fürth begleiten. Es war nach den Aufzeichnungen Donnerstag, der 3. Kislev 5545, da er von ihm in Fürth Abschied nahm und aus Wunsch Rabbi Nathans nach P r o ß n i tz in Mähren sich begab. Rabbi Nathan wurde in Frankfurt mit Jubel wieder ausgenommen. Mosche ging mit einigem Widerwillen nach der mährischen Stadt, die er nicht liebte. Ihre Wege trennten sich fast für immer. Noch einmal kamen sie für kurze Zeit in Frankfurt zusammen. Mosche, oder der „Frankfurter Bachur", wie man ihn überall nannte, verlobte sich mit der Tochter des verstorbenen Rabbiners von Proßnitz, Rabbi Hirsch Jerwitz. Die Brüder der Braut, reiche Kaufleute, wollten für ihn sorgen, daß er ungestört dem Thorastudium obliegen konnte. Zu diesem Zwecke reiste er noch einmal nach Frankfurt, um ben Segen der Mutter zu empfangen und sich mit seinen Lehrern zu besprechen. Bei Rabbi Pinchas Horowitz lagen für ihn tausend Gulden deponiert, das Geschenk eines Onkels Mosches. Beide Lehrer waren aber entschieden gegen die Ehe und Rabbi Pinchas verweigerte sogar die Herausgabe des Geldes, damit er in Frankfurt bleibe, und Deutschland nicht verloren gehe. Rabbi Nathan hatte ebenfalls mancherlei Bedenken. Mosche hatte aber sein Wort gegeben, und nichts konnte ihn bewegen, dieses zu brechen. Nach Proßnitz zurückgekehrt, fand er aber ein neues Gesetz, das allen, die nicht in Mähren geboren waren» das Wohnrecht in der Stadt verweigerte. Die Voraussetzung, daß er nach der Verheiratung, aller Sorgen bar, dem Thoralernen würde dienen können, war geschwunden. Unter diesen veränderten Umständen richtete er noch einmal eine Anfrage an Rabbi Nathan Adler, ob er sich jetzt noch an sein Versprechen gebunden fühlen müßte. Die Antwort ließ lange aus sich warten, und Rabbi Mosche legte sich dieses Schweigen in dem Sinne aus, daß Rabbi Nathan die Verantwortung auf sich nicht nehmen wollte. Er heiratete. Aber unmittelbar nach der Trauung langte das Antwortschreiben Rabbi Nathans ein. Er erklärte ihn vom Versprechen entbunden und bat ihn nochmals, nach Frankfurt zu kommen. Es war zu spät. Er sah darin ein Zeichen von Gott, doch in Mähren zu bleiben, inußte sich aber vorerst an der Grenze auf ungarischer Seite niederlassen. Die Gemeinde Proßnitz ruhte aber nicht und verschaffte bei den Behörden mit dem Wohnrechte für ihren Rabbiner auch solches für den „Frankfurter Bachur". Er ließ sich in Proßnitz nieder, und hier erhielten seine Werdejahre den letzten Abschluß. Hier wurde er das, was wir heute gemeinhin unter Chasam Sofer verstehen. Er saß Tag und Nacht beim Thorastudium, gönnte sich in 48 Stunden kaum einen kurzen Nachtschlaf. Als man ihn auf die Stelle in Maimoides aufmerksam machte, die achtstündigen Schlaf empfiehlt, unter Benutzung des bekannten „Remes" 'b mr rx (O s ergibt den 30. April 1925 Zahlenwert acht), gab er schlagfertig zurück, das O s genüge für „li", d. h., acht Ruhestunden reichten für 40 weitere Stunden.ununterbrochenen Studiums aus. In seinen alten Tagen noch sagte Chasam Sofer, er habe die Stunden vor Mitternacht nie geschlafen. In jungen Jahren war er um die Stunde schon auf, in älteren Jahren noch auf. (Schluß folgt.) Ainderecke. Historische Streiflichter zu den „Vätersprüchen", i. Die kette der Ueberlieferung. „Der Frühling, es ist u n s e r Frühling. Der Sommer, er bringe unsere Reife." Daß wir im Aufblühen des Frühlings uns moralisch aufrichten und alle guten Keime in uns in die Höhe treiben, dazu dienen die „Sprüche der Väter", die Sabbatlektüre des Sommers. Es ist das Buch der Ethik und Moral, aber es knüpft an die „Thora vom S i n a i" an, in der alles, was gut in und um uns ist, wurzelt. Sittengesetze aus reiner Vernunft und menschlichem Empfinden hatten auch andere Völker. Unser Menschentum entströmt aber dem Gottesgedanken. Auch Vernunft und menschliches Empfinden sind der 7,Thora vom Sinai" untergeordnet. Der erste Perek zeigt uns in der Einleitung die leuchtende Kette der jüdischen Ueberlieferung, die sich von Moses auf die späteren Geschlechter bis zu unserer Zeit schlängelt und an der kein Glied fehlt und fehlen darf. Moses hat die Lehre aus dem Munde Gottes vernommen, sie dann Ahron vorgetragen, und in Gegenwart Ahrons noch einmal und noch einmal dessen Söhnen und den Alten, worauf nach Ausscheiden Moses Ahron den Vortrag wiederholte usw. Auf diese Weise hatte jeder aus dem Volke, einschließlich der Führer, viermal die Gotteslehre zu hören bekommen. (Talmud Erubin 54.) Darum sprechen schon die Kinder im Gebete von „der Lehre, die uns Moses als Erbteil befohlen hat." Was aus der Thora herausgelernt wird, ist im Wortlaute des Textes von vornherein enthalten. Der Talmud spricht von einem „Weine, der in den Trauben aufbewahrt ist für die Frommen." Der Wein scheint ganz was anders zu sein als die Traube, und dennoch weih jeder, daß der köstliche Saft schon in der Traube enthalten war. ... Eine sinnige Talmudstelle erzählt: Moses bat, bis a7is Ende der Zeiten schauen zu dürfen und sah das Lehrhaus Rabbi Akibas, in dem der Meister den vielen Jüngern die tiefsten Lehren vortrug. Moses verstand die Worte nicht und fühlte sich tief gedrückt. „Ist es eine neue Lehre?" fragte er. „Warte," sprach Gott, „und du wirst es erfahren." Schüler standen auf und überhäuften den Lehrer mit Fragen und. Einwendungen gegen das eine und das andere. Da sprach Rabbi Akiba: „Hier ist weiter nichts zu fragen und nicht zu grübeln, es ist Ueberlieferung von Moses am Sinai!" Und alle Einwendungen verstummten. Da sah Moses, daß all die hohen Gedankenflüge doch vom Boden seiner Lehre ausgehen und zu ihm zurückkehren. Es ist nichts Neues und nichts Hinzugekommenes in der mündlichen Lehre. Wie die Menorah, deren Blumen und Blüten, Knöpfe und Knospen alle von innen heraus getrieben waren, e i n Stück aus reinstem Golde.-— (Fortsetzung folgt.)

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