Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 18 (30.4.1925)
- Date
- 1925-04-30
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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fettilleton Die Messiasbraut. Me Geschichte einer verlorenen Hoffnung Bon S. (Schluß.) 47. In der Diaspora. In Amsterdam wie in Hamburg betete man noch am Roschhaschana für den König und Gesalbten des Herrn, Sabbatai Zewi und verlas vor der in letzter Hoffnung bebenden Gemeinde die Edikte vc>n Abydos und die Sendschreiben des Nathan aus'Gazä.' Noch wenige Wochen und Monde btieb^n^ dent'^Erlösungsjahx 1.666, und innerhalb dieser Tage mußte die Enderlösung kommen, von Abydos, allwo der Mann Gottes faß, dessen Namen aller Zunge pries. Wer dies nicht tat, mußte sich ins dunkelste Versteck verkriechen. Rabbi Sasporta, Rabbi Lapapa aus Smyrna und Andere mußten sich mit ihren heiligen Festen nach altem, reinen Brauche ohne Sabbataigebete fast so verbergen, wie einst ihre Väter in Spanien vor den spähenden Augen der Inquisition. Um die gleiche Zeit, da die türkischen Juden schon gebrochenen Herzens am Grabe ihrer Hoffnung standen, versammelten sich in A m st e r - dam ahnungslos Rabbiner und Vorsteher fast sämtlicher Lehrhäuser und sandten Huldigungsschreiben auf Huldigungsschreiben nach Abydos ab. ^in Hamburg u<;D man am Jomkippureingang das Vorgebet, das erlaubt, „zu beten mit den Uebertretern" fallen, da man mit den „K o f e r i m", die an Sabbatai nicht glaubten, nichts gemein haben wollte. Wer von letzteren da blieb, wurde, so er seine Gegnerschaft nur durch das leiseste Zeichen merken ließ, hinausgeprügelt. Noch vor dem „Borachu" wurde bei offener Lade im Anblicke der heiligen weißen Rollen das Königsgebet für Sabbatai verrichtet. Am Tage der Versöhnung wiederholte sich dieses Spiel drei- und viermal. Das heiß erwartete Sendschreiben aus Abydos mit den Verhaltungsmaßregeln war nicht oder noch nicht eingetroffen, und man mar, indem man nach altem Gesetz und Brauch fastete und betete, ein wenig im Unklaren und beunruhigt. Vor dem Neiilohgebete überbrachten die Boten des Rates ein dort für die Gemeinde angelangtes Schreiben. Man entschied, es am heiligen Tage öffnen zu lasten und die Botschaft zu vernehmen. Noch hatte sich der Tag nicht ganz zur Neige gesenkt, noch konnte-sich Heil über die Erde niederlassen. . . . Es war keine der bekannten Verordnungen mit Davidstern, es war ein versiegeltes Schreiben, von Isak Naar aufgegeben irgendwo in einer unbekannten türkischen Stadt. Einer schickte sich an, im Scheine der vielen abgebrannten Wachskerzen vorzulesen. .-Brüder! . . ." Aber er kam nicht weiter. Ein Austenanfall erstickte seine Stimme, er lallte nur "och und fiel ohnmächtig zusammen. Er wurde an die Luft getragen, indes griffen Andere nach dem Schreiben, einer riß es dem Anderen aus der Hand, und wer es las, erblaßte und ließ die Hände sinken. „Brüder, Ihr seid genarrt und schmählich bezogen, und wir wollen weinen und Asche aufs Aaupt streuen. . . . Sabbatai ist ein Gaukler und Taschenspieler und hat uns alle verraten. Er ist chn dreizehnten Elul des Jahres, in dem er uns Erlösung . verheißen, zum Islam überu'gangen. — --—" Eine Weile schauriger Stille wie unter dem Dr. 1$ 1025 schwarzen Himmel vor Ausbruch des Orkanes. Dann wurden einige von Weinkrampf befallen, andere packte unerklärliche Wut und sie erhoben, die Hände gegeneinander. Viele schrieen: „Alles erlogen! ..." Und sie wußten es selber nicht, ob sie damit Sabbatai oder den Sender der Hiobspost, Isak Naar, meinten. Es war keine Einheitlichkeit für das Schluhgebet mehr zu erzielen. Viele beteten für sich und schluchzten bitterlich. Andere schrien durcheinander. Gar viele waren es, die es im Gotteshause nicht mehr hielt, und sie schlichen sich leise davon, welche nach Hause und manche zu den geheimen Gottesdiensten der Ungläubigen. Die Schlußtekioh, die letztes Signal der Erlösung sein sollte, verlor ihren Klang und der Ruf: „Nächstens in Jerusalem!" verhallte ohne Echo. ... Im Schulhofe lagen Tikkunim-Gebetbücher auf dem Boden umher. Nach Ausgang des heiligen-Tages langten, aucb andere Briefe ein, auch aus Amsterdam, aus Venedig und Livorno. Es war kein Zweifel mehr. . . . Die Fuyrer der Gläubigen wagten sich zunächst nicht auf die Straße und in die Synagoge. Aber noch vor dem Sukkothfeste war ein Erlaß des vereinigten Rabbinats, unterschrieben sowohl von den früheren Anhängern wie Gegnern Sabbatais, in sämtlichen Synagogen zu lesen: „Brüder, eine große Verwirrung hatte Platz gegriffen in unseren Reihen, begünstigt von Zeichen und Wundern, die man zu erleben glaubte. Die Not war groß und die Sehnsucht stark, daher sei heute, nachdem die Prüfung vorüoer und die Wahrheit sonnenklar zu Tage getreten, gegen Keinen Tadel oder Vorwurf erhoben, derweil er früher der Täuschung verfiel. Wer Jemand darob schmäht oder höhnt, sei dem Banne verfallen? Friede herrsche fortan in der Gemeinde und in Israel, dann ist die wahre Erlösung nicht mehr fern. Amen!" — — — Solche Verordnungen las man in Amsterdam, Livorno und überall. Ein Spuk war zerronnen. Was übrig blieb, waren bei äußerer Ruhe und müdem Frieden Scham und Schmerz.- 48. Der Tragödie letzter Schluß. Zehn Jahre waren verflossen. Wieder war Jom Kippur. Im Städtchen Dulcigno in den albanischen Bergen lag in einer Bauernlehmhütte ein einsamer Mann im Sterben, und seine Lippen stammelten Worte, die der dabeistehende Bauer nicht verstand. Es konnten Gebete sein, es konnten liebe Namen aus bewegter Vergangenheit sein, es konnte auch irgend ein letzter Wunsch, ein Reuebekenntnis sein. ... Vor dem Derwisch, den der Bauer zum sterbenden Moslim aus der nächsten Moschee holen ließ, schloß der Sterbende die Augen und auch die Lippen. Mohammed Effendi tat einen letzten langen Seufzer und lag mit wächsernem Gesichte und versteinerten Zügen entseelt da. Der Derwisch zündete eine Wachskerze an und sang näselnd ein Gebet.- Ruhelos war Sabbatai in diesem Jahrzehnte, dem frühen Abend eines bewegten Tages von Versuch zu Versuch, von Anlauf zu Anlauf gewandelt, verfolgt vom Schatten einstiger Größe, gepeinigt von Qual, innerer Leere und Gesunkenheit zwischen Angst und Reue und Selbstbeschwichtigung. Seine neuen Pläne fanden keine Beachtung, seine Sonne war gesunken. Wer noch zu ihm hielt — es waren wenige hie und da — erreichte ihn nicht, und daß die Masten der Jrregeführten seinen Namen nicht ohne einen Fluch aussprachen, fühlte er in der Vereinsamung mit jeder Faser seines Herzens. > So irrte er und leitete alles irre, was ihm in den Weg kam, Jude oder Mohammedaner. Bis die türkischen Behörden den Ruhelosen in das - judenlose Dorf zwischen den albanischen Bergen verbannten. ' Hier hauchte er nun am Tage der Versöhnung seine Seele aus, die zwanzig Jahre lang durch die Nacht des jüdischen Golus irrlichtete und falsche Wege wies. ... Ein albanischer Bauer und ein singender Derwisch beteten an seinem Sterbebette. Ein schwarzer Kater miaute am Kamin und draußen im Stalle muhte eine Kuh. ... * * * Zu Winterbeginn des gleichen Jahres trug man den hügeligen Vorgarten des malerischen Hauses vanderSpycks imHaag eine schmucklose Bahre ins Tal hinunter, mit den Ueberresten des Mannes, der hier, uneins mit sich und seinem Gotte, seine letzten Gedanken ausgedacht, seinen letzten Kampf ausgekämpft, Benediktus Spinoza. Der Bahre voran schritt hinter einem Meßjungen mit Heiligenbild etwas gebückt ein finster dreinschauender Geistlicher im Ornate und ihm folgte, eine kleine Schar von Freunden des Philosophen. Nach dem Tode Rembrandts hatte der Maler van der Spyck das Herz Spinozas, und in dessen Haus, in dessen Armen stieß der Denker seinen letzten Seufzer aus. Der zur katholischen Kirche neigende van der Spyck sorgte, da Spinoza keine gegenteiligen Wünsche geäußert hatte, für eine bescheidene kirchliche Beerdigung, und bestellte hierfür den auf der kleinen Bergkirche der „heiligen Brüder" wirkenden fremden Pfarrer, einen etwas sonderlichen, in sich gekehrten Mann, der in feinen Lehren und Predigten sich ein wenig den Spmozaideen zuneigte und daher von der offiziellen Kirche stark beargwöhnt wurde. Der kleine Leichenzug zog die ansteigende Straße entlang und stieg dann zur Anhöhe hinauf, wo bescheidene Leichensteine die letzte Ruhestätte der kleinen Gemeinde der „heiligen Brüder" anzeigten. Um den mit schwarzem Bahrtuch bedeckten Sarg gruppierte sich das winzige Häuflein. Vor Kreuz und Heiligenbild sprach der fremde Ordensmann mit erhobenen Händen und verzückten Augen Gebetworte von des Lebens wildem Kampfe und des Todes milder Versöhnung, vom ewigen Suchen und Ringen, letztem Siegen und Sichfinden. . . . V Plötzlich stockte der Geistliche. Seine Augen bohrten sich groß und gläsern in das Bild auf dem Kirchenbanner und seine Stimme brach. Er breitete noch einmal segnend seine Hände aus, aber nicht gegen den Toten, auch nicht gegen die kleine Gemeinde, sondern gegen das Bild der Jungfrau und brach jäh zusammen. Man mühte sich um ihn. Vergebens. Man bahrte ihn gleich hier in der kleinen Kapelle auf, und tags darauf schaufelte man ein neues Grab auf, neben dem frischen Grabhügel Spinozas. Der Vorfall beherrschte für Tage alle Gemüter. Man erzählte sich allerlei über den sonderbaren Tod, so sonderbar wie der Mann selbst war, von dem keiner recht wußte, woher er kam; wie seine Lehre, von der keiner bestimmt sagen konnte, welchen Geist sie trug und wohin sie zielte. . . . zielte. ... Gläubige Gemüter sagten: Dieser Mann war kein echter und seines Amtes nicht würdig, und die heilige Madonna habe ihn, da er ihr zu tief in die Augen geschaut, gestraft. . .. Andre wußten es auf umgekehrte Art zu deuten: Das Bild war nicht echt und vom Maler — man nannte Rembrandt — mit unkeuschen Gedanken gemalt, und es könne sich daher keiner ungestraft seiner zu einer heiligen Handlung bedienen. . . . Van der Spyck allein ahnte den Zusammenhang und sprach es im vertrauten Kreise aus. An beiden Deutungen war nicht alles falsch. . . . , Das Bild war von Rembrandt, und ein I u d e nm ä d ch e n hatte ihm Modell gestanden,