Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 17 (23.4.1925)
- Date
- 1925-04-23
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 10 Nr. 17?3. April 1925 Urgroßväter und Urenkel. Aus dem Jüdischen nach Zn—flH. (Schluß.) Von diesem Momente an trat eine Wandlung in ihrem Leben ein. Im fünften Jahre war ihnen erlaubt, am Versöhnungstag gemeinsam zu beten. Sie hatten sich von der knappen Menage zusammen im Ganzen achtunddreißig Kopeken erspart. Für fünfzehn Kopeken erstanden sie von einem jüdischen Verbannten, der auf dem Wege nach Sibirien durch die Gegend kam, ein Gebetbuch. Drei Kopeken machte die Miete aus für das Zimmer in der Nähe der Kaserne, in dem sie beteten. Für die restlichen zehn Kopeken schassten sie sich Wachskerzen an. Gerson machte den Vorbeter. So stand die kleine Zwölfjungengemeinde mit Israel auf dem Weltenrund im Gebete vereinigt. Als Gerson das „Kol Nidre" anstimmte, drang von draußen lautes Schluchzen, das immer zunahm. Wie sie hinausgingen, gewahrten sie fünfzig getaufte Jungen, die nicht wagten, in das Gebetzimmer zu treten und draußen das „Kol Nidre" mitsangen, mitweinten. Als die Zöglinge das achtzehnte Lebensjahr erreicht hatten, wurden sie als Vollsoldaten erklärt, mit der Erlaubnis, heiraten zu dürfen. Wo sollten aber in Wjatka jüdische Mädchen aufgebracht werden? Man wartete, bis von Zeit zu Zeit eine Verbanntengruppe durch die Gegend kam. Die Verbannten pflegten von ihren Familien freiwillig nach Sibirien begleitet zu werden. Befand sich ein jüdisches Mädchen darunter, so wurde um sie geworben. Man mußte sich die Frau förmlich erkaufen. Gerson freite eine Frau für zwölf Rubel, lebte mit ihr glücke r sechzig Jahre lang, erst als Soldat, dann als freier Mann, und sie gebar ihm dreiundzwanzig gesunde Kinder. Nach Ablauf der sünsundzwanzigjährigen Dienstzeit blieb Gerson Falk in Wjatka, fing auf Grund der Privilegien, die den Ausgedienten zustanden, große Geschäfte an und stieg gewaltig in die Höhe.- All dieses erzählte mir Gerson Falk, der Neunzigjährige, zwischen Hagada und Hagada. Es war feine eigene Hagada, voll der Leiden und der Wunder. Er war Sieger. Er hatte Nikolai I. und dessen starken Arm besiegt. All die Qualen der Jugend hatten keine Spuren bei ihm hinterlassen. Im Gegenteil hatten die gute, klare Luft, die Weite, das geordnete Leben der Folgezeit, die gute Verpflegung den Mann erhärtet, machten ihn unempflindlich gegen Wind und Wetter, so daß er als Greis noch in voller Jugendkraft dastand. Mit ungeheurem Stolze erzählte er von seinen Kindern und Enkeln. Es befanden sich darunter Aerzte, Anwälte, Ingenieure und Männer von Namen und Ruf. Mit besonderer Freude zeigte er das Bild seines ältesten Urenkels. Melnikow, heiße er, so erklärte er, sei Enkel seiner Tochter und studiere jetzt an der Petersburger Universitär. „Sollten Sie mal nach Petersburg kommen," so sagte der Alte, „und den Jungen treffen, grüßen. Sie ihn in meinem Namen. Sagen Sie ihm, daß auch ich, der Urgroßvater, Universität absolviert habe, die Universität des Nekolai Pawlowitsch und wenn ich auch nicht Doktor bin, so hätte er sich doch meiner ganz und gar nicht zu schämen." Ich sah mir das Bild genau an. Das Gesic des Studenten hatte nicht die Spur von den gesunden, sympathisch kräftigen Zügen des Alten. Es war ein blasiertes Jünglingsgesicht mit matten Augen hinter scharfen Gläsern eines Zwickers. Ein volles Jahr war vergangen. Es war wieder um die Pestachzeit. Ich war in Petersburg und zum Tee geladen bei einem im politischen Leben bekannten nichtjüdischen Rechtsanwälte, der als Kämpfer des jüdischen Rechtes in Duma und Gesellschaft von sich reden mochte. Unter den Gästen befand sich ein junger Der Israelit_ Student, echt jüdischer Typus mit bebrilltem Auge. „M e l n i k o w", stellte der Hausherr vor. Der Name klang mir sehr bekannt, doch konnte ich mich im Momente nicht besinnen, wo ich ihn schon gehört hatte. Das Gespräch drehte sich um das jüdische Recht, oder richtiger um die jüdische Rechtlos i g k e i t. Der Hausherr sprach und zeigte auf Melnikow: „Hier ein Fall, der die ganze Lage illustriert. Dieser junge Herr Melnikow, Freund und Studiengenosse meines Sohnes, ist zu seinem Unglück als Jude geboren und konnte daher, obwohl er das Gymnasium mit der goldenen Medaille verlassen hatte, nicht in die Universität gelangen. Ein ganzes Jahr hat er von seinen Studien verloren. Endlich ging er nach Wyburg in Finnland und besorgte sich dort, wie viele andere, gegen schweres Geld einen evangelischen Taufschein. Nun denkt euch das Unglück. Just an dem Tage, da Melnikow den Glaubenswechsel vollzogen hatte, erfolgte ein Ukas der Heiligen Synode, der alle Wyburger Taufen als n u l l und nichtig erklärt. Melnikow bleibt wieder draußen und es droht ihm sogar trotz der Taufe eine Ausweisung aus Petersburg.-" Ich hob nochmals die Augen zum jungen Studenten und wußte nun auf einmal genau, wo ich schon den Namen Melnikow gehört und dies Gesicht gesehen hatte. Es war der Urenkel des Gerson Falk, des Glaubenshelden aus Wjatka. Ich hatte ja dort fein Bild gesehen und den Auftrag übernommen, ihn zu grüßen. Ich entledigte mich nun dieses Auftrages. „Viele Grüße vom Urgroßvater in Wjatka, Herr Melnikow!" Melnikow machte ein sehr erstauntes Gesicht. „Sie kennen meinen Urgroßvater?" Ich bejahte die Frage, erzählte die näheren Umstände, unter denen ich ihn kennen gelernt hatte und gab in großen Zügen seine mir erzählte Lebensgeschichte wieder. Melnikow hörte schweigend zu und sagte dann, zum Hausherrn gewendet: „Wie man sieht, ist es das traurige Erbe unserer Familie, unter dem Glauben zu leiden. Schon der Urgroßvater hatte soviel unter seinem Glauben zu dulden." „Nein," korrigierte ich, „Ihr Urgroßvater in Wjatka litt nicht unter seinem Glauben, sondern für seinen Glauben. . . Melnikow verstand oder wollte diese Nuance nicht verstehen. Aber er schämte sich doch ein wenig, denn er ging stille von dannen. Eine starke Sehnsucht ergriff mich in diesem Augenblicke nach Gerson Falk, dem Urgroßvater. Sie beherrschte mich so stark wie der Wunsch, den Urenkel nie mehr im Leben zu sehen. ... Frankfurts großer jüdischer Sohn. Aus der Jugendzeit des Chasam Sofer. u. Die Streitigkeiten um Rabbi Nathan Adler in der Gemeinde vermehrten sich. Es ereignete sich die bekannte Geschichte mit dem Brautpaar, das sich im Oberstock des Adlerfchen Lehrhauses sehr ungebührlich benahm, das Lernen sowohl störte wie auch die sittlichen Gefühle der jungen Schüler verletzte. Rabbi Nathan schickte einen jung Bachur hinauf, daß er das Paar zu Anstand und Sitte mahne. Dieser junge Bachur war Mosche Sofer. Und nun erhält er die dritte Ohrfeige, vom beleidigten Bräutigam nämlich. Rabbi Nathan war außer sich ob dieser Beleidigung der Thora, die der Beleidigung von Sitte und Moral noch zugefügt wurde. Er bestrafte das Paar mit dem Cherem, das für die beiden jungen Menschen, die aus den ersten Frankfurter Familien stammten, böse Folgen gehabt haben sollte. Eine furchtbare Hetze setzte gegen Rabbi Nathan Adler ein, schon eine Art Volksbewegung, so daß Rabbi Pinchas Horowitz, genannt Baal Haflooh, der damalige Oberrabbiner von Frankfurt, vermittelnd eingreifen mußte. Ein intimer Freund und Verehrer Rabbi Adlers, mußte er ihn doch bitten, da die beleidigten Familien die Behörden anrufen wollten und sich die Sache zu einem öffentlichen Skandal und einer Entweihung des göttlichen Namens auszuwachsen drohte, den Bann als Sühne auf sich zu nehmen. Er tat es für sechs Wochen. Nach Ablauf dieser Zeit war es der Oberrabbiner selbst, der in sein Haus trat, den Bann löste und ihm selbst die sechs Wochenabschnitte der Sabbate, die Rabbi Adler das Gotteshaus nicht betreten durfte, aus seiner Thorarolle vorlas. Die Kämpfe gegen Rabbi Nathan Adler und das schließliche Eingreifen des Rabbi Pinchas Horowitz gegen seinen liebsten Freund, kann man üch heute nur mit den Gefahren erklären, die damals als Nachwehen und Nachwirkungen der Sabbatai Zewi-Bewegung von überall her drohten. In Wilna tobte der Kampf gegen den Chassidismus, als dessen Führer, sicherlich aus gleichen Gründen, sich der Wilnaer Gaon mit aller Kraft betätigte. Man wollte hier in Frankfurt diese Fragen und Kämpfe, die das Judentum in zwei Teile zu zerreißen drohten, garnicht aufkommen lasten. Man hatte aber Grund zu befürchten, daß sich um den Mann, der sein eigenes Minjan mit sefardischen Gebeten und sogar sefardischer Aussprache hatte, der sich viel mit Kabbala befaßte, und in dessen Umgebung sich auch Unwürdige befanden, die mit ihren Träumen und mystischen Handlungen die Leute beunruhigten und belästigten, eine solche Bewegung herausbilden würde, die die Streitigkeiten des Ostens hierher verpflanzen könnte. Bei aller ungeheuren Hochachtung vor der Gelehrsamkeit, dem Seelenadel und der Herzensreinheit Adlers, mußte sich der Oberrabbiner entschließen, energisch einzugreifen. So verbot man Rabbi Adler sein Privatminjan, erschwerte ihm auch sonst sein eigenes Leben in manchem und ging sogar bis zum Banne. Mosche hatte zunächst mit all den Dingen nichts zu tun. Er saß dem großen Meister zu Füßen und nahm von seinem Geiste, von seiner heiligen Art soviel auf, als ihm möglich war. Da es ihm aber unbehaglich war, in der Stadt seiner Eltern zu leben, ohne mit diesen verkehren zu können, so ging er 1776 mit 13 Jahren zu Rabbi Tewle Scheuer nach Mainz, wurde dort mit großer Zuvorkommenheit ausgenommen und behandelt und erhielt schon nach einem Jahre den Freibrief eines Mefchuchrar, eines selbständigen Bachur, der aus besondere Rechte Anspruch zu machen hatte. Von der Sehnsucht nach den Eltern, nach seinen! Lehrer Rabbi Nathan Adler und nach dem Milieu des Baal Haflooh getrieben, kehrte er aber nach zwei Jahren zurück nach Frankfurt, und wich zunächst nicht mehr von der Seite dieser großen Lehrer. In seinen Responsen kommt unzählige Male die Wendung vor: „In meiner Kindheit sah ich es von meinen Frankfurter Lehrern, wie sie dieses oder jenes taten.- Mit sechzehn Jahren hatte Mosche ganz Schaß ausgelernt. Er fragte seinen Lehrer Rabbi Nathan Adler, wie er diesen freudigen Anlaß feiern sollte. Rabbi Nathan empfahl ihm. sich drei — Fasttage aufzuerlegen. Wohl als Mittel gegen Hochmut und Ueberhebung, die aus einer sollen Leistung sich ergeben könnten. Es wird erzählt, daß er am dritten Fasttage bei einem Spaziergang mit Freunden von Bauernburschen überfallen wurde. Während die anderen davonliefen, stand er gerade mitten im Achtzehn Gebet und konnte nicht den Platz verlassen, dann aber versetzte er einem der Angreifer eine:' Schlag, daß er bewußtlos zu Boden fiel. Rabbi Mosche Sofer pflegte auch sonst sehr lange zu beten. Wenn Freunde ihm sagten, er versäume dadurch Zeit für das Thorastudium, so lautete seine Antwort: „Nach Ausspruck oer Weisen wird dem, der lange betet, das Leben verlängert, so bleibt ja Zeit, das versäumte Lernen nachzuholen." (Schluß folgt.)