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Der Israelit · 1925-04-23 · Heft 17 (23.4.1925) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
66 (1925)
Issue
Heft 17 (23.4.1925)
Date
1925-04-23
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Rafflet««- Beilage Nt. >7 1425 Der Israelit Die Messiasbraut. Die Geschichte einer verlorenen Hoffnung. von $. SchOchu»»1tz (Fortsetzung.) Ein halblautes „Ah"! ging durch die Massen, ein Ausdruck der Verwunderung, des Beifalls, aber auch der Enttäuschung über ein entgangenes Schauspiel. Im gleichen Augenblicke lösten kräftige Hände Sabbatais Fesseln. Er warf sein Barett vom Kopfe und zog seinen Mantel aus. Wie aus dem Boden erwuchsen Diener, ~ie ihm den weißen Turban und das grüne Oberkleid ^es Mohammedaners entgegenhielten. Er zog beides rasch in nervöser Hast an. Der Uebertritt zum Islam war vollzogen. Am dreizehnten Elul des Jahres der drei Sechs. . . . Das alles vollzog sich so rasch und unerwartet, daß keiner Worte fand, am meisten überrascht war der Mufti selbst, und die Gerichtssitzung nahm etwas raschen und stillen Abschluß mit oer Verkündung Köprilis im Namen des Sultans, Sabbatai beiße fortan Mohammed Csfendi und sei ein treuer Diener Allahs; er verbleibe am Hofe und sei als guter Moslim und Freund des Sultans der allgemeinen Achtung empfohlen. — An den Zugängen zum Goldenen Horn drängten sich die Massen der aus Abydos Vertriebenen und aus allen Teilen der Türkei zum Tage der Entscheidung Herbeigeeilten. Sie standen auf den Zehen und beteten stumme Gebete und zitterten bei jedem Geräusch, das sich von der Seite des Kiosk näherte. Da kam gegen Mittag von der Innenseite ein Reiter angetrabt und hob mit kurzer Handbewegung die Sperre auf. „Alles vorbei," sagte er leichthin. „Was ist vorbei? Wo ist Sabbatai, unser Herr?" schrien die Harrenden und Drängenden den Soldaten an. Der Reiter schmunzelte, weidete sich eine Weile an den langen erschrockenen Gesichtern und sagte mit höhnischem Spotte: „Es gibt keinen Sabbatai mehr, sage ich Euch. Er heißt jetzt Mohammed Effendi und trägt einen weißen Turban zu einem grünen Oberkleide. . . . Gehet hin, Juden, und macht es alle ihm gleich, daß Euch Allah, der Herr, gnädig fei. ..." Da ergriff kaltes Entsetzen die Menge. Wie erstarrt standen die-Menschen da. Die Kälte kam von innen, wo eben noch glühendes Erwarten brodelte. Es sah aus, als wollten sich einige mit geballter Faust auf die Soldaten stürzen. Diese zogen lachend die krummen Säbel aus der Scheide und der Reiter erzählte halb zu seinen Kameraden, halb zu den Juden gewendet, mit sichtlichem Behagen und unter phantastischer Ausschmückung alle Einzelheiten des Vorganges. Die Soldaten hielten sich die Seiten vor Lachen. „P ouschtai, beschwindelte Narren!" Weinend schlichten sich die Juden davon, verkrochen sich in ihre Häuser und Hütten, zerrissen ihre Kleider und setzten sich trauernd zu Boden. Weinten um eine zu Grabe getragene Hoffnung» die Licht und Inhalt ihres Lebens war. . . . 46. Die Anderen. In ihrer etwas wohnlicher ausgestatteten Gel^ugniszelle zitterte, eine Nacht und einen Tag Sarah um ihr kleines, nacktes Leben und empfand bei jedem sich nähernden Geräusche alle Schauer des Todes. Als man ihr nun eröffnete, Sabbatai sei Moslim geworden, heiße Mohammed Effendi und fei nicht mehr ihr Gatte, nahm sie es so kühl und gleichgültig auf, als erfaßte sie die ganze Sache nicht oder berührte sie sie nicht. Ihre Augen hatten nur den Ausdruck der Angst und dann des Dankes, daß die Männer von solchen ihr gleichgültigen Dingen sprachen und nicht von Tod und Folter. . . . Man erklärte ihr kurz und ohne Zeremoniell, sie sei nun ebenfalls Mohammedanerin, und sie verband mit dieser Eröffnung keinen anderen Gedanken als den, es gehe nicht um Leib und Leben. . . . Dann sagte man ihr, sie werde der Sultanin vorgeführt und von dort in den Harem verbracht werden, der ihr fernerer Aufenthalt sei. Sie begriff von alldem nur soviel: Das Spiel war a u s, ein neues begann, und sie mußte Kraft sammeln, sich auf dieses umzustellen. In dieser Verfassung, da Angst, Schmerz, Glück, Dank und neue Sammlung ihre Wangen färbten, dunkle Striche um ihre Augen zogen und ihre geschmeidige Gestalt wie im Fieber hoben und senkten, gefiel sie der Sultanin, die sie auf einem goldverzierten Divan huldvoll empfing, ausnehmend gut. Das erste und oberste Weib Mohammeds des Vierten war vielleicht angenehm überrascht, Sarahs Schönheit, von der sie Wunder hörte, etwas gedämpft und verdüstert zu finden. Im übrigen fühlte die Sultanin menschlich, schwesterlich mit der Novize, die in die Welt von Neid und Tücke einkehrte, und sie gab Sarah mit den üblichen reichen Geschenken gute Ratschläge. Als sie durch das goldbeschlagene Tor des Haremgartens, begleitet von neugierigen und feindlichen Blicken aus allen Luken und vergitterten Fenstern, geführt wurde, sah sie noch einmal zurück. Eine stille Abschiedsträne galt der Welt draußen. Es war alles Spiel, Traum. Ihr Leben führte vom Kloster in den Harem. Was dazwischen lag, war Traum, Spiel, blauer schöner Dunst. . . . Vor den weihen Marmorstufen des großen Eingangs trat eine verkappte Gestalt im langen Kleide eines Obereunuchen Sarah in den Weg un. befahl den Begleitern, sich zu entfernen, da er bestimmt sei, die weitere Führung und Einführung zu übernehmen. Der Verkappte schritt langsam voran und Sarah folgte ihm stumm. Durch endlose, von Marmorsäulen getragene Korridore gingen sie und gelangten in einen schmalen, dunklen Seitengang, der zu einer eisernen Türe führte. Hier blieb der Obereunuche stehen und lauschte, dann holte er einen langen Schlüssel aus der Manteltasche und steckte ihn in das Schlüsselloch, ohne ihn herumgudrehen. Ein Zittern erfaßte plötzlich Sarah, und sie wußte nicht recht warum. Der Eunuche wandte sich um, ergriff Sarah an der bebenden Hand und raunte gedämpft: „Ich kam, Sarah, um Dich zu retten. Hier führt eine Türe ins Freie. Draußen harrt der Wagen. . . ." Von lähmendem Schrecken geschüttelt, war Sarah zunächst keines Wortes mächtig. Dann aber kam es ganz plötzlich über sie, daß sie einen schrillen Hilferuf ausstieß. Der Mann in der Eunuchenkutte streichelte besänftigend ihre weiche Hand und flehte flüsternd: „Wenn Du Lärm schlägst, Sarah, dann geht es uns beiden ans Leben. Sei daher vernünftig und lasse mit Dir reden. Ich kam, Dir zu Helsen, nachdem der Gaukler, der Dich in Banden hielt und Dich bis hierher gebracht, vollends ausgespielt hat." Sie riß, wie von einer Natter gebissen, ihre Hand los. Sah sie doch jetzt trotz Dunkelheit und Vermummung deutlich K a s s a t o vor sich, Kassato, der das Ganze angezettelt, ihren Schatten und ihr Schicksal, und sie zitterte vor neuem Unheil. „Gehe von dannen, Unseliger, bevor ich im vollen Lichte Dein Verrätergesicht schaue. Gehe oder ick schreie um Hilfe." „Ich gehe, Sarah, wie ich immer gegangen bin, wenn Du befahlst. Aber erst, wenn Du mich gehört hast. ... Ich kam her, Dich zu retten und .öffne Dir hier eine Türe, die in Freiheit, zu Glück und wahrem Glanze hinausführt. . . . Verschmähst Du sie? Ich habe, sobald ich meinen Plan in Adrianopel zur Ausführung gebracht, gezittert um Dich und ich eilte her, nachdem ich mir dort schon alle Mittel, alle Papiere und Kleider verschafft hatte, um Dich Gefängnis, Tod und Folter zu entziehen. Widerliche Umstände verzögerten meine Ankunft. . . . Aber es ist nicht zu spät, ich kann auch hier Befreiuung schaffen. Soll ich die Türe öffnen? ..." „Und Du?" bebtekt ihre Lippen ganz leise. „Ich mit Dir und Dü mit mir. Er ist abgetan, entthront im Herzen des Volkes, verdammt und verwünscht als Abtrünnger und Verräter, ich nehme seinen Platz ein, und Du an meiner Seite. ..." Nur eine flüchtige Weile dachte Sarah darüber nach, ob sie gestern im Dunkel der Zelle in Erwartung qualvollen Todes solchem Locken widerstanoen hätte und sie dankte dem Geschicke, das ihn um Stunden zu spät kommen ließ. Jetzt empfand sie nur Angst und Ekel vor dem Menschen, der in jeder Wende ihres Lebens aus Nacht und Dunkel austauchte und ihr in den Weg trat. Ihm mußte sie für immer entfliehen. . . . „Nein, nein, gehe! ..." Sie schrie diese Worte, daß man sie weithin hören mußte. Er drehte langsam und bedächtig den Schlüssel herum und durch schmalen Türspalt kam spärliches Licht in den engen Gang. „Ich gehe und Du bleibst. Nun gehe ich für i m m e r. . . . Auch mein Spiel mag zu Ende fein, nachdem der letzte Versuch gescheitert, die letzte Erwartung eines Zeichens vom Himmel aus Deiner Hand getäuscht. . . . Auch ich werde mir einen stillen Ruhepunkt suchen — irgenwo am Rande des Lebens. ..." Die eiserne Türe schloß sich wieder rasch von außen. Wie betäubt suchte Sarah den Weg zum Haupteingang zurück, wo Haremdienerinnen ihrer warteten und sie bereits suchten. Ohne jegliche Feierlichkeit und Förmlichkeit wurden im Gefängnis I a ch i n i und P r i m o mit einer Schrift Sabbatais, die nur die Worte enthielt: „Gott hat mich zum Mohammedaner gemacht," Kleid und Hut des Islam überreicht. Sie nahmen still an. Es wurde ihnen überlassen, ihre Wege frei zu wählen. Samuel Primo nahm den Weg nach Jerusalem, wo er als stiller Mann in der Ecke irgend eines entlegenen Bethauses ungekannt sein Leben beschließen wollte. Abraham Jachinis Weg ging ins Galuth zurück; zu seinen Brüdern im Leide, wie er sagte, von denen er zu seiner Aufgabe an die Seite Sabbatais gekommen war. . . Beide hatten, kaum daß sie den Hellespont und die türkischen Gewässer verließen, den grünen Mantel und den weißen Turban ins kochende Wasser geworfen und ihre jüdischen Kleider wieder angelegt. Weder Jachini, noch Primo hatten Sabbatai vor ihrer Abreise noch einmal gesprochen. Sie hatten kein Verlangen, ihn zu sehen. Auch für sie war das Spiel zu Ende. (Schluß folgt.)

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