Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 48 (26.11.1925)
- Date
- 1925-11-26
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 14 Nr. 48 Der Luach-Lamdon. Von A. Reisen?) Viele Bücher nannte Selig, der Fuhrmann, nicht sein eigen. Er hatte keine geerbt, noch hatte er sich welche angeschafft. Gewiß, nicht aus Geiz, denn wann sollte er die Bücher studieren, wenn er die ganze Woche über mit Pferd und Wagen, mit Heu und Hafer zu tun hatte und immer auf der Landstraße war, von einer Stadt zur anderen, um die Ware für die Krämer und Händler dahin und dorthin zu bringen. Ueberdies war er auch kein Gelehrter. Seine ganze Bibliothek bestand aus einigen Machsorim, einem dicken Gebetbuch und einem Chumisch mit Jiddischdeutsch. Leider fehlten in seinem Chumisch die Blätter der ganzen ersten Sidrah, so daß seine Welt erst mit Noah und der Sintflut anfing. Wie die Welt erschaffen wurde, stand in seinem Chumisch längst nicht mehr geschrieben, und Selig machte sich weiter keine Kopfschmerzen darüber. Und auch diese wenigen Bücher waren nicht würdig in Reih und Glied in einem Schranke oder auf einem Regale untergebracht, sondern lagen irgendwo herum, zusammen mit dem Tchmausbuche seiner Frau, in der ebenfalls die wichtigsten Stücke längst fehlten. Dagegen war Selig sehr darauf aus, sich rechtzeitig ein L u a ch anzuschaffen, so daß er in Luachsachen bald als großer Sachkenner bei seinen Kollegen galt. Natürlich war es ein Luach in Iiddischdeutsch. Hebräische Terte mied er ängstlich, sie flößen ihm mit der Ehrfurcht auch eine gewisse Scheu ein. Aber auch das Iiddischdeutsch im Luach war so durchsetzt und untermischt mit hebräischen Ausdrücken und mysteriösen Bezeichnungen, daß schon eine gewisse Routine dazu gehörte, sich da genau auszukennen. Mit der Zeit erlernte er sogar, die Abkürzungen zu enträtseln. Er war ein echter, rechter Luach-Lamdon. Den Luach pflegte er alljährlich schon lange vor Roschhaschonv nur in der Großstadt zu kaufen, wohin er sich allwöchentlich mit seinem Wagen zum Abholen der Waren für die Krämer des Städtchens begab. Auf dem großen Hofe des Gasthofes, wo er die Pferde fütterte, wurde, wie immer um diese Zeit, der Buchhändler, ein langbärtiger Jude mit buschigen Augenbrauen, sichtbar mit dem Packen voller Bücher unter dem Arm. Ihm lief Selig entgegen. „Habt ihr schon den neuen Luach?" „Natürlich, warum auch nicht?" Und der Händler pack'e eine ganze Kollektion kleiner grüner und roter Heftchen aus. „Ich will einen richtigen, ja diesen da," sagt Selig und greift gleich das größere Eremplar heraus, das in Form und Format ihm noch vom vorigen Jahre vertraut ist. „Es kostet einen Zehner," sagt der Händler fast warnend. „Ich handele nicht in solchen Dingen," antwortet Selig breitspurig. Der Buchhändler überreicht ihm den richtigen großen Luach mit dem großen Fisch auf dem Vorderblatte. Es ist das Zeichen des Glückes, „Masel Doggim". Selig bekommt fröhliche Augen und es wird ihm heiter ums Herz. Alle Welt lebt noch im alten Jahre, er hat schon das neue in der Tasche und im Sinne. Er schlägt gleich das erste Blättchen auf und schaut in die Chronik hinein. „Seit Adams Geburt . . .", liest er. Und er muß sich dabei erinnern, daß dieser Adam in den Apfel gebissen hat. Wäre er nicht so naschhaft gewesen, er würde heute noch leben und hätte ein Alter von etlichen tausend und etlichen hundert Jahren. „Ein Mann im besten Mannesalter . . ." Die Geschichte von Adam und Eva kennt er recht gut, wiewohl sie aus seinem Chumisch längst verschwunden ist. Er kennt sie noch von früheren Zeiten her, da das Chumisch noch ganz *) Aus dem Jiddischen. Der Zsraer 1 r 26. November 1826 war, und das Iiddischdeutsch mitunter auch. Außerdem erhaschte man hie und da zwischen Mincho und Maariw am warmen Ofen des Veth Hamedrasch ein Wort aus dem Munde des Magid. Das Weitere aus der Weltchronik interessiert ihn nicht besonders. Es ist alles, wie es war, nur um ein Jahr älter. Er blättert weiter. Auf welchen Tag wird Jom Kippur, Sukkoth, Chanuko, Purim fallen? Unterdes nähert sich ihm ein jüngerer Kollege, der ebenfalls hier einlogiert ist. „Was machst du da, Selig?" „Nichts, einen neuen Luach gekauft." Der Jüngere wird ernst. „Nun, was schreibt er, der Luach?" Er, der Jüngere, ist kein Kenner in solchen Dingen, er hatte noch nie einen Luach gekauft. „Was willst du zum Beispiel wissen?" fragt Selig mit einer gewissen Distanz. „Nun, weiß ich es? Wollen mal nachsehen, wie Johannis (großer Jahrmarkt in der Stadt) fällt. „Werden wir gleich haben," sagt Selig stolz, und schlägt, eingeweiht, gleich drei Blätter um. Er kennt schon den Platz mit dem Sternchen. „Da ist es, am zehnten Tamus, Donnerstag." „Das ist schlecht," tadelt der jüngere. „Wie kommt man da Freitag wieder heim?" Selig, allein, studiert die Wellervoraussagung für den Winter. Und wenn er am nächsten Sabbat in der Klaus der Fuhrleute steht, ist er schon mit viel Wissen ausgestattet, allen um einen mächtigen Schritt voraus. Er ist der Kalender- und Wetterprophet in seiner nächsten Umgebung. „Wir bekommen dieses Jahr einen schweren, strengen Winter." Und die Umstehenden frösteln jetzt schon, im Vorgefühle des strengen Winters, obwohl es zur Stunde noch ganz warm ist. „Dafür," tröstet er, „bekommen wir einen langen Schwuaus, Mittwoch und Donnerstag, heißt es: von Dienstag bis Sonntag Feiertag." „Noch lange Zeit bis dahin," sucht Jemand die Ueberlegenheit Seligs abzuschwächen. Selig aber sieht auf die Leute sehr von oben herab. Er trägt das künftige Jahr schon in seinem Herzen. „Sie wissen viel, was ein Luach ist . . ." Uinderecke. Hebräisches Rätsel aus einer alten Handschrift in der portugiesischen Bibliothek in Amsterdam. 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Druck Hermon Verlags-Aktiengesellschaft, Frankfurt a- M,