Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 48 (26.11.1925)
- Date
- 1925-11-26
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Des Zaddiks Gebet. Verhallet ist der hehre Sang, Der zu der Thora Preis erklang, Nun feierliche Stille. — Kaum, daß ein Laut im Raum sich regt. Nur mancher Seufzer steigt bewegt Aus Herzens Ueberfülle. Doch jetzt, je länger das Gebet, Je heißer die Gemeinde fleht Zum Allerbarmer droben, Je mehr hat sich der Bitten Flut, Gesteigert durch der Inbrunst Glut, Zu mächt'gem Ton erhoben. Der bittet ab . der Sünden Last, Die ihn zu Boden drücken fast, Mit Klagen und mit Tränen. Der wimmert leis im herben Leid; Doch alle, all' die gold'ne Zeit Des Glück's für sich ersehnen. Nur einer stehet aufrecht da; Dem Himmel mehr als erdennah Er im Gebet erscheinet. — Sein Antlitz ist gewandt zur Höh' Als stände er in Gottes Näh', Mit Seraphim vereinet! Die Außenwelt um ihn versinkt. So sehr die Andacht ihn durchdringt, Sein Innerstes durchbebt: Und doch erhab'ne Ruhe ganz Liegt über ihm; sin hehrer Glanz Auf seinem Antlitz webet. Cs ist der Rabbi. — Zuversicht Aus feinen Zügen jetzo spricht, Sein Fleh'n war nicht vergebens. Es hat der Herr, in Vaterhuld,' Verziehen seiner Kinder Schuld, Schrieb sie ins Buch des Lebens. I. Wechsler-Kolberg. Ein Los. Don Keiurich Hiristädter. Wieviel Welten gibt es? Wer vermöchte es zu sagen? Die Welt der Frau, die dort am Nähtisch vor dem Fenster sitzt und kein Auge von ihrer Arbeit wendet, reicht nicht weiter als bis zu der Glastür da außen am Flur, neben der unter einem Klingelzug ein kleines Porzellanschild mit dem Namen Benjamin Dringlich die Leute, die etwa aus der Außenwelt die drei Treppen hier heraufsteigen, darauf aufmerksam macht, daß so der Mann hieß, der einst hier gewohnt hat. Denn Benjamin Dringlich ist schon seit zehn Jahren von hier in eine noch engere Wohnung umgezogen, und an jedem 5. Tewes erinnert ein Jahrzeitlichtchen auf dem Eckgesims an jenen trüben Wintertag, an dem der guten Frau am Nähtisch eine Sonne für immer untergegangen war. Welten und Sonnen! Begriffe, beide gleich bezüglich zu verstehen. Was dem einen eine Welt, scheint dem anderen kaum der Beachtung wert, und was diesem eine Sonne, ist jenem nicht einmal ein Licht. Das Herz ist es, das wertet. Benjamin Dringlich war kein bedeutender Mensch gewesen und hatte sich niemals für einen bedeutenden Menschen gehalten. Aber den Pflichtenkreis, der ihm zugewiesen worden war, hatte er ganz und gar ausgefüllt. Das hätte ihm auch fein Feind lasten müssen, wenn er einen Feind gehabt hätte^ Dringlich lebte ein Kleinleben. Am Sonntag früh ging er wie jedest andern Tag in die kleine Privatsynagoge „Böth Thephilla", die im zweiten Stock eines Hinterhauses untergebracht war. An diesem Tage steckte er sich zu Hause vor dem Fortgehen eine Kleiderbürste ein. Wenn dann nach beendigtem Gottesdienste die Beter sich zerstreut hatten und auch der Synagogendiener mit der Bemerkung: „Sie schließen doch zu, Herr Dringlich!" weggegangen war, da nahm dieser aus dem Schranke das Porauches (den Thoravorhang) für Sabbat heraus, das vorher der Diener gewechselt und flüchtig zusammengelegt hatte, bürstete es gründlich und legte es dann sorgfältig in seine Falten zurück. Dann schaute er noch nach, ob die Seforim gut standen, wickelte wohl auch zuweilen eines nochmals auf, wenn er Tags zuvor mit der Art, wie man „GeMo genommen" hatte, unzufrieden gewesen war, und erst nachdem er jedes einzelne ehrfürchtig geküßt hatte, entfernte er sich. Zu Hause reinigte er dann nach dem Frühstück die Sabbatkleider und hängte sie in den Schrank zurück. „Benjamin, das mußt du doch nicht tun," sprach da jedesmal eindringlich die Hausfrau, und stets folgte darauf die liebreiche Antwort: „Du muht dich wahrlich noch genug plagen; an dir hängt doch alles." Inzwischen war es neun Uhr geworden, so daß Dringlich seine Besuche beginnen konnte. Bis ein Uhr ging es unermüdlich treppauf, treppab an große und kleine, vornehme und einfache Wohnungstüren, und überall wiederholte er gleichmäßig freundlich seinen Morgengruß und seine scherzhaft klingende „dringliche Bitte um einen gütigen Auftrag". Ost muhte er den gezückten Bleistift wieder unverrichteter Dinge emstecken. Viele aber bestellten gern bei ihm ihren Bedarf an Kaffee, Zucker, Oel und anderen Lebensmitteln, zumal sie bei Dringlich niemals über schlechte Bedienung oder Uebersorderung zu klagen hatten. Und wie es an keinem Tage vorkam, daß F:au Dringlich morgens ihren Mann entließ, ohne ihn bis zur Tür zu begatten und ihm ihre Segenswünsche nachzusprechen, ebensowenig trug es sich zu, daß ihr Gatte zurückkehrte, ohne sie aufzusuchen, ihr die Hand zu reichen und auf ihren fragenden Blick mit einem innigen „Boruch haschem" (gepriesen sei Gott) antwortend, gleichzeitig dem Spender alles Sitten für seine Erhaltung zu danken und die geliebte Frau durch seinen Erfolg zu erfreuen. So vergingen die meisten Vormittage, während die Nachmittage der Ausführung der empfangenen Bestellungen und anderen geschäftlichen Besorgungen gewidmet waren. Aber auch gar viele gute Werke vollzog der rührige Mann zwischendurch, Handlungen, die von inniger Menschenliebe und unbegrenztem Opfermute zeugten, von denen aber der bescheidene Dringlich kein Aufhebens machte. Kaum daß selbst seine Gattin und seine Kinder Gelegenheit fanden, in alle Falten seines goldenen Herzens zu blicken. Und als schließlich eine böse Lungenentzündung den pflichttreuen Mann urplötzlich und vorzeitig aus dem Leben warf, da bedauerte man ihn zwar in feinem ganzen Bekanntenkreis, und jeder wußte ihm etwas nachzurühmen, aber am meisten empfand den Verlust die bedauernswerte Witwe, die allein wußte, was sie in ihrem treuen Lebensgefährten besessen hatte. Ihr war eine Sonne untergegangen. II.. Warum aber haben wir bisher gar nichts von den Kindern berichtet? Wir wollen es nachholen. Dringlich hatte drei Kinder, einen Knaben und zwei Mädchen, und sie bildeten der Eltern Freude und Stolz, ihr Glück und ihren Reichtum, den Gegenstand ihrer Sorge und ihrer Hoffnung. Und sie hatten eine glückliche Kindheit. Nicht etwa in dem Sinn, daß sie mit allem überhäuft worden wären, was eines Kindes Herz erfreuen kann! Es gab gar viele Kinder, die schönere Kleider, kostbarere Spielsachen und reichlicheres Naschwerk besaßen, und von teuren Reisen und üppigen Vergnügungen wußten unsre Kleinen erst recht nichts. Wenn aber wahres Glück in der Gelegenheit zu sehen ist, säst stets in der Umgebung der treuesten Eltern zu leoen, von ihnen stündlich die Beweise ihrer unendlichen Liebe zu erhalten und unmitelbar von ihnen die Einwirkungen zu empfangen,'die gleich wirksam, gleich nachhaltig, gleich zweckmäßig von keinem anderen Menschen ausgehen können, weil die natürliche Liebe zum eigenen Kind den besten Untergrund für derlei Saaten bildet, dann läßt sich ruhig behaupten, daß diese Kinder glücklich gewesen sind. Sie vergalten Liebe mit Liebe. Aus den Herzen dieser Kinder ergoß sich ein so breiter Strom innigster Liebe, aus jedem Blick ihrer Augen drang ein so warmer Strahl, in jedem Laut ihrer Lippen tönte ein so reiner Klang, daß die bescheidenen Räume jenes Hauses ein fetten reiches Familienglück umschlossen. . Die Kinder waren gut. Ihre Seelen glichen einem Stoffe, der keine Unreinheit annimmt. Schon in früher Jugend erreichten sie einen hohen Grad von Selbstlosigkeit. In einer Zeit, in der. sonst die Jugend genießen will, suchten sie bereits ihr Glück im Beglücken anderer. Solche Juwelen finden selten Kenner. Und die, die sie besaßen, hielten ihre Eigenschaften für selbstverständlich, fühlten sich ihres Besitzes so sicher, daß sie an die Möglichkeit eines Verlustes gar nicht dachten. Und als dann dennoch zwei dieser Edelsteine ihnen verloren gingen, da zeigte es sich, daß jener Besitz ihnen Lebensbedingung gewesen war. Der Vater starb bald, und der Mutter Geist litt Schaden. Die älteste Tochter hatte sich noch vor dem Ableben des Vaters in eine nahe Stadt verheiratet. Sie wollte gern die vereinsamte Mutter zu sich nehmen, aber es gelang ihr nicht, die ganz plötzlich ergraute Frau zum Verlassen der gewohnten Räume zu bringen. Hier hatte sie ihr Glück genossen, hier wollte sie auch noch ihre letzten Tage verleben. Sie hielt ihre Zimmer in peinlichster Ordnung und konnte auch noch allein ihrem kleinen Haushalt vorstehen. Sie verstand es, vernünftig zu plaudern, und nur selten merkten Fremde etwas von dem Irrweg, den ihre Gedanken zuweilen nahmen. Die schwer geprüfte Frau suchte, das geringe Zinserträgnis ihres kleinen Kapitals durch Handarbeiten, die sie für ein Geschäft anfertigte, aufzubessern. Aber ihr Verdienst reichte doch nicht vollkommen für die Bedürfnisse des Lebens. Einen Zuschuß, den der Schwiegersohn ihr anbot. lehnte sie strikte ab. und sie konnte fast böse werden, wenn die Tochter ihr unter irgend einem Vorwand ein Geschenk zu machen versuchte. „Ich werde noch das große Los gewinnen, und dann habe ich genug zum Leben und werde noch Anderen helfen können." Mit dieser Wendung schnitt sie jede Erörterung ab, und als einmal die Tochter zögernd entgegnete: „Mutter, hast du denn ein Los?", da schaute diese sie groß an, fiel ohnmächtig zu Boden und erkrankte ernstlich. Seitdem wagte man nicht mehr, ihrer Sonderlichkeit entgegenzutreten. Frau Dringlich aber vermied es, Tochter und. Schwiegersohn es merken zu lassen, daß sie sich noch mechr als bisher mit der Hoffnung auf den Gewinn beschäftigte. (Schluß folgt.) ,