Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 48 (26.11.1925)
- Date
- 1925-11-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Sitte 2 Nr. es Das Verhältnis der alten rusflschenund likauischenOrkhodoxie zur Bildungsfrage. Von Rabbiner A. Gsmer in Köln. Das folgende historische Dokument wird wohl das Interesse der deutschen Orthodoxie finden. Es stammt aus der Zeit des Kampfes zwischen Aufklärung und Thorajudentum in Litauen und Nutzland, da der Kampf um das Bollwerk des thoratreuen Judentums in Litauen, die Woloschiner Jeschiwoh, sich konzentrierte. Wir ersehen daraus, datz nicht aus blindem Hatz und Weltfremdheit die russischen und litauischen Rabbiner gegen die Aufklärung kämpften, sondern aus Furcht vor den geistigen Giftstoffen, die in jener Zeit vielfach in ihr wirkten. Wir sehen, datz sie nicht die russische Sprache als solche und die Bildung als solche fürchteten, sondern „den Freisinn und die Unmoral". Diese waren der Anlatz ihres Widerstandes gegen die Beschäftigung mit profanen Bildungsfächern, UNd die Furcht davor ließ sie auf den Nutzen, der aus einer solchen Beschäftigung kommt, verzichten. Das nachstehende Dokument stammt aus dem Jahre 1887 und ist mit den Unterschriften der bedeutendsten russischen und litauischen Rabbiner jener Zeit versehen. Diese wurden zu einer Versammlung eingeladen, um über den Vorschlag einiger offiziöser jüdischer Persönlichkeiten zu beraten, in den Lehrplan der Jeschiwoth auch den russischen Sprachunterricht und weltliche Lehrgegenstände aufzunehmen. Nach langen und bewegten Debatten wurde dann die nachstehende Entschlietzung angenommen und den Einberufern der Konferenz übergeben zwecks Befürwortung bei der Regierung. Das Schriftstück ist als Faksimile und mit einer russischen Uebersetzung versehen abgedruckt, in der russischjüdischen Zeitschrift „Pereschitoje" vom Jahre 1910 Band II: „Auf Grund der uns gestellten Frage nach Verbesserung der Jeschiwoth im Sinne der Einführung des Unterrichts der russischen Sprache und Profangegenstände gemätz dem Lehrstoffe der städtischen Schulen haben wir folgende Beschlüsse gefatzt: 1. Obgleich die Mehrheit der Besucher der Jeschiwoth schon des Russischen kundig sind, das sie bereils vor dem Besuche der Jeschiwoh erlernt haben, soll doch der Rosch-Jeschiwoh verpflichtet sein, einen Lehrer zum Unterricht der russischen Reichssprache anzustellen. Hierfür soll D er Israelit_ sich neben bet Jeschiwoh ein besonderes geräumiges Gebäude befinden, worin diejenigen Schüler, die zur Teilnahme an dem Unterricht verpflichtet sind, zu einer bestimmten Zeit von dem betreffenden Lehrer den Unterricht erhallen. 2. Der obgenannte Lehrer darf nur die russische Sprache lehren und zwar nur im Umfange des Lehrstoffes einer einstufigen Schule. Er hat kein Recht, Bücher freisinniger Richtung, noch Romane, die dem Geiste unserer heiligen Thora widersprechen, einzuführen, weil sie verderblich und für die Schüler der heiligen Jeschiwoh unzulässig sind. Strenge wird auch dem Lehrer verboten, im Gespräche die Schüler zum Freisinn und zum Lesen von Romanen anzuregen. 3. Auf datz wir die Sicherheit haben, datz das im sub 2. Gesagte erfüllt wird, mutz der Lehrer der russischen Sprache vom Leiter der Jeschiwoh angestellt werden. Es ist selbstverständlich, datz die Jeschiwohleiter nur einen solchen Lehrer anstellen werden, der ein Zeugnis auf Lehrbefähigung besitzt, das von dem hierfür bestimmten Regierungsbeamten ausgestellt wurde. Außerdem wird verboten, in die Räume, in denen der russische Sprachunterricht erteilt wird, irgendwelche Bücher zu bringen, autzer denjenigen, für die der Jeschiwohleiter eine schriftliche Erlaubnis ausgestellt hat. 4. Was den Unterricht der Realien in der russischen Sprache entsprechend dem Lehrstoffe einer 3-stufigen Schule anbelangt, so kann die Einführung eines solchen den Zustand der Jeschiwoh nicht verbessern, sondern nur verschlechtern. Denn die Spender, auf die sich die Jeschiwoth stützen, werden nicht weiter für die Jeschiwoth zahlen, und die Einnahmequellen der Jeschiwoth werden versiegen. Ja, in kurzer Zeit wird die Jeschiwoh ihren Namen und ihr Gepräge verlieren und eine Form annehmen, die weder einer Jeschiwoh noch einer Schule entspricht und so könnten — Gott bewahre — die Jeschiwoth ein Ende nehmen wie die Rabbinerschulen. (Gemeint sind die damaligen Regierungs-Rabbinerschulen.) Dies sind unsere Beschlüsse bezüglich der Fragen, die Sie, geehrte Herren, uns gestellt haben. Ja, so ist es,' düs liegt schon in der Natur des Menschen; wenn er hört, wie man ihn auslacht, wie man seine Haltung mißachtet,- wenn er sieht, datz man die Quellen seines Geisteslebens, datz man seine und seiner Nachkommen Nayrungsquellen zerstört, dann entbrennt in ihm der Zorn,- er schreit, weint, schluchzt und seufzt. Wenn er nun gar durch seine geistige Tätigkeit, durch seine Beschäftigung mit der Thora Mißfallen und Anstoß erregt oder gar Spott auf 26. November 1925 sich und seine Nachkommenschaft wälzt, wenn er auf scheinbare Bereitschaft stützt, ihm zu Hilfe zu kommen, ihm, der Thora und dem ganzen Volke Israel, und faktisch sich dahinter Verrat versteckt, sollte er dann schweigen? Hat er ein Recht dazu? Er gliche einem, der zu allem Ja und Amen.sagt. Und wie kann er sich vor Gottes Gericht verteidigen, dem Herrscher der Welt, wenn die Stunde nach seinem Tode kommt, da er vor Seinem Angesichte erscheinen mutz. Deswegen, verehrte Herren, wisset, daß alles, was wir gesagt haben, Gottes Wort und Lehre ist. Wisset, datz das llnterrichtssystem, das wir als Erbschaft von unseren Urahnen übernommen haben, eine Wohltat für uns gewesen ist. Denn aus der Mitte der Zöglinge unserer Chedorim und Melamdim sind die Weisen und Gelehrten Israels hervorgegangen, die großen Gaonen, die uns auf den Weg der Thora und der moralischen Vervollkommnung geführt haben, die uns in den Wegen des Herrn und Seiner Thora unterwiesen haben. Wäre kein Eheder, gäbe es keine Thora und kein Gebot, und kein Israel. Nur die jungen Leute, die bei den Me-- lamdim erzogen wurden, nur sie besitzen die Fähigkeit und die Bereitschaft, unsere heilige Lehre zu erlernen. Denn sie haben in dem Eheder Thora, jüdische Moral und gute Sitten gelernt, wie es vorgeschrieben ist; nur bei ihnep ist Liebe zu Gott, Treue zu Regierung, Vaterland und Monarch entwickelt. Nur diese sind fähig, sich dem Studium der Thora zu widmen, es zu vertiefen und hochzuhalten. Der Unterricht im Eheder ist aber nicht nur für den von Nutzen, der sich ganz dem Studium der Thora hingibt, sondern auch für den, der sich später mit andern Gegenständen, in anderen Sprachen beschäftigen wird. Er zieht aus dem Besuch des Eheders doppelten Nutzen. Cr gewöhnt sich an logisches Denken, tiefes Nächsinnen, er entwickelt und schärft den Verstand und besitzt besondere Fähigkeit und Fleiß für die Beschäftigung mit anderen Gegenständen. Und wer den Eheder besuchte, wird in einem Jahre erreichen, was ein anderer vielleicht auch in mehreren Jahren nicht erreichen wird. Das ist das Erste. Als Zweites kommt hinzu, datz' die Moralbegriffe und guten Sitten, zu denen der Eheder anleitet, Schutz gewähren gegen die Verlockung zum Freigeist und gegen kritische Einstellung — Gott bewahre — gegenüber unserenreligiösen Geboten und gegenüber Kaiser und Ministern. Und nun finden sich zu unserem großen Schmerze Leute, die unser Unterrichtssystem zu verschmähen wagen, es in den Augen unserer Auf und ab. (Zum Wochenabschnitt, frei nach „Malbim"). D*nn D’Visr v'p^x ’::xVa nm- Und siehe, die Engel Gottes steigen aus und steigen ab. Dazu Midrasch.- rmmx 'Vi am. Wie viele Stufen hatte die Leiter? Bier.- Erst steigen die Engel hinauf, das sind . ie Guttaten, die Reinheit und die Liebe in uns, Oje den Weg in die Höhe nehmen, um dafür o’TTPi 5en göttlichen Segen von oben auf uns herab zu Zeiten. In dem Matze, wie wir steigen, senkt stich die Segensfülle zur Erde hernieder. Mit den vier Stufen, die Midrasch der Leiter gibt und die sowohl von unten nach oben wie von oben nach unten führen, hat es folgende Bewandtnis: Vier Stadien von oben nach unten weist die Schöpfung auf, die die kabbalistische Religionsphilosiphie mit folgenden vier Namen bezeichnet: die Welt der Idee, die Welt, von der es im ,Adon O!am"-Gebete heißt, sie war noch nicht da und war dennoch da in Ihm. in Gott, der schon da war, bevor noch irgend ein Wesen existierte, nannn d. i. der Schövfungsplan im Großen, rnnrn dVijt. d. {. die Welt in ihrer Formbildung. ' ,'>wvn d’pijt, die Welt der Tat und ^Fortentwicklung mit und durch uns, die Welt, die am letzten Schöpfungstacre mit der Erschaffung des Menschen diesem zur Weiterbildung riiw'xi, x*n mr?x gegeben wurde. Diesen vier Phasen von oben nach unten entsprechen die vier Stufen der Weltentwicklung von unten noch oben. Wir nennen sie: *>n oan "mal. Das stumme Element auch Steine und Mineralien.- die Pflanzenwelt: Lebewesen und über alles gestellt der redende, denkende und fühlende Mensch, mit dem ihm gegebenen Willen als Steuer und Regulator seines Lebensschiffleins. In dem Tempo, wie sich die Welt vom..Schweiaenden" zum Redenden hinaufentwickelt, läßt sich die Schechina von ver obersten Welt des rvft’xx bis zu otfyn bViy, »Zur Welt der Tat" herab. Hier auf dieser Mittellinie der '■»tpy treffen sich Gott und Mensch. Nach Erschaffung des ersten Menschen war dieses Ziel, die Vereinigung von Gott und Mensch, in der ,Welt der Tat" erreicht. Es kam der Sündenfall. der Brudermord, der weitere Abfall; die Menschen sielen, die untere Welt sank ttefer und tiefer, und die Schechina hob sich, höher und höher, zog sich in rv^’xxn oVis? zurück. Die Kluft wurde immer größer und weiter. Da erscheint Abraham auf der Bildfläche. Er steigt und steigt. Und mit seinem Steigen neigt sich die Sckechina immer tiefer nnd tiefer. Und siehe, wieder treffen sich Gott und Mensch, wie dazumal am sechsten Schöpfungsmorgen. auf der Mittellinie der Tat. VNN3X bx 'n xtv» Gott ist Abrabam nahe, der Mensch hat im Steigen wieder seinen Gott aefunben. Auch Jakob sieht, von Nacht und Not umgeben, die Leiter, die den Menschen erst hinaus führt, damit der Gottesglanz und der Gottessegen zu ihm herab steigen kann. Vier Stufen, so sagt Midrasch, sie führen aber hinauf und hinunter, zuerst hinauf, dann hinunter, tprim o’biy- Meines Feuilleton. Der Rebbe '§on üarlin. J1C Zu den vornehmsten kästen, die in letzterer Zeit Palästina besucht haben, gehört der Rabbi von Karl in. Die »Karliner" in Jerusalem fetzen sich zum guten Teile aus hervorragenden Thoragelehrten und verdienstvollen Männern zusammen und besitzen zwei große Synagogen, in denen eine Einigkeit und Brüderlichkeit herrscht, wie man sie selten sonstwo findet. Der warme Impuls, die Innigkeit und Inbrunst zeichnen das Wesen der Karliner Chassidim. Der Rabbi der Karliner hat seinen Sitz in Stolin in Polen, von wo aus er die vielen Taufende seiner Anhänger leitet. Die innige Verbundenheit der Karliner Chasstdim mit Erez Iisroel zeigte sich schon oft bei jeder Gelegenheit und fand jetzt ihren schönsten Ausdruck mit der Reife des Karliner Rabbi nach Palästina. Rabbi Abraham Elimelch Perlow. der derzeitige Inhaber des Sitzes in Stolin. zählt erst 34 Jahre. Er ist der fünfte Sohn des Rabbi Israel der vor drei Jahren in Bad Nauheim am Rofch Hafchono plötzlich verstarb und auf dem Friedhofe der Religionsgesellschaft zu Frankfurt a. M. fein Ehrengrab hat. Wie der Vater so zeichnet sich auch der Sohn durch Adel der Gesinnung aus und fein Einfluß auf feine Anhänger