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Der Israelit · 1925-04-08 · Heft 15-16 (8.4.1925) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
66 (1925)
Issue
Heft 15-16 (8.4.1925)
Date
1925-04-08
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Beilage » £ Der Israelit lll. 15/16 1615 MM Di^ Messiasbraut. Die Geschichte einer verlorene» Hoffnung . . Non r. Zch«chu«»itz. (Fortsetzung.) Gegen Mitternacht bekam Sabbatai in seiner dunklen Zelle den Besuch des Leibarztes, des bekam Vaschi Guidon. Sabbatai kauerte aus der grauen Mauerbank und seine blassen Lippen bewegten sich. Er war wieder von allen guten Geistern verlassen, von einem goldenen Königsthrone in die Tiefe der Gefängniszelle gestürzt. Kein Licht leuchtete ihm in dieser Finsternis auf, kein Jachini kam, ihn zu stärkenkeine Sarah — wie hatte er sie in letzterer Zeit vernachlässigt — ihn zu trösten. Seine Lippen suchten Gebete und fanden nicht das richtige. „Auch wenn ich im Tale der Todesschatten wandele. ..." Wie ging es weiter in diesem Psalm? Der Satz hatte keine Fortsetzung für ihn. . . . Denn er fürchtete Böses. . . . Der Glaube an sich, auf „Migdol Os" bis zum Höhepunkt angestiegen, war wie Rauch verflogen. Er war sterblicher Mensch und zitterte vor dem, was der kommende Tag bringen werde, er zitterte für sein kleines Leben. „Es umringen mich die Bande des Todes und die Qualen der Gruft trafen mich, Not und Kümmernis erfuhr, ich. ..." Es ging nicht weiter im Texte. Er durfte nicht „Gottes Namen" anrufen. . . . Da stand des Sultans Leibarzt Guidon vor ihm, und Sabbatai schrak zusammen, da er beim Knarren der Türe an Büttel und Henker dachte, die ihn zum letzten Gange holten. „Ihr zittert Sabbatai, wie ein gewöhnlicher Staubgeborener," sagte der Arzt in einem Gemisch von Spott und Mitleid. Sabbatai bohrte beim matten, flackernden Oellämplein. seine. AuZen in die Guidons. „Ich kenne Euch nicht, wer seid Ihr? Ein bekanntes Gesicht und ein jüdisches. Was dringt Ihr?" „Es ist schon erklärlich, daß Ihr mich nicht erkennt," sagte Guidow „Als ich vor noch nü geraumer Zeit im Schlosse zu Abydos vor Euch ftand, war ich nicht allein, lagen Hunderte Euch huldigend zu Füßen. Da fiel nur knapp abgemessener Blick für den Einzelnen ab. Zudem hieß tch damals nicht Guidon, sondern B e n e d i t o de Castro und hatte jüdische Kleidung an. „Ihr seid der Arzt Benedito de Castro, derselbe, der seinerzeit mit Jsak Naar und Abraham Pcreyra als Vertreter Amsterdams und Hamburgs bei mir auf Abydos geweilt hat?" „Eben derselbe, aber nun Hekim Vaschi des Sultan Mohammed ., mit Namen Guidon und mohammedanischer Religion." „Wie kam das?" „Um es kurz und offen zu sagen: Glühende Hoffnung, die Erwartung des letzten Endes trieb mich über das Meer zum Hellespont. Was ich auf der Insel des Messias sah und fand, entsetzte und enttäuschte mich bitter. Ich sah nur Eitelkeit und Selbstgefälligkeit, Tücke und Taumel, Mansch und Vlendeschein, wo wir Heiligkeit erwarteten; indes draußen Hunderttausende in Not und Sehnsucht sich verzehrten und verkamen. Ich wollte nicht mit leerem Herzen und leeren Händen heimkehren und denen, die meiner Botschaft harrten, sagen: es ist nichts denn Blendwerk und Irrlicht. So schiffte ich mich mit meiner Kunst nach Pera ein, wurde Leibarzt des Sultans und nahm vorher den Islam an, nicht aus Gewinnsucht und auch nicht aus Verzweiflung an dem Messias allein, sondern auch in der Hoffnung, in dieser meiner bevorzugten Stellung meinen Brüdern dienen und helfen zu können. In Sabbatais Augen leuchtete ein Schimmer auf und er erfaßte Guidons Hand wie ein Ertrinkender die seines Retters. „Könnt Ihr auch mir helfen?" „Gewiß," sagte der Arzt, „darum komme ich ja in später Nachtstunde her. Aber zunächst die Frage: Glaubt Ihr, Sabbatai, nicht an das, woran viele heute glauben, um das Tausende heute nacht in den gefüllten Synagogen — keiner der Juden Konstantinopels wird heute ein Bett sehen — beten, nämlich, daß sich morgen vor den Augen des Sultans und seines hohen Rates ein Wunder ereignen werde? Ihr habt kein Vertrauen zu dem Wunder, auf das Ihr das Volk an zwanzig Jahre vorbereitet habt. ..." Sabbatai antwortete klein und zögernd: „Es ist vielleicht noch nicht die Zeit, daß sich das Wunder vollführe." „Wer soll aber das Wunder vollführen, wenn Ihr morgen sterbet?" „Darum aber m a g ich nicht sterben. Ihr sollt mir helfen, wenn Ihr helfen könnt, des späteren Wunders wegen. . . ." „Ich kann Euch den Weg der Rettung vermitteln!" „Sprechet, Bote des Herrn!" „Ihr tut es mir gleich und bekennt Euch zum Islam." Sabbatai fiel von der Mauernische. Kaltes Entsetzen ergriff ihn. „Es ist der eine von den beiden Wegen," fügte Guidon kalt wie zu seiner Entschuldigung hinzu. „Und der andere?" „Der andere ist der Tod, mit brennenden Fackeln um den Gürtel, aus öffentlicher Straße.vor den Augen alles Volkes in diesen gepeitscht — wenn kein Wunder kommt natürlich. . . ." „Und was wird das Volk zu einem Uebertritte sagen?" . „Es wird sich nach der ersten Bestürzung beruhigen und sagen: Er war von jeher ein Verräter. Andere aber werden sagen, der Weg zur Erlösung führe eben über den Islam. ... Ich kenne hier viele, die, wie ich, den grünen Mantel tragen, im Innern aber Juden geblieben find. Wir find dann nicht allein, wir werden uns um Euch sammeln, viele Mohammedaner für die jüdische Lehre gewinnen und weitere Erlösungsarbeit unter Juden und Nichtjuden leisten. . . ." „Der Messias kann sein Volk, seinen Glauben nicht verlassen," kam es wie eine letzte Kraftaufwallung aus dem Munde Sabbatais. „Dann betet um ein Wunder, Sabbatai, die Pechfackeln sind gedreht und die Henkersknechte stehen bereit. . . ." Sabbatai warf sich aus die Mauerbank und weinte. „Laßt mich allein, Guidon!" „In Wolkenhöhe steht das Wunder und auf Erden die brennenden Pechfackeln — dazwischen aber als einzige Rettung der Islam. Ueberlegts Euch recht," dies der Arzt noch beim Weggehen in die sich schließende Türe. ' 45. Die Entscheidung. Im großen Pavillon war der hohe Gerichtsrat um den Thron des Sultans Mohammed IV. versammelt. Der Sultan hatte auf große Feierlichkeit gesehen. Es sollte eine Kundgebung für Allah und den Koran sein und damit eine Bewegung, die sich zur Gefahr für das Sultanat hätte auswachsen können, blutigen oder unblutigen Abschluß finden. Je länger Mohammed über den Plan des Mufti Wanni nachdachte, um so mehr konnte er sich für ihn erwärmen. Wie die Sache nun ausgehen sollte, dem Islam gereichte sie zu Ehr und Preis! Von einem .viereckigen Vorsaal gelangte man in den großen Hauptsaal, der getragen war von schlanken goldverzierten Säulen bis zur Kuppelwölbung. Vom spiegelglatten Parkett erhoben sich im Mittelraum zwei Logenreihen, die um . alle acht Wände des Saales liefen und, soweit sie für weibliche Zuschauer bestimmt waren, mit vergoldeten Stäben vergittert waren. Von beiden Sälen konnte man direkt in den teppichbelegten Halbmondraum des Pavillon-Erkers schauen, wo im Vollichte der kristallglitzernden Glaswände der prächtige, goldschimmernde Thron stand. Der ganze Hofstaat war im Mittelsaale versammelt. Kurz vor der angesetzten Zeit zogen durch das Hauptportal dreißig Derwische in braunen Kutten und die hohe zuckerhutartige Filzmütze auf dem Kopfe, ein. Sie schritten langsam und würdevoll dreimal im Saale herum und hockten sich dann rechts und links in zwei Halbkreisen nieder. Als jetzt der Sultan in einer goldenen Sänfte, gefolgt von den Ratgebern, in den Pavillon getragen wurde, setzte sogar von einer oberen Loge aus eine Musikkapelle zu einer kurzen Begrüßung ein. Alle erhobensich und die Derwische führten tanzartige Verbeugungen aus. Aus einer Ecke des Vorsaales lösten sich Gestalten. Sabbatai in klirrenden Fesseln schritt zwischen zwei Soldaten unter Anführung des reckenhaften Tschausch durch die Säle bis zu den Stufen des Thrones. Während sich die Wächter seitlich zurückzogen, blieb Sabbatai stieren Blickes vor seinen Richtern stehen. Er sah gealtert aus und seine breite Stirn wies neue Runzeln auf. Sabbatai mutete so wenig sieghaft an, daß der Sultan wie der Großvesier beim Anblick dieser Staatsgefahr kaum ein Lächeln unterdrücken konnte. Der Mufti Wanni fiel aufs Antlitz, hob dann den Kopf und sprach ein Gebet: „Das Lob gebührt Allah, dem Welterhalter, Dem Huldverleiher und Gnadenwalter, Dem Gerichtstagshalter! Dir dienen wir, Dich flehen wir an! Führ' Du uns die grade Bahn, Daß wir nicht erregen Dein Mißfallen Und nicht in der Irre wallen!" Alle berührten mit der Hand die Stirn, worauf der Großvesier im Namen des Sultans die Verhandlung eröffnete.' „Als wir, Sabbatai, Sohn Mordechai Zewis, vor Jahresfrist voll Dir und Deinem verdächtigen Tun hörten, ließen wir Gnade vor Recht gehen, im Vertrauen, daß Du weiter nichts im Sinne hättest, als dieses: in Deiner Eigenschaft als Rabbi, Deine Jünger und Verehrer iy der Religion Moses zu unterweisen und in der Treue zum Sultan und dem ottomanischen Staate zu bestärken. Was wir aber inzwischen sahen und hörten, spricht dafür, daß Du Dir Königswürde anmaßest, das Volk beunruhigst und es gegen die bestehende Ordnung auswiegelst. Sprich, Sabbatai, warum hast Du die Gnade mißbraucht?" Hundert Augen waren auf den Angeklagten gerichtet und tausend Herzen in den Straßen, deren Zugänge zum 'Goldenen Horn abgesperrt waren, hinter diesen aber Millionen in der weiten Welt schlugen in diesem Momente hörbar durch die doppelten Wachtposten und dicken Mauern, durch die. Länder und Meerespanzer dem Manne ihrer tausendjährigen Hoffnung entgegen, hingen im Geiste an seinem Munde. Der Mann aber, der da bleich und zerknirscht stand, hatte den Kontakt mit all diesen Herzen verloren. Er zitterte um sein Leben. „Ich habe," bebte seine Stimme, nur den Vorderen im Rate hörbar, „nichts unternommen, was gegen Land und Herrscher gedeutet werden könnte. Daß mich die Menschen verehrten und in so großen Massen zu mir strömten, war nicht meine Schuld. Keiner hatte etwas Feindliches im

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