Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 14 (2.4.1925)
- Date
- 1925-04-02
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2450337-2450351--72077-2529413- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Dl. 14 192$ BE* Der Israelit MEL '(•r* Die Messiasbraut. Die Geschichte einer verlorenen Hoffnung Bon S. §chLch«»»1h (Fortsetzung.) Entsetzen ergriff die Juden bei dieser Kunde. Noch standen welche im tiefen Dunkel der scheidenden Nacht eine Weile unentschlossen da, mit brennenden Blicken nach den grauen Mauern und Zinnen des Schlosses spähend. Aber der „Turm der Macht" war in Nacht und Schweigen gehüllt. Kein Ton, kein Zeichen kam, kein Wunder erschien am Himmel, kein Lichtschimmer leuchtete in die dumpfen Herzen. Alle inbrünstigen, stummen Rufe nach Sabbatai blieben unbeantwortet. . . . Nur am östlichen Horizonte leuchtete ein Wunder auf, das Wunder des Alltags, ein roter Streifen, der den Morgen kündete, und vom Hafen riefen drei Sirenen nacheinander, die wie eine letzte Mahnung klangen. . . . Da liefen die Menschen in panischer Angst, von allen Geistern verlassen, über den sandigen Strand. Und als in der grauen Morgenfrühe der Sonnenball noch klein und rund und blaß von der östlichen Himmelsseite schaute, zogen drei von Juden vollbesetzte Schiffe ihre Taue ein, lichteten die Anker und fuhren nach drei verschiedenen Richtungen in die See hinaus. Jachini und Primo waren nicht dabei. Sie durften oder mußten, wohl als einzige von der nächsten Umgebung, bei Sabbatai bleiben. Nicht alle beneideten sie um diese hohe Auszeichnung. Sarah weilte die ganze Nacht, von unklaren Gedanken gepeinigt, in ihren Gemächern, die von außen und innen von bewaffneten Männern stark bewackt waren. Ihr war der freie Abzug nicht erlaubt, sie war als Teilhaberin, vielleicht gar als Treiberin der aufrührifchen Bewegung mitangeklagt, nachdem bewiesen war, daß sie Huldigungen und Geschenke entgegengenommen und sich wie eine Königin gebärdet hatte. Jedoch wandte man bei der zarten Frau die ehernen Fesseln nicht an. Der Tschausch hatte keine bestimmten Weisungen in diesem Belange. Auf alle Fälle war Sarah mitgefangen und hatte mit Sabbatai den Weg zum Tribunal des Sultans zu machen. Das alles war Sarah durch ihre Dienerin hamara unter vielen Tränen mitgeteilt worden. Sarah blieb kalt und still. Seitdem Kassato, ihr Schatten und ihr Schicksal, ihr Heiligstes zerstört und ihr die ganze Leere und Trostlosigkeit ihres Lebens gezeigt, beseelte sie nur ein Gedanke: es mußte anders werden und ginge bei dieser Wandlung auch alles zu Grunde! Darum tat sie bisher nichts, obwohl sie als einzige das Unheil heranschreiten sah, und sie klagte sich auch jetzt, nachdem das Erwartete eingetreten war, nicht im mindesten an, daß sie nicht rechtzeitig gewarnt, daß sie nicht, da es noch in ihrer Hand lag, die Gefahr abzuwenden suchte. Scham, Ekel und Zorn verzerrten ihre Züge; in den letzten Wochen der Erwartung empfand sie kWas wie Rachsucht und Schadenfreude bei dem Gedanken, daß es bald mit all dem Flitter und falschen Glanz zu Ende sein werde und die Draht-- Zieher um Sabbatai bald in blasser Angst zittern wurden. Wie haßte sie Jachini, dem sie in diesen Tagen alle Schuld für ihr verfehltes Leben zuschob. Kassato hatte ihr ja nur den Spiegel vorgehalten, mit kaltem Hauch ihr Kartenhaus umgetuasen, Jachini aber war es, der ihr Leben von Anfang an durchhöhlt hatte, um sie als Puppe, als des „Messias Buhlerin" für seine Zwecke zu gebrauchen. ... „Noch ein paar Tage, und Ihr werdet alle zittern." Nun war die Wandlung da und sie zitterten schon. Abet ging es nicht jetzt auch um sie selbst? Daran hatte sie bis dahin weniger gedacht. Sie dachte wohl oft, daß diesem Leben Nichtsein vorzuziehen sei. Aber nun war alles so nahe gerückt, grinsten überall rohe Wächtergesichter, klirrten Ketten. Sie schauderte zusammen bei dem Gedanken an Qual und Tod. Nichtsein hatte fast einen schönen Klang für sie gewonnen. Aber wenn der Weg zum Nichtsein über Marter, Folter, Galgen führte? . . . Alles Leben in ihr bis zu den Fingerspitzen bäumte sich in wildem Schmerze aus. Sie schrak heftig zusammen, als sie in den ersten Morgenstunden, nach völlig durchwachter Nacht, die Schritte Hamaras hörte, die in ihr Zimmer trat, ihr die Kleidungsstücke brachte und ihr mitteilte, daß sie sich beeilen müsse, denn die Wächter warteten und drängten draußen, um sie aus das Schiff zu bringen. Mit einem langen, tränenumflorten Blick nahm Sarah Abschied von der Stätte, in der ihr ein blendend Licht Glanz und Glück und Königskrone vorgegaukelt hatte. Als sie aber auf dem Wege zum Hafen Sabbatai in Fesseln, von rohen Männern an einer Kette wie ein wildes Tier geführt, erblickte, wandte sie den Blick rasch ab. 44. Am Vorabend der Entscheidung. Als das Schiff mit Sabbatai und seinem bis auf drei Personen zusammengeschmolzenen Anhänge in den Hafen von Pera einlief, war der Landungsplatz wie ausgestorben. Die Zugangsstraßen waren, um Ansammlungen zu vermeiden, streng abgesperrt. Es konnte aber dem Tschausch und den wachhabenden Beamten nicht entgehen, mit wieviel Neugierde, Interesse, ja stummer Anbetung die wenigen Matrosen und islamitischen Hafenarbeiter zu Sabbatai hinaufsahen. Diese stille Kundgebung beeinflußte auch die Beamten und die Wachen des Gefängnisses, wo Sabbatai, Sarah, Jachini und Primo für die Nacht ihre Unterkunft in Cinzelzellen erhielten. Noch am späten Abend saßen im weißen Saale des Kiosk die weisen Männer des Rates vor dem Sultan Mohammed IV. um die heikle Sache mit Sabbatai zu besprechen. Der Sultan grollte seinen Räten, daß sie ihn so lange über den Ernst der Bewegung im Dunkeln hielten und es so weit kommen ließen. Der Großvesier K ö p r i l i suchte die Sache als übertrieben und stark aufgebauscht darzustellen und sich mit seiner Kriegsabwesenheit zu entlasten. Er habe vor seinem Auszüge sich auf Abydos überzeugt, daß Sabbatai nur ein vielverehrter Rabbi fei, und er habe ihm sogar das Versprechen abgenommen, seine Gläubigen und Anbeter für die türkückie Sache zu beeinflussen. Köprili ließ durchbuccen, daß der Overkaimakam von Adrianopel Mustafa die Sache absichtlich übertreibe, um ihm, dem Großvesier, eine Grube zu graben, in die er selbst fallen müsse, da Abydos im Bereiche Adrianopels liege und es daher Mustafas Pflicht gewesen wäre, während der Abwesenheit des Großvesiers dort nach dem Rechten zu sehen. Der Oberkaimakam verteidigte sich aber gut mit dem Nachweise, daß Köprili vor seinem Ausluge ins Feld, Sabbatai mit Vorrechten ausstattete, die ihn einfach unantastbar machten und seiner, Mustafas, Gewalt entzogen. Erst nachdem er Wind von den letzten Vorgängen auf Abydos und den Taten Sabbatais erhalten hatte, konnte er es in Angst und Sorge um des Landes Wohl und den großen Sultan, Allah erhalte ihn, nicht länger ruhig ansehen, obwohl er wußte, daß er sich damit an hoher Stelle — er sah daoei den Großvesier an — in Ungnade setze. Der Tschausch erstattete Bericht über das, was er auf Abydos vorgefunden. Die Verehrung, die Sabbatai gezollt werde, sei mehr denn königliche, sie sei schon göttliche. Er mußte schon die schärften Mittel anwenden, um die Insel von den Gläubigen zu säubern. Aber auch der Türken und Christen stumme, vorwurfsvolle, ja drohende Blicke sprächen eine deutliche Sprache. . . . Man sah sie an, als wollten sie ein höheres Wesen in Fesseln halten. Mohammed IV. runzelte die Stirn und rückte nervös auf seinem teppichbelegten Thronsessel herum. Er dachte wohl an die Unzufriedenheit der arabischen Stämme, an die Gärung da und dort im Lande, oie sich in dieser und jener Form äußerte. Ein äußerer Anlaß konnte das Ganze zum Uebersieden bringen. Nie kam die Schaffung eines Märtyrers unerwünschter, als in diesem Augenblicke. Man konnte nicht wissen, wie tief dieser Mann, dessen Namen man ihm bis jetzt kaum genannt hatt, im Herzen der Menschen, die er im tiefsten Grunde auch nicht kannte, bereits saß. . . Mohammed war von den Ereignissen überrumpelt und verlor den Ueberblick. Mufti Wanni, der Oberpriester im weißen, mächtigen Turbane, überraschte mit einem Vorschläge: „Wir übergeben den Aufwiegler des Judenvolkes, wenn er morgen vor unserem Tribunale steht, nicht gleich dem Henker, sondern versuchen es, ihn f ü r d e n I s l a m, den heiligen Glauben Allahs, zu gewinnen." Heimliches Lächeln war die Antwort auf diese sonderbare Idee. Man kannte den Mufti Wanni, der aus allem Heil und Unheil Nutzen für Allah, Mohammed, Mekka und Medina zu schlagen suchte. Aber der Gedanke, daß ein jüdischer Rabbi und Erlöser zum Islam zu bekehren wäre, war doch zu lächerlich. Seine Worte überraschten. Einer im Rate horchte gespannt auf, G u i - d o n, der Hekim Baschi, ein älterer Mann von kleiner Gestalt und rührigem, unruhigen Wesen. Guidon war als Leibarzt des Sultans von größtem Einfluß und wegen seiner großen Klugheit und Begabung von den einen ebenso hoch geachtet wie von den anderen tief gehaßt und gefürchtet. Guidon war erst vor kurzem vom Abendlande über die Dardanellen nach Pera gekommen und hatte sich in kurzer Zeit bei einer schweren Erkrankung des Sultans in so hohem Maße das Vertrauen und die Dankbarkeit des höchsten Herrn erworben, daß ihn dieser zum Hekim Baschi ernannte. Guidon, ein guter Diener Allahs, konnte aber in Wesen und Sprache seine jüdische Abstammung nicht verleugne:, und der Mufti Wanni sah ihm ein wenig auf oie Finger. Der überraschende Vorschlag des obersten Geistlichen ließ ihn aufmerksam aufhorchen. Aber er sprach kein Wort. Der Großvesier Köprili gab seinem Unmut Ausdruck: „Verlorene Liebesmühe! Sabbatai ist keiner von denen, die durch Feuer und Schwert von ihrem Glauben abzubringen sind. An einem Fanatiker dieser wilden Art werden die Bekehrungsversuche unseres verehrten Mufti Wanni, Allah sei ihm gewogen, zu Nichte." „Weiß ich," parierte der Mufti. „Ich gehe noch weiter in meiner Befürchtung und vermute, daß Sabbatai nach Art der Fanatiker und Märtyrer, nicht nur den heiligen Koran nicht anerkennt, sondern ihn mit Lästerworten zurückweist, unseren heiligen Glauben beschimpft. . . ." Das allgemeine Staunen wurde noch gesteigert. „Und was hätten wir dabei gewonnen?" fragte Köpril.