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Der Israelit · 1925-03-26 · Heft 13 (26.3.1925) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
66 (1925)
Issue
Heft 13 (26.3.1925)
Date
1925-03-26
Page
– (sequence 13)
Language
German
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feuilltton Beilage Der Israelit In.» 1925 lr- ( Die Messiasbraut. Die Geschichte einer verlorenen Hoffnung. von S. Schachno«!tz. ^Fortsetzung.) Von Sabbatai eilte Kassato-Nehemja, wie von Dämonen gejagt, zu Sarah wieder. Dieses Mal hatte sie ihn erwartet, zitternden und hoffenden Herzens zugleich. Sie durfte hoffen, daß Kaffato, von Sabbatais Glanz geblendet, von ihm angezogen und überzeugt, nun als ein Anderer vor sie treten würde. Aber aus dem letzten Winkel ihres Herzens traten wieder Zweifel und Angst hervor, als jetzt Kastato unwirsch, mit wilden Augen in ihr Gemach stürzte, wie ein Mann, der die letzte Karte, auf die er sein Alles setzte, auf den Spieltisch wirft. „Er gibt sie nicht willig/' sprach er fast herrisch, „die Krone nicht und auch nicht das Weib. Erstere habe ich ihm. bereits genommen, letzteres hole ich mir. hier. Du gibst es mir, indem Du Dich gibst...." „Wahnsinniger," rief Sarah und näherte sich der Türe. „Bleibe Sarah und höre mich an," sprach'er hart und befehlerisch. „Was willst Du tun?" „Cs vorzeitig zu verraten, wäre falsches Spiel. Aber im Lichte Deines Antlitzes zerschmelzen alle ^Hüllen meines Herzens und offenbar stehe vor Dir, was in meinem Sinne wohnt. Höre Sarah, es geht auch um Dich, um Dein Leben. . Sarah sah ihn verständnislos an. Kaffato senkte seine Stimme: „Wenn ich von hier gehe, dann führt mein Weg nicht wie damals -zu einem Kannakam, der gegen Bakschisch sich dahin und dorthin wenden läßt, sondern nach A d r i a n o p e l, wo der G r o ß v e s i e r zur Zeit weilt und mir den Weg zu den Stufen des Sultanthrones in Konstantinopel bahnt. Ich habe so viel Material hier gesammelt, daß schon dessen ein Teil für ein ganzes Dutzend Galgen ausreicht. . . . Ich muß zu diesem letzten Mittel, greifen, um das Hindernis aus dem Weg zu räumen. Du bist mit dem Verderben geweiht, Sarah. Darum sage Dich los aus diesem Banne, in den Dich ein verfehltes Leben gezaubert und komme mit mir. Noch ist es Zeit. . . ." Eine Weile dachte Sarah angestrengt nach, llnd als sie endlich die ganze Schwere der Worte begriff, sprang sie in panischer Angst auf und schnellte an die Türe. Kaffato stellte sich davor. „Ich weiß, wohin Du willst. Du eilst hinaus, den Anderen meine Absichten zu verraten, daß sie mich, bevor ich' die Insel verlasse, wie einen räudigen Hund erschlagen und meine Leiche im Meere hinunterspülen lassen. Tue es nur, Sarah. Ich lasse Dir den Durchgang frei. Meinetwegen lasse ich es auf dieses Gottesurteil an kommen, daß es künde, ob vom Himmel ineine Mission gewollt, oder mein Verderben beschlossen ist. Aber bevor Du gehst, lasse Dir ein Wort sagen, daß Du Klarheit erlangst über Dich stlbst und Dein Schicksal. Weißt Du, was Du Sabbatai bist?" Da sie still fragend ihr glühendes Auge auf ihn richtete, stieß er kalt und erbarmungslos das entschliche Wort heraus: „Eine Buhlerin, nichts mehr und nichts weniger. Nur daß er Dich noch liebloser behanoelt und Dir selbst die natürlichen Rechte der Buhlerin vorenthält." „Schändlicher!" schrie Sarah, als wollte sie sich mit geballten Fäusten auf ihn stürzen. „Ich sprachs nur," fuhr Kaffato mit kalter Ruhe fort „und er t u t es. Kann das Wort schwerer wiegen und schmerzlichere Wunden schlagen als die Tat? Weißt Du, was Jachini in Amsterdam, in Frankfurt und in Livorno zur Rechtfertigung Deiner Rolle bei diesem Messiasspiel den Leuten sagte? Weißt Du, was Sabbatai selbst am Tage der Vermählung, Minuten bevor Du ihm unter dem Trauhimmel zugeführt wurdest, in verzückter Stunde für Worte im Munde führte?" „Sprich Kaffato, laß mich den Kelch bis zur Neige leeren," wimmerte Sarah totenbleich. Ihre Lippen bebten. „Sie alle und Sabbatai selbst erzählten vom Propheten Hosea, der sich ein buhlerisch Weib nahm, auf Gottesgeheiß als Wahrzeichen für das abgekehrte Israel. Auch er, Sabbatai, braucht die Vuhlerin, als Symbol für sein Gaukelspiel." Kaffato weidete sich an der Wirkung dieser Worte und griff tiefer in die Wunde. „Hättest sehen sollen, wie er mit keiner Miene zuckte, als . ich ihm seine Sarah streitig machte. Billig, leichten Herzens würde er das Weib hergeben, wenn er die Buhlerin nicht brauchte. . . Auch diese gäbe er . preis, wenn ihm nur alles andere belassen würde. . . . Wird doch schon von Gaza aus verbreitet und in alle Welt weitergetragen, Sabbatai schicke sich an, die richtig e Königin aus dem Lande der Mosessöhne heimzusühren,. der Sarah als . Sklavin die Füße waschen würde. . . ." „Lügner! Verleumder!" schrie es aus einem schwer verwundeten Frauenherzen. „Hier das Sendschreiben"aus Gaza!" Sarah war mit einem Entsetzensschrei zu Boden gesunken. Indes Hamara mit Hilfe anderer herbeigeeilter Dienerinnen sich um die ohnmächtige Sarah mühte, schlich sich Nehemja- Kassato davon und nahm im Schutze der Nacht den Weg nach dem Hafen. Dort stieß er auf eine dunkle Gestalt. Es war I s a k N a a r, der den Morgen erwartete, um mit dem nächsten auslaufenden Schiffe sich nach Holland zurückzubegeben, nachdem seine Freunde Pereyra und Bendito de - Castro , ihn verlassen und besonders letzterer seine eigenen Wege gegangen war. Naar sah den an ihm schattenhaft Vorüberhuschenden nicht, sah nicht, wie dieser sich eilig in den Schutz der türkischen Matrosen begab und im Dunkel des Schiffsinnern verschwand. Jsak Naar saß auf einem Steinhaufen, den Kopf in die Hände gestützt, mit dem Gesichte nach dem Osthimmel, in Erwartung des Morgens. Sein Gebet schluchzte zum offenen Meere hinaus: „Wächter, wie ist's um die Nacht? Wächter wie ist's um die Nacht?! Es sprach der Wächter: Es kam der Morgen, und ist doch wieder Nacht! . . ." 43. Die Wendung. ~ .e Ereignisse nahmen ihren Lauf. Sabbatai hatte das unangenehme Zusammentreffen und das erfolglose Verhandeln mit dem Gegenspieler rasch vergessen. Er glaubte, über einen Narren zur Tagesordnung hinweggehen zu können, und um so ungefährlicher erschien ihm dieser, als er auf Wegen wandelte, die noch weiter ab vom überlieferten Judentum lagen als seine eigenen. Sabbatai war gerade dabei, mit Jachini und Primo einen neuen „Erlaß an Israel in der Zerstreuung", eine Roschhaschanabotschaft, auszuarbeiten. Die hohen Feiertage durften in den Synagogen des Erdrundes nicht gefeiert werden, ohne des Erlösers zu gedenken. Eine neue Tat mußte mit Sturmgewalt in die jüdische Welt einschlagen, da das Erlösungsjahr zur Neige ging. Man saß zu Gericht über den „I o m K i p p u r." Während Samuel Primo keine eigene Meinung äußerte und in getreuer Hörigkeit an den Lippen Sabbatais hing, hatte der kluge Jachini Bedenken. Man konnte nicht den Jom Kippur glatt von der Tagesordnung absetzen wie den neunten Aw. Für die Fasttage um die Zerstörung konnte der Grund mit dem Erscheinen des Messias hinfällig geworden sein. Zudem tonnte man sich auf Verheißungen der Propheten berufen, die die Verwandlung des Fastens in Freudenfeste für eine spätere Zukunft voraussagten. Jom Kippur war ein klares, fundamentales Thoragesetz, an das man sich nicht so ohne weiteres heranwagen durfte. Sabbatai selbst fühlte aber jetzt die Kraft und den Mut auch zu solchem Wagnis. Sein Selbstgefühl war in der von Huldigung und Anbetung umrauschten Einsamkeit auf Abydos ins Unermeßliche gewachsen. So beriet man über den Jom Kippur. Abraham Jachini hielt es für gut, vorerst nur eine neue Gebetordnung aufzustellen, bei Beibehaltung des Fastens. Vielleicht mit Gesängen und öffentlichen Tänzen, wie man sie in der alten Zeit nach Angabe der Mischna kannte, unter Ausschaltung aller trüben Gebete und tränenreichen Lieder von Leid und Not. Das schien Sabbatai zu wenig. Alles drängte dem Ende zu, und er mußte aufs-Ganze gehen, wenn das Volk draußen nicht Geduld und Glauben verlieren sollte. Samuel Primo sagte nichts, saß nur mit aufhorchenden Ohren und zurechtgespitztem Gänsekiel vor den aufgerollten Pergamenten, um die Beschlüsse, gleich wie sie ausfallen sollten, mit der ihm eigenen Kunst in lapidaren Worten in die richtigen Formen zu bringen. Auf Abydos selbst, wo sich Menschen aus allen Gegenden der Erde für die bevorstehenden Feiertage schon sammelten, wären sie ohne Zweifel bereit gewesen, Sabbatai bis zum letzten zu folgen, auch bis zum öffentlichen Jom Kippurschmause. — Da kam die Wandlung, urplötzlich, wie aus Wolkenhöhen, bevor noch. Sabbatai Zeit gefunden, das entscheidende Wort zu sprechen, bevor noch Primo die Feder in die Tinte getaucht, bevor die Boten, die darauf brannten, mit den Edikten in die Welt^hinaus zu segeln, noch die Insel verließen. Aus A d r i a n o p e l kam ein Schiff an, dein der gefürchtete Kaimakam Mustafa mit einem ganzen Stabe von Beamten und Dienern entstieg. Zur gleichen Zeit gingen, von Konstantinopel kommend, Soldaten und Polizeibüttel an Land. Entsetzen bemächtigte sich der Hafenbeamten bei diesem unerwarteten, unangemeldeten Besuche. Schon aus dem Wege zum Schlosse rissen sie alle Mäste und Schlagbäume und Wegezeichen, die hebräische Aufschriften, Embleme und Davidsterne trugen, nieder. Am Schlosse selbst holten sie die Fahne mit dem goldenen, sechszackigen Stern auf blauweißem Grunde mit der Aufschrift „Migdol Os" herunter, zerschlugen und zerrissen sie in Stücke. Eine Riese mit einer mächtigen Värenmütze auf dem Haupte, in großen, blanken Röhrenstiefeln und einem kurzen Uniformpelz, vollgespickt mit Messern und Dolchen neben dem langen, krummen Säbel an den Lenden, stellte sich als den „T s ch a u s ch", einen Sendboten und Bevollmächtigten der höchsten Stelle am Goldenen Horn, vor. Im Hofe des Schlosses zitterten die Schloß- und Hafenbeamten vor dieseme Manne mit den Glutaugen wie Espenlaub, das vom plötzlichen Orkane geschüttelt wird. Die Juden mieden die Nähe des Schlosses und verkrochen sich in ihre Quartiere. Der Kommissar von Abydos, Hakim Alrnali, soute Rede und Antwort stehen über das von ihm so lange geduldete rebellische Treiben. Er

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