Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 12 (19.3.1925)
- Date
- 1925-03-19
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 14 Nr. 12 Der Israelit Sessel zurück. Es wcm eine Ueberraschung, und keine unfreudige für ihn... Der Mann, von dem er gefürchtet hatte, daß er die Kraft feiner Gegnerschaft aus seiner, Sabbatais, Lehre und loser Handhabung der Religionsgesetze schöpfte, stand dem Volke und seiner Seele noch viel ferner als er; den hatte er nicht zu fürchten. Er durfte sich jetzt sogar eine Anwandlung von moralischer Entrüstung leisten. „Du sprichst vom Sohne des Zimmermanns und wllft Erlöser sein?! Du, der Spaniole und Nachkomme von Marranen, die die Anbeter dieses Zimmermanssohnes auf den Scheiterhaufen zu Madrid und Lissabon rösten ließen! . . ." „Ja, sie taten es, weil sie die Lehre ihres Meisters verleugneten. Darum sollen aber die Völker ihre Schuld an Israel wett machen, indem sie ihnen zuerst die Pforten öffnen und dann zur Wiederkehr nach dem Heimatlande verhelfen. Es drängt die Arbeit, Sabbatai, gebt mir mein Weib wieder." „Du bist ein Wahnsinniger, Nehemja, und hast es diesem Wahnsinn zu danken, daß Du heil an Leib und Leben von dannen gehst." Sabbatai wandte sich ab. Welten trennten diese beiden Männer. Es gab keine Brücke, die sie verband. Als er hinaus ging, stieß er mit Samuel Primo zusammen, der an der Türe gelauscht hatte und scheinbar jetzt hinauseilte, um Männern, die weiter draußen Wache standen, Weisung zu geben. Nehemja übersah die Gefahr und nahm den Weg durch die dunklen Jnnengänge des Schlosses nach den Gemächern Sarahs. (Fortsetzung folgt.) Mescholim. Gon §. ZZrückheimer in ZkkarKtöreil. „Muschelich" sagt der Volksmund in einer Mischung von schlechtem Hebräisch mit noch schlechterem Deutsch. Und meint damit eine kleine, zumeist heitere Erzählung aus vergangenen Zeiten jüdischen Kehillolebens. Eine Anekdote von einem Witzbold, von einem gutmütigen Narren, von jüdischer Angst, von feiertäglicher Gemütlichkeit. Ein Stücklein von jüdischer Schlagfertigkeit gegenüber bäuerlicher Einfalt. Mitten hinein in eine oft ernsthafte Unterhaltung springt eine solche alte Geschichte. Sie schließt sich oft nur lose dem Redefaden an. Aber man lauscht gerne. Lacht erlöst. Und spürt eine wohlige Beruhigung. Wie wenn man aus dem sausenden Getriebe einer Großstadtstraße seitwärts geht in eine übersonnte Allee oder in einen Park mit dichten Büschen. Nur in Landgemeinden gedeihen und leben solche Geschichtlein weiter. Die Tradition der Stadt ist zu jung, das Leben zu überhastig. Auf dem Dorfe findet man auch noch die Zeit recht behäbig zu erzählen. Das „Muschele" verträgt eine schnelle Abfertigung nicht. Es stirbt daran. — In sorgenlosen Ferientagen habe ich eine Reihe dieser anspruchslosen Erzählungen gesammelt. Eine erste Auslese biete ich aus vielfarbigem Strauß. Sie alle haben den für sie sprechenden Vorzug, daß sie einmal warme, lebendige Wirklichkeit gewesen sind. Nichts ist ersonnen. Sie sind geknüpft an mit ihren Namen genannte Personen, die längst auf dem Hügel schlafen, der über das Dorf hinweg in rauschende Nadelwälder schaut. Sie sind aber zugleich auch Kulturbildchen. Sie zeigen die einfachen Verhältnisse unserer Alten aus, mit denen diese das Leben glückhafter bezwangen als ihre verwöhnten Enkel. Die Besitzgier der Heutigen ersetzten unsere Väter durch etwas mehr vertrauensvolle Frömmigkeit. Und wenn sie die Mazzos auf Pesfach und ein Stück fettes Fleisch für Schabbos hatten, setzten sie sich auf das Rathausbänkchen oder zu der „Gimmele" und spielten Karten. ... — 1. An fünf Tagen jeder Woche geht Herz nach Dörlesberg. Hausiert dort mit Bändel und Halstücher, kauft Lumpen und manchmal auch eine Geis. Den Bauern besorgt er Briefe, läßt ihre Uhren machen und bringt aus der Apotheke die Arzneien. An einem Montag passiert ihm ein Mißgeschick. Mitten auf dem Wege am Waldrande. Mit seinem Schnupftuch schleudert er ein Gläschen aus der Tasche und die braune Arznei sickert in die Beschotterung der Straße. Herz zittern die Knie. Für das braune Zeug hat er dem Apotheker mehr hingelegt, als er in einer Woche verdient. Was soll er der Bauernfrau sagen, die seit Donnerstag über Magenschmerzen klagt? Herz dreht um und geht wieder heim zu seiner Frau. Die putzt ein leeres Glas, füllt es mit vom Schabbos her noch übrig gebliebener Zwetschenbrühe, wickelt es in Seidenpapier und steckt es ihrem Manne in die oberste Westentasche. Herz macht sich wieder auf den Weg. Bedrückt und voller Aengstlichkeit. In Dörlesberg stellt er die „Arznei" hastig auf den Tisch, zeigt die Rechnung, nimmt das Geld und fragt weder nach Knochen noch nach altem Zinn. Alle seine schönen Redensarten sind ihm entfallen. Er stottert irgend einen Wurüch heraus und ist schon am frühen Nachmittag wieder zuhause. Einige Wochen lang geht er überhaupt nicht nach D. Zur Verwunderung aller besucht er andere Dörfer. Als er aber doch wieder hinkommt, schlägt er einen weiten Bogen um jenes Bauerngehöft. Aber die Bäuerin kommt ihn gerade entgegengelaufen. Sie packt ihn am Rockärmel und zieht den Erschreckten mit sich: „Aber Herz, warum sieht man Dich gar nicht mehr? Warst am Ende auch krank? Seit vierzehn Tagen Hab' ich Dir schon einen Napf frischer Eier zusammengericht! Denk Dir nur! Kaum Hab' ich ein paar Löffel von der Arznei getrunken — und g'sund war ich, ganz gesund."- 2. Buchbinder Warum trägt schwer an seinem Zwerchsack, der ihm fortwährend von der müden Achsel herabrutscht. Kohlraben, Mehl und ein paar harte Winterbirnen bringt er heim. Der Weg ist vom letzten Regen noch aufgeweicht. Und wenn man zwei Schritte vorwärts gegangen ist, rutscht man einen halben zurück. Da kommt der Hofbauer Franz mit seinen Gäulen hinten nachgefahren. „Marum, willst mit?" „Jo, Franz, wenn Du hältst, will ich aufsteigen." Marum setzt sich mit einem Brummen des Wohlbehagens in den von Weiden geflochtenen Wagenkorb. An roten Sandsteinbrüchen geht's vorbei und Marum rechnet im Stillen aus, wieviel Schritte er noch mühselig hätte machen müssen. Bei einer Steigung dreht sich der Hofbauer auf seinem Sitzbrett um und sieht, daß Marum den schweren Sack immer noch auf dem Rücken hat. „Marum, warum legst denn Deinen Zwerchsack nit in den Wagen?" „Fahr zu, Franz, fahr nur zu! Deine Gaul' haben's sowieso so schwer." —*) 3. Der Schmiedeles Josef geht zum Mähen und trägt für seine Leute, in ein blaugewürfeltes Tuch eingebunden, knusperig gebackene Hefeküchle auf die Wiese. An einem Kreuzweg stößt er auf den Schmaje Löb, der auf Wollkauf geht. „Schmaje Löb," ruft der Bauer, der sich ein wenig Unterhaltung verschaffen wollte, „hör mal Schmaje! Wenn Du mir sagen kannst, wieviel Küchle da drin sind, kriegst sie alle neun!" Schmaje muß sich alle Mühe geben, nicht herauszulachen. Er zieht prüfend die Stirne in Falten, tastet am Tuche hin und her und sagt dann zögernd: *) Anmerkung der Redaktion. Diese Anekdote befindet sich auch in einer Erklärung des Dubner Maggid als Illustration für die Narren, die Mangel an Gottvertrauen zeigen, sich von Ihm lenken lassen aus der Fahrt durchs Leben, aber nicht wagen, auch ihr „Päckchen Sorgen" Ihm anheimzustellen. Es dient Ihm dabei der Psalmsatz: 1^3’ swi -prp ~r bv _ . ._ 19. März 1925 „So neun würd' ich annehmen." Der Schmiedeles Josef, bleibt mit' einem Ruck stehen und seine Ueberraschung geht in großen Aerger über: „Ja, mit euch Jüde, darf nrer nix anfange!" 4. Frum Hersch sammelt Lumpen, Knochen und altes Eisen. Die Bauern heben ihm diese Abfälle lieber auf als einem anderen. Denn sie belachen gerne seine Witzworte und seine Zweideutigkeiten. Er kann aber auch bissig werden, wenn er einige Male umsonst laufen muß. Der Bürgermeister von Wessenthal hat ihm seit Wochen schon wollene Lumpen zügefagt. Frum Hersch trifft ihn aber nie zuhause an. Als er wieder mal nachfragt, sagt seine Frau, daß der Bürgermeister mit den Gemeinderäten zum Schoppen im „Adler" sitze. Frum Hersch läuft hin, reißt die Wirtstüre angelweit auf und ruft ärgerlich in die weinfrohe Runde: „No, Bürgermeister, sind jetzt die Lumpen beisammen?" 5. In Külsheim wurde in früheren Zeiten eifrig „gelernt". Und kam ein wandernder Bvchur oder auch nur ein Schneider, der thorakundig war, so genoß er in der Gemeinde vielerlei Ehre. Das wußte Hinnele von Nagelsüerg und erschien in regelmäßigen Zeitabschnitten. An einem Sonntag Nachmittag hatten sich fast alle Gemeindeglieder mit Hinnele ins Mohren-Wirtshaus gesetzt, dasman kurz M o r e h nennt. Hinnele erzählte von seinen Wanderfahrten, von guten und bösen Leuten und gab zwischenhinein immer einen hübschen Midrasch oder eine Auslegung der Sidroh. Als das Bier eingeschenkt wurde, fanden es alle sehr bitter. In Anlehnung an den Bibelvers und in Beziehung auf den Namen der Wirtschaft sagte da Hinnele schlagfertig: Al ken koro schemoh „moreh". S£NKfli/fc* ^\]NSV7g* KOHLEN» GASHERDE sfahonäreu.rransporrable , KACHELOFEN j l mirpatentRaucngäsbrennung ■ j I WÄSCHEREIMASCHINEN J Horstkötfor.fCnodLG goaaaaaaaoQaaooaa a □ o □ B □ □ □ □ o □ □ □ Q □ □ n o Ul □ o D □ □ O D □ □ □□□□□□□□□□□□□□□□□ Vornehme Beleuchtungskörper BEIN & WEDEMEIER KAISERSTRASSE 40 'RoimefeldfsTee ■B w, seif 100 Jahren bewährt »von Millionen getrunken..