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Der Israelit · 1925-03-12 · Heft 11 (12.3.1925) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
66 (1925)
Issue
Heft 11 (12.3.1925)
Date
1925-03-12
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Der Israelit nr.n 1025 \ M - .V 7 Die Messiasbraut. Die Geschichte einer verlorene» Hoffnung. von 5. Schachvoivltz . (Fortsetzung.) Dann erzählte Naar, da er sich erhoben hatte, von den Leiden der Ziehenden, von der Not insgesamtvon der Hoffnung, die schon geschwunden, von Leben und Glück, davon nur noch Scherben zeugten. . . . „Wenn dem so ist, daß ich wirklich auserkoren bin, zu Füßen des Herrn und Gesalbten zu liegen, s.o. stehe, ich ihn an, so beschwöre"ich ihn, im Namen unseres tausendjährigen Leides, daß er gleich die Pforten des Erbarmens sprenge, daß es endlich genug fei! ..." So ergriffen «war Jsak Naar von der Weihe der.Stunde und dem Klange der eigenen Worte, daß er in dem Momente allen persönlichen Ehr-, geizsein Ich vollkommen vergaß und kein Wort vön dtzr langgeträumten Führerrolle sagte. Was lag ihm in dieser. Minute an sich? Mochte der Messias, wenn er, Naar, zu viel gesagt, ihn Mit dem Stabe feiner Hand, mit dem Hauch seines Mundes töten, Israel aber erlösen. .... Sabbatai 'sah groß, starr auf den Redenden und sprach, ja sang mit abgewandtem Blicke dunkle Worte aus Sohar, Psalmen und „Hohem Liede": „Siehe, er steht hinter unserer Mauer, schaut durch die Fenster, späht durch die Luken! . . . "> Naar wartete, daß Sabbatai noch was sage, wartete auf ein Wort, ein Zeichen. Da bewegte Sabbatai den Stab. Cs war ein Zeichen, daß die Audienz zu Ende war. Jsak Naar suchte die entlegenste Stelle zwischen den Kiefern und Palmen im Parke auf, stützte den Kopf m die Hände und weinte, indes sich Pereyra längst dem Feiertreiben im Saale angeschlossen und Bendito die Insel verlassen hatte.- Mehrere Wochen blieben die Sendboten aus Noten auf Abydos, und waren doch mit sich selbst nicht ganz ins Reine gekommen. Das Ganze war unbestreitbar gewaltig und überwältigend.' der Glanz und die Pracht des Messias und die ihm gewordene Anbetung übertrafen alles, was ihnen bisher berichtet, wurde und was sie sich selbst vom wahren Messias erträumt hatten. Und Löb Herz meinte halb überzeugt: „Wenn alle Zeichen so sichtbarlich für den Messias sprechen, so sei eigentlich nicht einzusehen, warum man nicht die Zeit als gekommen erachten solle, an der sich die Fasttage in Freudentage zu verwandeln hätten." Der ältere Jesaja war skeptisch und die Falten auf seiner Stirn zeigten Sorge und Zweifel. Aber etwas Greifbares einzuwenden wußte er nicht. ' Bor ihrer Abfahrt hatten sie noch einmal eine längere Aussprache mit Sabbatai, wobei dieser mit Freude und Genugtuung, beobachten konnte, wie gut Jachini inzwischen gearbeitet hatte und wie weich setzt der Böden war und aufnahmefähig für seine Saaten. „Weiß Sabbatai, der Herr — Jesaja vermied noch das Wort „Messias" —, daß noch andere zur Zeih die Krone des Messias für sich in Anspruch nehmen? Bei uns in Polen weilte vor kurzem ein Mann mit Namen Nehemja Hakohen, der viel von Erlösung sprach und sich als Messias gab." „Auch ich habe den Namen bereits gehört," sagte Sabbatai finster. „Ich werde der Irreführung ein Ende machen, und ich befehle, daß dieser Nehemja Hakohen ungesäumt zu mtr fomme und mir Rechenschaft ablege über sein Tun und Wollen." Diese bestimmte Sprache verfehlte ihren Eindruck aus die polnischen Boten nicht. Sie gingen nicht restlos überzeugt von dannen, aber vollkommen überwältigt vom Wesen Sabbatais, vom Glanze, der von ihm ausging, und von der Pracht seiner Umgebung. Sie waren geblendet, und die Blendung nahm mit ihnen den Weg in die Lande des europäischen Ostens, wo die Millionen litten und hofften. Sabbatai gab den Männern ein Geschenk für den Vater, Rabbi David Halewi mit, ein seidenes, goldgesticktes Gewand, das, wie er sagte, von ihm gesegnet, die Kraft hätte, Wunder zu bewirken und Heilung zu bringen allen, die damit in Berührung kommen. Mit dankenden Worten nahmen sie das Geschenk für den Führer der ' polnischen Judenheit an. Eine sah den Boten, da sie zum Hafen gingen, ohne Träne nach. Es war Sarah, die die schwarzen Männer aus Polen, die alte, unerfruliche Erinnerungen in ihr wachriefen, oft vom Fenster aus beobachtete und sie nicht ausstehen konnte. Es waren auch die einzigen unter den Tausenden von Gästen, die ihr keine Aufwartung machten, keine Huldigung darbrachten und ihr keine Geschenke zu Füßen legten. Die Männer hatten sie nicht besucht. Weit unerwünschter war ihr aber der Besuch, der an diesem Abend Sarah noch von einem anderen wurde. . 41. Sarahs Schatten. ... Es war schon später Abend, als Sarah in ihren Gemächern die schweren Vorhänge herunterzog und sich müde, mit brummendem Kopfe auf den Divan ausstreckte. Die Dienerin, die mit Licht kam, wies sie stumm hinaus. Wie die Nacht die schwarzen Schatten an die buntbemalten Wände zeichnete, taten sich vor ihrer Seele Bilder auf, die sie erschreckten, entsetzten, die sie aber nicht los bekam, auch nicht lös fein wollte. Seit Tagen und Wochen hatte sie Sabbatai kaum gesehen — er saß im Rate der Seinen oder in tiefer Einsamkeit. Und wenn sie ihn sah, sah er s i e nicht. Langsam aber stetig wuchs der nagende Wurm des Zweifels und des Argwohns in ihrem Herzen. Entsprang dieses absonderliche Benehmen Sabbatais einzig seiner Berufung, seinem Geweihtsein für höhere Aufgaben? Sie sprang auf und betrachtete ihr Spiegelbild im verdunkelten Fensterglase, hinter , dem die Sonne rot unterging. Sie war noch schön, majestätisch, diese einekleine Rune über den Augenbrauen chatte wenig zu sagen. Warum chatte er kein Auge für sie, da er doch wußte, wie sie hier, aller gewohnten Freuden bar, ein Leben in Einsamkeit führen mußte? Das Gefühl des Regierens, die Fiktion des Königtums hielt nicht durch. Es tat nur solange wohl, wie sie in sich schaute, an ihrem Selbst Genüge fand. Diese glücklichen Augenblicke des Eigenlebens wurden aber immer seltener, und dann dürstete sie nach Leben, nach wirklichem, lebendigem Leben, davon die ewigen stummen Huldigungen fremder Gesichter nur ein schwacher Abglanz waren. Glatte Worte und glitzernde Geschenke erfreuten sie nicht mehr. Der Messiasbraut waren alle Wege offen, dem Messiasw e i b e selbst der Weg zum Herzen des eigenen Mannes verriegelt.Sie glich schon dem Vogel, der im goldenen Käfig allgemach das Singen verlernte.(Sinmat, wie sie ihn so personnen tras, hatte sie sich ihm in wilder Wallung um den Hals geworfen und gedachte, ihm ihr übervolles Herz leer zu weinen. Nicht aus Liebe zu dem Manne, den sie kaum kannte, nur aus Hunger nach Welt, nach Menschenleben, nach natürlichem Weibsein. Er aber hatte kalte Augen und kalte Worte: „Kind Du zerreißt mir die Gedankenketten, die mich mit oben und unten verbinden. ..." Dann kamen Jachini und Primo, und sie ging. O wie haßte sie diese Männer, sie haßte sie alle, die ganze Welt, die ihr den Mann geraubt, bevor sie ihn noch besessen hatte. . Die beiden schwarzen polnischen Männer, die gekommen und gegangen waren, und ihr den einzigen Anteil versagten, die Huldigung, erregten zuerst ihren Haß, zeigten ihr aber deutlich, was von all dem Getriebe um Sabbatai für sie übrig blieb. Die Welt nahm ihr alles und gab ihr nichts. . . Was sie ihnen nachsandte, war, wie sie erst jetzt am Spiegelglase gewahr wurde, ein Fluch gegen sie alle draußen. . . . Die Runzeln über den Augen schienen ihr jetzt größer und beunruhigten sie. Erste leichte Zeichen schwindender Jugendblüte? An Altern hatte sie bisher wahrlich nie gedacht, und sie erschrak beim ersten Gedanken daran. Wie ein Krieger, der die Waffen seiner Triumphe plötzlich verrosten und brechen sieht. ... Sie streckte sich auf den Divan und schloß die Augen und sah nicht, wie der Abend immer tiefer und dunkler seine Schatten ausbreitete. Eine Dienerin kam mit Kerzenlicht und meldete einen'Mann, der Einlaß begehrte. Sarah winkte mit der flachen Hand ab, Licht und Besuch. Der Freund dränge, er müsse wieder abreisen, meldete die Dienerin zum zweitenmale. „So mag er reisen, wann und wohin er will. Nimm ihm die Geschenke ab, ich lasse danken," verfügte Sarah unwillig. Es widerte sie an, dieses ewige Spiel der Huldigung und Geschenküberreichung. „Der Mann hat keine Geschenke und läßt sich nicht abweisen," meldete die alte Hamara zum drittenmale. Und schon stand auch der Mann auf der Türschwelle in breitem, schwarzglänzendem Kaputzenmantel nach Art fahrender Mönche, auf den das Kerzenlicht in der Hand Hamaras gespenstischen Schein warf. Gamara stellte das Licht aufs Fensterbrett am Divan und entfernte sich geräuschlos. Wie sehr entsprach es der Stimmung Sarahs in dieser Stunde, so im Dunklen mit geschlossenen Augen in abgerissenen Gedanken zu verharren. Das Licht stach ihr in die Augen und der Fremde, dem sie das Auge öffnen mußte, erregten in ihr Ekel, Zorn und Haß, bevor sie ihn noch angesehen hatte. „Hamara!" schrie sie nach der Dienerin in unbestimmtem Wollen. Aber der Fremde hatte unversehens die Türe von innen geschlossen. Die Stimme Sarahs verhallte im Raume und wurde ihr von der dick gs-polsterten Innenwand in so verstellten Lauten zurückgegeben, daß sie noch mehr erschrak. „Wer seid Ihr und was wollt Ihr?" „Ich bin der. der immer kommt und immer wieder kommen wird, da Sarah seiner am wenigsten denket." „Kassato!" Sarah schrie den Namen heraus wie einen Hilferuf. „Sage nicht Kassato," erwiderte der Mann ruhig, „Kassato ist der Name des Jünglings, der einmal um Sarahs Gunst mit Tand und Geschmeide buhlte und zählte. . . Ich komme als Nehemja Hokohem, der Erlöser, von dem die Welt spricht, um zu s o r d e r n. . . „Was forderst Du?" „Zunächst Dich und dann die Krone des Messias von d e m, der sie sich zu Unrecht cmaemaßt. „Du bist von deinem Wahne noch immer nicht geheilt, Kassato?"

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