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Der Israelit · 1925-02-26 · Heft 9 (26.2.1925) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
66 (1925)
Issue
Heft 9 (26.2.1925)
Date
1925-02-26
Page
– (sequence 13)
Language
German
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ffs. 9 1925 bSJ?"' Der Israelit ras V > Die Messiasbraut. Die Geschichte einer verlorenen Hoffnung. von S. Schachnorvltz. (Fortsetzung.) Vor dem Dorfe standen Zeltwagen, einige Lehmhütten und eine lange strohbedeckte Lattenbaracke. Durch ein Vlechrohr, das vom schiefen Dache ragte, kam dünner Rauch. Vor den Wägen spielten Kinder barfüßig, schmutzig und abgerissen. Eine verhutzelte Frau stand vor einem Wassereimer und schälte Rüben und Erdwurzeln, seufzte und sprach mit sich oder mit den Rüben. Ein kleiner Mann in Hemdsärmeln hämmerte an beschädigten Stellen des Zeltes. Jsak Raar war mitten im Lager der versprengten Juden. Bald stand eine ganze Gruppe von Männern, Weibern und Kindern um ihn herum, mit hohlen Wangen, scheuen Augen, zum Teil auch mit ausgestreckten Händen ... Er erfuhr, daß es nur ein kleiner Teil der -Auswanderer war. Viele Hunderte wurden aber dahin und dorthin versprengt, fanden noch irgendwo Wege zur Grenze, zum Meere oder zurück zur Heimat, starben und verdarben auf einsamen Waldwegen. Die paar Dutzend Menschen, die sich hier gefunden, stammten aus der Gegend von Fürth, und auch aus einer Gruppe Wiener Juden, die Kaiser Leopold des Landes verwiesen hatte und sich in großem Transporte zum Hauptzuge der Palästinawanderer schlagen wollten. Mit heiserer Stimme aus ausgetrvckneter Kehle und starren Blicken aus Augen, die keine Tränen mehr hatten, erzählten die Fürther, wie alles gekommen war. Eines Tages waren fremde Männer da. Sie kamen nacheinander aus weiter Ferne; aus Hamburg und Altona, aus Venedig und Livorno, aus Smyrna und Saloniki in der Türkei kamen sie in ihre Rot, in ihre Bedrückung und sprachen mit glühenden Zungen von Zeichen und Wundern, erzählten vom Messias im Morgenlande, der sie rufe, der schon von der Türkei mit einer ganzen Flotille aufgebrochen sei, um sie -am Meere zu erwarten . . . Man glaubte, zitterte und weinte vor Glück, packte im Taumel auf und ging. Wagen an Wagen. Wie geheimnisvolle Musik lockte von der Ferne. . . . Auch Christen gingen mit, Zigeuner und junge Burschen, die von Judenmädels nicht lasten konnten. Mischvolk, wie damals beim Auszuge aus Aegypten, und es wurde ihnen, wie damals, zum Verderben . . . Aus den Gotteshäusern hatten sie die heiligen Rollen mitgenommen und am „hiligen Orte" vor der Stadt, wo die Wagen aller umliegenden Dörfer zusammentrafen, trugen sie in Säcken von der heiligen Erde, in der die Gebeine der Väter ruhten, in die Wagen. All das nützte nichts am Tage des Gerichtes.. . . Das Verdienst der frommen Väter und Mütter versagte. Nacht deckte den Himmel am lichten Tage und die Pforten des Erbarmens blieben verschlossen den Gebeten der Alten, dem Wimmern der Kinder, den Schreien der Mütter ... Wiewohl es noch früher Abend war, war der Wald' so finster wie die Mitternacht, und dann wieder hell vom krachenden Feuer aus Flintenrohren, die sie erst' im Scheine dieses Feuers blitzen sahen. Noch hörten und sahen sie, wenn sie die Augen schlossen, wie die Hörnersignale schrien und das krachende Feuer die Stämme erzittern machte und die Luft erschütterte, die Pechfackeln verlöschten. Dann der Feuerruf. Der Wald brannte. Und es kamen die Bauern zu retten und wichen zurück aus Angst vor den Reitern, aus Scheu vor dem Anblick der Juden ... Am Morgen, als die Landsknechte nicht mehr schossen, weil ihre Pferde scheuten und in die Glut springen wollten, begruben sie ihre Toten und waren gewiß, daß es morgen noch mehr zu begraben geben würde, daß in diesem Massenzuge keiner lebend dem feindlichen Bereiche der Nürnberger entgehen werde. Da teilten sie sich in kleine Gruppen, sprengten mit den letzten Resten der Habe dahin und dorthin. Hier aber blieben alle, die nicht weiter wollten und nicht zurück konnten. Greise, die mit stummem Entsetzen neue Uebrfälle sahen, wahnsinnige Frauen, die unausgesetzt leere Kissen in den Schlaf schaukelten und dabei lachend und weinend Kosenamen von Kindern riefen, die längst am Waldrain schlummerten. . . . Aber das Tal hinunter fuhren jetzt vollbeladene Erntewagen. Es schien Hochsommersonne. Kinder konnten bereits wieder lachen und spielen und auf knochigen Männergesichtern leuchtete schon neue Hoffnung auf neues Leben. Jsak Naar hob die Augen zum Himmel und sandte ein heißes Gebet hinauf. In seinem Herzen suchte Verzweiflung langjährige Hoffnung zu verdrängen. „Wie soll ich die versprengten Scheite zu einem Haufen sammeln; wie Leben in die toten Gebeine bringen? . . ." Dann sprach er zu den Leuten von Erlösung, von Licht und Freude, die er in ihr Wanderelend bringen, von leuchtenden Zielen, denen er sie entgegeführen wollte, vom Messias. Sie sahen ihn verständnislos mit leeren Augen an. Ob er sie in neues Unglück führen wollte, sagten sie, wie jene Männer, die mit ähnlich großen Worten zu ihnen gekommen waren . . . Und ein Weib mit zerzausten Haaren und zerrissenen Kleidern stürzte sich auf ihn mit geballten knochigen Fäusten. Ob e r der Messias wäre, heulte sie, dann möge er ihr doch ihr Kind wiedergeben, ihr Kind . . . Sie schlug um sich wie eine Wilde. Andere warfen sich ihr in den Arm und drängten sie zurück. Nein, der Messias selbst war er nicht, dieser saß auf seinem Schlosse in den Dardanellen und wartete auf die „Stunde des Wohlgefallens", die nahe, sehr nahe, sei! Er sei sein Beauftragter, gekommen zu helfen, zu trösten, zu lindern, zu sammeln. Er teilte Geld unter die Leute. Einige nahmen es, andere warfen es ihm vor die Füße. „Gehe zu i h m", grollten sie, „und sage ihm, warum hatte er uns gerufen, uns zu verderben?" „Fluch über ihn, der uns gerufen vor der Zeit, daß uns göttliches Strafgericht ereilte . . ." Jsak Naar betete für sie: „Rechne es ihnen, Herr, nicht zur Sünde an. Sie wissen nicht in der Not ihrer Seele, was sie reden . . ." Er eilte von dannen, andere Spuren zu suchen. Er fand sie hier und da, die traurigen Spuren, aber nicht die Menschen. „Nur ein Wunder kann noch Helsen," sagte er voll bitteren Schmerzes. „Und das Wunder kommt von ihm! . . ." Er steuerte wieder rheinabwärts und schiffte sich mit vielen anderen in Rotterdam nach dem Dardanellen ein. 40. Der „große Sabbat" auf Abydos. Lange Monate bereits führte Sabbatai seine unumschränkte Herrschaft und, ein regelrechtes Fürstenleben auf dem Dardanellenschlosse, das als ein „Migdol Os", ein Wahrzeichen der jüdischen Macht, wie ein Leuchtturm in die zu Ende gehende Nacht des jüdischen Golus ihr Licht aussandte. Dieser engumgrenzte, von Meer und Berg eingeschlossene Kreis, in dem nur Verehrung, Huldigung und Anbetung feine Sinne umrauschten, war gerade dazu angetan, das königliche Bewußtsein Sabbatais bis aufs Höchste zu steigern. Vollends am Ziele ihrer Wünsche und Ahnungen fühlte sich Sarah, schwelgend im Wonnegfühl, daß ihr alles auf der Insel in Liebe und Demut zugetan war und die Welt draußen von ihr und ihrem Gemahl sprach. Darüber vergaß sie fast ihren Gemahl selbst. Denn Sabbatai hatte in diesen Tagen weniger Zeit und Sinn für Sarah denn je. Es galt, täglich Abgesandte und Gäste zu empfangen. Pläne mit Primo und Jachini zu entwerfen, Sendschreiben und Botschaften an die Diaspora zu erlassen, auch Verordnungen und Gebete abzufassen zur Befestigung des Ruhmes des Messias Sabatai Zewi. Es durften kaum ein paar Tage vergehen, ohne die jüdischen Gemeinden vor eine neue Ueberraschung zu stellen. Die jüdische Welt mußte andauernd in Atem gehalten werden. Man hatte die neue Zeit auf Abydos am Rüstetage zum Pessachfeste mit der öffentlichen Opferung eines Passahlammes eingeleitet und in der jüdischen Zerstreuung nahm man die Kunde davon stutzend, bewundernd oder ungläubig entgegen, durchgreifend war die Wirkung nicht. Der Eindruck war auf die damals noch geringeZahl der Augenzeugen begrenzt. Man hatte das Pesiachwie das Schwuausfest mit eigenen Gebeten und eigenen Bräuchen gefeiert und die Zähltage dazwischen aus der düsteren Trauer der späteren Jahrhunderte in den Omerjubel der Urzeit zurückversetzt. Angesichts des siebzehnten Tammus und des ihm nach drei Wochen der Trauer folgenden neunten Aw sollte die jüdische Welt durch eine durchgreifende bis in die letzte Dorfgemeinde dringende Neuerungsmaßnahme froh aufzittern und des Messias einen lebendigen Hauch verspüren. Schon kurz nach dm Schwuausfeste erging ein Rundschreiben, gezeichnet auf „Migdol Os" an sämtliche jüdische Gemeinden der Welt, das den Fasttag des siebzehnten Tammus für alle Welt als aufgehoben erklärte, denn an diesem Tage sei ihm, Sabbatai, vor achtzehn Jahren die Erleuchtung und die messianische Berufung geworden. Der neunte A w aber sei ein Fest- und Freudentag für ganz Israel, der mit eigenem Festgottesdienste, mit Speis und Trank, mit Psalmengesang und Saitenspiel gefeiert werde. Denn der Tag der Zerstörung sei der Tag der Wiedergeburt. An diesem Tage war der Messias geboren, der in diesem Jahre die prophetische Verheißung wahrmache: „Und es wandeln sich Eure Trauertage in Tage der Freude und des Jubels." Diesem Dekrete folgte schon nach wenigen Tagen ein neues. Ohne die Wirkung der Absetzung der altgeheiligten Fasttage in der Diaspora abzuwnrten, hielt man es im Rate Sabbatais für gut, die jüdische Oeffentlichkeit mit einer neuen kühnen Tat, einer Einrichtung aus mefsianifcher Eingebung, zu überraschen. Auf einen Montag, den 23. Tammus, am „siebenten Tag nach dem Erwachen Sabbatais zum meffianischen Bewußtsein" wurde ein „großer Sabbat" gelegt, ein Sabbat der Sabbate, an dem Handel und Wandel vollständig ruhen mußten. Vielleicht war diese Veranstaltung als ein neuer Jom Kippur anstelle des alten gedacht. Im Rundschreiben war darüber keine Klarheit enhalten. Die Briefe, die als Erwiderung von den Vertrauensmännern Sabbatais auf Abydos anlangten, waren durchaus befriedigend. Soweit die Befehle Sabbatais noch rechtzeitig gelangten, wurden sie von der immer wachsenden Schar

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