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Der Israelit · 1925-02-19 · Heft 8 (19.2.1925) · page 19

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Journal
Der Israelit
Volume
66 (1925)
Issue
Heft 8 (19.2.1925)
Date
1925-02-19
Page
– (sequence 19)
Language
German
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—imiwamnw1- , V--M n'W|,- . ,i .. - , ..... ... m. o-o o—o oc) (J I °—o II o- D o f h s f i? c und sunt ^zvaclit Organ des 13er eins für die jüdi/chcn 3nfcrc/Jcn {Rheinlands e.D. ^ct?auj$c^^cu u«tt tiafcinnet? Dv. rvslf in €$Cn n. Rh. —-7n - «i w II w ° 1 rJ M *9- Jahrgang Frankfurt a. M., je). Februar X.925 / 25. Schwat 5685 Nr. J Bericht über die ordentliche Mitgliederversammlung des Vereins für die Maischen Interessen Rheinlands e. V. Im' großen ■ Saale der Rheinlandloge zu Köln hielt ber, Verein für die jüdischen Interessen Rheinlands am 25.. Januar seine diesjährige ordentliche Mitgliederversammlung ab. Um 10 Uhr vormittags eröffnete der Vorsitzende, Herr Nathan Kahn, Köln, die aus allen Teilen der Rheinprovinz, von Herren und Damen, fast 400 an der Zahl, besuchte Tagung, mit folgenden Worten: Sehr geehrte Damen und Herren! Namens und im Auftrag des Vorstandes des Vereins für die jüdischen Interessen Rheinlands heiße ich Sie herzlichst -willkommen und rufe Ihnen allen, die Sie von fern und nah hier erschienen sind, ein aufrichtiges Scholaum Aleichem zu. Indem ich die fatzungsgemähe Einberufung der heutigen Mitgliederversammlung feststelle, gebe ich der ganz besonderen Genugtuung darüber Ausdruck, daß Sie der Einladung zu der heutigen Mitgliederversammlung so zahlreich gefolgt sind; es ist uns dies ein erfreulicher Beweis für das von Jahr zu Jahr immer mehr steigende Interesse an unseren Bestrebungen und für das wachsende Verständnis für die Aufgaben unseres Vereins. Ich begrüße ganz besonders unsern hochverehrten Gast, Herrn Bezirlsrabbiner Dr. Braver aus Ansbach, der aus weiter Ferne zu uns geeilt ist und sich in so liebenswürdiger Weise bereit erklärt hat, uns den heutigen Tag geistig zu vertiefen. Sie, sehr geehrter Herr Rabbiner, sind uns ja nicht fremd, Sie sind uns em lieber alter Ferund, der seit den Jahren, in denen Sie der geistige Leiter unseres Schwestervereins in Westfalen gewesen, Gefühle wahrer aufrichtiger Wertschätzung und dankbarer Erinnerung nicht nur in den Herzen unserer dortigen Brüder hinterließ, sondern auch in den unsrigen. Ihre Teilnahme an unsern Beratungen bedeutet uns daher nicht nur eine Verschönung derselben, bekundet uns vielmehr Ihre Anhänglichkeit und Treue zu uns und den Willen, die Ziele unseres Vereins, zugleich die wertvollsten Aufgaben des Judentums, Tauroh und Iiroh, zu fördern. Nehmen Sie vielen herzlichen Dank für Ihr Erscheinen und gleichzeitig unsern Wunsch entgegen, sich in unserer Mitte wohl zu fühlen. Mit Wehmut gedenke ich aufs neue von dieser Stelle aus des Heimgangs unseres langjährigen Vorsitzenden Herrn M. L. Munk der nunmehr schon ein Jahr lang die Augen zum ewigen Schlummer schloß. Seiner klugen Führung, seiner vorbildlichen Tätigkeit, seiner Opferbcreitschaft für alles Gute und Edle verdanken wir die gute Entwickelung unseres Vereins. Möge uns sein Verdienst beistehen, sein Andenken bleibt gesegnet! Meine Damen und Herren! Seit der letzten Versammlung im Januar vorigen Jahres hat sich das Antlitz der allgemeinen Wirtschaftslage Deutschlands gewaltig verändert. Während wir damals unsern Bericht unter dem Druck und der schlimmen, traurigen Auswirkung der alle Werte zerstörenden Inflationszeit erstalleten, die sich in besonders verheerendem Ausmaße auf die geistigen Arbeiter erstreckte und eine furchtbare Not beim Lehrerslande erzeugte, dürfen wir heute, dank der Vorsehung, auf ein glücklicheres Jahr zurückschauen. Nicht als ob die Stabilisierung der Mark nun alle Wunden geheilt und alles Unglück beseitigt hätte. Nein, dm-Furchen, die die hinter uns liegenden Jahre gezogen, sind zu tief und schmerzlich, als daß sie in so kurzer Zeit - ausgemerzt werden könnten. Aber doch ist der berühmte Silnerstreifen am Friedenssirmament etwas größer und sichtbarer geworden und langsam, ganz langsam, beginnen sich die dunklen Gewitterwolken zu verziehen. Und so wollen wir dem Allgütigen danken, daß er uns diesen Tag hat erleben lassen, der eine Etappe auf dem Wege zu einer - glücklicheren Zeit bedeuten möge. Und wie wir uns nur erholen können aus der Niederung unseres wirtschaftlichen Daseins durch größere Entfaltung unserer Kräfte, durch erhöhte Arbeitsleistung, so können wir für unsern Verein zur Durchführung seiner geistigen und ideellen Aufgaben, zur Förderung seiner Bestrebungen in mate'ieller Hinsicht nur vorwärts kommen, wenn wir unter Anspannung all unserer vereinten Kräfte ans Werk gehen. - Eine Fülle von Arbeit wurde im vergangenen Jahre von nnserm Verein geleistet. Unser verehrter Herr Vereinsrabbmer, vessen aufvpierMgsvvllrr TütlMK Wir so viel zu verdanken haben, führte nicht weniger als 62 Reisen in die verschiedenen, uns angeschlossenen Gemeinden aus, um nach dem Rechten zu sehen, Vorträge zu halten, neue rituelle Einrichtungen zu schaffen, für die Erhaltung und den Wiederauf- und Aufbau bestehender zu sorgen.. Herr Rabbiner Dr. Jacobs hatte es übernommen, in Vallendar jeden Monat 2 Vorträge zu hallen, während Herr Lehrer Dr. Goldmann zweimal wöchentlich m den Gemeinden Mechernich und Commern Unterricht erteilte. In Bopvard lag die Vertretung unse-er Interesten in der Hand des Herrn Lehrer gein, der in den kleineren Gemeinden der Umgebung etwa 40 Stunden in der'Woche Religionsunterricht gab. Bezirkstagungen fanden statt in Neuenahr und Aachen, dis bei zahlreichem Besuch, verschönt durch Referate unseres Ve^einsrabbiners, einen würdigen und sehr befriedigenden Verlauf nahmen. Einen besonders wertvollen Erfolg dürfen wir darin erblicken, daß es uns durch die Bemühungen unseres Rabbiners auch weiter gelang, den traurigen Zustand zu beseitigen, daß jüdische Geisteskranke, die in n'chtjüdischen Anstalten starben und keine Verwandten besaßen, die ihnen den letzten Liebesdienst erweisen konnten, auf den fremden Anstallsfriedhöfen bee"d'gt wurden. Wir hatten es mit Hilfe des Herrn Landeshauptmanns schon seit Jahren erreicht, daü nunmehr diese ve-stor^enen Glaubensb^üder auf einem jüdischen F irdhof der Nächstliegenden Nachbargemeinde zur letzten Ruhe kommen. D*er solcher Fälle konnten wrr im verflossenen Jahre nach Goch überweisen. Wir müssen, um diesen bedeutsamen Erfolg durchführen zu können, natürlich ausreichende Mittel zur Verfügung haben, da die Kosten der Beschaffung von Oraun, Sterbekleidung. Uebe'^ührilno, Beerdigung usw., dir wir übernehmen müssen, sehr groß sind; unser Beerdigungsfonds ist erschöpft. Der Verein hielt es bei dem großen Mangel an Lehrkräften für feine Pflicht, auch seinerseits Mittel hierfür Bereit zu halten; zunächst ließ er einen für diesen Zweck geeigneten und vorgebildeten Herrn nach hier kommen, wo er am Lehrerseminar zum Lehrer herangebildet wird. Die uns angeschlossene Gemeinde Commern beaing die Feier des 75 jähAnen Bestehens; unser Vereinsrabbiner nahm an derselben teil. Der Volksfreund erschien, wenn auch leider nicht immer reoe^mäßrg, als mn^atlihe Berlage zum „Israelit" und vermittelte unsern Mitgliedern und einer weiteren, breiteren Oesfen^lkchkeit wissenswerte Berichte und Abhandlungen. Die Erhaltung und Ausgestaltung unseres Organs lreg't uns sehr am Herzen. Ebenso die Bibliothek. Es erscheinen darin zur Zeit fortlaufende Erklärungen zum Pentateuch in volkstümlicher Weise; von unserm Vereinsrabbiner verfaßt. D'ese Gabe erfreut sich großer Beliebtheit und steigender Inanspruchnahme. Wir möchten an dieser Stelle besonders auf die wertvolle Einrichtung Hinweisen, wodurch es jedem nicht nur möalich wird, die Schätze unserer Tauroh kennen zu lernen, sondem sich auf billigem Wege im Laufe der Zeit seine jüdische Bibliothek zu bereichern. Die 'Mazzotb^abrik von Jos. Markus r» Burgstornfurt, die Sana-EstePchaft (Tomor) Cleve und die" Konzernfabriken untersteben nach w'e vor der Aufsicht unseres Rabbinais. Der schwierigen Frage der Errichtung von Koscher-Restaurants widmeten wir nach wie vor unsere besondere Aufmerksamkeit; es war uns möglich, in Esten das Restaurant Rapvavort uns anzuqliedern. Mit weiteren Interessenten stehen wir in Verhandlungen und wir geben uns der Hoffnung hin, daß es uns gelingen torb, in diesem Jahre weitere Fortschritte auf diesem wichtiaen Gebiete zu machen. Meine Damen und Herren! Ich habe Ihnen kn großen Umrissen zu zeichnen versucht, was im abgeschlossenen Vereinsjabr an Wesentlichem geschehen ist. Wir alle wissen, daß der Krieg und seine Nachwehen die fruchtbarsten Gefilde und Gebilde zerstört hat. Wir alle haben es erfahren, wie unendlich schwer es ist, den Boden neu zu pflügen und aus ihm neues Leben erblühen zu lassen. Um so wertvoller sind die Saaten, die wir aufs Neue ersprießen sehen, um so freudiger dürfen wir auf das zurückblicken, was geleistet wurde. Es ist eine Pflicht der Dankbarkeit, die wir erfüllen, wenn wir von dieser Stelle aus all' denen, die in hingebungsvoller, nie ermüdender Arbeit dem Verein ihr Bestes zum Wiederaufbau feines Gebirtes gaben, unserm verehrten Herrn Deremsrabbiner und seinen treuen Helfern, unsern aufrichtigen und herzlichsten Dank aussprechen, nicht nur im Namen unseres Vereins, sondern. auch des gesamten Judentums. Denn die Ziele,, die wir in unserm Verein verfolgen, Förderung echt-jüdischen Enstes. Vertiefung des jüdischen Gedankens, Verbreitung.von Tauroh, Einrichtung von Schulen, Erhaltung des -Lehrerstandes usw. dienen ja auch zugleich der Erhaltung des Gesamtjudentums. Geht es doch um unsere eigene Sache, um die höchste, heiligste und sittliche Pflicht jedes jüdischen Vaters, jeder jüdischen Mutter: ihren Kindern das Kostbarste und herrlichste, die einzigen unvergänglichen Werte mit auf den Lebensweg zu geben: Emunoh und Wissen. Gibt es ein schöneres Erbe für unsere Söhne und Töchter, wenn wir sie dereinst verlassen müssen, setzen wir uns nicht ein Denkmal, das dauernder als Erz und Stein ist, wenn wir ihnen Ewigkeitswerte, die Saal des Edlen und Guten in ihre Herzen pflanzen? Mögen dann noch so heftige Stürme ihren Lebensbaum umtosen. Der Stamm ist fest verwurzelt und wird allen Gefahren trotzen. Wer sich darum der großen Verantwortung bewußt ist, die ihm die Erziehung seiner Kinder auferlegt, wird nicht wollen, daß der Geist der Zersetzung in die jüdische Jugend einzieht und die Art angelegt wird an all dem, was unseren Ahnen lieb und wert war. Denn die Jugend ist unser wtolz und unsere Hoffnung, auf ihren Schultern ruht die Zukunft unseres Volkes. Sind wir uns aber dessen bewußt, so müssen wir all unsere Kraft aufbieten, um ihr Gelegenheit zu geben, die Geistesschätze der jüdischen Religion kennenzulernen; müssen sie erfüllen mit Stolz über die große und herrliche Vergangenheit des jüdischen Volkes; müssen sie mit dem geistigen Rüstzeug versehen, das sie befähigt, den Kampf gegen die inneren und äußeren Feinde siegreich zu bestehen. Und in diesem Zusammenhang tritt der Gegensatz von Stadt und Land vor unser Auge. Während sich uns dort ein geistiger Aufstieg, ein beglückendes Bild emes immer stärker sich gestaltenden Zusammenschlusses der jungen Menschen zur gemeinsamen jüdischen positiven Arbeit zeigt, sehen wir leider aus dem Lande und in kleineren Städten eine Verflachung sondergleichen. Der Indi.ferentismus. die Gleichgültigkeit nimmt erschreckende Formen an. Woran liegt das? An der Kurzsichtigkeit und der Verantwortungslosigkeit der Eltern. Man glaubt, man habe seine Pflichten erfüllt, wenn man seinen täglichen Geschäften, seinem Berufe nachgeht, daß es genüge, möglichst viel zu verdienen und so geldliche Werte zu schaffen, Werte, die doch so vergänglich sind, daß nur eine Sturmflut — wir haben sie ja alle miterlebt — zu kommen braucht, um sie zu vernichten. Sehen wir dagegen nicht, daß geistige Werte sich wieder siegreich durchgesetzt haben und zu ihrem Recht gekommen sind? Wollt Ihr'daher, jüdische Väter, jüdische Mütter, Euern Kindern Ewigkeitswerte mit auf den Lebensweg geben, so erschließt ihnen das Blumenparadies des jüdischen Gesetzes! Dazu gebt ihnen Lehrer, die, selbst erfüllt von tiefer Ueberzeugung, sie begeistern für alles Hohe und Sittliche. Seid nicht engherzig,, spart nicht an der verkehrten Stelle, legt Euer Geld da an, wo es reiche Zinsen trägt, und Eure Kinder werden es Euch noch danken, wenn ihr längst nicht mehr bei ihnen weilt. Beschäftigt Euch aber auch selber mit ihnen, gebt ihnen selber durch eigenes Tun. ein gutes Beispiel, denn nur, wenn Haus und Schule Zusammenwirken, kann das hohe Ziel erreicht werden. Und noch eines! Schlimmer als je treten dis Gefahren der Sabbatentweihung an uns heran. Die wirtschaftlichen Verhältnisse nehmen Formen an, die für manchen sonst guten, braven Iehudi eine große Versuchung darstellen und insbesondere für die beruflich tätigen Angestellten. Ihnen zur Seite zu stehen, ist unsere heiligste Pflicht. Darum ergeht unsere eindringliche Bitte an unsere Mitglieder: Helft uns in der Beschaffung vorr Arbeitsgelegenheiten, machet offene Stellungen ausfindig, in denen am Sabbat nicht gearbeitet wird; organisiert in unserm Verein einen Arbeitsnachweis und teilt uns mit, wo junge Leute, seien es Handwerker, Arbeiter, Angestellte untergebracht werden können!

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