Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 8 (19.2.1925)
- Date
- 1925-02-19
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 14 Nr. 8 Der Israelit 19. Februar 1925 frischgewaschen das Haupt. Hier und da lag schon ein abgeschnittenes Fruchthügelchen und das Bäuerlein legte mit langem Rechen die Garbenbündel auseinander, daß sie nach dem Regen in der Sonne wieder trockneten. Am Wege standen viele Apfelbäume, überladen mit noch grüner, harter Frucht. Und unzählige Aepfel lagen daneben aus dem Boden, im Kornfeld, am Bachrand, wohin sie der Sturm gejagt, zerbeult, zerfault, angefressen. „Wieviele doch fallen und welken müssen, bevor die Frucht reift," dachte Raar. < Fortsetzung folgt.) Leipziger Allerlei. Line Vortragsreise. 2. „Leipzig." So oft ich von Leipzig höre, steigt aus dem Schatze meiner Kindheitserinnerungen die Gestalt des Oscher Leipziger. Im Stäbchen so geheißen, weil von ihm die Mär ging, daß er in den jüngeren Jahren, da er noch große Geschäfte machte, des öfteren zur Leipziger Messe fuhr; was ihn noch bis auf die alten Tage berechtigte, Rock und Bart kürzer zu tragen und eine gewählte Sprache mit „viel Taitfch" vermengt, zu führen. Er war damals bereits ein Greis, freundlich und gesprächig, ohne jegliche Beziehung mehr zu Leben und Geschäft, aber vom Schatten einer mysteriösen Größe, vom Schatten Leipzigs bis ans Grab geleitet. Oscher Leipziger hatte eine Manie, alles im Leben an Leipzig zu messen. Leipzig war für ihn Inbegriff aller Größe, aller Kraft, aller Weltenwunder. „Kleinigkeit Leipzig! Leipziger Straßen, Leipziger Häuser, Leipziger Ware, und erst die Leipziger Messe!..." „Wos wollt ihr mit eurem Kowno, euerem Wilna, oder sogar euerem Memel und Königsberg? Leipzig müßt ihr sehen! ..." Und er trug einen Filzhut (alle anderen hatten natürlich flache Mützen auf), der längst Farbe und Form überwunden hatte, von dem kein Forscher mehr seststellen konnte, ob er einmal in seiner ersten Existenz hart oder weich, hoch oder nieder war. Aber er zeigte jedem den Hut von außen und innen, wie gut und solid er noch war. „So was kann nur Leipzig machen!" Auch einen Pelz trug er im Winter, der anders war wie andere Pelze, leichter, kürzer, mit einem Astrachankragen (wir glaubten damals, Astrachan und Leipzig seien identisch), mit Eckchen und Schwänzchen im Pelzfutter, von denen freilich nur noch zwei vorhanden waren. Aber diese zwei zeigte er, ließ er sanft und liebevoll durch die Hand gleiten. „So etwas konnte man nur in Leipzig kaufen..." Jedes Jahr, mit dem er sich zeitlich von Leipzig mehr entfernte, fügte neues Bild den Phantasiebildern des halb kindischen Greises an. Insbesondere aber saßen wir Kinder mit offenem Mund, scharf gespitzten Ohren und erregten Sinnen um ihn herum, wenn er von den Wundern der L e i p z ig e r Messe erzählte, wobei seine Augen glänzten, als sahen sie ferne Visionen . . . Er hatte in Leipzig mit eigenen Augen Könige aus Asten und Afrika gesehen, richtige Könige mit Krone und Zepter wie auf den Spielkarten, die eigenhändig prachtvolle Gewänder und Gewebe des Morgenlandes verkauften, Phönizier brachten ganze Leiterwagen voll Gold und Kleinodien auf den Markt, daß der ganze Brühl versperrt war, und Midianiten, Jsmaeliten und viele andere waren da, mit „Zori", „Ziporen", „Chelbeno" und allen anderen Spezereien des „Pitum haktaures", die alle Wohlgerüche Arabiens ausströmten, und er, Oscher, hatte dabei einen Niesansall bekommen, daß er sich stundenlang nicht erholen konnte und dadurch ein wichtiges Geschäft mit einem Prinzen aus Alexandria in Aegypten verpaßt hatte. Und Juden sah er da, Juden aus allen Ländern, Welten und Meeren, mit ihren Waren, Produkten und Vermittlergeschäften, Juden von den „zehn Stämmen" und von den „Mosessöhnen" jenseits des Sambatjon . . . Vieles davon war natürlich stark übertrieben. Aber das mit den Juden aus allen Ländern, bis zu den „zehn Stämmen" und „jenseits des Sambatjon" kann ich bestätigen. In dem Kreise, in dem ich mich einen langen halben Tag und die größere Hälfte einer stürmischen Nacht in Leipzig bewegte, hörte ich alle Dialekte und Idiome, die Juden sprechen, von der litauischen Grenze, Polen, Podolien. Wolynien und Ukraine bis zum Kaukasus und noch weiter hinaus bis zu den Bergen, die zu Persien hinüberführen. All diese Dialekte und Idiome hörte ich, nur Deutsch hörte ich so gut wie garnicht ... Nur eines nimmt den Fremden in Leipzig wunder: Woher es kommen mag, daß dieser große, schöne Handelsplatz nicht auch ein paar Juden aus dem fernen Deutschland angelockt hat? . . . Ein Trauakk. Ich hatte bei meiner Ankunft in Leipzig noch reichlich Zeit, einiges zu besichtigen und eine schöne Stunde wohliger Gastlichkeit und Gemütlichkeit bei lieben Freunden zu verleben. Gegen abend besuchte ich die schöne, geräumige, stimmungsvoll ausgestattete Synagoge in der Keilstraße — hochherzige Stftung eines einzigen Mannes. — Ich hatte Glück. Denn die Synagoge erstrahlte nach dem Mariwgebete in hellstem, vollstem Lichterglanze, und vor der heiligen Lade, wo auf vier schlanken polierten Stangen ein rotgesticktes Baldachintuch gespannt war, erschienen Rabbiner und Oberkantor in feierlicher Amtstracht. Eine Trauung, und, rve hier üblich, erst mit Nachtanbruch beginnend und unter eigenen, in Frankfurt nie gesehenen Bräuchen. Deutschland liegt fern ... Durch den Haupteingang wird der Bräutigam mitten in einer Gruppe von Zylindern hineingesührt, die Braut in großem Damengefolge, wie in eine weiße Schleierwolke gehüllt, folgt ihm auf d^n Fuß. Eine herrliche lyrische Tenorstimme ergießt sich oben vor der Lade und schillert wie Brillantfeuerwerk durch den Raum, ein Chorgesang fällt ein: „Boruch Habo!" Alles wie anderswo, und doch ganz anders. Zu dem „Boruch Habbo" kommen noch andere Texte, die man im südlichen Deutschland nicht kennt, schmettern elegische Melodien, die man in unseren Gegenden bei solchem Anlaß nie gehört. Selbst das „Boruch Habbo" und das „Schiuhamalaus", sinh aus Moll gestmmt. Oestliche Innigkeit ist mit moderner Form bereichert, und die Mischung tut wohl. Ein „Mi adir" ertönt, und zuletzt sogar ein Totengebet, ein „Kel Mole rachamim". Die Braut hat keine Mutter mehr. Die Frauen suchen in ihren Kleidern, die neben vielen anderen fehlenden Teilen auch keine Taschen haben, vergebens ihre Taschentücher. Alles weint. Auch i ch, dem aus dieser ganzen Hochzeitsgesellschaft kein einzig bekanntes Gesicht entgegenschaut, indem da oben mit schluchzenden Tönen der Geist einer Mutter heraufbeschworen wird, die aus lichten Höhen segnend die Hände auf das mit Brautkranz geschmückte Haupt ihres Kindes legt . . . Auch die Rede des Herrn Rabbiner, schlicht, herzlich und ohne unnötigen Aufwand an Wort und Pathos, ist ein wenig darauf zugeschnitten. Eine gelinde Mahnung an Mann und Weib zum Zusammenhalten nach der Richtung der Einheit, der Reinheit, der jüdischen Einfachheit und Frömmigkeit. Es täte Not, wenn sich die mahnende Stimme noch etwas lauter erhöbe und weiter dränge bis zu den Bänken der Ehren- und Festdamen, der Hochzeitsgesellschaft, die den ganzen linken Flügel des Gotteshauses einnimmt. . . Hier auf dieser Seite sieht es freilich weniger nach einer jüdischen Trauung aus als vielmehr wie eine große Ausstattungsrevue, ausgestattet mit viel, viel Nacktheit ... Um Hals (der Begriff ist weit gezogen) und Arme ist die Trennung von Staat und Kult gründlichst durchgeführt ... Hier blitzen nur feurige Brillanten und Perlen auf hellem Grunde. Und winzige weiße Tüchlein drücken sich in tränennaffe Augen. Dieweil oben der Herr Rabbiner von einer Toten spricht, deren züchtig frommes Leben den Kindern als Muster voranstehen soll! . . . Eine junge Dame, die zum nächsten Brautgesolge gehört, und daher die Ehre hat, mit oben an der heiligen Lade zu stehen, wird durch den Herrn Rabbiner wieder hinuntergeschickt, auf daß sie erst einige Blößen zudecke. Mitleidige Gemüter reichen ihr ein Tuch hinauf. Heimliches Kichern spukt durch die Weihe der Stunde. Die Dame schämt sich, unbegreiflicherweise erst jetzt, da sie ein großes Tuch um Arme und Schultern hat . . . Ich warte, daß noch mehr hinunter und hinausgeschickt werden. Leider vergebens . . . Oben singt der Kantor Totengebete und unten weinen die Frauen, indem der Herr Rabbiner so schön spricht von Zucht und Sitte und jüdischer Lebensreinheit... (Schluß folgt.) Es ist ansfchliehlich Sache der Leser, die im Jnseratenleif enthaltene« Empfehlungen ritueller Waren oder sonstige Angabe» religionsgesetzlichen Charakters auf ihre Zuoer» lSsstgkeit zu prüfen. UoimeteMsTee JLJL seir iOO Jahren bewährt -von Millionen getrunken, Jtalienreisende werden mit Freude vernehmen, daß in Mailand ab 15. Februar ein ebenso modern eingerichtetes, wie streng koscheres Restaurant eröffnet wird. Für strengstes Kaschruth verbürgt sich. der Besitzer G. L i ch t e n st e i n. (Näheres Inserat.) Die Spezial Tee-Einfuhr Firma I. T. Ronneseldt, Frankfurt a. M., gegründet 1825, bringt aus Grund ihrer 100 jährigen Erfahrungen Mischungen in Originalpackungen in den Verkauf, die durch ihre sachverständige Auswahl und Zusammenstellung jeder Geschmacksrichtung Rechnung tragen und durch ihre Ausgiebigreit, ihren seinen Geschmack und ihre Wirtschaftlichkeit sich der allgemeinen Beliebtheit des Publikums erfreuen. In Berlin W. 50, Tauentzienstr. 12 a, Telefon Bismarck 3377, ist ein Palästina-Reisebüro eröffnet worden, das sich mit der Beförderung von Touristen und Reisenden nach Palästina und Aegypten beschäftigt. Das Reisebüro ist in der Lage, Schi.fskarten für alle Schnell- und LuXusdampfer, auch mit ritueller Verpflegung oder koscheren Konserven, die für eine Reise nach Palästina und Aegypten in Frage kommen, auszugeben. Touristen, dis in diesem Frühjahr reisen, werden besonders ermäßigte Preise erngeräumt. Das Reisebüro erteilt auch Auskunft über Patz- und Visabeschaffung, Gepäckversicherung und -Beförderung. 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Frankfurt a. M. Druck: Sermon Verlags-Aktiengesellschaft, Frankfurt a. M.