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Der Israelit · 1925-02-19 · Heft 8 (19.2.1925) · page 15

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Journal
Der Israelit
Volume
66 (1925)
Issue
Heft 8 (19.2.1925)
Date
1925-02-19
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Teuilleton- Beilage l)r.$ 192$ Die Messiasbraut. Die Geschichte einer verlorenen Hoffnung von 5. Schachnowltz. (Fortsetzung.) Jsat Naar bemerkte etwas abweisend: „Von Sarah, der Messiasfrqu, wissen wir wenig, unser Interesse und unsere Hoffnung gehört dem Messias selbst." „Das ist schade," seufzte der Maler. „Ich sah auch Euere Gebetbücher, Tikunim genannt, mit den Titelbildern, mit denen ihr Eurem Erlöser kaum einen schlechteren Dienst hättet erweisen können. Das Bild Sabbatais ist ein Verbrechen gegen den Schönheitssinn und könnte gerade so gut einen orientalischen Eunuchen darstellen. Nichts in den Zügen, was auf einen großen Menschen und eine große Tat hinweist . . . Und das andere Bild, das des Königs David, scheint mir die Nachbildung eines Königs vom Morgenland auf abgebrauchten Spielkarten zu sein. Ich glaube, Ihr hättet mehr Stimmung für Euere Sache machen können mit dem Bilde der Messiasbraut, die das Zusammenleben von Himmel und Hölle in ihrem Wesen hat . . . Ich könnte Euch dienen, ich besitze das Bild in jeglichem Format und in jeglicher Gestaltung..." Man ging auf diese Worte nicht ein, wartete vielmehr auf eine weitere Aeußerung Spinozas. Da fühlte sich der Maler etwas überflüssig und entfernte sich fast unvermerkt aus dem Zimmer. Spinoza sagte nach einigem Nachdenken: „Also seid Ihr gekommen, wenn ich es recht begreife, um mich für Euer Messias, für Sabbatai Zewi zu gewinnen." „Nicht das," wehrte Jsak Naar rasch ab. „Wir wollen Euere Hilfe." „Wie und wem kann ich, der Verbannte und Verstoßene, siech an Körper und Seele, helfen?" „Ihr beginnt ein neues Leben, geht nach Heidelberg als Magister. Und dieses geordnete Leben bringt Gesundung und Einfluß. Ihr sollt diesen jetzt schon für uns einsetzen." Da Spinoza ein verständnisloses Gesicht machte, fuhr Naar fort, um rasch aus sein Ziel loszusteuern. „Tausende von jüdischen Familien mit Greis, Weib und Kind sind in Bewegung zur holländischen Grenze. Die Wanderung den Rhein entlang wird ihnen erschwert, der Uebergang der Grenze unmöglich gemacht. Tod und Verderben lauern ihnen allerwegs." „Wo wollen die Leute hin und was treibt sie hieher?" „Es treibt sie die Hoffnung und die Not und tausendjährige Sehnsucht, das Nahen der Erfüllung." „Ist der Messias in Holland?" „Er ist auf Abydos in den Dardanellen und geht von dort, bevor sich noch das Jahr gerundet, nach der heiligen Stadt, von wo aus er die Zerstreuten und Versprengten sammelt. Die Not ist aber in den deutschen Landen allenthalben so groß, daß die Brüder hier unter der milderen holländischen Sonne der Erlösung abwarten wollen, um sich, wenn die Stunde bald geschlagen; und das Sammelhorn ertönt ist, in einem holländischen Haken nach denn heiligen Lande einzu- Gissen." ■ ' - ' '■; , :! ’ Raars Ton wurde wärm. -1 1 1 „Ihr seid noch der alte Schwärmer, wie Ihr es in der frühesten Jugend, als ihr noch zu meinen Jüngern zähltet, gewesen. Ich mußte damals oft dämpfen. In diese Euere Schwärmerei mich einzumischen und Eueren Kops zurechtzusetzen, habe ich kein Interesse. Aber wie sollte ich die Leute, getrieben von der Narrheit, über die holländische Grenze bringen?" „Ihr habt durch die neue Stellung in Heidelberg Beziehungen zu den deutschen Fürsten und auch zum König. Der Markgraf von Baden könnte, von Euch bewogen, ein Wort bei den Nürnbergern einlegen, daß die Wanderer freie Passage bekommen; für den Grenzübergang und die Aufnahme in Holland wollen wir schon sorgen." Spinoza richtete sich auf und hustete stark. . Dann aber sagte er wie dozierend: „Ist auch das Ganze eine gefährliche Narretei, man müßte sich doch der armen betrogenen Meni schen aus reiner Menschlichkeit, aus dem ethischen Prinzip heraus annehmen. Ich aber werde bei den Heidelbergern nicht mehr viel ausrichten können, nachdem sie mein Absagebrief sehr pikiert hat." „Absagebrief? Jhr^geht nicht nach Heidelberg?" „Nein, ich bleibe hier in meiner Verbannung bei meinen Brillen und Büchern, und bin fast froh, dadurch der Gewissensfrage, ob ich mich für Narren aus Menschlichkeit einsetzen oder aus Vernunftgründen vermeiden soll, Unvernunft zu unterstützen, zu entgehen." Rasch erhoben sich die drei Männer und verließen gesenkten Hauptes mit kurzer Verbeugung das Haus Spinozas. „Er ist uns verloren für alle Zeiten," seufzte Isaak Naar, als sie draußen waren. „Aber darf ein Mann von seiner Geisteshöhe seine Verbitterung Andere, Unschuldige, fühlen lassen?" fragte Pereyra. „Ließ er eine Spur von Mitleid merken für die Unglücklichen und , Heimatlosen? Sieht er in ihnen nicht mehr Glaubensbrüder, so sind es doch Menschen. Wie stimmt das mit seinen Grundsätzen von Gott in der Liebe, wie mit der großen Linie seiner Ethik?" „Ihr hättet ihm all dieses selber sagen sollen," scherzte der Arzt. „Wahrlich, wir hätten ihm dieses und vieles mehr offen ins Gesicht sagen sollen. Aber wer kann reden in seiner Gegenwart? In seinem Blicke, in seinem Worte liegt soviel vernichtender Spott, daß man sich ordentlich klein fühlt . . . Habt Ihr seine ironisch zuckenden Mundwinkel beobachtet, da er von Sabbatai sprach? Ich war froh, daß wir uns bei dem Thema nicht lange aufhielten. Er hätte uns mit kalter Hand unser Heiligstes zerstört und dabei gelächelt. Und wir hätten ihm nicht einmal erwidern können ..." Jsak Naar sprach kein Wort. Es lag ihm, seitdem er seine neuen Ideale hatte, nur noch wenig an Spinoza, jetzt, nachdem die Mission gescheitert war, schon gar nicht. Ihn quälte die Frage: „Was nun?" 39. Bei den Ziehenden. Jsak Naar hatte es sich gar schön ausgedacht. An der Spitze der Massen, die der holländischen Grenze zuströmten, im höheren Aufträge des Gesalbten, gewissermaßen als dessen Unterführer, wollte er ins heilige Land einziehen. Aber wie und wo diese Massen bis dahin solange Zusammenhalten, daß sie sich nicht verliefen, nicht auseinandersprengten, nicht einzeln verdarben; daß sie in ihm Helfer und Hüter sahen? Nach wenigen Tagen fuhr er, ohne sich von seinen Freunden abhalten zu lassen, nach Deutschland hinaus. Von den Massen an der Grenze fand er nur noch wenig und seine Illusion zerrann mit jeder Meile, die er weiterfuhr, immer mehr. Viele waren verschollen, in Leid und Not umgekommen, manche erreichten die Heimatstädte und Dörfer wieder und suchten ihr abgebrochenes Leben wieder von neuem aufzubauen. Einzelnen gelang es, sich bis zu einem Seehafen zu schlagen und sich dort nach England einzuschiffen, wo Manasse den Israel den Juden eine schmale Pforte aufgetan hatte. Es waren dies die glücklichsten. Weniger glücklich zu preisen waren die, welch sich in Gruppen in Dörfern sammelten und dort, von den Bauern beargwöhnt und bedroht, die letzten Kräfte für ein neues Leben sammelten. Jsak Naar fuhr mit holländischen Papieren und guten Empfehlungen. Er fuhr den Rhein und Main hinauf bis weit ins Fränkische hinein, er zog ins Tal der Rednitz, hinunter, wo sich, wie man chm berichtete, versprengte Teile sammelten. Am Kreuzwege nach Unterfarrenbach zeigte ihm der Fuhrmann mehrere senkrechte Steine vor grauen Hügelchen. Dort hatten sie ihre Toten rasch begraben, als das Feuer aus den Flinten der Nürnberger Landsknechte in ihre Planwagen einschlug . . . Viele waren aber im Walde zwischen den Birken, Erlen und Tannen und im Gestrüpp geblieben ... „Hier der Wald," zeigte der Fuhrmann nicht ohne Scheu, „da wo die schwarzverkohlten Baumkronen und gebrochenen Aeste weite Lichtungen unregelmäßig umrahmen, brannte es lichterloh in jener Nacht . . . Wenn nachts der Sturm durch die Lichtung weht, hört man heute noch hier die Entsetzensschreie der Mütter, die in dieser Erde ihre Kinder lassen mußten. Die Erde hat sie ausgenommen, diese Schreie, und gibt sie allnächtlich mit dem Sturm wieder bis weit ins Dorf hinunter, daß die Bauern in Angst Türen und Fenster verriegeln ..." „Was wollten die Nürnberger und warum schossen sie?" fragte Naar wie abwesend. Ihn beschäftigte nur die Tragödie seines Volks im Ganzen, ohne Namen und Dinge zu fassen. „Es sind auch einige Christen mit ihnen gezogen, schlossen sich den Juden an und wollten der Gnade des Messias teilhaftig fein. Das ließ die Geistlichkeit nicht schlafen und sie hetzte die freien Reichsstädte auf die Auswanderer. Die Juden sollen auf die Aufforderung der Reiter stillzuhalten und zurückzukehren, zuerst geschossen haben. Die nun im Dorf weilen, sagen aber, es wären mitziehende Christen gewesen, die zu den Waffen griffen. Auch Zigeuner hätten in die Luft geschossen, um in der Verwirrung besser rauben und plündern zu können." Der Fuhrmann war aus dem Dorfe und wußte Bescheid. Er war ein Mann ohne Furcht, und der Teufel, der, nach der Leute Geschwätz, in den Hergehetzten saß, hielt ihn nicht ab, sie gelegentlich auszufragen. Jsak Naar hörte die Einzelheiten kaum. Ihn beschäftigte nur der eine Gedanke: „Warum, o Gott, zürnst Du ewiglich Deinem Volk? Hüter des Israelrestes, sammele die versprengten Reste und führe sie aus Leiden und Schrecknissen zum Messias, durch mich, Deinen Knecht Jsak, Sohn Zacharias! ..." Der Wald roch noch brenzelig und dumpf. Im Jungholz am Rande waren Blutspuren Auf schwarzversengtem, mit spitzigen Baumstumpfen durchsetzten Rasen lagen leere Kisten, Teile alten Hausrates, Säcke, alte Schuhe, Blech und Scherben wie zerbrochenes Menschenschicksal umher. Im Moraste, mit der einen Seite vornüber geneigt an den Stamm eines Baumes gelehnt, steckte ein langer Leiterwagen mit gebrochenen Achsen und fehlenden Rädern. Stroh, Spähne und Leinwandfetzen vom abgerissenen Zeltdach füllten den Wagen. . -Ms hatte nachts geregnet. Die Fesder standen erntereif. Die wogenden gelben Aehren senkten

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