Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 8 (19.2.1925)
- Date
- 1925-02-19
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2450337-2450345--71942-2529271- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
-,'t. 4 Nr 8 Der Israelit 19. Februar 1926 einzuführen, die auf bestimmte Prämienzahlungen den Kindern in einem gewissen Lebensalter Eigentum und Erwerb in Palästina sichern. Außerdem würden bei der geistigen Not in Polen orthodoxe Schulen in Palästina für polnische Kinder heute bestens rentieren. Er setzte nun zur Erfrischung der Versammlung auch einige Kritik ein. Herr Moritz, Hamburg, bemängelte die Organisation und den Nachrichtendienst und stellt einige Anfragen und Anträge. Herr Dr. D z i a l o w s k i, Leipzig, tadelt, daß für Keren Hajischuw zu wenig getan wurde. All diese Einwände beantwortet sachlichund erschöpfend Herr Dr. Oppenheimer.. In einigen Punkten schließen sich der Verteidigung an die Herren Dr. F r a n k l, Halberstadt, der betont, daß manche Jeschiwo ohne Keren Erez Jisroel ihre Pforten hätte schließen müssen, und Joel Sänger, der meint, daß Gruppen, die selbst nicht allzuviel geleistet, kein Recht hätten, an der Zentrale Kritik zu üben. Darauf ergreift Herr Rabbiner Lau, Suczawa, das Wort zu einer wirkungsvollen Rede, die in der Hauptsache darauf hinausgeht, daß in einer Stunde der schreienden Not, wie wir zurzeit im Osten erleben, keine Zeit für Streitigkeiten und Auseinandersetzungen sei. Jetzt heiße es arbeiten mit allen vereinten Kräften! Ergreifende Episoden erzählt Redner aus den Erfahrungen, die er an der Grenze mit den Auswanderern gemacht. Er plädiert in erster Reihe für die Gründung eines Olim-Haufes in Palästina, wo die Einwanderer schon in den ersten Tagen Obdach, Rat und Auskunft finden. Im Osten herrsche heute eine feurige Begeisterung für Palästina, die ausgenutzt werden müsse, und man habe dort größtes Vertrauen zu den Männern, die an der Spitze der Palästinazentrale stehen. Die Diskussion schließt mit einer Ansprache des Herrn Jacob R o s e n h e i m, der sich zunächst eingehend über die Visa-Frage verbreitet. Die ErbiUerung und Verzweiflung der orthodoxen Massen Polens über den unerhörten Mißbrauch, den die polnische zionistische Organisation bei der Visumvermittlung zugunsten der Parteiinteressen treibt, sei begreiflich: aber da es sich hierbei nach den unzweideutigen Erklärungen Herbert Samuels und der palästinensischenRegierung in der Tat um gesetzwidrigen Machtmißbrauch handele, so werde es bei Lieferung dokumentarischer Unterlagen gelingen, Abhilfe zu schassen. Angesichts der heute zutage getretenen Stimmung in Polen müsse er den dringenden Appell an die polnischen Führer richten, zur Besonnenheit zu mahnen und nicht zu glauben, daß man im größten Stile im Sturm > >- "■ . fanden. In Moskau hat man infolae der Wohnungsnot später daraus gesehen, die Häuser so rasch wie möglich wieder auszubauen. In Petersburg kann man daraus verzichten. Die Stadt, die vor dem Kriege 2 Millionen und während des Krieges sogar 3 Millionen Menschen zählte, hat jetzt kaum eine Million Einwohner. Die Häuserruinen starren in den Abendnebel, wie es auch sonst ganze Häuserkomplexe gibt, die wenig oder garnicht bewohnt sind. - Aus den Straßen herrscht sabbatliche Ruhe. Alles was früher Lust und Leben atmete und Petersburg sein Gepräge gab; der Hof. die Aristokratie, die Armee, die Beamten, die riesigen Geschästsauslagen sind verschwunden. Was sich in Rußland noch erhalten hat, ist auf Moskau übergegangen. Leningrad ist eine tote Stadt, nur der Schatten von Petersburg. VeriMi liegen die zahllosen Paläste und Regierungsgeväude. Auf dem großen Palast vor dem Winterpalais sieht man kaum noch eine menschliche Seele. Leben und Verkehr zeigen höchstens noch die Bahnhofsplätze, die große Newabrücke, der Newskiprosvekt bei der Kasankathedrale. Die Buntfarbigkeit ist aber auch hier geschwunden. Alles ist grau und unauffällig. Selten ein gebügelter Herrenkragen. und wenn, dann umrahmt er sicherlich den Hals eines Ausländers. Auch das eigentliche Charakterbild Petersburgs: die leichten, schönen Droschken sind fast verschwunden, es fehlt mit einem Worte alles, was an Luxus und Wohlstand gemahnt. Was von früher geblieben ist, ja sich noch wesentlich vermehrt hat, das sind die Straßenbettler. Sie gaben schon zur Zarenzeit den Straßen' ihre eigene Note, und sie sind es heute noch allein, die den Straßencharakter der russischen Metropole aufrecht erhasten. -n der Begeisterung ohne langsame, geduldige Arbeit und kühle Ruhe Erez Jisroel als Zaubermittel zur Abhilfe aller Not benutzen könne. Es sei das erstemal in der Golusgeschichte, daß die Massen Erez Jisroel als Mittel zur Erringung von mn vbw anseh en — eine Konstellation, die die Führer der Äguda mit schwerer Besorgnis erfülle. Wir werden unsere Pflicht tun, aber man möge nicht auf unsere Allmacht vertrauen. Die beiden Reden bildeten ein kräftiges Epiludium für den arbeitsreichen Tag. Es war inzwischen späte Abendstunde geworden und man mußte die Verhandlungen abbrechen. Beim gemeinsamen Abendessen blieben aber Delegierte und Gäste noch bis Mitternacht in trautem Beisammensein. Montag vormittag. Der Montagvormittag brachte nach einigen kurzen Anfragen und Beanstandungen, die Herr Dr. Ehrmann beantwortete, zwei gute Referate der Herren Dr.Jak. Feuchtwan ger, Frankfurt a. M. über „Ausbildung der Aulim" und Rabbiner H o r o w i c z, Jerusalem, über „Aulim und Poalim und deren Ansiedlung." Herr Dr. Feuchtwanger betont, daß die Palästinaheimstätte nicht allein Gegenwartsfrage für für . das Ostjudentum ist, sondern auch Zukunftssache der Westjuden sein kann. Seine Ausführungen schließen mit folgenden Thesen: Die Ausbildung der Aulim umfaßt: a) landwirtschaftliche, b) handwerkliche Berufe. Die Ausbildung obliegt: a) in erster Linie den Aulim selbst bezw. ihren Eltern und Verwandten, b) in zweiter Linie der Agudas Jisroel. 1. Durch Bereitstellung von Ausbildungsstätten. 2. Durch geldliche Unterstützung der Aulim. Die Ausbildung von Handwerker-Aulim hat, soweit möglich, bei Handwerkermeistern zu geschehen, denen die Agudas Jisroel-Gruppen dafür die Empfehlung in ihren Kreisen gusichern, im übrigen in eigens zu errichtenden Werkstätten derart, daß z. B. in einem Orte eine Schlosserei, in einem anderen eine Schreinerei eingerichtet wird. Auch in der Landwirtschaft usw. ist bei der großen Zahl der Auszubildenden an die privaten Betriebe heranzutreten. Soweit es sich um nichtjüdische Betriebe handelt, ist es Aufgabe der A. J.-Gruppen, für die koschere Verpflegung zu sorgen (zu beachten, möglichst viele Lehrlinge örtlich zu konzentrieren). Sodann hat hat A. I. eigene Lehrgüter zu schassen sowohl in den Goluthländern wie in Erez Jisroel; auch, soweit dies wirtschaftlich möglich ist, bei den Arbeitern auf den Gütern in Erez Jisroel Lehrlinge neben den ausgegebildeten Arbeitern zu beschäftigen. Kein landwirtschaftlicher Arbeiter darf nach E. I. übersiedeln, wenn er nicht vorher durch eine 1—2 jährige Tätigkeit: in der Diaspora seine Eignung für diesen Beruf erwiesen hat. Zum Gelingen der Siedlung ist es notwendig, daß dis Mädchen, die künftigen Frauen der Siedler zur Einfachheit und Sparsamkeit erzogen und im Haushalt, der Milch- und Gartenwirtschaft tüchtig ausgebildet werden. So sieht heute die Stadt aus, deren heiligen Boden lange Jahrzehnte kein jüdischer Fuß betreten durste. (Seit Anfang der Woche.) Der Chefarzt eines Krankenhauses ist ein Protestant, dem aber die protestantische Lehre noch etwas neu ist, da er ihr kaum zwei Jahre angehört. Um so eifriger betont er bei allen möglichen Gelegenheiten seine Zugehörigkeit zum Christentnm. Als nun heute der ordinierende Arzt der äußeren Abteilung, ein glaubenstreuer Jude, und wegen seiner Scherze allseitig beliebt, sich beim Chefarzt von einem längeren Urlaub zurückmeldete, hörte ich, wie er nach der offiziellen Meldung noch sagte: ..Herr Chefarzt, ich habe auch Grütze für Sie von einem Ihrer Glaubensgenossen, Herrn Stabsarzt Rebenstein!" Darauf der Chefarzt: „Er'auben Sie Herr Kollege. Sie scheinen vergessen zu haben, daß: ich Protestant bin!" — „Nein, Herr Chefarzt, denn Herr Rebenstein ist seit Anfang der Woche auch Protestant!" („Grez Israel" in Hhina als Wostadreffe anerkannt.) Der Gebrauch des Ausdruckes ..Erez Jisrael" für Postsendungen nach Palästina ist, zufolge Mitteilung der Shanghai Times, in China üblich. Der Postkommissar von Shanghai hat seine Beamten dahin instruiert, daß die Aufschrift „Erez Jisrael" genügt, um Postsendungen ihrem Bestimmungsorte zuzuführen. cm; Die Kosten der Ausbildung-sind aufzubringen: 1 Jedes Land und jede Ortsgruppe hat die Kosten fürdie Ausbildung seiner Aulim selbst zu übernehmen. 2. Die Palästina-Zentrale ist berechtigt, . auf alle Verkäufe, die sie tätigt, 5 Prozent" des Betrages als- Abgabe für Aulim aufzuschlagen. Die Verteilung der Abgaben erfolgt: ... Ein Drittel zur freien Verfügung der Palästina- Zentrale, , , Zwei Drittel an die Landesorganisationen im Verhältnis der. von ihnen an die Palästina-Zentrale abgeführten freiwilligen Beträge. In Deutschland' bildet die Palästinazentale eine Arbeitsgemeinschaft mit der Stellenvermittlungszentrirle der Agudas Jisroel. Das Referat des Herrn Rabbiner H o r o - vicz gipfelt in folgenden Leitsätzen: 1. Organisation des Keren Hoaulim in jedem Lande laut Zentralratsbeschluß Krakau. 2. Schritte bei der Regierung, daß Agudas Jisroel die periodischen Einreisebewilligungen geradeso wie die zionistischen Palästinaämter bekommt. Für diese Agenden soll ein Spezialamt errichtet werden. 3. Agudistische Einwanderer sollen gleich nach ihrer Ankunft in Erez Jisroel in Obhut genommen werden. 4. Einrichtung einer Herberge , in Jaffa und in anderen Zentren. Ausreichende Fürsorge, bis die Aulim untergebracht sind. 5. Organisierte ärztliche Hilfe und unentgeltliche Hilfsmittel für die Arbeiter. 6. Fürsorge für religiöse bezw. geistige Bedürfnisse. .Thoralernen. 7. Befestigung und Ausdehnung der Darlehenskasse für Aulim. Gewerbetreibende und kleine Kaufleute. 8. Gründung von agudistischen Musterkolonien. 9. Alle Maßnahmen für den wirtschaftlichen Aufbau werden im Einvernehmen mit der Jerusalemer Aguda getroffen. 10. Bei Verwertung von Agudaboden bezw. allerlei landwirtschaftl. Arbeiten, sollen, zumindest in der ersten Zeit, alteingesessene Palästinenser verwendet werden. Es sprachen noch die Herren Rabbiner Frankel, Halberstadt, Dr. R. Weiß, Wien, Stroh, Wien, Wolodarski, Frankfurt und Feiber und Moritz, Hamburg, Kohn, Nürnberg, Rabbiner Kalmanowitz, Rakow. Herr Dr. Oppenheimer macht einige sachliche Bemerkungen, worauf noch einige Begrüßungen folgen. Schlußsitzung. Am Nachmittag beteiligen sich an der Diskussion die Herren Stroh, Rabbiner T. Hurwitz und Halpern aus Polen, Lewenstein, Zürich, Rabbiner Kalmanowitz und Fränkel, Markus Moritz, Mainz. Rabbiner Lau, Suczawa, wünscht, daß beim Aufbau unbemittelte min beschäftigt werden sollen. Ein Teil des gekauften Bodens soll als unp nais für eine Musterkolonie rD*6»i min1? bereitgestellt werden. Nach unwesentlichen Bemerkungen und Ergänzungen nimmt Herr Dr. Oppenheimer das Wort, um die Aufgaben der geplanten Palästinad e l e g a t i o n genau zu umschreiben. Herr Julius Holländer gibt einige Ergänzungen zu seineem gestrigen Referate und faßt kurz resümierend die Arbeiten der zwei Verhandlungstage zusammen, teilt dabei auch mit, daß eine A.-G. für Palästina zwecke m i t 7000—8000 Pfund Kapitalbereits gegründetsei. Mit einer wirksamen Schlußrede des Herrn Dr. E h r m a n n, einigen Bemerkungen des Herrn Rabbiner H o r o v i c z und Schlußworten des Herrn Dr. Oppenheimer, in denen er den von der Versammlung der Leitung ausgedrückten warmen Dank an Herrn Dr. Ehrmann weitergibt, schließt die Konferenz gegen 6 Uhr abends. Wochenrundschau. Die russische Ansiedlung. In einer, Stunde, da die Flut der jüdischen Heimatlosen (aus bem Osten mit jedem Tgge wächst, muß man dem russischen Ansiedlungsprojekt, dem man zuerst mit begreiflicher Vorsicht