Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 7 (12.2.1925)
- Date
- 1925-02-12
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 Nr. 7 12 Februar 1925 Der Israelit sagte ruhig und spöttisch, ohne die Augen von seiner Arbeit abzuwenden: ,/Sind die Herren nun gekommen, um sich nachträglich und reuig zu meinen Lehren zu bekennen und womöglich auch das Reuebekenntnis ihrer Rabbis zu überbringen?" Jfak Raar platzte jetzt heraus: „Uns zu der einen oder anderen Lehre zu bekennen, wäre im Moment noch verfrüht. Aber die Zeit naht im Sturm. Die Wahrheit ist auf dem Wege und dem Ziel so nahe, wie Ihr Eurem Arbeitstische nahe seid. Der Mann, Gottes Gesandter, berufen, die Wahrheit zu bringen und zu verbreiten, harret unser, wie wir anderthalb Jahrtausende seiner gewartet haben. Er wird auf dem Prüftiegel wägen und es künden, was wahr ist und unwahr, was echt und unecht ist an der Welt, den Menschen und ihren Lehren ..." Spinoza horchte auf. „Ihr spielt aus Sabbatai Zewi an, von dem jetzt aller Köpfe und Herzen voll sind." „Rembrandt konnte sich einer Zwischenfrage nicht enthalten: „Mein Interesse für diesen Messias geht über das Messiasweib. Können mir die Herren über die weiteren Wege und Schicksale dieser sonderbaren Sarah berichten, seitdem sie von hier fort ist?" Spinoza vertiefte sich uninteressiert in seine Lektüre. Aber auch Jsak Raar war die Frage nicht sehr genehm. (Fortsetzung folgt.) Leipziger Allerlei. Eine Vortragsreise. GutesVorzeichen. Abergläubisch veranlagt bin ich gerade nicht, dennoch sehe ich es gern, wenn mir morgens Schafe über den Weg laufen, was bekanntermaßen auch in der Großstadt nicht zu den Unmöglichkeiten gehört. . . Als ich am Sonntagmorgen im Vorstadium meiner Leipzig- Reise in der sogenannten „Fünfzehner" dem Hauptbahnhof entgegensteuerte, stieg am Zoologischen Garten im brütenden Morgendämmer eine bunte Gesellschaft zu uns ein und füllte den bis dahin leeren Wagen bis an den Rand. In den Ecksitz mir gegenüber warf, sich polternd ein junger Herr, wohl Student, und faß fest wie ein.Klotz. Glattes, schmales, blasses Gesicht, halbgeschlossene Augen hinter scharfen Brillengläsern, den schwarzen Ueberzieher eng zugeknöpft und den Kragen hoch aufgeschlagen, daß darin der müdt Kopf ganz einsank. Die endlos langen Beine soweit übereinandergeschlagen, daß keiner den oberen Teil des Wagens passieren konnte, ohne mit diesen offenbar tanzmüden Extremitäten in Kollision zu geraten. Reben diesem lieblichen Zeigenofsen hatte ein anderer Kommilitone feinen Platz, in grauem Ueberzieher mit einer Zigarre im Munde, die nicht brannte, und daneben noch ein dritter, der sofort, wie er festen Boden fühlte, den Kopf auf die Holzlehne zurückwarf und herausfordernd zu schnarchen begann. Der Schwarze im Ecksitz sprach andauernd etwas durch die Zähne, mit jedem und keinem. Zuweilen verstand man die an den Nachbar in Grau gerichteten Worte: „Aber das sag ich Dir, August . . Er sagte aber um keinen Preis, was er ihm eigentlich sagen wollte. Der andere quittierte die Liebesäußerung nur mit einem kurzen: „Ruhig, Adalbert, nur ruhig! . . ." Ich konnte bis jetzt mit dem herrlichen Worte „T i m b u k t u" gar keine Vorstellung verbinden, und kein Lexikon der Welt gab sich die Mühe, diese meine Bildungslücke auszufüllen. Run wußte ich es auf einmal, hatte ich es im Nebelgrau des denkwürdigen Sonntagsmorgens vor mir: „Timbuktu! . . ." Die Sache ging immerhin ganz ruhig und friedselig vonstatten, bis zur Hauptwache. Da stieg eine neue, wirklich bunte Gesellschaft, von einem Palmengartenmaskenball kommend, zu uns. Ein lieblicher, niedlicher Engel, leicht beschwingt, von holden Farben umstrahlt. die weißen Flügel zwar müde gesenkt, aber immerhin noch Engel genug, um von dem im Ecksitze mit aller Liebe und Ergebenheit, die einem Engel gebühren und mit einer hellen Freude, die noch ein Nachklang verflossener schöner Stunden gewesen sein mochte, begrüßt zu werden. Da legte sich aber leider der T e u f e l ins Zeug. Denn auch ein Teufel, ein richtiger mit Hörnern, Krallen und gewaltigen haarigen Beinen und allen Attributen des Mephisto war dabei. Er verbat sich etwas und eine gar entsetzlich teuflische Hand erhob sich, scheinbar nicht zum Gruße. Interessante Verwicklungen standen für die nächsten Minuten in lieblicher Aussicht . . . „Wer was will." brüllte es aus der Ecke, wo sich jemand zu erheben versuchte, dessen Beine aber versagten. Ja, er will was, der Teufel nämlich, hinter dem sich ein erschrockener Engel im Morgengrau ängstlich versteckte. . . Andere sprachen dazwischen. Da trat der Schaffner, groß und breitbeinig, mitten in den Zauberkrers, mit einem scharfen „H a up tb ah nh o f!" löste er wie mit einer sichern Zauberformel den ganzen nächtlichen Spuk im Nu in sein Nichts auf... Und ich dachte: Glück werde ich heute doch noch haben, nach so vielen, vielen Schafen . . . Mein Reisebegleiter. Der Berliner Zug steht schon auf dem nächtiggrauen Geleise angespannt. Die Lokomotive raucht und faucht, die Wagen sind besetzt, die Plätze belegt von Menschen, die noch auf dem Perron irgendjemand die Hand drücken, nirt Dienstmännern schimpfen. Küsse austauschen oder noch irgendwie „letzte Anordnungen" treffen. Der einzige L einziger Wagen fährt aber noch mit sächsischer Ecmü'ciichkeit auf dem Rangiergeleise spazieren, kommt behäbig angefaucht und hängt sich dierekt dem braunen, langen, sehr appetitlichen Speisewagen in die Arme. Ich habe das höchste und letzte Ziel des Reisenden erreicht: einen Fensterplatz. Wir sind nur zu zweit im Abteil. Mir gegenüber ein hagerer, sehniger Mann mit glattem Gesicht und gut gepflegtem Schnurrbart, der mir gleich Vertrauen einslößt. Es ist nicht gleichgültig, wen man im Wagen als Gegenüber hat, wenn der Zug seine Abfahrzeit just auf die Zeit legt, da das Tefillinlegen erst beginnt... Ich betrachte noch einmal meinen Mann, wechsele ein paar geistreiche Worte mit ihm über den milden Winter, den Schneemangel und die schlechten Verdienste, und komme zur Ueberzeugung, daß es ein ganz ungefährlicher sei, und ich mir keinen Zwang aufzuerlegen bräuchte. Wie ich fertig bin, glaubt er, mir eine Höflichkeit sagen zu müssen und behauptet, daß er vor Religion an sich großen Respekt habe, obwohl usw. . . . „Hut ab vor dem Israeliten, der unerschrocken die „Zehn Gebots" anlsgtl" Ich korrigierte nur leise: „Hut a u fl . . ." Aber die Unterhaltung ist im Schwünge. Zunächst über das Kapitel Religion überhaupt. Er fei evangelisch, seine Frau aber katholisch, folglich habe er das Recht, — auf beide Konfessionen zu schimpfen. Seine Kinder seien auch katholisch. Trotzdem gehe es daheim ganz friedlich ohne ernstliche Zusammenstöße ab. Wenn sich nur nicht „als einmal" der Herr Kaplan einmischte! Und er erzählt mir etwas erregt von einem kleinen Hausstreite, der auch „so gekomme is": Sein Sohn, ein Neunzehnjähriger, der schon Geld verdient, sei dem Fußball ergeben. Er aber, der Vater, hasse den Fußball wie den Satan. „Eine Verrohung der Jugend schlimmster Art." Er habe es dem Jungen verboten und ihm gesagt, wenn er noch einmal mit dem Fuße spielen sollte, so würde er, der Vater, seine Hand, — es ist eine solide Schlosserhand, — als Gegenspielerin walten lassen ... Da kommt der Herr Kaplan und legt sich ins Mittel. Der Herr Kaplan ist der Vorsitzende des Katholischen Fußballklubs und sieht seine Schäfchen gern beisammen ... Er aber, der Vater, habe dem hochwürdigen Herrn zuerst eine belehrende Lektion über den Wert dieses edlen Sportes gehalten, dann auch über die Notwendigkeit, Religion von Sport zu trennen, und zuletzt darüber, daß er, der Schlossermeister und Werkführer, und kein anderer das Vaterrecht in seinem Hause ausübe. Er sprach bei alledem gut sachsenhäuserisch, daß seine Frau fast in Ohnmacht fiel. Der geistliche Herr ging. Was feine frömmere und bessere Hälfte ihm dann gesagt hat, diese Predigt übergeht er mit einem tiefen Seufzer . . . Ich tröste meinen Nachbar, den ich wegen seiner Ansichten über die Segnungen des Fußballes gleich aufrichtig lieb gewonnen habe, mit dem Hinweis auf die Geschichte, die davon zu erzählen weiß, wie aus ganz ähnlichen Anlässen sogar Kriege entstanden und ganze dreißig Jahre anhielten. Das war nicht sein Fach, die Geschichte. Auch die Geographie liebte er aus irgendeinem Grunde nicht, am allerwenigsten aber die Orthographie. Dagegen gehörte seine ganze Liebe der Maschine. Hier war er zuhause und er diente mir gleich mit einem fachmännischen Vortrage über eine neue Maschinenkonstruktion, aus dem ich nur die Gewißheit erlangte, daß eine Maschine sich aus verschiedenen Eisenteilen und vielen Schrauben zusammensetzte . . . Gewissermaßen aus Höflichkeit nur erzählte ich meinerseits, daß auch ich schon gelegentlich die werte Bekanntschaft mit einer Maschine gemacht hätte, einer Setzmaschine, die die sonderbare Kunst besitzt, zuweilen Zeilen zu setzen, die kein Mensch geschrieben hat; einer Druckmaschine, deren Motor den Anschluß an die jüdische Kraftzentrale nicht finden konnte, und dergleichen mehr. Wie er aber auf diese Weife und auf Umwegen erfuhr, daß ich Beziehungen zu Druckerei, Redaktion und Zeitungswesen hatte, da wachte er vollends auf und mit einem Sprunge stand er mitten in der Politik. Er war der Vorstand einer Gewerkschaft. Und nun stürmte auf mich eine Redeflut ein über Krieg und Frieden, Abbau und Mißwirtschaft, die „großen Herren", die Lumpenbande usw. usw. Ich hatte es mählich heraus, daß diese gehaltvolle Rede zum Teil aus einer Rede bestand, die er heute abend in einer sozialdemokratischen Versammlung in Bebra zu halten hatte. Es war jetzt Generalprobe, und ich war nun Publikum, Objekt, Opfer . . . Und offen gestanden hatte ich mir doch selbst, mit gleich schweren Gedanken aus anderem geistigem Boden erwachsen belastet, ein solches Opfer als Reisebegleiter gewünscht ... Es war nicht vollkommen das mir morgens so sichtbarlich angezeigte Glück. . . In Fulda schickte mir aber eine gütige Vorsehung einige Erleichterung in Form von Viehhändlern, Arbeitern, Bauern und anderen braven geduldigen Leuten, die zu uns in den Wagen' stiegen und ein aufmerksames Auditorium für die'Entladungen des gewerkschaftlichen Versammlungsredners abgaben. Ich konnte mich meinen stillen Gedanken hingeben. (Fortsetzung folgt.) lUY'nfft Ktnberecfe Ossor. Von A. Alöck. . C*s war einmal ein kleines Mädchen. Das wohnte in einer großen Stadt und hatte noch nie einen Obstbaum gesehen. Wenn es einen Apfel bekam, sagte es immer: „Ach wenn ich doch nur den Baum sehen könnte, auf dem er gewachsen ist!" Eines Abends brachte der Vater vielerlei Obst heim und sagte: „Morgen ist Chamischo ossor. Die Bäume haben Neujahr." Die Mutter aber lächelte und sagte: „ Ja, morgen wollen wir unserem Evchen Obstbäume zeigen." Das kleine Mädchen wurde ganz rot vor Freude. Als es zu Bett gebracht worden war, konnte es lange nicht schlafen, so freute es sich. Am nächsten Morgen sah Evchen Aepfel und Birnen, Kirschen und Pflaumen und o, soviel Obst noch, auf dem Frühstückstisch liegen. Da sprang sie rasch auf und war im Nu fertig. Ein Wagen stand bald vor dem Haus. Der Kutscher lachte, weil Evchen so strahlende Augen hatte. Er rief: „Wird aber schön! Was Kleine?" Evchen nickte und ließ sich in die warme Reisedecke hüllen. Während der langen Fahrt durch die Stadt saß sie schweigend zwischen ihren Eltern. Sie mußte nur immer an die Obstbäume denken. Endlich war kein Haus mehr zu sehen. Die Sonne schien hell auf braune und grüne Felder. Der Schnee im Weggraben glitzerte. Der Wagen hielt endlich. Die Kleine wurde in ein hübsches Haus geführt. Da war ein großer Garten und der Vater sagte: „Evchen, da steh dir nun die Bäume an. Hier wächst das schöne Obst." Das kleine, Mädchen sah zu den kahlen Aesten und Zweigen hinauf und fragte erstaunt: „Aber wo ist es. ich sehe doch nichts." „Aber jetzt ist doch Winter, mein Kind," lachte der Gärtner. Er stand auf einer Leiter hoch oben in einem Baum. „Aber heute haben doch die Bäume Neujahr!" rief das kleine Mädchen und wurde ganz traurig. „Ich wollte doch Kirschen und Birnen an den Bäumen sehen, an wirklichen Bäumen. Hier kann doch nichts wachsen." Der Gärtner sah Evchens betrübtes Gesicht. Er kam zu ihr und sagte freundlich: „Du liebes Kind! Heute sind die Bäume von ihrem Winterschlaf erwacht. Ein neues Jahr beginnt für sie. Die Wurzeln wollen nicht mehr durstig sein und saugen und trinken köstlichen Saft aus der Erde, die Aeste und Zweige dehnen und strecken sich und bitten die Sonne um neue Blätter. Siehst du dort die grüngelbe Kohlmeise und da den bunten Stieglitz, den schönen Buchfink? Sie wissen es und freuen sich und singen, weil der herrliche Frühling kommt. Dann sind die Bäume bald grün und haben liebliche Blüten. Daraus wird später das Obst, komm nur im Sommer zu mir. Dann ist es hier ganz anders. Ich zeige dir dann zwischen den Blättern die glänzenden Früchte. So hoch will ich dich heben, du wirst sie dann mit deinen Händen selbst pflücken." Damit setzte der Gärtner Evchen auf einen Ast. Der Baum schüttelte sich vor Freude. Er umschlang das kleine Mädchen mit seinen Zweigen und flüsterte: „Komm nur, komm! Ich will dir meine süßesten Kirschen reichen!" Da freute sich Evchen wieder von Herzen und sagte ganz leise: „Ich wünsche ein gutes Neujahr, liebe Bäume!" „Wir auch, wir auch!" riefen die Vögel.