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Der Israelit · 1925-02-12 · Heft 7 (12.2.1925) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
66 (1925)
Issue
Heft 7 (12.2.1925)
Date
1925-02-12
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Die Meffmsbraut MV einer verlorenen Hoffnung Von S. Schachnorvltz. , ^Fortsetzung.) - . 38. . ' Bei Spinoza. Rembrandt sah sein GegenuhMKoch einmal an, überflog das Notizbuch und ein tiefer ^Hsufzer ^entrang sich seiner Brust: Er "erschrak und schloß rasch den Mund mit der flachen Hand, wobei das Seufzen in ein gekünsteltes Gähnen überging. Da es nicht gelingen wollte, brach der Maler in ein hell klingendes Lachen aus und steckte das Notizbuch in seine Tasche. „Du hättest es ruhig beim e r st e n lassen dürfen," sagte Spinoza und hustete aus hohler Brust. „Wie meinst Du das, Benedikt?" „Ich meine es so, daß beim Anblick meiner Züge, die Du in Dein Notizbuch ausgenommen hast, der Seufzer ganz berechtigt war. Sie werden erbärmlich genug ausschauen. Du hättest Dir nicht die Mühe geben sollen, die Teilnahme mit Gähnen und Lachen zu vertuschen . . . Ist auch übrigens völlig mißlungen, wie Dir jede Unechtheit und Unehrlichkeit mißglückt." : „Du bist ein Grübler, Benedikt. Und immer selbstquälerischen Ideen zugeneigt." : „Ich weiß es, lieber Freund, wie es um mich steht, und meine Aerzte können es mir nicht mehr verheimlichen. Meine Lungen haben keine Lust mehr, noch lange die verpestete Luft der Welt zu atmen und ich höre sie in schlaflosen Nächten Pfeifen: Genug! Wir haben, was wir wußten, laut genug in die Welt hinausgerufen, können uns nunmehr Ruhe gönnen . . . Eis und Unrat haben die Saaten, die wir gestreut, zugedeckt, und. des Ochsen und des Esels Füße zerstampften sie,. . . Vielleicht geht ein Saatkörnchen einmal später irgendwo auf, vielleicht auch nichts Wir haben unsere Pflicht -getan und wollen nun schweigen, so pfeifen die Lungen..." Spinoza wurde von einem schweren Hustenanfall unterbrochen, als stellten sich die Lungen selbst ein, um das nächtliche Gespräch zu bestätigen. „Uebrigens," setzte Spinoza fort, „waren für mich Dein Seufzen, Gähnen und Lachen beim Anblick meines neuen Bildes symbolisch. Wenn meine Lungen bald ganz aufgezehrt sind und ich im Grabe bin, da werden einige Wenige beim Anblick meines letzten Bildes mir einen Seufzer widmen, die große Maste wird gähnen und gelangweilt uninteressiert am Manne und seinem Werke zu ihrem Profit, zu ihrem Wuchergeschäft und zu ihrem kleinbürgerlichen Getue übergehen. Die Klugen aber werden hell a u f l a ch e n über den Narren, der Gott aus seinen Höhen, die Welt aus ihren Angeln und die Satten aus ihrer behaglichen Ruhe stören wollte, und so aus einem Baruch, einem Gesegneten, ein Verdammter und Verbannter geworden ist, der nicht einmal ein Grab in der Reihe der Vätergräber fand . . ." . Rembrandt stand gerührt und zugleich sehr gereizt von seinem Platze aus. „Es ist so schwer, Benedikt, mit Dir auszukommen.. Du bist Analytiker und jedes Wort, jeder Ton, jede Geberde, hat für Dich eigene 1-25 Bedeutung. Dach/ führt zu einer Selbstpeinigung, die auch'Menschen Deiner Größe nicht zu lange aushalten können. Da sind wir Künstler von Gott mit einemKMeren Teil begnadigt. Vor unserem Auge weben, undformen sich alle Einzelzüge des Hebens M einem /Gesamtbild, das voller Pracht und ^Gqstzheit die Unfertigen Teile und.-Striche ganz/vergeffen stißM Ihr Philosophen geht umgekehrt von oben; nach unten, seziert und zerlegt alles, was ganz.Md kunstvoll und/.abgeschlossen ist, in Ätöme, 'üW/ was das Auge behält ist Unfertiges, Häßliches> das Chaos, in das sich danndie Seele des Griiblers immer mehr : verstrickt. Du wirst melancholisch, Benediktus, und wirklich keine Wonne me.hr für Deine Freunde . ' / „Magst nicht ganz unrecht haben. Und dennoch spielst Du schlecht, wenn Du aus den dumpfen Einzeltönen meiner Lunge eine andere Symphonie heraushören wolltest, als die des baldigen Todes. Du legst bei mir kleinbürgerliche Maßstäbe yn, wenn Du glaubst, es mir. verheimlichen -zu müssen. Ich kenne das Gesetz von Werden und Vergehen als eines meiner Spezialfächer und bin frei der Todesangst^ Daß auch Du übrigens mit dem alsbaldigen Scheiden rechnest, ersehe ich ja daraus, daß Du noch rasch mein Bild in Deinem Notizbuch festhalten wolltest, „Der letzte Spinoza" wird wohl die Ueberschrift heißen . Rembrandt strich , sich den breiten, schwarzen Schnurrbart zurecht und schlug einen sehr sachlichen Ton an. „An Scheiden dachte ich wohl, aber nicht .aus der Welt, sondern aus Holland. Wie steht es mit Heidelberg, wohin Du von der Universität berufen bist? Und der „letzte Spinoza" soll es auch nicht sein. Ich für meinen Teil denke gewiß noch nicht ans Sterben, wiewohl ich über ein Dutzend Jahre vor Dir voraus habe. Ich werde Dich in der schönen Neckarstadt besuchen und Dich noch mehr wie einmal in Deiner neuen Würde als königlicher Professor zeichnen." „Du wirst den Weg vergebens nach Heidelberg machen, mich wirst Du dort nicht sehen." „Du willst dem Rufe nicht folgen?" „Nein, ich bleibe hier bei meinen Brillengläsern und meinen barocken Ideen, die ich solange zum Aerger der Rabbiner und Pastoren scharf schleifen will, als meine Lungen noch pfeifen." „Im Interesse Deiner Lungen sollst Du nach Heidelberg gehen.' Die schärfe salzige Seeluft tut Dir hier nicht gut, dort hast Du die würzige Luft der süddeutschen Wälder, die Tannen und Fichten des Odenwaldes und des Schwarzwaldes, nicht weit davon die Heilquellen der Taunusbäder. Es wird Dir gut tun, Du wirst dort körperlich wie seelisch genesen." Spinoza sah durch seine scharfen Brillengläser zu seinem Freunde hinüber, voll bitteren Vorwurfes. „Wärest Du es nicht, -Rembrandt, der vielerprobte Freund, ich könnte Dir ernstlich zürnen ob dieser Worte. Bin ich etwa so, daß ich um den schnöden Lohn einiger Lebensjahre meine Ueberzeugungen verkaufe und meine Ideen, frei geboren und ungehemmt im Reiche des Geistes schwirrend, in die Zwangsjacke eines königlich professoralen Amtes einklemme?" „Ich glaube nicht, daß Heidelberg Deine Berufung an Bedingungen knüpft, die Deines Geistes Schwingen irgend beschwerten." „Es tut es vielleicht auch nicht direkt. Aber die Freiheit des Denkens und des Handelns, die mir dieser Tisch gewährt — er wies mit der knochigen Hand auf den sechszackigen Arbeitstisch — vermag mir > kein König, kein Markgraf und keine Universität zu bieten. Ich möchte nicht von amtlich geaichter und abgestempelter Stelle aus meine Lehren in die Welt werfen. Daran werden Odenwald, Schwarzwald und Taunus, nichts ändern ..." „Du bist stolz, stolz in Deiner Bescheidenheit, aufrecht in Deiner Demut. Und schön leuchtet Dein Gesicht, da Du die stolzen Worte sprichst. Am liebsten möchte ich Dich noch einmal so malen." Aber es kam nicht dazu. VomVorplatze drangen Stimmen herein. Frau van Pinto verhandelte mit Männern, die. Einlaß wollten und sprach sich offenbar, ihrer Gewohnheit gemäß, bevor sie ihnen die Türe öffnete, alles vom . Herzen, was sich darin gegen ihren Herrn und seinen Freund, „den Schmierer und Weiberjäger" ängesammelt hatte: Zuerst erschien der Arzt Bendito de Castro im Zimmer, hinter ihm etwas langsamer und unsicher Isaak Naar und Abraham Pereyra, die sich vor dem Hausherrn und seinem Gaste tief verbeugten... .....:.. ... . .. . . .; Spinoza sah'kpstäänt. auf, natzm die Augengläser ab, putzte, sie umständlich und setzte sie wieder auf, als wollte er sich nochmals vergewissern, ob er auch richtig gesehen hatte. Er vergaß im ersten Staunen ihnen sogar Platz anzubieten, was aber Rembrandt für ihn besorgte. Der Maler wollte sich mit stummem Abschiedsgruß entfernen. Spinoza hielt ihn aber fest. „Nicht Du, sondern ich müßte mich von Rechts wegen entfernen, denn es ist ja den Herren gar nicht erlaubt, mir in einer Entfernung von vier Ellen nahezutreten," sagte er mit bitterer Ironie. Der Ärzt überhörte diese unfreundliche Einleitung und erkundigte sich unter vielen galanten Worten und Verbeugungen nach dem Gesundheitszustände Spinozas. „Ihr habt sehr, lange nicht danach gefragt." gab Spinoza bitter zurück. „Nun, ich begreife und nehme es euch nicht krumm. Es ging auch nicht gut an, in einer Entfernung von vier Ellen einem den Puls zu fühlen und die. Lunge zu untersuchen. Nun, was führt die edlen Herren heute in" meine einsame, bannbeladene Hütte?" Jsak Naar glaubte jetzt, der' etyms peinlichen Situation zu Hilfe kommen zu müssen und zugleich den Schlag zu parieren. „Es ist nicht so ernst gemeint mit dem Banne. Der Bann traf vor Jahren den Juden Baruch, auf den aus dem Judentum ausgetretenen Benediktus Spinozq kann sich die Macht der alten Rabbiner nicht erstrecken. Uebrigens kann auch heute der große Philosoph, dessen Lehren den Triumphzug durch alle Lande machen und die gesamte geistige Welt beherrschen, nicht mehr mit den Maßstäben von damals gemessen werden. Wir, die Gebildeten, waren fä nie ganz auf seiten der Rabbiner, und wenn es nach uns gegangen wäre . . ." „Es muß schon eine wichtige Angelegenheit sein, die die ausgleichende und versöhnende Logik als Schlüssel zu meiner Türe benutzt. Ich bin ordentlich begierig," unterbrach Spinoza aufs neue pikiert. Abraham Pereyra glaubte seinerseits etwas zur Versöhnung sagen zu müssen . „Der Herr Spinoza darf uns nicht als seine Feinde und Widersacher empfangen. Meine Freunde wie ich waren von Anfang an den Lehren des Pantheismus nicht unzugänglich und von den Rabbinern Abuab, Aguilar und Musaphia oft beargwöhnt." Spinoza verzog das Gesicht. Rembrandt wurde aber bei der Nennung dieser Namen wach. „Herrliche Charakterköpfe," sagte er, „ich habe sie neulich im Halbdunkel ihres Lehrhauses alle gemalt. Kabinettsstücke, meiner Serie'„Judenköpfe." Weder Spinoza noch die Besucher beachteten die Zwischenbemerkung des Malers. Spinoza

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