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Der Israelit · 1925-02-05 · Heft 6 (5.2.1925) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
66 (1925)
Issue
Heft 6 (5.2.1925)
Date
1925-02-05
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 12 Nr. 6 Der Israelit 5. Februar 1925 „Wer?" „Spinoz a. Er ist vom Markgrafen Wilhelm von Baden als Professor nach Heidelberg berufen. Wenn er ein Wort einlegte!!" Isak Naar klammerte sich an diesen Namen wie an einen Rettungsanker. „Er liebt uns nicht, Benediktus Spinoza, mich wohl am wenigsten, der ich früher zu seinen Jüngern zählte . . . Aber Ihr, Bendito de Castro, seid ja sein Arzt, zu dem er Vertrauen hat. Ihr sollt es versuchen." „Ich war es," sagte der Arzt, „und bin es nicht mehr, seit er nicht mehr unseres Glaubens ist. Wir wollen es aber gemeinsam versuchen. Es wird kein leichter Gang für uns alle sein. Spinoza ist verbittert und verärgert gegen Gott und Menschen und insbesondere gegen sein eigenes Volk, seine früheren Glaubensgenossen. Er fühlt sich ausgestoßen von Gott und seinem Volke verlassen, krank und gemieden, und er wird uns ungnädig empfangen. Aber wir versuchen es dennoch." Isak Naar, Abraham Pereyra und der Arzt Bendito de Castro machten sich ungesäumt auf den Weg nach Ouderkerk, wo Spinoza, vom Magistrate aus Amsterdam verbannt, jetzt seinen Wohnsitz hatte. (Fortsetzung folgt.) Ktnberecfe. w/tvisL Jüdische Gestalten. Der Wilnaer Gaon. IV. Der Gaon und die neue Zeit. Dieser Mann des Friedens konnte auch unerbittlich strenge sein, wenn es seiner Meinung nach gegen die Wahrheit ging, wenn er Thora und Glauben gefährdet wußte. Das zeigt insbesondere sein Auftreten un8 sein Kampf gegen den Chassidismus, dessen weitere Ziele kennen zu lernen er sich gar nicht die Mühe nahm, sobald er in Erfahrung brachte, daß einige Führer dieser Bewegung damals das Thoralernen hintanstellten und es mit der Einhaltung der Gebetzeiten nicht genau nahmen. Es häuften sich dann auf beiden Seiten Mißverständnisse, die die späteren Jahrzehnte glücklicherweise wieder geklärt und richtiggestellt haben. Nicht minder ablehnend dürfte sein Verhalten gegen die sogenannte Aufklärungsbewegung gewesen sein, die sich damals in Berlin in ihren ersten Anfängen bemerkbar machte, im Osten aber noch wenig bekannt war. Ein Brief, von einem Anhänger und Mitarbeiter Mendelssohns, Salamon M a i m o n geschrieben, ist der Nachwelt erhalten geblieben, und zeugt davon, daß des Gaons scharfer Blick auch diese Richtung erfaßt hatte. Maimon, der vom Gaon und seiner Größe gehört hatte, aber mit Zweifel und Mißtrauen den Berichten entgegenstand, nahm sich vor, den Gaon auf die Probe zu stellen. Er wußte wohl, daß er als Aufgeklärter in moderner europäischer Kleidung keinen Einlaß finden werde. So verschafft er sich falsche Dokumente und gab sich in Wilna, wo ihn keiner kannte, als O b e r - rabbiner von Padua in Italien aus. Er gab an, in Padua habe die Geistlichkeit eine öffentliche Disputation mit jüdischen Vertretern über Fragen des Glaubens erzwungen. Es feien 73 Fragen gestellt, von deren Beantwortung das Wohl und Wehe der italienischen Iudenheit abhänge. Er, der Oberrabbiner, sei nun nach Wilna geschickt, um die Fragen dem Gaon vorzulegen und mit ihm die Beantwortung vorzubereiten, bevor die Frist abgelaufen sei. Auf diese Weise glaubte er, all die Fragen und Zweifel und alle Kritik an den jüdischen Lehren, wie sie sich damals in der Berliner Auklärungsschule geltend machten, vor dem Gaon zur Erörterung zu bringen. Wilna glaubte ihm dies ohne weiteres und erwies dem „Oberrabbiner von Padua" Ehre und Teilnahme. Seine Erlebnisse beim Gaon waren aber anderer, höchst unangenehmer Art. Maimon fand, als er in die Wohnung des Gaon kam, eine kleine bescheidene Behausung, die aber von einer peinlichen Sauberkeit war, wie er sie in Litauen nirgends gesehen hatte. Schon Boden und Wände des kahlen Vorzimmers atmeten Weihe und flöhten ihm, wie er in seinem Briefe nach Berlin schreibt, hohe Achtung ein. Er übermittelte dem Schames sein Anliegen, übergab ihm auch die Empfehlungsschreiben von Padua, womit der Diener sich ins Jnnengemach begab. Nach einer kurzen Weile ging die Türe auf und der Gaon erschien an der Schwelle in Tallis gehüllt, das große Tesillingehäuse aus der leuchtenden Stirn. Die Augen blieben ihm, Maimon, abgewandt. Der Gaon entbot ihm keinen Schalomgruß und sah ihn nicht an. Maimon formulierte sein 73 Fragen und fragte, wie diese den Geistlichen zu Padua zu beantworten seien. „Diese 73 Fragen", sagte der Gaon mit abgewandtem Blicke, sind in Wahrheit nur fünfzehn Fragen, da die eine in der anderen und so fort enthalten ist. Und hier die Antwort—" Der Gaon beantworte die Fragen in seiner kurzen bestimmten Art. Maimon suchte einige Einwendungen. Statt auf diese einzugehen, wiederholte nur der Gaon seine Antwort. Er hatte nichts hinzugefügt, so bekundet Maimon, und dennoch war ihm jetzt alles so licht und klar, als wäre eine Sonne aufgegangen, die alles Eis zerschmolz, alle Nebel zerstreute, alle Schatten verjagte. Zuletzt redete ihn noch der Gaon an, ohne aufzublicken: „Seid ihr der Verfasser des Buches der Synonyme „Schemas Hanirdofim", so saget mir den Unterschied zwischen den verschiedenen Bezeichnungen der „Freude" wie „Sosaun, Simcho, Dizo, Chedwo usw." Maimon erklärte mit stotternder Stimme, da er sich unbgreiflicherweise erkannt sah, die Bezeichnungen aus seine Art, mit Ausnahme des Wortes „Dizo". „Und „Dizo?" fragte der Gaon. „Dizo ist nicht hebräisch", behauptete Maimon, „das Wart kommt aus dem späteren Rabbinischen." Der Gaon zitierte den Satz aus Hiob: „Lefonow toduz daawo". „Toduz", sagte der Gaon weiter, „leitet Raschi von Dizo ab." „Raschi ist für die exegetische und kritische Forschung nicht maßgebend", sagte Maimon zur Antwort. „Und der Midrasch, der von zehn biblischen Bezeichnungen für die Freude spricht.?" „Midrasch hat mit der Grammatik und Sprachwissenschaft erst recht nichts zu tun." Ohne ein Wort des Abschieds zog sich der Gaon in sein Zimmer zurück und schloß die Tür hinter sich. Für den angeblichen „Oberrabbiner von Padua" hatte aber die Sache noch ein böses Naschpiel. Kaum hatte er des Gaons Haus verlassen, als ihn zwei Gemeindediener mit starker Hand erfaßten und ihn in die Gemeindestube brachten. Dort saßen die Gemeindevorstände, vor denen er sich über sein gewagtes Spiel zu verantworten hatte. Er wurde nach damaligen Gebrauch bestraft und an den öffentlichen Pranger gestellt. Der Brief schließt mit den Worten: „Es gibt unter allen Weisen der Völker keinen seines gleichen." Großwutters Birken. Kennt ihr die weißen Birken im Garten, Die so sehnsüchtig aus den Frühling schon warten? Sie stehen mit kunstvoll verschlungenen Zweigen, Die schneebeladen darnieder sich neigen. v Mein Großmütterchen, mein liebes und gutes, Sie pflanzte sie einst voll vertrauenden Mutes, Als ihr Herz erfüllt von düsteren Sorgen Sich fürchten wollt' vor dem kommenden Morgen. Sie wuchsen inzwischen zu riesigen Bäumen, In deren Schatten die Enkel jetzt träumen Und spielen und lachen und singen und scherzen Und denken der Ahne mit dankbarem Herzen! So wurden die weißen, leuchtenden Birken Zu, einem Symbol für Großmutters Wirken Denn das ist ja das Streben der Edlen auf Erden , Daß zu einem Segen für andere sie werden. Und noch ein zweites wollen sie uns lehren: Nicht Wintersnacht kann ihre Hoffnung zerstören, Denn sind auch im Winter stets kahl ihre Aeste, Sie hoffen vom kommenden Frühling das Beste. A. B. 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