Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 6 (5.2.1925)
- Date
- 1925-02-05
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2450337-2450343--71909-2529236- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
SST Der Israelit Nr.ö 1025 «\v " Die Messiasbraut. Me Geschichte einer verlorenen Hoffnung von S. Schachnowitz. (Fortsetzung.) Rabbi Mendel machte eine Pause, da ein Hustenansall seine Rede unterbrach, dann fuhr er mit leiser, aber klarer -Stimme und scharf betonend fort: „Wir haben uns im Rabbinate im Einvernehmen mit hiesigen und auswärtigen Gelehrten zu Maßnahmen im Gottesdienste entschlossen, die wir hier dem Vorstande und der Versammlung Mitteilen, wiewohl uns in unserer Eigenschaft als religiösen Lehrern das Recht zukommt, sie einfach von uns aus zu verfügen. Wir wollen aber den Frieden über alles und es soll keiner durch uns zur Sünde des Uebelredens, Uebeldenkens und der unberechtigten Kritik an rabbinischen Entscheidungen veranlaßt werden . . ." „Neuerungen im Gottesdienste," rief jemand mit tadelnder Verwunderung. „Abkehr von Gesetz und Brauch als Schutzmittel gegen Abkehr und Verirrung?" Es konnte Esriel Brilen gewesen sein, der also sprach. „Keine Abkehr, keine Aenderungen und keine Neueinrichtungen, die dem Religionsgesetze widersprechen," beruhigte Rabbi Mendel. „Wir werden von nun ab, da die Verirrten alle Gebete, so sie vom „Goel", dem Erlöser, sprechen, in irgendeinen Zusammenhang mit ihrem Verführer bringen und besonders das Wort „Zwoaüs" auf dessen Namen hin deuten, in allen Frankfurter Synagogen auch d i e K e d u s ch a i m „U w o-l e- Z i o nf vom Vorbeter laut sagen lassen, damit so bekundet wird, wer der wahre Erlöser und der Dreimalheilige, der Herr Zebaot ist. Es entspricht dieses einem in manchen Gegenden ' schon fküher gekannten Brauche." j •••. . - Dagegen erhob sich kein Widerspruch. „In den „Tikkunim" nehmen die Einleitungsgebete unter dem Titel „Iehi rozaun" eine große f. .. RoW ein, namentlich, wenn sie En g els- N crm e n enthalten, die alle in irgendeine Be- Ziehung zum Verführer und seiner Mittlerlehre gebracht» werden. ** Es werden <von hellte -ab iin E Unseren Synagogen keine „Iehi rozaun" zur Einleitung religiöser Akte oder Gebete mehr Magt werden. I Ferner ist das „Elaukechem" zur Mussaf-Keduscha von Sabbat S ch u w a in den Tikkunim verfälscht wieder- ' gegeben, die Worte „S ch o f e t Z e d e k" ni^r mit ' den Anfangsbuchstaben angeführt, so daß sie zugleich auch den Namen des- Verführers von Hmyrna andeuten. Dieses „Elaukechem" djarf in den .Frankfurter Synagwgen nicht mehr gebetet werden." i< Etwas wie Protest machte sich auf einigen Gesichtern -geltend, er fand aber keinen lauten Ausdruck. > j j „In den „Tikunim" haben sie spitzfindig Mrausgerechnet, daß die, - Worte „Mekadsche ^chmecho^ iw Achtz.ehngebete, vom Hahbpt,,m ihrem' Zählestivekte 'dem "von ihnen ängebeteten Pamen entsprechen. Eine unsinnige Spielerei Mar^aber wiv.haben „es im Rahtzmate dennoch für gut gefunden, zu einer früher scholl in Deutschland bekannten Formel zurückzukehren, nämlich „Ohawe S ch m e ch o", zu der jedoch statt des „Wjonuchu" eher „Wjißmechu" paßt." „Neueinrichtungen, von denen unserer Väter nichts wußten," platzten doch jetzt die um Brilen heraus. Rabbi Mendel wies jedoch in ruhig gemessenen Worten nach, daß diese „Neueinrichtungen" schon zur Zeit des Rabbi Jakob M ö l e n, des großen Meisters des Minhag in Mainz, und des Frankfurter Josef Hahn wohlbekannt waren und daß es außerdem nach der Halacha in der Macht der berufenen religiösen Lehrer liege, nach Bedarf solche kleine „Takonaus" als Schutz gegen drohendes Unheil zu schaffen, aus welche Weise auch in früheren Zeiten mancher noch heute geheiligte Minhag entstanden sei. So ging die Versammlung friedlich und versöhnt unter dem Eindruck der Geschehnisse in der großen jüdischen Welt auseinander. Die gekommen waren, um eigene kleine Rechnungen auszutragen, waren, wie schon oft, beschämt von der ruhigen Größe einer starken reinen Persönlichkeit und entwaffnet. Als. man sich bei Nachtanbruch zum Abendgebet in den Synagogen sammelte, prangten am schwarzen Brette Bekanntmachungen des Rabbinats, unterzeichnet von allen Dajanim und den Mitgliedern des Vorstandes. Auf einem eigenen schwarzumrandeten Blatte war die Androhung des großen Bannes für die Anhänger der neuen Bewegung zu lesen. Man sah und hörte fürs erste von Sabbatai und seinen Anbetern in Frankfurt nichts mehr. Wenn man von den Vorgängen in Hamburg und Amsterdam auch eifrig sprach, so war es mehr die Sprache der Neugierde als die der Gläubigkeit. 37. Sie wandern . . . Aus der Gegend von Fürth und Nürnberg kam Kunde nach Amsterdam, daß sich dort ganze Judengemeinden zusammengetan, ihre Habseligkeiten auf Planwagen verpackt hätten und nun den Rhein hinunter mit Sack und Pack, Kind und Kegel über Köln und Emmerich auf holländisches Gebiet zu kommen suchten. Zu ihnen schlugen sich über Sachsen und Thüringen Unzählige aus Polen und Litauen und über Pasiau von der anderen Seite viele aus Galizien, Oesterreich und Ungarn, dieweil ihnen ein anderer Weg als über Holland, wo Juden offene Passage hatten, nach einem Seehafen nicht gegeben war. Jsak Naar und Abraham Pereyra nahmen sich der heimkehrenden Brüder mit Liebe und Aufopferung an und führten die langwierigen Behandlungen mit den holländischen Bestorden und Schiffsinhabern, auch sammelten sie Gelder und bauten Barackenlager und trafen alle Vorkehrungen für Empfang, Unterbringung, Verpflegung und Weiterbeförderung der Massen. Jsak Nagr war ein Mann von schweren Gedanken und rascher Tat und beseelt von glühender Erlösungssehnsucht. Zuerst von den Spinozaideen erfaßt, hatte er sich bald ganz zum Sabbataiglauben gefunden und er verfolgte einen festen Plan. Während die zu erwartenden Brüder von Ost und West hier ihrer Einschiffung nach Palästina harrten, wollte er nach Abydos gehen ulld sich Anweisungen holen. Mit festen Aufträgen wollte er zurück nach Holland kommen und sich an die Spitze der „Heimkehrer" stellen. War es ihm nicht gegönnt, selbst die Moschiachkrone, wppon er so oft geträumt hatte, zu tragen, so wollte er wenigstens als dessen Beauftragter und Unterführer mit einem Abglanze von Messias Mf dem Haupte ins Heilige Land einziehen. b . Sein^ Bildung, Stellung und Beziehungen zu den Behörden sicherten ihm die Führung und er fühlte sie jetzt schon in Händen. Ob er mit seinen Volksmassen gleich jetzt schon ins Heilige Land gehen, um den Boden für Sabbatai vorzubereiten oder erst mit ihm als Sabbatais Kerntruppe ziehen sollte, das sollte sich erst in Abydos auf „Migdol Os" entscheiden. Die Verhandlungen mit den holländischen Aemtern gingen glatt vonstatten. Auch die Christen waren recht neugierig auf die fremden Gäste und bereit, sie mit allen Mitteln zu stützen und ihrem Ziele näherzubringen. Die Kunde von dem Manne im Morgenlande, dem „die Sultane und Kalifen, die Fürsten Afghanistans und die Rajas von Indien Gesandte mit Geld und Geschmeide, Purpur und Seide schickten", hätte auch sie gepackt und viele waren in dem durch das Elend von. dreißig Kriegsjahren gut gepflegten dunklen Glauben auf baldige Welterlösung gerne bereit, an dieser Arbeit für die Herbeiführung des „tausendjährigen Reiches" zu ihrem Teile beizutragen. Jsaks Schar war gerüstet, die herströmenden Volksmassen an der Grenze zu empfangen. Indes ließ der Empfang auf sich warten. Es kamen böse Nachrichten aus den deutschen Landen. Auf regendurchweichten Wegen schleppten sich die Planwagen mit Greisen, Frauen und Kindern, Kranken und Siechen, durchnäßt und halberfroren, ganze Nächte im Moraste steckend, in Wäldern von Räubern bedroht und Zigeunern ausgeraubt, und kamen nicht vom Flecke. Die freien Reichsstädte gaben den Durchzug durch ihr Gebiet nicht frei. Die Nürnberger, sagte man, boten sogar Soldaten auf, um die Judenkarawanen an der Schwedenfeste mit Waffengewalt auszuhalten. Bauern stellten sich ihnen mit Sensen, Beilen und Mistgabeln in den Weg und ließen sich nur nach Hergabe von Gold und Silber, der letzten Habe der Wanderer, zum friedlichen Abzug bewegen. Greise und kleine Kinder blieben überall am Wege liegen und würden im Walde in raschgeschaufelten Gräbern bestattet. Man höre wahnsinnige Schreie junger Mütter aus den Wagen, die auch Sabbatai verfluchen . . . Andere stürzten sich wütend auf die Fluchenden . . . Keiner könne heimkehren, weil das Dach daheim abgetragen, die letzte Habe veräußert oder ausgeraubt ist . . . Die Auswanderer suchten, so rasch sie eben in ihrem Falle könnten, aus dem Bereiche der Nürnberger zu entkommen und sich aufs Gebiet und in den Schutz des edlen Markgrafen von Sulzbach zu retten. — -- Diese Nachrichten versetzten, da sie nach Amsterdam gelangten, die Gläubigen in höchste Erregung. „Die Messiasleiden!" Und sie trugen sie für all e. „Was stand uns noch bevor?" fragte man sich. „Und der Mann auf Abydos, der rauschende Feste feierte und dem Könige zu Füßen lagen? Warum sprach er nicht sein Machtwort, riß er nicht die Pforten des Erbarmens auf für die, die auf seinen Ruf kamen?" fragten die Skeptiker und erhielten keine andere Antwort, als dunkle Anspielungen auf unvermeidliche Uebergangsqualen ... Jsak Naar litt in Wahrheit und tief mit den Ziehenden und er dachte ernstlich daran, ihnen entgegenzuziehen und wäre es auch nur, um die Leiden mit ihnen zu teilen. Doch machten ihm Abraham Pereyra und der Arzt Bendito de Castro klar, daß er damit nur unnütz sich opfere, ohne zu helfen. Es müsse von hier aus alles aufgeboten werden, den Wanderern den freien Weiterzug und den Grenzübergang zu erleichtern. Wenn man sie nur einmal hier hätte! Die Behörden der Niederlande waren den Juden günstig gestimmt . . . „Aber wer hilft uns bei den Fürsten der deutschen Lande?" fragte Jsak Naar aus tiefem Schmerze. „Ich wüßte einen, der es könnte, wenn er nur wollte," sagte de Castro, selbst ungläubig. sn I!• V .1 il ff