Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 5 (29.1.1925)
- Date
- 1925-01-29
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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TMättcv fievausgegeßen »onder fandesopganifaMon de® Jlgudas-Jispoel In Veulfekkand Jahrgang Frankfurt a. Nl., den 29. Januar k925 / 4. ^»chwat 5685 Nummer 3 Lrez Israel äer Aguikas Die allweltliche palästina-Lentrale der Agudas Jisroel in Frankfurt a. IXl. beruft auf Sonntag, den 21. Schwät (15. Februar) d. Is. eine Ikonferenz fümtlickev Eatastma - Lentvalen den ftgudas Wroek und deren VertrauensmSnnev naefi Frankfurt am Iftam ein. Die Konferenz beginnt am Sonntag, den 21. Schwat, vormittags 9 Ühr im Hörsaal der Israelitischen Rel gions-Gesellschaft, Friedberger Anlqge 6. An der Tagung können Gäste, soweit es sich um Mitglieder der A. J>. handelt, teilnehmen. Programm der Tagung: 1. Tätigkeitsbericht der Palästina -Tentrale seit der Arakauer Zentralratssitzung. 2. Das Aufbauprogramm der A. I. in Erez Jisroel. 3. Emigration, Ausbildung der Aülim in Grez Ii-roel und der Diaspora. 4. Die kulturellen und die religiösen Ausgaben der ß. 3- und deren Sicherung durch den Aeren Erez I^roel. 5. Arbeitsgemeinschaft mit den Aollalim. 6. Schaffung der finanziellen Grundlagen für die Aufbautätigkeit der A. 3- 7. LDirtschaftsdelegation der Palästina-Tentrale nach Grez Jisroel. Enkastina-Lentrale dev Agudas Isroel Frankfurt a. M., Eschenheimer Anlage 31. Die jüdische Allgemeinde. Studie von Nathan Birnbaum in Hamburg. „ Es ist eine alte Erfahrung, daß Forderungen, bevor sie den Inhalt erhalten, der den Notwendigkeiten entspricht, und allgemein werden, verschiedene Phasen durchlaufen. Von diesen ist wohl die interessanteste das Anfangsstadium, in dem die der Forderung zugrunde liegende Idee an verschiedenen Stellen, mehr oder weniger gleichzeitig, in größerer oder geringerer Unfertigkeit, mit mehr oder weniger Schüchternheit, vor die nichtsahnende und daher unaufmerksame Öffentlichkeit tritt. Diese aufmerksam oder aufmerksamer zu machen, darf daher als dankbare Aufgabe gelten. Und das ist sicherlich nicht anders, wenn es sich um die jüdische Oeffentlichkeit oder auch nur um den größten Teil von ihr handelt, der sich eine Bejahung des Judentums ohne ein jüdisch-religiöses Leben im Sinne der Tradition nicht vorstellen kann. Nun gibt es jetzt am Horizonte der traditionell bestimmten Judenheit vier Forderungen, die sie, die Blicke auf anderes oder auch auf Nichts gerichtet, vorläufig nur wie blaffe Nebelstreifen oder auch gar nicht wahrnimmt, und die doch berufen zu sein scheinen, von ihr immer deutlicher wahrgenommen und schließlich als ihr und der ganzen Judenheit Schicksal entscheidend erkannt und anerkannt zu werden. Eigentlich sind.es zwei Paare von Forderungen — wobei sowohl die Paarglieder als die Paare selbst untereinander stark zusammenhängen. Von dem ersten Paare, das im wesentlichen Beziehungen nach außen betrifft und sich dadurch letzten Endes als zweitrangig kennzeichnet, soll hier die eine Forderung — die gewissen im letzten Jahrhundert den Juden, auch den meisten überlieferungstreuen, überaus erfolgreich anerzvgenen Stimmungen am augenfälligsten widerspricht und deshalb nur von sehr vereinzelten Augen und auch von diesen nur wie eine Spur von etwas Sichtbarem wahrgenommen wird -— als derzeit ganz „unzeitgemäß" hier nicht einmal genannt werden. Die andere Forderung betrifft das Zusammengehen von um das Religiöse besorgten Angehörigen der Hauptreligionen im Kampfe gegen Materialismus und Unglauben. Sie lag unbewußt oder jedenfalls nicht zu Ende gedacht schon manchen Vorgängen der letzten Jahrzehnte zugrunde. Als ich sie vor ungefähr drei Jahren als Idee aussprach, die grundsätzlich verwirklicht werden müßte, wurde ihr teilweise, mit Absicht oder ohne solche, ein anderer Inhalt untergelegt und sie fand auch sonst keinen freundlichen Widerhall. Um so bezeichnender ist, daß sie in allerjüngster Zeit von geradezu offiziell traditionstreuer Seite in vollem Umfange und mit noch größerem Nachdruck aufgestellt wird. Sie ist der allgemeinen Sichtbarkeit schon ganz nahe und wird bald würdig befunden werden, auf der Tagesordnung zu stehen. Das zweite Forderungen-Paar rührt unmittelbar an das innerste Schicksal des jüdischen Volkes. Die eine ihrer Forderungen — so alt wie das Judentum selbst und doch so ganz verblaßt, und die entscheidendste, weil sie sich nicht bloß mit Mitteln zur Erfüllung des Judentums befaßt, sondern in erster Linie auf Erfüllungen drängt — kann etwa mit den Worten umschrieben werden: Verlebendigung der Tugend im Volke, d. h. der Tugend als Anbetung Gottes, als Versenkung in seine Herrlichkeit, als gelebte Gottesnähe; der Tugend als Bedachtheit auf Würde, Heil und Recht des Nebenmenschen, als tätigen Erbarmens mit ihm in allen seinen Leiden, und endlich der Tugend als würdiger Einfügung der eigenen Person und Sphäre in Gottes wunderbare Welt. Doch soll hier auf diese Forderung — die übrigens eine Fülle von praktischen Problemen, so z. V. das einer durchgreifenden Agrarisierung des Volkes oder das-im Nachstehenden behandelte, aufscheucht — nicht näher eingegangen werden. Denn die vorliegenden Ausführungen sollen in der Hauptsache nur der anderen Forderung aus dem erwähnten zweiten Forderungen-Paare gewidmet fein. Im Leitartikel einer jüdischen Wochenschrift (des „Jüdischen Wochenblattes") war jüngst von einer „halachifchen Anarchie" und von zwei verschiedenen Wegen die Rede, die zwei hervorragende jüdische Männer eingeschlagen Haben, um sie zu überwinden — der eine durch Gründung der „Agudas Jisroel", der andere durch seinen Vorschlag der Errichtung eines „Weltrabbinates" in Jerusalem. Man muß diese Darstellung eine hochverdienstliche nennen, sie legt von einem beachtlichen Erspüren des Werdenwollens Zeugnis ab. Man muß dem Verfasser (H. L.) zubilligen, daß er über eine gute Witterung verfügt, und daß ihn diese auf die richtige Fährte geführt hat. Aber man muß nicht der Meinung sein, daß er die Fährte bis zu Ende verfolgte, d. h., daß das, was den beiden Männern bei ihren so unterschiedlichen Wegen als letzte Forderung vorschwebt, wirklich nur die Ueberwindung der „halachifchen Anarchie" ist. Ich weiß nicht, ob das, was der Verfasser so nennt, diesen Namen verdient, und halte mich nicht für kompetent, darüber eine Meinung abzugeben. Aber das glaube ich sagen zu dürfen: Wenn tatsächlich eine halachische Anarchie besteht, so ist sie nur eine Folge- und Teilerscheinung von etwas weit Größerem, Schicksalhafterem: von jener allgemeinen Anarchie im Gemeinschaftsleben der jüdischen Gläubigen, die so wunderbar den erzieherischen Intentionen des Gesetzes entgegenarbeitet; von jenem Mangel einer der Bestimmung des jüdischen Volkes, seiner Art und seinem Schicksal entsprechenden, über sein ganzes Siedlungsgebiet hin gefügten, anerkannten und wirksamen religiös-nationalen Repräsentanz —, einen Mangel, den es mit fast völlig gelähmter Widerstandskraft gegen die Versuchungen des sogenannten Zeitgeistes und mit der Unfähigkeit zu gesammeltem Blicke, geschlossenem Willen und einheitlicher Tat in den Fährlichkeiten des Lebens bezahlt; von jener furchtbaren, bisher leider so wenig beachteten Tatsache, daß es zwar noch immer so ziemlich eine jüdische Gesamtheit (Klal Jisroel), aber schon lange mehr keine jüdische Allgemeinde (Knesses Jisroel) gibt. Die große Forderung aber heißt nicht bloß Beseitigung der „halachifchen Anarchie", falls da wirklich etwas zu beseitigen ist, sondern, weit darüber hinaus, Wiederherstellung einer großen, festen, organischen jüdischen Allgemeinde. Und nur diese Wiederherstellung kann das erkannte oder zumindest zutiefst erahnte Endziel der beiden Wege sein, von denen hier die Rede ist. Was diese vorgeschlagenen Wege selbst betrift, so ist soviel a priori klar, daß, wer ein Endziel wie das oben umschriebene erkennt oder erahnt, sich jedenfalls nicht ganz im Wege vergreifen kann, sondern ihn im Gegenteil für eine gute Strecke lang richtig zeichnen muß. Das heißt: daß jeder der beiden Vorschläge zumindest aus Elemente des wahren Weges Hinweisen muß. Am Vorschläge Kooks ist zumindest soviel richtig, daß die wiederherzustellende jüdische Allgemeinde ohne Zentrale nicht denkbar ist, so daß die Schaffung dieser Zentrale sicherlich einen Punkt des einzuschlagenden Weges darstellt. Doch Kook geht weiter, er setzt sie an den Anfang aller. Tat — durch das „Weltrabbinat" zur jüdischen Allgemeinde! — und läßt sich die nachher benötigte Fügsamkeit dieser Gemeinde durch die inbrünstigen Gefühle der Judenheit für das heilige Land als heiliges und die vorher benötigte Kraft zur Schaffung der Zentrale sowohl durch die genannten Gefühle als durch den jüdischen Nationalismus garantieren. Nun ist ja nicht zu bestreiten, daß die Liebe der überlieferungstreuen Juden zu dem heiligen Lande ein eminenter Faktor im Zuge der Wiederherstellung der jüdischen Allgemeinde werden kann. Und es ist ganz selbstverständlich, daß als Stätte für deren oberste Stelle prinzipiellerweise nur das Land Israel in Betracht kommen darf*). Es ist auch nicht zu leugnen, daß es gut wäre, wenn die freigeistigen nationalistischen Elemente unseres Volkes der Konstituierung der jüdischen Allgemeinde mit einem ehrlichen Wohlwollen gegenüberstehen würden. Aber es ist kaum anzunehmen, daß sie dies tun werden, wenn ihnen *) Vielleicht wäre es übrigens auch für das materielle Palästinaproblem besser, ja ein kaum mehr nachholbares Glück gewesen, wenn man rn erster Linie auf Schaffung derartiger sichtbarer Positionen des jüdischen Geistes bedacht gewesen wäre.