Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 5 (29.1.1925)
- Date
- 1925-01-29
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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29. Januar 1925 Seite 10 Nr. 5 \ Der Israelit regionen zustrebend, und ich möchte in dieser Zeit, da die Verirrung wie eine reißende Flut auch durch die deutschen Lande jagt und die Gemeinden in Nord und Süd erfaßt, meine geliebte Kehilla, die wir bisher rein und heil erhalten konnten, nicht ohne letzten Rat und letzten Beistand verlassen! ..." „Unser Rabbi lebe und wirke in unserer Mitte bis zu hundertzwanzig Jahren!", wurde die Rede laut unterbrochen. Auch ausgesprochene Gegner Rabbi Mendels stimmten in den Zwischenruf ein, Esriel Brilens Stimme klang dabei am vernehmlichsten. Rabbi Mendel sprach unbeirrt weiter: „Es ist nicht viel Zeit zu verlieren, denn was aus Amsterdam und Hamburg berichtet wird, erfüllt unser Herz mit Scham und Schmerz. Eines ihrer Gebetbücher, „Tikkunim" genannt, fiel mir in die Hand. Wehe den alten Augen, die das erblicken mußten. Man müßte die Kleider zerreißen, sich in Sack und Asche hüllen angesichts solcher Verworrenheit und Verworfenheit . . . Eine neue Bewegung der Menschanbetung, ähnlich wie sie vor 1666 Jahren von geheiligtem Boden ausging und seitdem anhaltend namenloses Unglück über uns gebracht und bringt. Lasten wir alle Uneinigkeit ruhen und wie ein Mann uns der Gefahr entgegenftellen. Erhalten wir den Boden dieser alten Gemeinde wenigstens rein, so wird sich über kurz oder lang der Strahl der Reinheit von hier über die Lande nach Nord und Süd, Ost und West ergießen, und den entweihten Weg des jüdischen Lebens von allem angesammelten Unrate wieder reinsegen.--" „Was soll geschehen?" fragten mehrere Stimmen zugleich. „Zunächst wird der große Bann in verstärkter Kraft erneuert für jeden, der den Namen des Verführers im Munde führt, die Sendschreiben seiner Beauftragten und die verfälschten Gebetbücher in die Hand nimmt. Wer bei uns von heute ab sich noch derartiges zuschulden kommen läßt, darf nicht mehr die Synagoge betreten und nicht mehr zur Thora gerufen werden, als bis er öffentlich vor offener Lade seine Verirrung bekennt und bereut." (Fortsetzung folgt.) Kinderecke. Jüdische Gestalten. Der Wilnaer Gaon. ui. Nach fünfjähriger Wanderschaft kehrte der Gaon nach Wilna zurück, und Wilna war glücklich, ihn wieder zu besitzen. Aber Ehren und Äemter lehnte er ab und ließ sich auch nicht bewegen, eine rabbinische Funktion auszuüben. Er wollte nur Tag und Nacht bei seinen Folianten bleiben und verbat sich^ in minderwertigen Dingen gestört zu werden. Nur wenn es sich um Neueinrichtungen im Gemeindeleben handelte, durfte es der Vorstand wagen, ihn zu Rate heranznziehen. Als einmal die städtischen Armen dagegen Beschwerde erhoben, daß auswärtige Wanderarme turn der Armenkaffe zu sehr und, ihrer Meinung nach, auf Kosten der Stadtarmen begünstigt wurden, und der Vorstand aus diesem Grunde zusammentrat, um die Unterstützungen der Fremden einzuschränken, wagte man nicht, einen solchen Beschluß ohne Anhörung des Güon zu fasten. Man schichte den Gemeindediener zum » Gaon und ließ ihn bitten. „Um was geht es?" fragte der Gaon. Der Diener nannte die Tagesordnung. Da wehrte der Gaon ab: „Ich sagte ja schon, ich komme nur, wenn es sich um neue Einrichtungen handelt. Diese geplante Maßnahme gegen die Fremden ist aber uralt. Sie bestand schon in Sedom und Amorah zu Recht . . ." Damit war natürlich das Schicksal des Antrages entschieden. Wovon lebte der Gaon, nachdem er Aemter ablehnte und Bezahlung zurückwies? Seine Bedürfnisse waren minimal. Er lebte fast nur von Brot und Tee. Und diese kleinen Bedürfnisse wurden von einem Legat gedeckt, das er nur deswegen in Anspruch nahm, weil es von einem Ahn seiner Frau herstammte, dem Rabbi Mosche Rifkasch nämlich, also eine Unterstützung, die ihm erblich zukam. Aber auch um diese herzlich kleine Zuwendung wurde er lange Jahre betrogen durch einen ungetreuen Diener, der im Vertrauen auf die Verschwiegenheit des Gaon das Geld einfach für sich einsteckte. Auf dem Sterbebette hatte der Diener seine Verfehlungen gestanden. Der Gaon hatte nichts davon gesprochen und verzieh dem ungetreuen Diener mit vollem Herzen. In seiner Seelengröße empfand er die Not selbst nicht und ließ sie auch nach außen nicht merken. Und darin hatte er eine Stütze an seinem Eheweib, das in seiner Stärke an die Beruria, in seiner unentwegten Treue an das Weib Rabbi Akibas erinnerte. Als diese Frau starb, hielt der Gaon an ihrer Bahre einen Hesped, der aus wenigen Sätzen bestand: „Ich hungerte für die Thora, das ist leicht zu ertragen, sie aber hungerte für mich, einen Menschen. Wieviel Kraft gehört dazu. Und wieviel stärker war sie wie ich!" Ueber Wilna, Litauen und Polen ging der Ruf des Gaon, ohne dessen Zutun, über die ganze Welt hinaus, und das wollte was heißen zu einer Zeit, da es in Prag einen J^cheskel Landau, in Frankfurt einen Jakob Jofua Falk, in Altona einen Eibenschütz, in Metz einen „Schaagas Arje" u. v. m. gab. Rabbi Elia war jünger wie die hier genannten. Aber er war bald die Sonne, um die herum sich alle Lichter konzentrierten. Er ist d e r G a o n schlechthin. Im großen Streite, der damals in Altona zwischen Eibenschütz und Emden über die Kameoth entbrannte und der als schmerzliche Nachwirkung der Sabbatai Zewibewegung anzusehen ist, wurde auch der Gaon zu Wilna um seine Meinung angegangen. Seine Antwort ist ein rührendes Dokument von Bescheidenheit und Friedensliebe. Er hält sich für zu gering, um beruhigend und schlichtend zu wirken, da wo es die Größten nicht vermochten. Er ist aber von der Unschuld Eibenschütz' überzeugt und drückt den Wunsch aus, daß bald Gott die Herzen zum Frieden stimmen möge, und daß der häusliche Streit zwischen denen, die berufen sind, gemeinsam am Werke des Friedens zu arbeiten, aufhöre. Es ist ausschließlich Sache der Leser, die im Iuseratentei enthaltenen Empfehlungen ritueller Waren oder sonstig» Angaben religionsgesetzlichen Charakters auf ihre Zuverlässigkeit zu prüfen. Für die bevorstehenden KOSTÜMFESTE machen wir auf unsere anerkannt beispiellos große Auswahl von Stoffen und Materialien aufmerksam, welche wir zu besonders vorteilhaften Preisen anbieten. Beachten Sie unsere diesbezüglichen Schaufenster. 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