Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 5 (29.1.1925)
- Date
- 1925-01-29
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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-o<p'VÄgr^fS^üp-**^-v *, '\>' fcuillclon- Beilage Israelit Nr. 5 M5 Die Messiasbraut. Die Geschichte einer verlorenen Hoffnung Bon S. Schachnorvltz. (Fortsetzung.) Um diese Zeit erschien in Hamburg ein Buch, das aller Blicke wieder nach Frankfurt senkte. Es war eine Fortsetzung der kabbalistischen „Zehn Abhandlungen" des Frankfurters Moses den Solomon Halevy, ßie unter. dem Titel „Maamar Olam Katon" den Mikrokosmos und in einem weiteren Kapitel die „Z ebaoth Haschern", die „Scharen Gottes" in tiefschürfender Weise behandelt. Vom nunmehr schon greisen Frankfurter Oberrabbiner Rabbi Mendel Baß wurde diese Schrift, fünfzehn Jahre nach dem Erscheinen der ersten Schrift Halevys, wiederum freudig begrüßt und mit Approbation wärmstens empfohlen. Die Amsterdamer und Hamburger Sabbataianhänger versuchten zuerst nachzuweisen, daß die in der neuesten Schrift ausgesprochenen Ideen und Lehren sich mit denjenigen des Sabbatai deckten und daß insbesondere die Abhandlung über ^Zebaoth Haschern" schon in ihrem Titel deutliche Hinweise auf Sabbatai Zewi enthalte. „Und," so sprachen und schrieben sie weiter, „nachdem der große Rabbiner Frankfurts mit seinem klaren Urteile die Veröffentlichung des Werkes gutgeheißen, kann es keinem Zweifel mehr unterliegen, daß Frankfurt mit seinem Rabbiner an der Spitze sich zu Sabbatai bekennt ..." Rabbi Meier Stern setzte von Amsterdam aus seinen Schwiegervater in Frankfurt ungesäumt von diesen Gerüchten in Kenntnis. Und Rabbi Mendel sowohl wie der Verfasser der Schrift, Rabbi Moses Halevy, beeilten sich, nach Amsterdam und Hamburg zu berichten, daß das Werk, bereits. vor vielen Jahren fertiggestellt, nicht das mindeste mit Sabbatai und seiner Sache zu MM haN und daß ^besonderS Rabbi Mendel diesem gMz'est' Treiben'' 'fcrüT und ablehnend gegenüberstehe, wenn er auch infolge hohen Alters und eigener Sorgen in der Gemeinde bisher keine.Veranlassung nahm, tätig! in den. Kampf einzugreifen und sich Sasportas anzuschließen. „In unserer heiligen Gemeinde," schrieb Rabbi Mendel, „ist im Ganzen alles ruhig und in Gottesfurcht verharrend geblieben, in Erwartung des wahren Erlösers, der kommen mag bald in unseren Tagen ..." Die Briefe wurden von Raar und dessen Freunden zurückgehalten, daß sie nicht zur Kenntnis der Welt gelangten. Aber der Versuch wirkte im Zusammenhang mit den Nachrichten aus Hamburg auf Frankfurt : ernüchternd und aufrüttelnd. Nachforschungen des Rabbinats ergaben, daß Emissäre aus Amsterdam und Hamburg, auch Boten, die von Konstantinopel und direkt von Abydos gekommen waren, auch hier eifrig und nicht ganz ohne Erfolg tätig waren; daß es auch bereits einen eigenen zwar noch ganz geringen Kreis gab, der, im Geheimen noch, alte Gebete entstellte und neue hinzufügte zu Ehren des Messias von Smyrna, „Tikkunim" einschmuggele und sich auch anschicke, Delegierte nach Abydos zu entsenden. Es wären keine Männer von Namen darunter. Rabbi Mendel lehnte weitere Untersuchung und Aufbauschung ab. Es sollten keine Märtyrer geschaffen werden und den Fehlenden der Weg zur stillenRückkehr nicht versperrt werden. Mit einer allgemeinen Verwarnung und öffentlichen Androhung des großen Bannes für alle, die Sabbatai im Gebete oder sonst als Messias fernerhin feiern und Edikte aus Abydos oder Sendschreiben aus Gaza empfangen, lesen und verbreiten, glaubte man sich fürs erste begnügen zu können. Aber für die Zukunft mußte doch ein Riegel vorgeschoben werden, und das Rabbinat beschloß scharfe radikale Maßnahmen. 36. Frankfurter Abwehrmaßnahmen. In der Gemeindestube, die als Anbau zur Altschul aus zwei Räumen, einem größeren für Versammlungszwecke und einer kleineren Besdinstube bestehend, zur bescheidenen Rabbinerwohnung hinüberführte, war nach dem schon auf den frühen Nachmittag gelegten Minchagebete des siebzehnten Tamus große Beratung. Rabbi Mendel liebte es, in Anknüpfung an die Zeit der Mifchna, ernste Sorgen und Anliegen der Gemeinde an Fasttagen in öffentlicher Versammlung zum Austrage zu bringen, und diesesmal um so eher, als ihm zu Ohren gekommen war-, wie sie sich in Hamburg und anderswo anschickten, den siebzehnten Tamus nach dem Edikte von Abydos mit Speis und Trank, Sang und Tanz zu feiern.' Hier herrschte Fasten und Trauer, und die Slichausgebete ergossen sich in üblicher Weise. Versammelt waren jetzt außer dem Rabbiner und seinen sechs berufenen Dajanim alle Mitglieder des Vorstandes, die Vorsteher aller Vereine, eine große Anzahl von, Privatgelehrten und alles, was irgend Namen und Stellung in der Gemeinde hatte. Alle kannten den Zweck der Versammlung, und Rabbi Mendel unterstrich es noch einmal in seiner schlichten Einführung. Es galt alles aüfzubieten, was dazu angetan wäre, ein Uebergreifen der unheilvollen Bewegung auf die alle Muttergemeinde, die dem ganzen deutschen Süden zum Muster diente, zu verhindern. Rabbi Esriel B r i l e n,. früher Mitglied des Vorstandes und Rabbi Mendel nicht sehr gewogen, ergriff das Wort und ließ in stark anzüglicher Rede durchblicken, daß er die bisherige zweideutige Haltung des Rabbi und dessen für alles Kabbalistische bekundete Vorliebe verantwortlich mache dafür, wenn Verwirrung in gewissen Kreisen entstehe. Vrilen versäumte seit seinem Austritte aus dem Vorstände keine Gelegenheit, Rabbi Mendel seinen. Unwillen zu zeigen. Es erhoben sich Stimmen für und wider das Rabbinat. Jonas Bonn meinte, man habe sich allezeit mit Kleinigkeiten abgegeben und das Auge für ernste Gefahren verloren. Jonas Bonn war einer der Aerzte, die vom Rabbinate des Rabbi Mendel auf eine Verordnung v er - e i d i g t wurden, die ihnen, den Gemeindeärzten, viele Pflichten auferlegte, denen, ihrer Meinung nach, keine Rechte in genügendem Maße entgegenstanden. Ein anderer schloß sich dem Vorwurfe mit großer Lebhaftigkeit an und erregte einige Heiterkeit; denn dieser letztere Sprecher, das wußten alle, konnte es Rabbi Mendel nicht vergessen, daß er durch dessen Verordnungen gegen unlautere Zahlungseinstellung drei Jahre lang auf die „Pl et o b an k" in der Synagoge verbannt war . . Abraham Helen, um den sich seit Jahren eine jugendliche Opposition gegen Vorstand und Rabbinat sammelte, klagte, daß der Gemeinde zu wenig Belehrung über die Dinge des Glaubens und die Fragen des tieferen Seins werde, woraus sich Zweifel und Verwirrung erklärten. Ihm wurde entgegengehalten, daß gerade er und sein ewig unzufriedener Anhang es waren, die die Sabbatvorträge des Rabbi als „ermüdend" empfanden und es durchsetzten, daß diese nicht mehr im Anschlüsse an den Morgengottesdienft, sondern nachmittags vor fast leerem Hause abgehalten wurden. Ob er nicht anerkenne, was unter Führung des Rabbi zur Hebung der Schulen und zum Ausbau der großen Jeschiwoh geschehen sei? Das gab einigen auswärtigen Gelehrten Anlaß zur Klage gegen die Jeschiwa, daß sie sich absperre und die Promotion zum Rabbiner an nebensächliche Bedingungen knüpfe, auswärts erhaltenen Morenutitel sogar als ungültig erkläre, solange er nicht vom Rabbinate bestätigt sei. Samuel Bing tadelte die Steuerverordnung, die den Unbemittelten zu wenig berücksichtige. Ihn erinnerte der zur Beratung zugezogene H o f j u d e Samuel Strauß daran, daß die Gemeinde 1700 Reichsthaler an N i ch t j u d e n schulde, eine Schuld, die sie auf Zinsen ausnehmen mußte, um die Kosten für die Aufhebung des drückenden und beschämenden „K o p f z o l l s" zu decken. Das Ziel dürfte bald erreicht sein, aber die Schuld noch lange nicht getilgt. Daß für diesen Zweck auch die Aermsten der Armen, selbst die Almosenempfänger, mit herangezogen werden, beruhe auf der halachischen Entscheidung des Rabbinats unter Berücksichtigung der Tatsache, daß die „Schuld" in gleichem Interesse aller ohne Ausnahme ausgenommen wurde ... Die Freunde des Samuel Strauß, Abraham Drach und Theodor Oppenheim, die mit ersterem in Sachen des Kopfzolls am kaiserlichen Hofe tätig waren, gaben nun nacheinander Auskunft über den Stand der Angelegenheit und meinten, es entspreche dem alten Ruhme Frankfurts, daß es Opfer auf sich nehme für die Gesamtheit der Judenschaft in allen deutschen Landen. Es gab Zustimmung und lautes Murren. Viele Stimmen schwirrten durcheinander. Bis sich Rabbi Mendel erhob und mit einer Bewegung seiner weißen, zittrigen Hand die vom Ziele gänzlich abgeirrte Verhandlung wieder ins richtige Geleise rückte. Rabbi Mendel, der all die Zeit still und versonnen auf seinem Ehrenplätze vor aufgeschlagenen Folianten und Gemeindebüchern saß, hatte jetzt, da er den mächtigen Kopf zurückwandte, daß das von schneeweißem Barte umrahmte zarte Gesicht mit den vergeistigten Augen voller Güte und Abgeklärtheit der. Versammlung zugekehrt war, wie mit einem Schlage aller Augen, aller Ohren und aller Herzen für sich. „Rabbausai", Hub er mit schwacher Stimme an, „wir sind hier nicht zusammengekommen, um über Steuern und Gemeindefragen zu streiten, auch nicht, um über Handlungen und Maßnahmen des Rabbinates zu richten. Es steht Höheres auf. dem Spiele, und Einigkeit tut not für uns und alle, die der Gnade harren.. Uneins unter sich und mit seinem Gotte ist Israel ins Golus gezogen, an das auch der heutige Fasttag erinnert. Euer Richterspruch über mein Wollen und Wirken, glaube ich Rabbausai, erübrigt sich. Denn, ich fühle, ja ich weiß es, ich werde bald vor dem Throne des höchsten Richters stehen, um ihm Rechenschaft abzulegen für dys, was ich. in den zweiundzwanzig. Jahren, da ich mit. Seiner Gnade die Gemeinde führen durfte, getan und unterlassen habe. Es wird vielleicht nicht alles recht gewesen fein. Aber eines ist gewiß: Auf die Frage, ob ich es stets ehrlich und gut und zu Ehren Gottes g e m e i n t und g e w. o l lst habe, werde ich bescheidentlich und aufrichtig J a sagen können ... Folgen und Nebenwirkungen sind zuweilen von uns und unseren Handlungen unabhängig. Nun bin ich ein Greis, Mit m einem, Fuße im Grabe, die Seele schon den Ewigk^itsl[ ij*., \ i-' ü' $»• )J' i \l i *■:! t