Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 4 (22.1.1925)
- Date
- 1925-01-22
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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22. Januar 1925 Nr> 4 Seite 13 Der Israelit Aus aller Welt Deutschland. Die Konservativen werden für die Wahl zum Landesverband jüdischer Gemeinden Preußens getrennte Listen aufstellen. Wie der JTA-Vertreter erfährt, trägt eine konservative Liste als Spitzenkandidatur den Namen des Berliner Gemeindevorstehers, Bankier Galewski, während die andere mehr mittelparteilich gerichtete Liste als Spitzenkandidatur den Namen des Berliner Rabbiners Dr. Weihe trägt. — Das Landgericht Bautzen hat auf Antrag der Staatsanwaltschaft beschlossen. Rechtsanwalt Dr. Alfred Klee, der im vorigen Jahre, wie noch erinnerlich, auf Veranlassung des damaligen Bautzener Untersuchungsrichters für kurze Zeit seiner Freiheit beraubt war, für die dadurch unschuldig erlittene Unbill eine Entschädigung aus der S t a a t s k a s s e zuzuerkennen. — Am 28. Dez. v. Js. fand in Köln im Sitzungssaal der Snnagogengemeinde die Gründungsversammlung des Proviuzralverbandes für jüdische Wohlfahrtspflege in der Rheinprovinz statt. Referat hielt u. a. Herr Dr. Segall, Geschäftsführer der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden in Berlm. — In Breslau ist aus Anlaß der bevorstehenden Wahlen zum Landesverband jüdischer Gemeinden Preußens eine Einigung zwischen Liberalen, Konservativen und Zionisten zustande gekommen, uyter Verzichtleistung auf jede Benutzung des Plakatwesens im Wahlkampf. Alle vertretenen Parteien verpflichten sich, auf ihre Mitglieder dahin einzuwirken, daß grobe Taktlosigkeiten aller Art, insbesondere unsachliche persönliche Angriffe, im Wahlkampf unterbleiben. — Für die Wahlen in Hessen- Nassau zum Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden ist eine Einheitsliste angenommen worden. Es erhalten die Zionisten ein Mandat, der Zentralverein zwei Mandate und die Landgemeinden und Konservative zusammen ein Mandat (Löwenthal-Eschwege). — Wie Berliner Zeitungen berichten, ist für den 1. März ein Volkstrauertag aller Bekenntnisse m Deutschland geplant. Die Feier soll zeigen, daß die Erinnerung an das gemeinsame Leid des Krieges alle Konfessioneil und alle Parteien in gleicher Weise beseelt. — In Thüringen, das den in Bayern abgeflauten Radau-Antisemitismus übernommen hat, haben die Nationalsozialisten wiederum eine Reihe von Anträgen in den Landtag eingebracht, u. a. auf Entziehung der Prozeßvollmacht für bekannte jüdische Rechtsanwälte. Uebrigens ist Wolfgang Heine, gegen den sich in erster Reihe die Attacke richtet, wie wiederholt festgestellt, gar kein Jude. — Gegen den neuen Reichswirtschaftsnunister N e u h a u s hat die „Deutsche Liga für Menschenrechte" Protest beim Reichspräsidenten eingelegt, mit der Begründung, daß der deutschnationale Neuhaus seinerzeit mit Persönlichkeiten, die den Rathenaumördern nahe standen, enge Freundschaft gepflegt hätte. Oesterreich. Gegen die „Wiener Morgenzeitung" wurde Strafverfahren eingeleitel wegen eines von ihr gebrachten Artikels, in dem scharfe Kritik an der Urteilsbegründung eines antisemitischen Richters geübt wurde. Polen. Die Steuerbehörde hat das Palais der berühmten jüdischen Fabri^antenfamilie Posnansky in Lodz wegen rückständiger Steuern in der Höhe von 620.000 Zloty gepfändet und an den polnischen Staat verkauft. Posnansky ist der größte Tertilfabrikant Polens und sein Palais in Lodz war das älteste und zugleich schönste Gebäude der Stadt. — Der Unteroffizier Jean K o z l o w s k l, der einen jüdischen Rekruten namens Isaak Mrodschik ohne Grund erschossen hat, wurde zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. — Aus dem Kultusministerium wurden sämtliche jüdische Beamten, die die Abteilung „Jüdische religiöse Angelegenheiten" behandelten, ausgeschaltet und durch Polen ersetzt. — Die Zahl der Selbstmorde unter dem Drucke der wirtschaftlichen Lage hat dermaßen zugenommen, daß das R a b b i n a t mit einem Aufrufe hervorgetreten ist. In vergangener Woche brachten zwei Tage allein 32 Selbstmorde. Schweiz. Das m Zürich erscheinende „Israelitische Wochenblatt für die Schweiz" sah im Januar 1925 aus 25 Jahre seines Bestehens zurück. Rumänien. Oberrabbiner Fuchs in Großwardein wurde von der Königin und dem Kronprinzen in Rumänien in Audienz empfangen. — Gegen Prof. Euza wurde als gegen den moralischen Urheber der antisemitischen Studentenunruhen in Jassy das Disziplinarverfahren eingeleitet. — Eine Bande Soldaten unter Anführung eines Leutnants brach mit gezogenem Degen in die große Synagoge der Stadt Pratra - 9t i a m t e ein und demolierte die Inneneinrichtung. Sodann begab sich die Bande nach anderen kleineren Synagogen und jüdischen Lokalitäten, die sie in gleicher Weise verwüstete. Die Behörde tat nichts. Lettland. Zwei junge Christen sind in der Nähe von K r e u z b u r g , wo sie auf dem Eise der Düna eingebrochen sind, von einem jungen Juden namens Z r v r a n unter eigener Lebensgefahr vom Tode gerettet wurden. Die Zeitungen registrieren die Tat, vergessen aber zu bemerken,. was bei kleinem Vergehen nie vergessen wird, daß der Lebensretter ein Jude war. Rußland. Die jüdischen Druckereien, die bis jetzt in Rußland einzig im Dienste des Kommunismus stehen mußten, werden nun zum Teile für die Herausgabe alter und neuer jüdischer Literatur freigegeben. — In Minsk wurde ein bekannter jüdischer Arbeiterkorrespondent ermordet. Palästina. Demnächst wird die neue palästinensische Währung eingeführt. Die Einheit der neuen Valuta wird einem englischen Pfund entsprechen, während bis dahin das ägyptische Pfund maßgebend war. Holland. Herr A. V. N. Davids, ein Enkel des berühmten Amsterdamer Oberrabbiners Josef Hirsch Dünner, wurde zum Oberrabbiner von Friesland (Nordholland) gewählt und feierlich eingeführt. Eine große Anzahl weltlicher und geistlicher Autoritäten wohnte der Feierlichkeit ber. Frankreich. Der berühmte russische Jurist und Verteidiger K a r a b t s ch e w s k y , ein Christ, der in dem. Kiewer Ritualmordprozeß gegen den Juden Mendel Beilis die Führung der Verteidigung inne hatte, beging am 6. Januar in Paris, wo er gegenwärtig wohnt, das Jubiläum seiner 50 jährigen Tätigkeit als Jurist. Amerika. In San Francisco starb dieser Tage Julius Kahn, der 24 Jahre lang Kongreßdeputierter für den 4. Kalifornischen Distrikt war. Er wurde 63 Jahre alt. Sprechsaal. Milchbrötchen. Man schreibt uns aus Danzig: Angeregt durch ihren Artikel „Milchbrötchen" möchte daraus aufmerksam machen, daß hier in Danzig von sämtlichen Bäckern das Weißbrot (Semmel, Herdsemmel, Schrippen) mit Fett gebacken wird. Wir haben uns geholfen, indem wir bei zwei Bäckern Aufseher gestellt haben und diese nur rituelles Pflanzenfett zu ihrem Weißbrot verwenden. Es wäre möglich, daß in anderen Orten jetzt auch das Weißbrot mit Fett gebacken wird. L. W. * * * Wie uns von zuverlässiger Seite mitgeteilt wird, trifft dies vielfach auch für Frankfurt zu. Red. W i l h e l m sh a f e n , 13. Januar. Ich halte es für meine Pflicht, Ihnen folgendes mitzuteilen und ersuche im Interesse unserer Kaschruthverhälmisse um entsprechende Weiterverbreitung in Ihrem geschätzten Blatte. Wir haben hierorts einwandfrei bei fast allen Bäckereien sestgestellt, daß „Brötchen jeglicher Art, selbst sogen. Schrippen" nicht genossen werden dürfen, da dieselben Schmalz enthalten. Auf je 2 Pfund Mehl kommen, wie mir ein Bäcker erzählte, 50 Gramm Fett, bgw. Schweinechmalz. Cs wäre ganz interessant zu erfahren, ob auch an anderen Orten dasselbe der Fall ist. I. W. Vermischtes. Gleiwitz, 1. Dez. Wir hatten schon wiederholt Veranlassung, von der segensreichen Tätigkeit des „Vereins zur Förderung des Judentums", hier, zu berichten. Dieser Verein befaßt sich vornehmlich mit der Förderung des positiven Judentums. Der Versorgung der Gemeindemitglieder mit Pessachroaren widmet er sich alljährlich, ebenso wie der verbilligten Beschaffung von Esrogim. Auf seine Initiative ist das „Jüdische Veremshaus" entstanden, welches dem empfindlich gewordenen Mangel an einem gut geleiteten rituell zuverlässigen Speisehause durch Schaffung eines entsprechenden Lokals abgeholfen hat. Der Verein beabsichtigt ferner, die hier seit vielen Jahren brachliegende Mikwah durch Einleitung einer entsprechenden Aktion neu erstehen zu lassen. Im Mittelpunkte seiner Bestrebungen steht jedoch die Verbreitung jüdischen Wissens. Zu diesem Zwecke veranstaltet er in diesem Winterhalbjahre zwei fortlaufende Kurse, und zwar den Kursus A, Mischnajoth, jeden Freitag Abend im Anschlüsse an den Gottesdienst und den Kursus B, Pentateuch mit Raschi-Kommentar, jeden Montag Abend 8.30 Uhr im Sitzungssaale der Synagogengemcinde. Die Kurse erfreuen sich zwar eines verhältnismäßig guten Besuches, in Anbetracht der musterhaften Leitung derselben durch Herrn Rabbiner Dr. Ochs wäre es jedoch wünschenswert, wenn die Zahl der Teilnehmer sich vergrößern würde. „Jeder Hungrige komme und esse!" Denn einem Juden bieten diese Kurse eine Fülle der Belehrung. Auch für die monatlichen literarischen Vorträge, welche stets öffentlich sind, gilt das eben Gesagte. Möge es den Vorstandsmitgliedern des Vereins, welche unentwegt für seine Bestrebungen tätig sind, vergönnt sein, recht bald den größten Teil der Gemeindemitglieder unr seine Fahne geschart zu sehen zum Segen des Judentums und seiner Bekenner am hiesigen Platze! frankfurter Berichte. Michael Lion Am Dienstag, . 19. Januar c., wurde Michael Lion rrv unter überaus zahlreicher Beteiligung im Friedhofe der Israelitischen Neligionsgesellschaft zur ewigen Ruhe gebettet. Mit ihm ist ein icn on wk v'plnr ui' von uns geschieden. Geboren in dem idyllisch gelegenen Züntersbach in unmittelbarer Nähe von Bab Brückenau wahrte er die strengfrommen Familientraditioneil in treuer Art. Man braucht nur daran zu erinnern, daß sein Großvater Red Löb Lion b"7, Schwager des unvergeßlichen Rabbiners Reb Losor Ottensoßer V"j?iXT, Gründers der Talmud-Thora-Schule Höchoerg, aus Züntersbach eine Gemeinde geschaffen hatte, die in früheren Jahrzehnten so gerne von orthodoxen Kurgästen in Bad Brückenau, namentlich am vav, ausgesucht wurde. Als sich die Geineinde mehr und mehr dezimierte, zog Lion nach Stadt Brückenau, später nach Frankfurt, wo ihm das jüdische Milieu besonders zusagte und er freudigen Anteil nahm an allen Aeußerungen des orthodoxen Eemeindelebens. In seiner Gemahlin, einer Tochter des in weiten Kreisen Bayerns heute noch in gutem Aildenkeil stehenden Lehrers und Mohels Abraham Oppenheimer in Theilsheim (Unterfrk.) fand eine Gattin idealster Gesinnung. An felsenfestem Gottvertrauen dürfen ihn wenige übertreffen. Es hielt ihn aufrecht bei den mannigfacheu Prüfungen, die auch 'ihm in mancherlei Form nicht erspart blieben. Mochten andere das skrupellose Vordringen im wirtschaftlichen Kampfe als geschäftliche Routine preisen, Michael Lion wich nicht um Haaresbreite von seinem miv,. vom Wege der Geradheit und Redlichkeit ab. Am Grabe entwarf Herr Redakteur S ch a ch n o w i tz , ein Schwiegersohn des Heimgegangenen, in herrlichen Worten ein Lebensbild des Betrauerten, das jedem den Verlust vor die Seele führte. Möge der Familie vom Mlgütigen der Balsam des Trostes beschicden werden in dem Bewußtsein: Michael Lion b„i ’ ist nicht tot; er lebt fort im Andenken seiner zahlreichen Freunde, Bekannten und Verwandten für alle Zeit. M—r. rrrmn Leopold Oppenheimer In der Blüte der Jahre ist Herr Leopold Oppe nh e i m e r , ern Sohn des ob seines kernhaften jüdischen Charakters noch in lebhafter Erinnerung stehenden Herrn Seligmann Oppenheimer, plötzlich abberufen worden. Der Heimgegangene, der sich in erfolgreicher Berufstätigkeit zu einer angesehenen sozialen Stellung emporgeschwungen hatte, zeichnete sich durch ein warmfühlendes Herz und großzügige Ausübung von vnvb jlw aus. . An der Bahre gab der Bruder, Herr Siegfried Oppenheimer, dem Schmerze der Familie und der Teilnahme weiter Kreise erschütternden Ausdruck. n"xan Frau Johanna Weil rry- Am Sonntag den 10. Januar geleiteten wir Frau Johanna Weil geb. Schwabacher zur ewigen Ruhe. Einer frommen jüdischen Würzburger Familie entstammend, war die Verblichene fast 30 Jahre lang Leiterin des hiesigen jüdischen Altcrs-Versorgungshauscs. Ein Menschenalter fast widmete sie sich dem der Sorge für ihre Alten, Gebrechlichen und Verlassenen, Leid und Freud mit ihnen tragend, treu und fürsorglich teilnehmend an ihren kleinen und großen Sorgen. So hat sie im Verein mit ihrem schon lange voraus, gegangenen Gatteil den Lebensabend so 'mancher alleinstehenden Menschen, die den schweren Lebenskampf überwunden hatten, verschönt und ihnen in ihrer letzten Stunde den letzten Liebesdienst erwiesen, bis sie selber ausruhen mußte von ihrer aufopfernden Tätigkeit und im Rothschild'scheu Damenheim Aufnahme fand, wo sie jetzt, 87 jährig, zur letzten' Ruhe gegangen ist. Der dauernden Dankbarkeit so mancher Frankfurter und auswärtigen Familie, deren Angehörige bei ihr unter liebevoller Pflege ihre alten Tage verbrachten, wird Frau Weil n"? sicher sein. rraxjfi Soziale Kommission der Agudas Jisroel- Jugendgruppe. Die Soziale Kommission der Agudas Jisroel- Jugendgruppe, die infolge der wirtschaftlichen Not stark in Anspruch genommen wird, muß sich wiederholt in empfehleude Erinnerung bringen. Besonders erwünscht wären zur Zeit getragene H e r r e n a n z ü g e, nach denen große Nachfrage ist. Wer derartiges erübrigt, wird Jherzlichst geveten, Hansa 3441 anzurufen, woraus die Sachen abgeholt werden. Versorgungsanstall für Jsraelilen. Die -Versorgungsanstalt für Israeliten, die seit 80 Jahren und mehr der Aufgabe gerecht geworden ist, Greise und Greisinnen aus allen Lebensschichten unserer Gemeinde und der Umgebung aufzunehmen und ihnen einen sorgenlosen Lebensabend zu bereiten, befindet sich in schwerer wirtschaftlicher Notlage. Sie hat als eine der wenigen Anstalten ihren Betrieb ungemindert die ganzen Kriegs- und Jnflationsjahre hindurch aufrecht erhalten und beherbergt noch heute 40—50 Männer und Frauen in den hohen Lebensjahrzehnten von dem 60. Lebensjahre an. In schwerer Sorge um die Weiterhaltung der Anstalt wendet sich das Pslegamt an alle Kreise unserer Stadt, unserer Gemeinde und unserer Nachbargemeinden mit der Bitte, ihr durch namhafte Jahresbeiträge oder durch außerordentliche Spenden die Weiterführung des Betriebes im vollen Umfange zu erinöglichcn. Die Versorgungsallstalt ist ein Altsrankfurtor Institut und sieht aus eine lange segensreiche Tätigkeit zurück, an welcher ganze Generationen mitgearbeitet habe»; sie erwartet von ihren alten Freunden, daß sie sich ihr mit großem Elser wieder zuwenden und von neuen Freunden, das; sie das Werk der Allen um der Alten ^willen fortsetzen und erneuern. Jahresbeiträge und Spenden sind auf Postscheckkonto Nr. 4817 der Versorgnug^anstalt für Israeliten erbeten. Der Senior des Pflegamts, Herr Rechtsanwalt Horovitz, Bockenheimerlandstraße 2, die Vorsteher: Herr Simon Bock Hölderliilstraße 7 und Herr Bernhard Leos, Rvderbergweg 63 und der Kassier Herr Leo Worms