Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 4 (22.1.1925)
- Date
- 1925-01-22
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2450337-2450341--71874-2529199- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Teuilletoti' Beilage Der Israelit IjT. 4 MS Die Messiasbraut. Die Geschichte einer verlorenen Hoffnung. Bon S. Schachnowih. (Fortsetzung.) halsigen. Aber vom Rufer war keine Spur mehr vorhanden. Manch einer, der mit schwellenden Hoffnungen morgens die Insel betreten hatte, lag nachts unter Hecken versteckt, mit feinen Tränen das „Brot der Armut" benetzend, das er in Erlösungsglück zu verzehren gedachte. Aus dem Schloßgarten drang aber Gesang und leuchteten hundert bunte Lichter ins Meer, als wollten sie Glück und Erlösung in die Welt des jüdischen Leides' hinaustragen ... Die Nachrichten von Abydos. Die Wenigen, die enttäuscht und erbittert von Abydos flüchtetenfanden kaum Gehör und Beachtung in den Städten, wo sie es unternahmen, Hoffnungen und liebgewordenen Zauberwahn zu Das Volk im Garten und hinter der Mauer rZerstöreli) um so begeistertere Ausnahme fanden sang und schrie und jauchzte, daß die ganze Insel die Berichte der Anhänger über den Glanz und von einem Ende bis zum anderen widerhallte und sich der Jubel mit dem Rauschen des Meeres vermischte. Die Schiffer horchten in stummem Erschauern, und mutige Schiffsjungen stiegen auf die Mastbäume, um von oben einen Blick in den Festgarten zu werfen. Indes machten sich kundige Hände daran, das tote Lamm zu enthäuten und das Eingeweide zu entfernen. Dann wurde es unzerlegt „mit Kopf und Füßen und Jnnenteilen" überm Roste aufgefpießt und am offenen Feuer auf dem Steinhaufen gebraten. Zimbel und Flöte spielten weiter, und die Männer sangen bis zur Erschöpfung. Hinter der Mauer ließen sich auch murrende Stimmen vernehmen. „Heiligtumsopfer außerhalb. Jerusalems! Messias wird uns den Tempel erbauen, den Altar errichten-, aber darf er so mir nichts dir nichts Opfer außerhalb des Tempels darbringen? ..." „Sie haben an der Lunge nicht die vorgeschriebene Untersuchung vorgenommen, das Fleisch nicht entädert —-" klagten andere. „Nicht in Wasser und Salz getan, auch nicht die verbotenen Talgteile entfernt. Wie wollen sie es essen?-" Sie wurden fast gesteinigt und vom Platze gejagt, die sich so erkühnten, an den Handlungen Sabbatais Aussetzungen zu machen. Manch einer ging von selbst, abgestoßen und angeekelt, und kam nicht wieder, oder eilte sich, noch Zeitig vor Beginn des Festes den Platz seiner Träume zu verlassen und sich in die nächste Dardanellengemeinde zu schlagen. Die Masse blieb und feierte den Tag in Sang und Tanz bis zum Abend, da Sabbatai mit Sarah und den Nächsten seiner Umgebung sich bei blendendem Lampionlichte im Garten zum Festmahle setzten. Sabbatai schnitt das braun gebratene Opferlamm behutsam in Stücke, daß kern Knochen brach, erhob sich mit dem ersten Stück in der Hand und ries laut, die Augen zum Nachthimmel erhoben, ein Gebet, das keiner bisher gekannt, ein Gebet, das aus einzelnen Worten, aus verschiedenen Gebeten zusammengesetzt, in den Segensspruch ausklang, der im Morgengebete den „Befreier der Gefesselten" preist, hier aber nur den Sinn haben konnte: „Gebenedeiet seist Du Gott, unser Gott, König der Welt, der das Verbotene wieder erlaubt-" Er biß hinein und alle, die mit einem Stück vom Opferlamm ausgezeichnet waren, taten desgleichen. „Ein Abtrünniger und Gesetzesübertreter, der Verbotenes ißt und andere dazu verleitet," schrie jemand hinter der Mauer, „Fluch über den Verräter! ..." Es hörte sich an wie ein Fluch aus der Nacht und manchem blieb der Bissen im Munde stecken. Man eilte hinaus und suchte nach dem Wagdie Pracht und die Gottesmajestät am Hofe des Messiaskönigs zu „Migdol Os" am Pessachfeste im Jahre der Erlösung. Und die Berichte fanden, ungemein ausgemalt und phantastisch ausgeschmückt, den Weg nach Rechts und Links, nach Ost und West, nach Palästina und Afrika fast so rasch und sicher wie nach Venedig und Livorno, nach Ungarn und Mähren, nach Amsterdam und Hamburg, nach Bayern und Polen. Als man hörte, daß in S a l e in Nordwestafrika schwere Verfolgungen über die Juden wegen ihres offen zur Schau getragenen Messiasglaubens hereinbrachen sagte man gefaßt: Es sind die unvermeidlichen Uebergangsleiden der messianischen Zeit. Es wird noch manch einen treffen. „Dieses und Jenes wird noch das Schwert verzehren!" Heil dem Harrenden! ... Die Geschäfte zwischen Amsterdam, London und Hamburg gerieten ins Stocken, weil in England wie in Holland und Deutschland viele Juden in der Vorbereitung auf das Letzte Handel und Gewerbe einstellten. Auf der Amsterdamer wie Hamburger Börse wurde fast nur noch über die Vorgänge aus Abydos verhandelt und nur den Berichten von der Dardanelleninsel harrend entgegengesehen. In beiden Handelsstädten setzte es schwere Kämpfe ab, als Rabbi Jakob Sasportas, ein marokkanischer Rabbiner, früher Mitarbeiter von Menasse . ben Israel und Rabbiner der ersten emanzipierten Gemeinde in London, jetzt abwechselnd seinen Sitz in Amsterdam und Hamburg nahm. Sasportas mahnte und warnte und erließ Sendschreiben, um den Irrenden die Augen zu öffnen über das drohende Unheil. Er fand Hilfe an dem Rabbiner der deutschen Gemeinde Meier Stern, der unter dem Einfluß seines Schwiegervaters Rabbi Mendel Baß in Frankfurt klaren Kopf behielt, noch mehr an dem aus Smyrna nach Amsterdam geflüchteten Rabbi Lapapa. Aber was bedeutete diese kleine Schar der „Fremden" gegenüber der gewaltigen Zahl der Gläubigen, die alle Macht an sich rissen und alles, was aus Abydos kam, wie heilige Verheißung nahmen und Weitergaben? Rabbi Sasportas mußte es dulden, daß in seiner eigenen Synagoge, wie dies an vielen anderen der 'Fall war, an der heiligen Lade die Buchstaben S. Z. in großen goldenen Lettern den Namen Sabbatais kündeten, daß aus den „Tikkunim" Gebete verrichtet wurden, die in keinem Gebetbuche enthalten sind, daß ein eigenes Königsgebet für den Gesalbten Sabbatai vorgetragen wurde, das in die Jesajanischen Sätze ausklang: „Und es ruhe auf ihm der Geist Gottes, der Geist der Weisheit und Einsicht, des Rates und der Kraft-" ‘ Nathan aus Gaza hatte dieses Gebet in einem „Sendschreiben an die Zerstreung" vorgeschlagen und es fand sofort Aufnahme in die von Venedig und Amsterdam aus jetzt in Massen vertriebene,! „Tikkunim". Die Amsterdamer Rabbiner Jsat A b o a b , Mose Rafael d e A g u i i a r und M u s s a p h i a schwiegen, teils aus Furcht und Schwäche, teils aus abwartender Gläubigkeit. Sasportas stand mit seiner kleinen Schar allem. Als Sasportas beim erstmaligen Vorlefen des Königsgebetes sitzen blieb und laut Protest erhob, stürzten sich Jsak N a a r und Abraham P e r e y r a mit geballten Fäusten auf ihn. Der Arzt Benedito de Castro erzählte laut, in! Venedig und Nikolsburg sei ein Schreiben Sablbatais angelangt in dem Sinne, man dürldie ..Kofrim", die es wagten, an ihm, Sabbatai, zu zweifeln, selbst am heiligen Sabbat wie die Hunde totschlagen . . . Man habe dort auch danach verfahren . . . Sasportas konnte sich vor der drohenden Menge mit seinen Getreuen in Sicherheit bringen und eröffnete aus dem Verborgenen um so unerbittlicher den Kampf gegen den Sabbataiglauben. Als die Nachricht von der Opferhündl u n g Sabbatais am Rüstetage zum Pessachfeste kam, faßte Sasportas eine Schrift ab, die Sabbatai als Verworfenen und Gottesleugner, als Verführer und Gesetzesüberrreter zeigte, dessen Namen auszusprechen Sünde sei und dem Folge zu leisten, den Abfall vom Gotte Israels bedeute. Er erreichte damit, daß die Haßwelle gegen ihn nur noch stärker auflohte und ihn zu verschlingen drohte. Es kam wiederum ein Sendschreiben und wurde in alle Welt weitergegeben: der F a st - tag des siebzehnten Tamus bestehe von nun ab nicht mehr wie überhaupt die Trauer der „Drei Wochen" aufgehoben sei und der neunte A w, der Geburtstag Sabbatais, des Messias, überall in Israel mit Sang und-Tanz und Freudenmahl begangen werde. Eine Weile stutzten auch die Gläubigen in Amsterdam und anderwärts, dann aber waren sie vom neuen Wirbel erfaßt und bereit... Wie groß mußte der Herr und König zu Abydos fein, der solches wagen durfte . . . Neuer Geist und neue Lehre gingen vom „Turm der Macht", von „Migdol Os" aus . . . Man war bereit, alles hinzunehmen. Sasportas neue Warnungsschriften wurden verhöhnt und verbrannt. Man sprach davon, daß-auch neue Verordnungen für den kommenden Versöhnungstag zu erwarten seien . .". Würde der Herr, der binden und lösen konnte, auch n e u e S ü h n e und Versöhnung mit Speis und Trank der Welt verheißen? Man war gespannt und bereit ... (Fortsetzung folgt.) Personalien. Mainz, 15. Jan. Frau Sara Koch, hier, könnt»? am jüngsten Neumondstage das Fest ihres 80. Geburtstages begehen. Die Genannte hat sich viele Jahrzehnte hindurch bis auf den heutigen Tag überaus große Verdienste um die Chewra Kaddischah (Frauenabteilung) der hiesigen Gesamtgemeinde erworben. An der Seite gleichgesinnter edler Frauen hat sie in mühevoller, aufopfernder Tätigkeit führend niitgeholfen, sich der schweren Mizwah von Gemilus chesed schel Emes zu weihen. Die Männerabteilung der Ehewrah hat ihrem Danke dadurch Ausdruck verliehen, daß sie einen Fond zu einer „Sara Koch - Stiftung" anlegte und die Jubilarin durch . Ueberreichung einer kalligraphisch kunstvoll ausgesührten Urkunde ehrte. Hunderte von Gratulanten drängten sich in der Wohnung der Gefeierten und der Ueberreicher der Urkunde,' ein Mitglied der Ehewrah, gab den allgemeinen Gefühlen der Verehrung und der Freude beredten Ausdruck. Besonders erwähnte er, daß vor 80 Jahren die Anschauungen im deutschen Judentums noch ganz andere waren. Voy Neuerungen und Reformen waren, zumal in unserer Gegend, noch wenig zu merken. Erst späterhin hat das Gift des „Aufklärichts" seine verheerende Wirkung geübt. Daß Frau Koch aber sich von dem Zeitgeist« nicht hat beherrschen lassen, sondern unentwegt den schmalen Weg der Tauroh, Awaudoh und des Gemilus chasodim geschritten ist, das ist ihr hohes Verdienst und