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Der Israelit · 1925-01-15 · Heft 3 (15.1.1925) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
66 (1925)
Issue
Heft 3 (15.1.1925)
Date
1925-01-15
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Der Israelit Nk.r 192$ LS^, KEi .fei» Die Messiasbraut. Die Geschichte einer verlorenen Hoffnung. Von S. Schachnowih. (Fortsetzung.) 33. Die Wandlung. Im großen Saale oben hielt der Gewaltige von Konstantinopel, der mit dem Siegel des Sultans über Tod und Leben gebot, der Großwesir Achmed Köprili, Gericht. In klirrenden Ketten, von Schergen umgeben,' stand Sabbatai vor ihm. Wenn Sabbatai je gedacht hatte, erhobenen Hauptes und geraden Blickes als Held vor seinem Richter zu stehen, als Held dem Tod zu gebieten oder ihn. zu empfangen, so fühlte er sich jetzt, da er des Großwesirs Herz durch das Dazwischentreten Sarahs milder gegen sich gestimmt wußte, klein, zerbrochen: ein armer Sünder nur, der um sein Leben zitterte und flehte. Er dankte Sarah und war ihr zugleich gram, daß sie die Stunde um den Zug von Größe gebracht hatte. „Bist D u der Mann, der die Juden der ganzen Welt ausgewiegelt und gegen die Herrschaft des Halbmondes rebellisch macht?" fragte der Großwesir, nicht ohne Interesse und Neugierde Sabbatai musternd. „Ich habe nie ein Wort gegen den Sultan und die Herrschaft des Halbmondes aus dem Munde gebracht," verteidigte sich Sabbatai kleinlaut. „Was soll Dein Getue und warum laufen sie Dir alle nach?" Sabbatai war versucht, sich auf die Brust zu schlagen und die Messiaspose aufzunehmen, aber da sah er im Geiste wieder Sarah und fühlte ihre weiche Hand wie die des fesselnden Lebens. „Ich. fahre herum, um milde Gaben zu sammeln und meiner Brüder Not zu lindern. Daß sie mir alle so vertrauen, ist nicht meine Schuld."; „Sie vertrauen auf Dich, daß Du ihnen die Pforten des heiligen Landes öffnest und dort anstelle des Halbmondes den Davidstern aufpflanzst. Ist dem so?" „Die Hoffnung unseres Volkes auf die Wiederkehr ins gelobte Land ist tausendjährig. Ich brauchte sie nicht zu wecken." „Du hast ihnen aber die Erfüllung verheißen." „Sie ist uns seit Jesajas in den glühendsten Worten verheißen." „Du verteidigst Dich nicht schlecht, Sabbatai, bist Meister im geschickten Ausweichen. Aber ich gestehe, es hätte Dir das wenig genützt vor meinem Richterstuhle, wenn es nicht ein anderes wäre, das mich von rascher Handlung zurückhält. Sage, Sabbatai, klar und offen, worin liegt Deine Kraft, die alle Welt in Deinen Bann zieht? Ich dachte erst, es sei der Held in Dir, aber Du bist keiner. Helden sprechen nicht so und weichen nicht aus . . . Wo ist danach das Rätsel Deiner Zaubermacht? Ich wills von Dir hören, wenn Dir Dein Leben wert ist." „Wie soll ich es wissen, großer Wesir. Ich' kenne die Schrift, kenne die Welt, des Lebens Höhen und Tiefen, Aber kenne ich mich, kann ich in meine Seele schauen: die Kraft mit Worten benennen, die in mir sitzt, von mir ausgeht und Herzen mir zuwendet?" „Dann zerbreche ich diese Kraft mit Deinem Leibe, daß es sich zeige, wie sie in Wahrheit nichts war und nichts nützte ..." Sabbatai überlegte und seine Augen erhielten Glanz. Wenn schon sterben, dann wenigstens einen Schimmer des Heldenglanzes retten. Er hob die Augenbrauen und der Großwesir sah in ein tiefes Meer, das die dunkelsten Geheimnisse unter seinem Spiegel barg. Sabbatai sprach: „Großer Herr. Simsons Kraft schwand mit seinen Haaren und kam doch mit dem Tode wieder. Die Kraft, deren Träger ich bin, hängt an Keines Haaren, hängt an Keines Leben. Sie ist und wirkt in uns seit Jahrtausenden und wird sich ihren Träger suchen, wenn ich zerbrochen bin . . . Mein Tod wird sie auf den Flügeln des Hasses gegen die Zerstörer um so schneller und alles mit sich reißend hinauftragen ..." „Ist das eine Drohung, Sabbatai?" fragte Köprili. Aber der Ton ließ doch erkennen, daß ihm diese Sprache besser gefiel, als das winselnde Ausweichen von früher. Köprili winkte den Schergen, daß sie den Saal verließen. Allein stand er mit Sabbatai da, Auge im Auge. „Sabbatai," fing der Grohwesir fast vertraut an, „ich möchte Dich schonen, denn Menschen tun uns not. Wir haben Kreaturen, Hofschranzen in Fülle, aber keine Menschen . . . Wirst Du uns verstehen? Willst Du uns dienen?" Sabbatai horchte überrascht auf. „Du weißt, Sabbatai, wir ziehen in den Krieg gegen die Griechen und deren Verbündeten, ich selbst werde auf lange Dauer abwesend sein. Wir möchten keine Unzufriedenen im Lande lassen. Männer, die wie Du das Vertrauen von Hunderttausenden genießen, können uns jetzt von großem Nutzen sein. Willst Du, Sabbatai?" Sabbatai hatte die neue Situation ganz erfaßt und hob stolz den Kopf. Es schmeichelte ihm, immerhin nicht den Reizen und der Fürbitte eines Weibes diese Wandlung zu danken, sondern einem gewissen Eigenwerte. „Was wird von uns gewünscht?" fragte er. „Moralische Unterstützung und auch materielle Hilfe. Die Juden haben Beziehungen in der großen Welt und haben auch Geld ..." „Das wird nicht schwer sein," gab Sabbatai leicht zurück, „die Judenheit der Welt weiß dem ottomanischen Reich Dank, das ihnen mehr Schutz und Recht bietet, als die Völker des Abendlandes ..." „Auch Türken sprechen von Dir und verehren Dich als Propheten. Du wirft prophezeien für guten Ausgang unserer Sache und gute Stimmung im Lande erhalten . . ." Sabbatai schwieg. „Und zum Danke", setzte der Großwesir fort, „bist Du nunmehr Deiner Ketten befreit . . . Aber hier auf Schloß Abydos bleibst Du, unser freier Gefangener. Die Obergemächer stehen Dir frei, Diener zur Seite, die Gärten und Pärke sind Dir offen. — Aber Posten halten am Strande die Wacht und strecken Dich nieder, so Du Dich anschicken solltest, die Insel zu verlassen. — Hier aber bist Du frei und kannst Menschen lim i)id) fammeln, soviel Dir beliebt, die Du aber, wie alle, wohin auch Dein Einfluß reicht, für die Türkei und ihren gerechten Krieg gewinnst. Schiffe stehen Dir zu Gebote und werden Deine Boten mit Deinen Briefen nach London, Amsterdam und Venedig bringen, an Deine Brüder, die Geld und Einfluß haben. --- —" Nach einer Stunde hatte Köprili die Insel verlassen und Sabbatai saß, seiner Ketten ledig, im Prunksalon des Schlosses als alleiniger Herr und Gebieter fast von Abydos. - 34. Der „Turm der Macht". Die kleine Dardanelleninsel war erhoben, göttliche Herrlichkeit zu schauen und das Schloß war, wie durch einen Hauch aus göttlichem Munde, aus der Verzauberung zu einem Leben geweckt, in das nun die jüdischen Hoffnungen von zweitausend Jahren aus allen Landen, wo jüdische Herzen schlugen und jüdische Tränen flössen, einmündeten. Abydos wurde zum „Tu rm der Nacht", zum „M i g d o l O s", das ganze endlose Gelände des jüdischen Galuth beherrschend. Und drinnen in diesem Tur^n waltete, einem Könige gleich, Sabbatai inmitten eines Kreises, der sich von Tag zu Tag mehrte und die ganze Insel füllte. Die Seestraße zu Abydos wurde die lebhafteste um die Dardanellen. Die Schiffer hatten gute Zeiten, hatten alle Hände voll zu tun und lobten den großen Messias, der ihnen zuerst die Erlösung brachte, erzählten den Reisenden Wunder über Wunder von dem Manne, um das Interesse und die Reiselust noch zu steigern. Wenn man auf der Insel landete, sah man Wegweiser und Tafeln, die mit farbigen hebräischen Lettern den Weg wiesen zum „Migdol Os", dem Sitze des Gesalbten. Auf Abydos war der Halbmond umweht, umschattet, fast ganz verdeckt von kleinen Wimpeln mit Davidsstern und Aussprüchen aus Bibel und Gebeten, die den Namen Zewi deutlich hervortreten ließen. Die türkischen Beamten, denen die Hut der Insel und ihres Bewohners anvertraut war, zogen reichen Gewinn aus den mit vollen Börsen kommenden Gästen und ließen Sabbatais Szenenmeister ungestört gewähren. Köprili war mit dem türkischen Heere weit im Feindeslands, und in Konstantinopel hatte man jetzt anderes zu tun, als sich um das verlassene Schloß auf Abydos und Sabbatai zu kümmern. Freunde, die auf die Insel kamen und zu Sabbatai wollten, hatten sich zunächst bei Abraham Jachini und seinem Stabe zu melden und wurden erst nach gründlicher Prüfung und mannigfachen Formalitäten vorgelassen und dem Kreise eingereiht. Sabbatais Selbstgefühl stieg ins Unermeßliche. Hatte er in schwachen Stunden je gezagt und gezweifelt, nun da das Wunder wirklich eingetreten war, daß der Menschen Gewalt an ihm zurückprallte, und er das Gefängnis mit einem Königspalaste vertauschen konnte, glaubte!er an sich und seine Mission wie nie zuvor. Hier j in dieser kleinen meerumschlungenen Welt, die ihm zu Füßen lag, fühlte er sich souverän, auch dem Himmel gegenüber . . . Abraham Jachini, der sonst anzufeuern und zu ermutigen hatte, mußte jetzt im Gegenteil dämpfen und auf der Hut sein, daß letzte Trümpfe nicht zu früh ausgespielt wurden. Keiner war aber glücklicher wie Sarah, die rum im Kleinen ihrer Ziele höchstes erreicht sah. So auf der Insel eingeschlossen, von Schmeichelei und Liebedienerei umgeben, im Weihrauche der Bewunderung und Anbetung schwelgend, war ihr Geschmack und entsprach ihren Träumen. Eine Herrscherin auf goldenem Throne war sie, und keiner konnte Abydos besuchen, ohne ihr Hudigungen und Geschenke zu Füßen zu gelegt zu haben. Freilich muhte sie auf Sabbatai selbst jetzt mehr verzichten denn je. Er hatte jetzt nur große Ideen und hegte große Pläne und sprach in großen dunklen Worten, empfing Deputationen und erließ Dekrete, für deren Verbreitung in allen Ländern der Zerstreuung Samuel Primo bestens sorgte. Ein eigenes Schiff hielt die Postverbindung zwischen Migdal Os" mit Konstantinopel aufrecht, von wo aus Sabbatai Agenten ■L i i! -I i

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