Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 2 (8.1.1925)
- Date
- 1925-01-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 2 haben, und dazu noch in taktloser provozierender Weise böses Blut gemacht hätte. Der Aberglaube hat Vorurteile gegen Juden und Judentum im Verlaufe von vielen Jahrhunderten dem litauischen Volke systematisch eingeflößt, und es ist bis jetzt nichts geschehen, es von diesen böswilligen Vorurteilen zu befreien. Es war und ist daher für die östlichen Juden das Ratsamste, von sich so wenig als möglich sprechen zu machen. Wenn aber Juden durch eine sogenannte nationale Autonomie, durch einen jüdischen Minister für jüdische Angelegenheiten, durch einen jüdischen Nationalrat, die ihnen bis heute nichts als nur große fruchtlose Ausgaben eingebracht haben, in die Augen springen und mit einem.jüdischen nationalen Gebühren sich spreizen und dabei auf den Straßen und in den Restaurants mit ihrem mangelhaften Russisch sich taktlos" breitmachen, das den Litauern so verhaßt ist, so erwecken sie durch ein solches unsinniges Benehmen die im Volke noch schlummernden alten und veralteten Vorurteile und tragen selbst wesentlich bei zu der politischen und wirtschaftlichen Verschlimmerung unserer Lage in unserem angestammten Vaterlande. Wenn unsere neuen Nationalisten wirklich jüdische Nationalisten sein und als solche sich betätigen wollen, so sollten sie das unbesonnene, provozierende Verhalten bleiben lassen und an unsere Thora sich mehr halten, deren Wege Wege des Wohlgefallens und deren Pfade Pfade des Friedens sind. Nachbemerkung der Redaktion. Wir glauben, diese Ausführungen, die die Stimmung des sachlich und nüchtern denkenden Teiles der litauischen Judenheit klar widerspiegeln, der Oeffentlichkeit nicht vorenthalten zu dürfen, wiewohl wir uns nicht in allen Teilen mit ihnen einverstanden erklären können. Die jüdische Autonomie, für uns gerade kein höchstes Ziel in den Golusländern, konnte in einem Lande wie Litauen, das sich aus nationalen Minderheiten zusammensetzt, wo auch die Wahlen in die die Landesvertretung nach nationalen Kurien vor sich gehen und, worauf es am meisten ankommt, die nationalen Minderheiten ihr Recht im Rahmen des von der Majorität verwalteten Staatsganzen sonst nicht genügend gewahrt und geschützt wissen, eine Lebensnotwendigkeit für die Juden fein. Daß nichtsdestoweniger Uebereifer, Aufdringlichkeit und übersteigerte Forderungen der Sache nur schaden können, haben wir oft genug und bei jeder Gelegenheit betont, und scheint uns die Meinung des verehrten Einsenders, der die Verhältnisse an Ort und Stelle genau zu beurteilen Gelegenheit hat, gerade in dieser Beziehung von größter Wichtigkeit. Der Israelit Wokyenrundschau. fertig 'Ais Die Gleichberechtigung der Richtungen. Für die am 1. Februar statfindenden Wahlen zum Berliner „Landesverband jüdischer Gemeinden in Preußen" hat sich auch ein konservativer Landeswahlausschuß. gebildet, der folgendes Programm für die jüdischen Gemeinden veröffentlicht: 1. Die jüdische Gemeinde ist eine Religionsgemeinde, dieser Charakter, in mehr als 1000 jähriger Geschichte bewährt, muß ihr erhalten bleiben. 2. Die Fürsorge für den Wiederaufbau religiösen Lebens in den kleineren und mittleren Gemeinden, unter Wahrung ihres religiös-traditionellen Charakters,betrachten wir als die erste, vornehmste Ausgabe des Verbandes. Für die Großgemeinden fordern wir, soweit der Einfluß des Verbandes reicht, die vollkommen paritätische Behandlung der religiösen Richtungen. 3. Rabbiner, Lehrer und Beamte der Gemeinden sind durch ausreichende Besoldung und der Bedeutung ihrer Wirksamkeit entsprechende Anstellungsoerträge wirtschaftlich sicherzustellen. 4. Zum Ausgabenkreis des Verbandes gehört ferner: Aufrechterhaltung und Ausbau der jüdischen Schulen, Rabbiner- und Lehrerbildungsanstalten, ö. Die Fürsorge und Betreuung der schulentlassenen Jugend muß den Gemeinden zur Pflicht gemacht werden. 6. Den bedrohlichen Auflösungserscheinungen innerhalb der deutschen Judenheit, wie Vermehrung der Austritte aus dem Judentum, Zunahme der Mischehen usw. mit wirksamen Mitteln entgegenzutreten, muß Gegenstand der eifrigsten Zusammenarbeit aller Richtungen innerhalb des Verbandes fein. 7. Heranziehung aller zur Mitarbeit bereiten Kräfte, Inländer wie Ausländer, als gleichberechtigte Mitglieder der Gemeinde. Von diesen Programmpukten ist der erste eine gemeinsame Forderung aller nichtzionistischen Juden Preußens und um diese Forderung, die auch der „Zentralverein" mit großer Energie gegen die sogenannte „Jüdische Volkspartei" vertritt, wird der Wahlkampf am heißesten entbrennen- Auch die Liberalen, und diese erst recht wollen die Religionsgemeinde, nicht die konfessionslose Volks gemein de, wie sie die Zionisten in konsequenter Uebertragung ihres nationalen Prinzips auf die Einzelgemeinde aufbauen möchten. Schade nur, daß unter der „Religionsgemeinde" sich jeder etwas anderes vorstellt, und mehr noch schade, daß die „Konservativen" nicht einmal den papiernen Mut haben, wenig st ens programmatisch auszusprechen, daß sie die liberale 8. Januar 1926 Leugnung und Gesetz esh ö h n u n g nicht als gleichberechtigte „Richtung" des Judentums anerkennen. Die „kleinen und mittleren Gemeinden" allerdings sollen ihren „religiös-traditionellen" Charakter wahren — indenGroßge m e i n d e n aber wird dem Pseudo-Judentum der „Richtlinie n" „v o l l k o m m e n paritätische Behandlung" gewährleistet, damit die Konservativen ihre eigene „Gleichberechtigung" durchsetzen können. Do ut des. Die furchtbare religiöse Unwahrhastigkeit, die vollendete Negation aller überlieferten Gotteswahrheit, die in diesem System der „Gleichberechtigung der Richtungen" zum Ausdruck kommt, muß immer wieder und wieder unterstrichen werden, damit die Jugend vor allem, von der man am ehesten Gefühl für Reinheit und Wahrhaftigkeit der Gesinnung erwarten darf, sich mit Widerwillen abwende von diesem heillosen System. Um des Friedens- und um äußerer Vorteile willen den Kern alles jüdischreligiösen Wesens, das Bekenntnis zur ausschließlichen Gottesherrschaft in der jüdischen Gemeinde preiszugeben, heißt wahrlich den „Frieden" zu teuer erkaufen. Wir hegen die Zuversicht, daß die Erkenntnis dieser Tatsache Hand in Hand mit der Gottlob fortschreitenden Vertiefung des religiösen Bewußtseins in Deutschland wie im ganzen Osten schließlich doch mehr und mehr durchdringen wird. Der Cheder vor dem Richtertribunal. Bekanntermaßen legen die Bolschewisten in Rußland in ihrem Kampfe gegen alles Religiöse, gleich ihren großen hellenistischen Vorbildern, die Axt an die Wurzel des Judentums, an die Chederschule. Ein Prozeß, der vor einiger Zeit in W i t e b s k vor sich gegangen ist und bei dem ein unsichtbarer Angeklagter, der Cheder nämlich, auf der Anklagebank gesessen hat, ist typisch für das Wesen der Religionsverfolgung im gesamten Sowjetrußland. Er verdient das lebhafte Interesse aller, die das russische Problem beschäftigt und die im Cheder die Urzelle für Judentum und Jüdischkeit in dem großen östlichen Reservoir des jüdischen Geistes sehen, das lange Jahrhunderte die ganze Diaspora mit Kraft gespeist hat. Es ist gelungen, die Akten dieses Prozesses zu erhalten und, von einem berufenen Kenner des Ostens, Herrn Direktor Dr. I. Carleb ach, Hamburg, ins Deutsche übertragen, als Buchausgabe für den Druck fertigzustellen. Aus einer Einleitung zu diesem Aktenbuche, die Carlebach in Heft 9—10 des „Jeschurun" veröffentlicht, sieht man klar, um was es sich handelt. Dr. Kleines Feuilleton. Zum Tode des Moskauer Rabbiners Jacob Mase. Die Bestattung des, wie berichtet, in der Nacht vom 19. auf den 20. Dezember verstorbenen Rabbiners von Moskau, Jacob Mase, fand am Sonntag, den 2l. Dezember unter ungeheuerer Beteiligung der Moskauer Judenheit statt. Mehr als 16 000 Menschen wären vor dem Trauerhause versammelt. Während sich der Trauerzug durch die Straßen bewegte, schlossen sich ihm immer neue Teilnehmergruppen an. Laut dem letzten Wunsch des Verstorbenen wurde der Sarg den ganzen langen Weg aus den Schultern getragen, keine Kränze wurden niedergelegt und keine Reden gehalten. Die Sowjet-Zeitungen hatten unter der Vorgabe technischer Hindernisse und Kürze der Zeit eine Ausnahme der Todesanzeige abgelehnt. Rabbiner Jocob Mase war im Jahre 1860 in einem Städtchen des Gouv. Mohilew geboren und hatte im Jahre 1886 feine Studien an der juridischen Fakultät der Moskauer Universität beendet. Er schrieb schon damals in einem klassischen Hebräisch Artikel für die erste hebräische Tageszestung„Hameliz". Nach der historischen Judenausweisung aus Moskau im Jahre 1893 wurde Mase Rabbiner jener jüdischen Gemeinschaft, die in der Krönungsstadt der Zaren bleiben durste. Er wurde bald die zentrale Figur der Moskauer jüdischen Gemeinde. Seine Predigten waren auch von sehr vielen Christen besucht. Alle Angelegenheiten der Moskauer jüdischen Gemeinde waren in seinem Büro konzentriert. Während des Krieges und der Umwälzungen war sein Haus der Sammelpunkt aller Leidenden. Trotz seiner vielfachen körperlichen Leiden gönnte er sich keine Ruhe, wo es galt, der Gemeinschaft oder einzelnen zu helfen. Noch in guter Erinnerung ist das Auftreten Mases im Beilis-Prozeß. Der berühmte russische Friedensapostel Bontsch Bruewitsch, der Freund und Schüler Tolstoi's, gibt in seinen Erinnerungen in der folgenden Form seinen Eindruck von der Persönlichkeit Mase s während des Ritualmordprozesses Beilis in Kiew: ..Der Moskauer Rabbiner Mase spricht. Er ist klein von Statur, von den Sitzen kann man ihn kaum sehen, doch seine Stimme klingt durch den Saal. Sie klingt über den Saal hinaus, über ganz Rußland, ja, über die ganze Welt; es ist die Stimme des geschändeten Rechtes. Eine Fülle von Empfindungen überkommt einen beim Anhören seiner Rede vor Gericht. Satz um Satz schmiedet er Beweise für die Unschuld Beilis und des jüdischen Volkes. Bewundernswert seine Kenntnis in Bibel, Talmud. Kabbalah, aus denen er seine Beweise für die Ablehnung jeden Blutvergießens durch die Juden herausholt. Bewundernswert aber ist auch die Macht seiner Logik". Historisch ist die Ansprache Mase's an den früheren Zar Nikolaus II. während dessen Krönung in Moskau. Rabbiner Mase sagte dem Zaren, daß noch kein Land gedeihen konnte, das auf Judennot und Judenverfolgung gebaut ist. Nur aus die Liebe und das Glück der Untertanen kann ein Herrscher seinen Thron bauen. Bekannt ist, daß der jetzige Volkskomimssar für Unterrichtswesen Lunatscharsky, ein Verehrer und Bewunderer Rabbiner Mases war. Als man ihn ersuchte, gegen Mase oorzugehen, weil dieser sich gegen Religionsversolgungen und insbesondere gegen die beabsichtigte Schließung der großen Moskauer Synagoge wehrte, lehnte er jedes Vorgehen gegen den Mann, den er als großen Gelehrten verehrte» ab. Epilog zur Hamburger Woche. Das war eine Chanukawoche, wie wir sie nicht oft erleben. Volle Jsruchagstimmung herrscht in allen Kreisen. Jsruchag? Es ist nicht zu viel gesagt. Wir haben hier wundervolle Festtage hinter uns, — Feste des Geistes zogen an uns vorüber, mir» naiPi an jedem Tage von neuem. Das sind Erlebnisse geworden — die Tagungen des Bundes gesetzestreuer Gemeinden, des Keren Hatorah, des 33. I. A. und schtießlich nicht zn allerletzt die von der Agudas Jisroel einberufene Erziehungskonferenz. — Hamburg ist auch der geeignete Resonanzboden ftir Veranstaltungen solcher Art. Hier ist das Milieu für die Verherrlichung der ,-,-,171 in bester Weise vorhanden. Es ist mehr als ein Kompliment, das da einer der östlichen tr^'ra der V81 tst hat machen wollen, als er das schöne Wort gesprochen: „Wir sind nicht zu euch gekommen, um euch den zu bringen, den habt ihr selbst". Wie viele Reden sind in diesen Tagen hier gehalten worben, — immer waren die Versammlungen überfüllt, — immer strömten sie herbei, Alter und Jugend, Männer, Frauen und Kinder, um zu hören und sich begeistern zu lassen. So wurde zum moTS, was ba in diesen Tagen beraten und beschlossen wurde. Allerdings sahen wir vor unseren Augen die Menorah nach dem dem Leben sich' hinwendenden Hillel — q'viv, brachte jeder Tag und jeder Abend immer neue und immer mehr erhebende Anregungen.