Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1925)
- Date
- 1925-01-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Ih.i MB Benage10"' Der Israelit Die Messiasbraut. Die Geschichte einer verlorenen Hoffnung. Von S. Schachnowih. (Fortsetzung.) Auf dem Schiffe, das seit zwei Wochen die kleine Sabbataischar durch die wildtobenden Wellen trug, lagen Christen auf den Knien, Türken und Araber platt auf ihren Gebetteppichen. In ihrer Kabine lag Sarah in ihrem heftig schaukelnden Hängebette, totenbleich, mit verzerrtem Gesichte und blauen, bebenden Lippen. Sie liebte so sehr das Leben . . . Einen anderen Gedanken als den an ihr bischen Leben hatte sie in dieser Stunde nicht . . . Sabbatai stand oben auf Deck, gesondert von den Seinen, mit ernstem Gesichte, in dem mehr Verwunderung .als Angst tag. Seine Lippen bewegten sich im leisen Gebete wie im Selbstgespräche. Unsicher wie dieses Schiff wankte auch sein Lebensschifflein durch die hochgehenden Wellen von Jubel und Haß unbekanntem Ziele entgegen. Zwischen dem Hörnerklang des Bannes und der Huldigung bewegte sich sein Erdendasein. König hier. Verdammter dort. Hatte er sich dieses Schicksal gewählt? Das Schifflein ward in die Wellen hinausgestoßen, nun konnte es sehen, wie es zum Ziele kam, steuern oder stranden; es lag nicht mehr an ihm, es gab kein Zurück, wenn sich die See weit und stürmisch aufgetan . . . Wenn es bricht?! Und mit ihm aller Jubel, alle Hoffnung, alle Huldigung in den Grund gebohrt wird ... Wäre das nicht vielleicht noch die beste der Lösungen? Denn was stand ihm in der Hauptstadt bevor, wenn er frei vom Dunst und allem Weihrauch der Huldigungen daran dachte? Wenn Enttäuschung kommt und sich Schimpf und Spott an seinen Namen haftet,, wäre es dann nicht besser, hier auf dem Meeresgründe unerreichbar zu schlummern, als vielleicht in Ketten es mitzuerleben? ... Die Wogen heulten und schrien, und das Schiff neigte und legte sich auf die eine und andere Seite. Matrosen klopften und hämmerten an lecken Stellen, fluchten und beteten zugleich. Der Himmel war aschgrau, daß es aussah, als hätten sich Wolken und Wellen zu einem wilden Tanze die Hände gereicht. Jachini tastete sich leise an Sabbatai heran. „Es ist Gefahr, Sabbatai!" „Ist Dein Glaube an mich nicht stärker denn das wilde Element, Jachini?" Es lag fast etwas wie Spott im Tonklange Sabbatais, den aber Jachini in seiner menschlichen Angst und Erregung überhörte. - „Kapitän und Obermatrosen lesen die ViE aus dem Buche Jona ustd weisen mft Fingern auf Dich, Sabbatai, auf uns alle ..." „Hast Du sie gesprochen?" 7 „Ja, sie sagen, wenn Du ein Gottmensch bist, dann solltest Du die Wogen beschwören, ihnen Einhalt gebieten. Kannst Du es nicht, dann hast Du wie Jona den Sturm verschuldet und eI müßte dem Meere sein Tribut werden, daß es sich beruhige . . " „Du fürchtest, Jachini, die Macht des Sultans, der Menschen in Konstantinopel nicht, aber das kochende Meer macht Dich zittern." „Ueber die Menschen wirst Du Gewalt bekommen, wie Du sie immer untergekriegt hast." Sabbatai betete: „Jorde hajam" — die mit Schiffen auf dem Meere fahren, ihren Handel treiben in großen Wässern: „Hema rau" — sie schauen die Werke Gottes und seine Wunder in den Tiefen; „Wajomer" — und er spricht, und Sturmwind kommt, daß sich die Wellen erheben; „Jaalu Schamajim" — steigen gen Himmel auf, sinken in den Abgrund hernieder, daß die Seele in Angst vergeht; „Jonau" — sie taumeln und wanken wie Trunkene, und alle ihre Weisheit ist dahin; „Wajißaku" — da schreien sie zu Gott in ihrer Not, daß er sie aus der Drangsal führe. „Jokem" — er bringt den Sturm zum Schweigen, daß sich legen die Wellen. „Waismechu" — und sie froh werden, daß es stille wurde und er sie zum Ziele ihrer Wünsche gebracht. „Jodu" — sie danken dem Herrn für Seine Güte und für Seine Wunder an den Menschensöhnen ..." Sabbatai betete leise für sich, aber einzelne Sätze drangen durch den Sturm, daß alles auf dem Schiffe aushorchte und in scheuer Furcht nach Sabbatai sah. Das Meer beruhigte sich indes nicht. Eine kurze Weile schien es, als hätte das Wogen und Stürmen etwas an Kraft verloren, aber gleich fing es mit neuer wilder Macht an. Mast und Segel brachen. Das Schiff trieb steuerlos, vom Sturm geführt, gejagt . . . „Bleibt der Sturm von Nord her und halten Boden und Wände des Schiffes noch eine Stunde aus, dann treiben wir in den Hellespont und können vielleicht Anker werfen auf einer der Dardanelleninseln. Gott gebe es," sagte der kundige Kapitän. In dieser entscheidenden Stude war das Schiff ein Bethaus aller Nationen. Jesus und Mohamed, Budha und Brama wurden in gleicher Inbrunst angerüfen. Und über dieses Gewoge erhob sich Sabbatais Psalmgesang, als wollte er all die im Nebelraum über der See irrenden Gebete in die richtige Bahn leiten und zum Einzigeinen führen ... In diesem Momente der Not war Sabbatai Mensch und nur Mensch, vor der Allmacht hilflos zitternde Kreatur, und der Gott seiner Kindheit, der Gott seiner Väter wohnte ohne Trübung in seinem Herzen. Eine Stunde zitternder Not und spiegelnder Hoffnung. Da leuchtete etwas, und es jubelte von der Steuerdrücke herab: Hellespont!" Die Zinnen der Schlösser wurden zu beiden Seiten der schmalen Seestraße sichtbar. Vor „Kild Baho", der Landungsstelle am rechten Ufer hielt ein kleines Fahrzeug, dessen Leute die vom Schiffe ausgeworfenen Taue mit kräftiger Hand, aufgriffen und das Schiff, an allen Seiten stark beschädigt, ans Ufer zogen. Der Sturm hatte sich p gelegt und klare, blaue Himmelstreifen leuchteten über den mächtigen Schlössern der Dardanellen. £ Kaum,waren sie, ans Land gegangen,? als zwei uniformierte Männer pom anderen kleinen Schiffe hinzukamen,, sich als, Amtspersonen aus der Hauptstadt usib Beauftragte der Pforte legitimierten und, an den Kapitän gewandt, fragten: „Ist unter den Mitreisenden der Messias der Juden, Sabbatai Zewi aus Smyrna?" „Hier der Mann," wies der Kapitän auf Sabbatai, „der für uns gebetet auf stürmischer See, dem wir unsere Rettung verdanken. Er sei Euerer Gnade empfohlen ..." „Es ist an Euch, ihm dafür zu danken, wie es Euch gut dünkt. W i r sind im Aufträge des Großwefir Achmed Köprili hergeeilt, um den Mann gefangen zu nehmen und ihn in Ketten nach Konstantinopel zu bringen." Bei der Nennung des gefürchteten Namens Köprili verstummte die Fürbitte. Und die Männer machten sich auch sofort daran, Sabbatais Hände und Füße in Fesseln zu legen. In höchster Erregung .scharte sich alles um Sabbatai. Viele erwarteten, daß es nur eines Blickes, eines Wortes von Sabbatai bedürfen würde, um die Ketten zu sprengen, die Häscher in den Grund zu bohren. Andere nahmen drohende Haltung an. Einer der Häscher zog den blanken, krummen Säbel aus der Scheide. „Der erste, der nähertritt, hat sein Haupt verwirkt. Wird der Versuch zum Widerstand gemacht, dann begnügen wir uns außerdem damit, Sabbatais Kopf dem Großwesir zu bringen. Sabbatai hielt die Hände ruhig hin. Keine Miene in seinem Gesichte verriet Angst oder Eerregung. Und es geschah kein Wunder. Wie ein gemeiner Verbrecher an Händen und Füßen gefesselt, in klirrenden Ketten, wurde er, da das kleine Schiff, das ebenfalls durch Sturm gelitten hatte, noch nicht zur Reife bereit war, in die Zitadelle von Kild Baho an den Dardanellen abgeführt. Die Begleitung hielt sich, von den krummen leuchtenden Säbeln der Beauftragten Achmed Köprilis in Respekt gesetzt, in entsprechender Entfernung. Sarah wandte das Gesicht ab. Nachdem die Seegefahr mit der Angst um das kleine Leben vorüber war, erwachte in ihr wieder die Königin. Nichts war ihr fremder und ihrem Geiste mehr zuwider als der leidende Messias . . . Oder ging ihr eine Ahnung über den Ernst der Stunde auf, die zu verhindern sie im gegebenen Momente unterlassen hatte?- 31. In den Schatten des Todes ... So viele Menschen hatte die Dardanelleninsel noch nicht gesehen. Schiffe» brachten Juden aus der Hauptstadt und anderen Städten der Türkei, die da kamen, um den Messias in seinem Glanze zu schauen und ihn später hinter verfallenen Mauern in Ketten fanden. Ein ganzer Trupp von Polizeischergen und Soldaten, befehligt vom Kamaikam Mustafa Pascha, hatte über die Ordnung zu wachen und die Zudringlichen vom Gefängnis fernzuhalten. Doch ließen die Wächter, wie Mustafa Pascha selbst, mit sich reden, um für viel Geld und wenig gute Worte das Gefängnisleben Sabbatais recht erträglich zu machen. Samuel Primo wie Jachini durften bei ihm aus- und eingehen und alles weitere in seinem Sinne in die Wege leiten. Warum vergingen Tage und Wochen, ja Monate, ohne daß man Sabbatai nach Konstantinopel und vor das Tribunal des Großvesiers, des gestrengen Achmed Köprili brachte? Wann hatte man je gehört, daß türkische Justiz so zaghaft verfuhr und zaudernd langen Prozeß machte mit Verschwörern und Aufwieglern? Es war dies wiederum ein Wunder und ein Beweis für die Unantastbarkeit Sabbatais, für den Geist Gottes in^ihm, der Völker und Nationen in Staunen, Fürsten und Könige in Schrecken setzte! ... In Konstantinopel und in London, in Livorno und Amsterdam wurde das Zögern der Pforte von den Boten Jachinis und Primos mit einem Gewinde von Märchen ausgestattet, und so gedeutet, daß neue Hoffnungen geweckt wurden;