Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 52 (25.12.1924)
- Date
- 1924-12-25
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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«Sette 2 3b. 62 Aufrichtigkeit. Zar Hamhurger Akademikertagung. Von Dr. Benno Lohen in Berlin. 1'. Die religiöse Bewertung dogmatischer Zweifel mutz verschieden geartet sein, je nachdem, ob es sich um die Seelenkämpfe handelt, die vor etwa einem Menschenalter den forschenden Geist eines Juden durchzitterten, oder ob wir heutige Zweifler zu beurteilen haben. Bor einem Menschenaller waren die Nachwirkungen der „Aufklärung" noch nicht überwunden, tonnten es zum Teil nicht sein. Die Naturkunde stand im Banne einer kaum angefochtenen Abstammungslehre. Mit Leichtigkeit hatte sich deren wichtigstes Ergebnis, die Entwicklungstheorie, auf die Geschichte der Nationen und der Religionen übertragen lassen. Unwidersprochen und scheinbar unwiderleglich beherrschte die nach Wellhausen benannte Theorie, die für die Urgeschichte Israels Quellen in der Nomadenbiologie und halb schon in der Tierkunde suchte, die Gefilde des freien Wissens und Forfchens. Damals standen dieser Denkweise noch an vielen Orten die Universitäten in feindseliger Ablehnung fern, und infolge ihrer überragenden Autorität gelang es diesen damaligen Wissenszentren. die noch geringe Anzahl der Evolutionisten aus dem offiziellen Forscherlehen auszuschalten. sodatz sich diese Freidenker wie Märtyrer Vorkommen 'tonnten und Kraft aus diesem Abwehrkampfe schöpften. Es war infolgedessen für den jüdischen Akademiker damals eine gewisse Frage der Ehrlichkeit vor sich selbst, sich mit den Problemen der Evolutionslehre und die bibelkritischen Quellenscheidung, der über talmudische Rezepte scheinbar hoch erhabenen modernen Heilkunde und vor allem der Geologie (Geschichte der Schichten und Zeitalter der Erde) zu befassen und die Ansichten des Jahrhunderts in ihrer grundsätzlichen Verschiedenheit von denen der Thora und der Ueberlieferung deutlich zu erkennen, es wurde von keiner Seite der Versuch erwogen, etwa den thoratreuen Akademiker von dieser Aufgabe abzulenken und ihn etwa in die Schranken der inneren Nachforschung zurückzuverweisen. 2. Das Bild dieser Geisteskämpse hat sich jedoch in neuerer Zeit erheblich verändert. Die freien Forscher, die Freiesten der Freien, die Großen unseres vergangenen Dor schon haben den Bann der Theorieen gebrochen. Jedem jüdischen Akademiker wurden neue Erkenntnisse zugänglich, wenn er einen Blick tat in Hirschs Widerlegungen Grätzscher Geschichtsfälschung und Frankelscher Irrwege, in Halevys Doroth hari- D e r I s r a e l i t schonim, in den Barsilai von Markus; auch einzelne Schriften Iampels dürfen hier in Erinnerung gebracht werden, Auch außerhalb unseres Kreises ging eine neue Welt auf. Aus dem Schutte Babyloniens erstrahlte eine neue Geschichte Israels und seiner Brudervölker: in Männern wie Jeremias und Winckler, König und Strack erstand ein Geschlecht von Bekämpfern der „historischen Schule", die den Werdegang der Bibel und des Bibelvolkes nicht mehr nach darwinistischen Prinzipien zu erklären versuchten. Auch im Lager der Natur- und Erdgeschichte wankten die selbstgewissen Allesleugner, und schon gilt es als Beweis sachlicher, hypothesenfteier Denkart, auch auf den Gebieten der Vererbungslehre und der Geologie sich auf den engen, aber übersichtlichen Zeitraum historischer Sicherheit zu konzentrieren. 3. Die zünftige Gelehrtenwelt der Hochschulen freilich verbleibt, ihrem historisch bewährten Beharrungsvermögen folgend, an den Leugnungen der Generation Häckels und Wellhausens haften. Das überragende Lebenswerk eines David Hoffmann ges. And., der schon vor den Forschungsergebnissen der babylonischen Schulen die Grundlagen der Quellenkritik vernichtet hat, bleibt in jenen Kreisen totgeschwiegen. Mit Nichtachtung strafen sie alle die Genannten, die es wagen, zu Israels wahrer Lehre den Weg aufs Neue zu weisen: es ist heute ein Zeichen der Aufrichtigkeit, die Sache unserer heiligen Lehre tapfer zu vertreten. Man vergleiche hierzu die Pplemik AMayer-Mtel: über alles dieses geht die Klüngelgelehrsamkeit mit eisigem Schweigen, hinweg. 4. Unzeitgemäß wäre es, etwa in jüdischakademischen Vereinigungen eine völlige Bekenntnisfreiheit herbeizuwünschen. Lobenswert ist die Bestimmung des B. I. A., daß heutzutage ein Akademiker, der nicht nach wenigen Semestern das offenliegende erwähnte Material von Schriften der Abwehr des Unglaubens bis zu völliger Heilung vom Schulstaube der giftigen Skepsis durchgearbeitet hat, nicht mehr als einer der Unsrigen betrachtet werden darf. Da kann nur eine für junge Semester seltene Lässigkeit oder ein fester träditionsfeindlicher Standpunkt die Ursache der Zweifel geblieben sein. Das Lebenswerk frommer Talmud- und Weltwissensautoritäten und die Kleinarbeit besonnener Forscher sind in ihren Werken uns vorgelegt. Wir müssen sie nur lesen. Was sind nun die nächsten Ziele jüdisch-akademischer Arbeit? 5. Wollten wir zu den vorliegenden Einzelforschungen neue fügen, — so entgehen wir ,; _25. .Dezember 1S2§ picht der.Gefahr, die großen prinzipiellen Gesichtspunkte unserer Arbeit aus den Augen zu verlieren. Das Bisherige genügt, um alle noch vegetierenden antidogmatischen '(Strömungen wmn nicht ganz zu beseitigen, so doch dermaßen einzudämmen, daß sie keinen halbwegs denkenden Geist mehr mit sich zur Skepsis fortreiben können. Nur aus den Kreisen derjenigen, die ein harter, aufreibender Lebensberuf nicht zu geruhsamem Denken kommen läßt, ist noch der Glaube an die Macht und Wahrheit' atheistischer Phrasen nicht geschwunden. -Sind doch auch die urteilslosen Massen heutzutage der beste Kundenkreis der beiden Irrlehren, die wir Reform und Nationalismus nennen. Die denkende Welt ist ja heute vom verwaschenen Gedankenkosmopolitismus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ebensoweit äbgerückt wie von der nationalistischen Phase seines weiteren Verlaufs: längst haben alle Denkenden die groteske Mischung mitteleuropäischer Klcinstaatsbürgerbegeisterung *) mit areligiöser Menschheitsvergvtterung, die der Gebetsordnung und dem rituellen Erleichterungssystem der Reform zugrundeliegest, ebenso als nichtig erkannt wie die Ansprüche des weltlich-jüdischen Nationalismus. Nur einzig und allein der im harten Daseinskämpfe Atem, Seele und Geist verlierende Mann im Volke mutz es sich gefallen lassen, datz man ihm immer wieder die längst überholten Irrlehren aus- Mcht; .denn.er kann diesen Betrug interessierter Kreise nicht durchschauen. 6. So wertvoll also besonders für den jüngeren Akademiker die gründliche Beschäftigung mit den Problemen des Glaubens und Wissens ist, so kann doch seine eigentliche Gegenwartsaufgabe nicht sein, sich hierauf zu beschränken, sondern er muß seinen Stolz darein setzen, seinem Volke die Augen über den wahren Charakter der „Wissenschaft" mancher Clique, der „religiösen Richtung" mancher Gemeinde und der „Ideale" mancher politischen Bewegung zu öffnen. Sobald die Semester seiner eigenen Heilung und Belehrung vorüber sind, muß der jüdische Akademiker sich als einen Diener der Thora betrachten, dem die Thora ihre Rehabilitierung in den Augen des Volkes als eine verantwortungsvolle Aufgabe vertrauend in die Hände gelegt hat. Das allein wird seine Charakterstärkung sein: er wird sich lossagen von den Meinungen der Clique und den Vorstellungen, die aus vorkrieglichen Zeiten hierzulande über das akademische Leben im Umlaufe sind. *) Fortlassung der persönlich-messianischen Gebete. Das Chanukoliciit in seiner erzieherischen Bedeutung. Don Rabbiner Ar. Winkler in Kopenhagen. Bekannt ist die Meinungsverschiedenheit zwischen Les Schamai und des Bes Hillel: Nach jenen sollen die Chanukalichter in abnehmender (8—1), nach diesen in aufsteigender Reihenfolge (1—8) gezündet werden. Bekannt sind auch die vae») für diesen Streit angeführten Gründe. Wir glauben indes, daß diesem noch ein anderer Gedanke zugrunde liegen dürfte: Die Frage nämlich, welche Methode bei der Erziehung vorzuziehen sei, auf die Schatten und de nFluch des Lasters als abschreckend fsn» -no), oder auf das Licht und die Segnungen der Tugend, als nachahmenswert (2->v nipr), besonders hinzuweisen? Uebertragen auf die Chanukageschichte, welche Seite von ihr soll besondern hervorgehoben werden, die von den Hellenisten geschaffene Verheerung, der Niedergang des Judentums in jenen Zeiten (“],Vini nms) oder mehr der Heroismus der Hasmonäer und der durch sie erfolgte Aufschwung des Judentums (v i ) Bes Schamai empfehlen das erste, wollte, ohne zugleich auch von der Seelengröße Josefs Bes Hillel dagegen das zweite Verfahren, das auch für.zu erzählen. Der Brunnen der Belehrung, der leer, immer rechtsgültig ist. — " (nur negativ ist und kein erfrischendes Wasser, Hierdurch geht uns der Sinn einer Midraschkeine positiven Anweisungen durch Anführung von Beist elle auf, die bisher dunkel geblieben ist: spielen großer Männer enthält, birgt sogar „Die Erde war öde und leer", das sind die Handlungen Schlangengift, nämlich die Gefahr in sich, daß im der Sünder, „und Gott sprach, es werde Licht", das sind Herzen so manches unreifen Menschen die Eindrücke der, die Handlungen der Frommen. Doch wüßten wir immer wenn auch als warnende Cxempel geschilderten, Unnoch nicht, an welchen von diesen beiden Gott Gefallen lugenden, da ihm aber nicht auch die Taten der Edlen habe, an denen der Q'vvn oder an denen der wp'irr vor Augen geführt wurden,haften bleiben und für seine da es nun heißt: „Gott sah das Licht, daß es gut war, Handlungen bestimmend sein könnten. so ist damit gegeben, daß Er an den Handlungen der Gerechten Gefallen findet." — Dgs klingt doch ganz merkwürdig! Doch nach der obigen Auslegung ist der Sinn der: Wir wüßten nicht, woran Haschem v"a mehr Gefallen habe, an den Handlungen der Sünder, als Warnung, oder an den Handlungen der Frommen zur Nacheiferung vor Augen geführt. Und auch hier fällt die Entscheidung zugunsten der letzteren Art aus. Auch eine dritte Stelle noch klärt sich dadurch auf: nv na# heißt es: „Rabbi Tanchum sagt, ein Chanukalicht, 20 Ellen hoch angebracht, ist unbrauchbar. Derselbe sagt ferner, wenn es schon heißt, „die Grube (in die Josef geworfen wurde) war leer", wozu noch der Zusatz: „kein Wasser darin"? — Wasser war keines darin, wohl aber Schlangen und Skorpionen!" — Wie hängen mot)l diese beiden Aussprüche miteinander zusammen? Wir meinen so: Der erste Ausspruch will sagen, die Chanukageschichte dem Lernenden in einer seiner Auffassungsstufe zu hoch liegenden Weise mitgeteilt, so daß „sein geistiger Blick nicht dorthin dringen könne ( na k^)", sei unnütz. Da aber in den Chanukatagen die Geschichte von Josef zur Verlesung kommt, bemerkt darum Rabbi Tanchum weiter: In etwas ähnlicher Weise wäre der Unterricht unnütz, der sich nur apf die Schilderung der bösen Beispiele, die Auf den von den Herren R. B. und Dr. Posen in Nummer 50 des Blattes unternommenen Angriff gegen meine Notiz in Nummer 47 möchte ich, — nicht mit einem „Mofchel", sondern mit der Anführung einer Tatsache erwidern, die ebenfalls unsere Stammutter Sarah betrifft: Zum Schriftwort 'in» wird in vielen nnso f'i ,rr’ kti 's) n^io nnp □’kd vbv (*mn tpai na ,nv» nbnp rifpb ns’ /*jov t) ein Ausspruch aus dem Talmud Orr r"s n^a) zitiert, wonach (nach Rafchis Erklärung) Abraham n»x> „grobes Mehl", Sarah dagegen n^o „feines Mehl" gesagt haben sollte, und der Talmud daraus herleite, daß die Hausfrau mit weniger freundlichen Augen auf den Gast sehe, als der Mann. Das Verkehrte in dieser Schlußfolgerung wird' dort durch geistvolle Erklärungen wieder gutzumachen versucht. Offenbar müssen die Verfasser jener genannten wnsv eine unkorrekte Talmudausgabe vor sich gehabt haben, in der gestanden hat *ipn «vn mp -ns sin' das war aber einfach ein Druckfehler und müßte, wie es auch in unseren Ausgaben richtig steht, heißen: n»p m»s s’n t£id Kim Dann gibt es natürlich keine Schwierigkeit mehr, und die Erklärungen fallen ins Wasser. — Wollen die Herren R. B. und Dr. Posen vielleicht auch dort den -mit der Grube Josefs Zusammenhängen, allein beschränken alten Druckfehler zugunsten der schönen Erklärungen