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Der Israelit · 1924-12-18 · Heft 51 (18.12.1924) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
65 (1924)
Issue
Heft 51 (18.12.1924)
Date
1924-12-18
Page
– (sequence 13)
Language
German
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nr.5i 1924 Bf» Der Israelit Die Messiasbraut. Die Geschichte einer verlorenen Hoffnung. Von 5. Schachnowih. (Fortsetzung.) Noch nie in ihrem Leben tobte der Kampf in ihrem Innern so wie in diesem Augenblicke. Sarah fühlte, sie mußte etwas tun, um die Gefahr von Sabbatai und seiner Schar, von sich selbst abzuwenden. Zögerte sie und ließ Kassato Zeit, dann war es um Sabbatai, um sie, um alle getan. Es - war keine Minute zu verlieren, und dennoch hatte sie nicht die Kraft, sich vom Bette zu erheben. Wenn sie jetzt zu Sabbatai oder Jachini ginge und ihnen alles verriet, so wäre Kassatos Schicksal besiegelt. Was lag ihr an Kassato, an diesem eitlen Gecken von damals, an dem wahnsinnigen Schwärmer von heute? Mögen sie ihn töten, daß sie endlich ihre Ruhe vor ihm hätte. Aber bei all dem konnte sie sich nicht ausraffen, sich zu erheben und etwas zu unternehmen. Er wollte nach Konstantinopel, überlegte sie, um dort den Behörden die meffianifche Verkündung Sabbatais zu verraten. Und was dann? Die türkischen Paschas, vielleicht gar derSultan selbst, werden gegen Sabbatai einschreiten, ihn mit dem Tode bedrohen. Wie aber, wenn Sabbatai, wirklich Messias und Gottesmann, ihnen standhält, sie besiegt? . . . Vielleicht war damit in der Tat die letzte Phase seiner Mission gekommen, bei der er die letzte Prüfung, den letzten Kampf zu bestehen, das Wunder aller Wunder zu vollziehen hätte. Durfte man diese letzte Etappe der Erlösung aufhalten? ... Ein Gedanke blitzte durch ihren Kopf. Sie glaubte an Sabbatai und glaubte auch nicht. Zweifel nagten oft in ihrer Brust, und damit war auch ihr Selbstbewußtsein verdüstert. Ließ sie Kassato gehen, dann würde es sich bald zeigen, und alles wäre geklärt. Er soll sich prüfen! . . . Was wird aber aus ihr, wenn Sabbatai, Mensch wie alle Menschen, im letzten Kampfe unterliegt, von seiner Höhe gestürzt, vernichtet wird? Wird sie nicht mit ins Verderben gezogen? . Es stand zuviel auf dem Spiele, für sie. Sie liebte ihr junges Leben, liebte den Glanz zu sehr. >. Es lag in ihrer Hand, den einen oder anderen zu opfern.. Was sollte sie tun? . . . „Noch ist es Zeit," rief sie und sprang vom Bette, auf. Draußen klopfte jemand ganz leise. Sarah öffnete, und ein junges Weib inSchwarz trat ins Zimmer. Im Lichtscheine, der mit der Eintretenden durch die offene Türe drang, konnte Sarah die edlen Linien der Gestalt und die weichen Züge des züchtig halbverhüllten Gesichtes erkennen. Sie kannte, hie Frau nicht. „Was führt Euch her?" „Ich darf nicht zu den Kesten und auch nicht in die Synagoge,so suchte ich das Wunderweib hier auf," sagte die Frau einfach, zutraulich, fast „WasHolTZHr cm W^Wen?"^- - , „i.pe HW beWndern MMWMMiier, Löwen gefangen hat. . . „Kennt Ihr Sabbatai?" „Ich habe, Gott verzeih es einer Sterblichen, vor vielen Jahren mein Auge zu ihm erhoben ... Ich wartete mit dem Hochzeitskranz im Haare im Brautgemache ... Die Musik spielte, die Sänger sangen ... Aber er kam nicht ... Ich weinte damals viele, viele Tränen und glaubte oft, die Tränen jetzt noch in meinen Augenlidern zu haben . : ." Und die Frau weinte auch jetzt, so daß sie nicht sprechen konnte. ' „Weint ihr jetzt noch um Sabbatai oder aus brennendem Neid auf mich?" „Nein, des einen wegen nicht und auch nicht des anderen. Es ist nur die Erinnerung vergangener Tage, die über mich kam." „Habt Ihr Sabbatai geliebt, dann werde ich Euern Haß gegen mich verstehen ..." „Ich habe ihn in Wahrheit so wenig gekannt, so wenig menschlich geliebt, wie ich Euch hasse. Ich bewunderte ihn . . ." „Wqrum geht Ihr nicht zu ihm, warum besucht Ihr nicht unsere Versammlungen?" Die Frau zögerte ein wenig, dann sagte sie, indem sie ihre Stimme bis zum Flüstern senkte: „Ich hin die Frau des Rabbi Lapapa..." Sarah trat einen Schritt zurück. „Des Lapapa, der Sabbatai vernichten will ... Wie konntet Ihr es wagen, zu Sabbatais Weib zu kommen?" „Lapapa kämpft gegen den Messias, ich will nur das Weib bewundern, das das Wunder vollbrachte, das ich damals mit all meiner Jugend und all meinen Reizen nicht zustande brachte, den Menschen Sabbatai zu fesseln." Sarah seufzte tief, richtete sich aber bald hoch auf, als bereute sie den Anflug von Schwäche. Allein es war heraus. Ein Gefühl warmer Menschlichkeit, weicher Weiblichkeit überkam sie plötzlich gegenüber diesem Weibe, wie sie es noch nie empfunden. „Bracha, reiche mir die Hand, wir sind Schwestern..." Sie reichten sich die Hand und sahen sich in die feuchten Augen. „Du saßest und wartetest," sagte Sarah, „einen Tag wohl, eine Nacht, und er kam nicht. Und ich sitze seit Jahren schon und warte seiner — und er kommt nicht ... Es kommen immer andere, die ich nicht rufe und auf die ich nicht warte ..." Sie dachte wieder an Kassato und wollte zur Türe hinauseilen, aber wie eine geheime Kraft hielt sie zurück bei dem fremden Weibe, das vielleicht vom Himmel geschickt war, sie aufzuhalten. „Bist nicht glücklich, Sarah? Auch Königinnen haben Kummer?! ..." Beide Frauen hielten sich umschlungen und weinten. Nie hatte Sarah geahnt, daß menschliche Wärme, menschliche Tränen so wohltun könnten.. „Bist D u glücklich. Bracha?" i „Ich bin Frau des bisher allverehrten Rabbi. Unser Glück ist jetzt zerstört. Wir sind ohne Zelt und Obdach, werden wandern . . „Kann ich für Dich etwas tun, Bracha?" „Wir werden flüchten," wiederholte Bracha. „Bleibe hier bei mir. Ich will mit Dir Brot und Ruhm teilen. Sollst mir Schwester sein.. „Ich gehöre zu Lapapa in die Verbannung." „Lapapa findet den Weg ohne Dich, wirst ihm auf der Wanderschaft. nur Ballast sein. Bleib bei mir." Sarah ergriff ihre Hand und hielt sie fest. „Lebe wohl, Sarah," riß sich Bracha los, „möge ihn Gott den Weg zu dir finden lassen.. Ich gehe mit Lapapa! . . ." i?/.Sie ging unv Mrah Mrf sich Meder aufs Bett und ftefj sichAu diesern AbMd. picht mehr blicken. Man mußte dem Schicksal seinen Lauf lassen. Die Zeit war verstrichen. Die letzte Prüfung war nicht mehr aufzuhalten . . . 29. Das Iahr der drei Sechs. Zwei Monate vergingen in fieberhafter Erwartung, in Jubel und Braus, Tanz und Taumel. Die Lichterwoche des Makkabäersieges war Anlaß zu neuen rauschenden Festen. Es schien, als würde nicht allein Smyrna und Kleinasien, sondern die ganze Welt in Ost und West, Nord und Süd diese Messiasfeste mitfeiern. Auf die Welt außerhalb der Judengaffe nahm man keine Rücksicht mehr. Nachdem Wochen und Monate vergangen waren, ohne daß vonseiten der Behörden etwas geschah, vergaß auch Sarah Kassatos und seiner Drohungen vollkommen. Die ausgesandten Boten berichteten in Sendschreiben und mündlich über ihre Erfolge in einer Weise, die die Ungläubigsten davon überzeugte, daß die jüdische Welt treu zu Sabbatai hielt. Auch die Residenten und Konsuln von Holland und England in der Türkei berichteten ihren Regierungen über den Gang der Bewegung. Sie war schon Staatsangelegenheit. Ueberall, so wurde nach Smyrna berichtet, sprach man, nicht allein in den Lehrhäusern, auf den Börsen, von Sabbatai; überall setzte eine große, heilige Bereitschaft ein mit Fasten und Kasteiung und Almosenspenden für die nahende Gnadenzeit. Die ankommenden Briefe aus den Weltstädten gingen von'Hand zu Hand und die eintreffenden Boten berichteten auf offener Straße vor versammeltem Volke von dem begeisterten Widerhall, den die Messiasbotschaft in der ganzen Diaspora gefunden hatte. Sendschreiben Nathans aus Gaza wurden in den Synagogen mit einer Feierlichkeit verlesen, als wären es Offenbarungen und Verheißungen der alten Propheten. In Konstantinopel, so wurde berichtet, laufe ein greiser Kabbalist, der seit Jahren weltabgewandt kein Wort mehr gesprochen hatte, singend durch die Straßen und verkünde in der Sprache des Sohar das Lob und die Berufung des Messias Sabbatai. Auf der Insel Elba Hub ein stummer Schneider Plötzlich zu reden an und sang aramäische Lieder zu Ehren Sabbatais. Aus der Krim sei ein Schreiben der K a r ä e r in Smyrna gngelangt, mit dem vollen Bekenntnis zur Lehre Säbbatais und der Bitte, den alten Streit zu vergessen und sie brüderlich der Erlösung teilhaftig werden zu lassen . . . Keiner hatte den Brief aus der Krim gesehen, aber alle glaubten ihn. Besonders ermutigend waren die Botschaften aus dem Abendlande. In Venedig hatte das Rabbinat des Mose Zacut in aller Feierlichkeit Sabbatai heilig gesprochen und mit seiner Approbation das „Tikunim"-Gebetbuch Sabbatais mitsamt dessen Bildnis drucken und in Massen verbreiten lassen. In Livorno wurde der Prediger Josef Levi, der sich weigerte, zur Buße im Sinne der „Tikunim" zu mahnen, gezüchtigt und aus der Stadt gejagt. In Amsterdam, so erzählte man sich, habe nunmehr sogar Spinoza, der große Ketzer, die Wiedererrichtung des jüdischen Staates durch Sabbatai vorausgesagt, und dessen viele Anhänger seien allesamt mit glühender Begeisterung zum neuen Messias übergegangen... Portugiesen und Aschkenasim hätten, sich dort die Hand gereicht und sich in dem einen, reinen Glauben an SÄbatai gefunden. Dort könnten gar nicht genug Tikunim-Gebetbücher für die Gläubigen hergestellt werden. In den Hambu r g e r Synagogen tanzten ebenfalls Portugiesen und Aschkenasim zu-

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