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Der Israelit · 1924-12-11 · Heft 50 (11.12.1924) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
65 (1924)
Issue
Heft 50 (11.12.1924)
Date
1924-12-11
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Der Israelit Beilage Nr. 5» 1924 V-i Die Messiasbraut. Wim* : (i Die Geschichte einer verlorenen Hoffnung. Bon S. Schachnowlh. (Fortsetzung.) 27. «In dieser Rächt." Keiner hatte in dieser Nacht in Smyrna an Schlafen gedacht. Menschen, die lange Jahre kein Wort gesprochen, predigten auf offener Straße mit glühenden Zungen, Lahme gingen, so schien es wenigstens allen, aufrecht wie die Jünglinge, Kranke in den Betten vergaßen ihre Schmerzen und fieberten vom Messias, der gekommen, und Kinder in den. Wiegen und an der Mutterbrüst, so erzählte man sich, lallten: „Sabbatai, Messias! ..." Der Morgengottesdienst der aufgeregten und übernächtigen Gemeinde in der großen Synagoge an beiden Festtagen stand ganz und ungestört in der Gewalt Sabbatais und seines Anhanges. Man betete wenig aus den Gebetbüchern und viel aus den „Tikunim". Die Schofartöne, mehr als vorgeschrieben, waren andauernd von Gebetsformeln begleitet und unterbrochen, die Sabbatai im Mittelpunkt hatten. So oft im Gebete die Rede vom „Goel", dem Erlöser, war, klang mit ihm gleich der Name Sabbatais mit. Und nach der Thoravorlesung wurde vom Vorbeter aus den „Tikunim" das lange „K ö n i g s g e b e t" für das Wachsen und Gedeihen des Hauses Sabbatais, des Sohnes Mordechai Zewi, feierlich vorgstragen, von der Gemeinde stehend angehört und mit einem mächtigen „Amen" bekräftigt. Sowohl Rabbi Chajim Benvenisti, der greise Rabbiner, wie der Vorsteher Chajim Pensa waren da und standen still und in sich gekehrt auf ihren Plätzen, vielleicht in ihre eigenen alten Gebete versunken. Auf den Gesichtern der beiden Männer lag mehr Angst und Trauer denn vom Jubel und der Begeisterung der Menge. Der jüngere Rabbiner, Rabbi Aron Lapapa, fehlte. Im Nachbarhofe war das kleine Bethaus geschloffen. Nach den Erfahrungen des ersten Abends HÄkk^stch keiner mehr dahin getraut. Am Nachmittage des ersten Festtages wurde Sabbatai in großer Prozession, an den Strand geleitet'und dort unter alten und neuen, hebräischen und aramäischen Gebeten in aller Form als König und Messias gefeiert. Auch viele Türken sahen dem Schauspiele zu, und daß die Behörden des Kadi dazu schwiegen, war wiederum ein Wunder, das zu den vielen anderen dieser Tage kam. Die „zehn Büßtage" vergingen in schweren Kasteiungen auf der einen, in Jubel und Festesrausch auf der anderen Seite. Oft reichten sich Jubel und Büßung die Hand, Bußgebete klangen in wilde Tänze aus und Feste endeten umgekehrt mit Tauchbädern und Kasteiungen. Keiner dachte in diesen Tagen in Smyrna an Handel und Arbeit, an Geschäft und Gewinn, Wohlhabende fingen an, ihren Besitz zu veräußern, zu verschleudern, an Baustätten wurde nicht mehr weiter gebaut. ... Die Judenstraßen in Smyrna ryaren vollgefüllt Mit Menschen aus allen Gemeinden KMnüsiens, die gekommen wären, um Versöhnungstag und Laubhüttenfest in der Nähe des Messias zu verleben und Zeugen all der Wunder zu sein. Boten und Briefe trugen die Kunde von denBorgängen nach allen Richtungen der Windrose hinaus. Sabbatai selbst hatte bei diesem alles in seinen Bann ziehenden Taumel seine volle Aktivität wieder gewonnen. Ueberall sah man ihn, stets in großem Gefolge, überall hörte man sein flammend Wort, ertönte seine bezaubernde Stimme; wenn er Psalmen und eigene Lieder sang, sprach man ihnen die Kraft zu, Throne zu stürzen und Könige zu seinen Füßen zu zwingen . . . Von allen Seiten der Straße erklang alle Tage trotz der Bußtage Hochzeitsmusik. Im Hochzeitszuge sah man kleine Kinder, Zwölf- und Zehnjährige, verschämt und verschüchtert als Braut und Bräutigam nebeneinander gehen. Entgegen einem alten Brauche hatte Sabbatai erlaubt, Vermählungen in diesen ernsten Tagen zu feiern. Es konnten gar nicht genug Ehen geschlossen werden, um die Zahl der Geburten zu vermehren und den Vorrat der noch ungeborenen Seelen zu erschöpfen... Auch die Minderjährigen mußten rasch vermählt werden. Ganz Smyrna war e i n Taumel in diesen Tagen zwischen den Festen des Jahres 5426. Der Versöhnungstag schloß mit der „großen Tekiah" ab, die zugleich eine Königshuldigung für den „Gesalbten des Herrn, den Messias, Sabbatai Zewi" war ... In all den Tagen sah man Rabbi Aron Lapapa nicht. Man suchte ihn, man fahndete förmlich nach ihm, aber er hielt sich entweder versteckt oder war bereits aus der Stadt geflüchtet. 28. Sarahs innere Kämpfe. Als man am Abend des Laubhüttenschlußfestes sämtliche Thorarollen in ihrem prangenden Schmucke aus dem Heiligen Schrein unter Sang und Gebet herausholte, waren, in Smyrna zum ersten Male, auch Frauen und Mädchen im Männerraum. Man drehte sich im Reigen um Sabbatai und Sarah. Und bald waren alle Dämme gefallen, alle Schranken niedergerissen. Die Hände von Männern und Frauen fanden sich, und in einem Wirbeltanz war alles weggefegt, was Gesetz, Brauch und fromme Sitte bisher so treulich aufrecht erhielten. Als die Thorarollen wieder in ihrem Schreine ruhten, artete die ganze heilige Handlung mählich in eine Orgie aus mit Wein und Sang und Tanz. Sarah hatte in ihren ersten Smyrnaer Tagen sich einige Zurückhaltung auferlegt. Die Atmosphäre war in den Tagen der Buße, bei allen gegelegentlichen Ab- und Ausschweifungen, doch noch mit zuviel Ernst, Weihe und Heiligkeit beladen. Das war nicht nach ihrem Sinne. Sie führte zwar auch in diesen Tagen ihr eigenes Leben im Kreise von Anbetern, über die sie wie eine Königin gebieten konnte und die ihr ein Dasein in Glanz und Pracht sicherten, sie auch für das kalte Zögern Sabbatais voll entschädigten, aber sie zeigte sich in diesen Tagen der Kasteiungen und Bußübungen wenig nach außen. Jetzt aber, da wie auf einmal die Freudenströme alle Dämme und Deiche brachen, fand sie sich zur rechten Minute wieder ein und stand im Mittelpunkt. Es war ihr eine freudige Genugtuung, Sabbatai wieder im Besitze seiner vollen Aktivität, seines vollen Selbstvertrauens zu sehen. In dem Maße, wie er Messias war, konnte sie als Messiasweib Königin und Herrscherin sein. Ein Versagen Sabbatais brachte auch sie aus dem Gleichgewichte. Die Sonne, von der sie ihr Licht bezog, muhte selbst in voller ungeschwächter Kraft erstrahlen ... So war Saxah an Diesem Abende ganz Messiasweib, gayz Königin, " eitel Liebe und Freude, alles in ihren Zauber bannend. Sie spendete ihre Huld mit vollen Händen und jeder war beglückt und beschenkt, der an diesem Abende ihre Nähe suchte. Müde von Sang und Tanz sank sie in ihren Sitz. Aber der Mann, ein Unbekannter, der sie dahin führen durfte, ließ ihre Hand nicht los. „Sarah, Du Göttliche und Heilige, Königin meiner Träume." , Sarah, trunken von all dem Taumel, erbleichte bis auf die Lippen, als sie die Stimme des Fremden, der einen leichten Mantel nach Art der spanischen Granden so hoch um die Schultern hängen hatte, daß sein Gesicht halb verhüllt blieb, vernahm. Kaum, daß sie die Worte über die bebenden Lippen brachte: „Don Kassato! Bist Du es? Wie kommst Du her?" Hastig und energisch befreite sich ihre schmale Hand von der seinen. „Ich bin hier, und werde immer da austauchen, wo Du bist und am wenigsten an mich denkst.. Ich sagte es Dir bereits einmal. Ich komme aus Jerusalem." „Was führte Dich nach Jerusalem?" „Ich suchte Dich und hörte, daß Du hier bist, so bin ich hier." „Kennt man Dich hier?" fragte Sarah etwas ruhiger, aber mit leise zitternder Stimme. „Den Namen Kassato kennt keiner hier, ich selber nicht mehr. Aber von Nehemia Hakohen, wie ich längst heiße, hat man hier und überall, auch in Jerusalem, schon gehört.. Es ahnt noch keiner hier, daß ich, Nehemia Hakohen, der andere Messias und Feind Sabbatais, in ihrer Mitte bin . . ." „Und wenn ich es ihnen verrate?..." Sarah gewann dabei sogar ihr leichtes Lächeln wieder. „Dann werden mir einige wenige zujubeln, die Masse wird mich steinigen... Tue es Sarah, wenn Du Sabbatai auf diese Weise den Nebenbuhler, der ihm Mission und Weib streitig macht, leicht vom Halse schaffen willst. I ch weiche nicht und nehme das Schicksal auf mich, .wenn es aus Deiner Hand kommt ..." „Was willst Du hier. Unseliger, was verlangst Du von mir?" zitterte Sarahs Stimme. „Ich suche Dich, ich verlange nach Dir." „„Ich bin Frau eines Mannes, ihm nach Recht und Gesetz angetraut vor Gott und Israel." „Der Mann, dem Du angetraut bist, hat Dich nicht berührt, er gehört nicht Dir und Du nicht ihm ... Er gehört seinen Träumen. Ich aber werde Dein sein, werde Dich durchs Leben führen, daß Dein Fuß nicht anstößt ..." „Ich bin das Weib des Messias, Kassato. Du weißt wohl nicht, was sich dazwischen ereignet hat, weißt nichts vom Wunder in Jerusalem . . . Wenn ich» wie Du meinst, nicht ihm gehöre, so gehöre ich auch nicht mir ... Bin mit all den Dingen eng verwoben, bin' ein Teil des Messias, wie darfst Du es danach wagen, Auge und Hand nach mir zu richten?" Zornesglut färbte die bleichgewordenen Wangen ganz rot, ihre Augen sprühten Fetter. Kassato verlor seine Ruhe nicht, muhte aber, da er sprach, die Augen abwenden, um von der Glut nicht erfaßt zu werden. „Ich darf es wagen, Sarah. Des Messias ein Teil wirst Du bei mir, der ich mit Dir auch menschlich eins fein werde ..." „Du mißachtest die Zeichen und Wunder, Kassato." „Ich kenne die Zeichen und weiß sie richtig zu deuten. Das Jerusalemer Wunder ist mit dem Gelds Rafael Josef Chelebis gemacht worden, wie das Livornoer Wunder durch die Kunst Rembrandts zustande kam . . ." Sarah schauerte in ihrem ganzes Inneren zusammen. ^Du List grausam, Kassato!" „Nicht grausamer wie Du, Sarah, die Du -:'i - . \ ' H ■> ) y.; i { Mi f 1 m\ . i : * I \*\ j >: I %'j Li '! ■M 1! j' f&V’j!>. •5 i'rm

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