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Der Israelit · 1924-12-04 · Heft 49 (4.12.1924) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
65 (1924)
Issue
Heft 49 (4.12.1924)
Date
1924-12-04
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Br. 49 1924 HT Der Israelit Die Messiasbraut. Die Geschichte einer verlorenen Hoffnung. Von S. Schachnorvltz. (Fortsetzung.) 26. . Das Jahr des Heiles bricht an . . . , In der großen Synagoge zu Smyrna, die im hellsten Lichterglanze prangte, standen am Rosch haschana-Abend bereits die Menschen Kopf an Kopf gedrängt, als die Rabbiner Aron Lapapa und Chajim Benvenisti und die Vornehmsten der Gemeinde erschienen. Erwartung lag auf allen Gesichternaber auch Kampfstimmung. Es war nicht der Zug milder Versöhnung, wie er sonst an diesem heiligen Festabende durch die Menschen ging. Aus innerster Tiefe Aufgewühltes kam an die Oberfläche. Wie ein Schrei aus der durch Jahrtausende angehäuften Not: „Nun ist es genug!" „Die Erlösung ist verheißen, und wir geben sie nicht mehr aus dem Auge!" „Wehe dem, der sie uns jetzt noch aufhielte!" Das Jahr 5426 mußte mit einem Wunder, einem nie erlebten, seinen Einzug halten. Als der Vorbeter das Gebet anstimmen wollte, wurde ihm von allen Seiten Schweigen geboten. Noch nicht. So durfte es heute nicht anfangen. Indes protestierten andere gegen die Störung: es gab Tumult. Da wurde von außen ein Gesarlg hörbar. Ein Ruck ging durch die Menge und viele drängten zur Türe hinaus. In den Synagogenhof zog mit großem Gefolge Sabbatai ein, ganz in einen Hermelinmantel von weißer Farbe gehüllt, mit flammendem Gesichte und weltabgekehrten, halbgeschlossenen Augen, aus denen es nur von Weile zu Weile zuckte und blitzte. Jachini und Primo zu beiden Seiten waren ebenfalls weiß gekleidet, wie die meisten draußen und in der Synagoge diesesmal schon am Abend ihre Sterbegewänder angelegt hatten. Eine Art Wedel hielt Sabbatai in der Rechten, mit dem er sich fächelte und in der Luft fuchtelte. Wer sich mit Ellenbogenkraft bis zu Sabbatai durchringen konnte, hatte das Glück, von seinem Fächer berührt zu werden. Sabbatai sang: „Die Rechte des Herrn ist erhoben, Die Rechte des Herrn schafft Macht!" Und die Menge sang, schrie; es brauste wie eine Sturmwoge „Hallelujah" und „Selah"! So zog Sabbatai in die jetzt vollgefüllte Synagoge. Und nun gewahrte man erst einen thronartigen Baldachinsitz vor der heiligen Lade, reichgeschmückt mit Blumen, Perlen und kostbarem Damast, den bereitgehaltenen Ehrensitz Sabbatais. Eine große, weißblaue Wimpel wurd? von irgendwoher aufgezogen und legte sich wie ein Flor vor den Sitz Sabbatais, fern Antlitz dem Volke verhüllend. Zwölf Wappen wären in dieser Standarte um einen riesigen Davidstern eingewirkt, die Abzeichnungen der Stämme Israels in zwölf verschiedenen, glitzernden Farben. Ein Jubel erhob sich im Raume, daß die weißdrapierten Wände zitterten. Zunächst wortlos, dann ganz klar und deutlich und wie im gutgeübten Chore: „Es lebe unser Herr und König, der Messias Sabbatai den Mordechai Zewi . . .!" Und mittendrein erschollen lufterschütternde Hörnerklänge. Dazwischen Schreie, Protestrufe. Wie von geheimer Hand verteilt, hatte bald jeder ein Traktätchen vor sich, ein niedliches Bändchen mit einem Titelblatt, das zwei Bilder trug: König David mit der Harfe auf der einen, Sabbatai mit dem goldenen Zepter in der Hand auf der anderen Seite. Zwischen den beiden Zeichnungen mit großen verzierten Lettern das Wort „T i k u n i m". Und drinnen Gebete; Aussprüche, Lehrsätze, Versezusammenstellungen, wie man sie nie gesehen, neben rätselhaften kabbalistischen Formeln und Anweisungen für Kasteiungen und Bußübungen zur Erlangung der Reinheit, der inneren und äußeren Erlösung. Jemand sang mit volltönender Stimme die Gebete vor, neben den alten vorgeschriebenen neue aus den „Tikunim", deren Kehrreim „Messias unserer Gerechtigkeit, SabbataiZewi.." im Chore bis zur Raserei gesungen wurde. Die Protestrufe ertranken in den hochgehenden Wogen des Jubels. Viele verließen leise und unbeachtet den Raum. Auch Aron Lapapa, der Rabbi, der schon zü Anfang vergebens versucht hatte, etwas zu sagen, ging davon; die es an der Türe sahen, riefen ihm Spottworte und Beschimpfungen nach. Als sich jetzt auch Rabbi Chajim Benvenisti und die ehrwürdige Erscheinung des bisher allverehrten Vorstehers der Gemeinde, ChajimPenja, der Ture näherten, entstand ein Tumult mitten im Singen, und Hände erhoben sich, um die beiden mit Gewalt Zurückzuhalten. Der Rabbi, Chajim Benvenisti kehrte um, machte eine Art Verbeugung gegen den Valdachinsitz und nahm wieder seinen Platz ein, neben Mose Pinheiro, der wie angenagelt auf seinem Sitze blieb. Chajim Penja aber stieß durch die drängende Menge aus die Straße hinaus und verschwand mit einem Satze im gegenüberliegenden Hofe, wo sich in einem kleinen Bethause eine kleine Gemeinde mit Rabbi Lapapa zu ihrem alten Gotte und ihrem alten Gebetbuche geflüchtet hatten. In der großen Synagoge geriet derRummel ins Stocken. Die Chöre mit dem Sabbatai-Refrain harmonierten nicht mehr ganz. Viele schrien durcheinander. Der erste offizielle Messiasgottesdienst ohne das geistige Oberhaupt Rabbi Lapapa und ohne die weltliche Spitze der Gemeinde, Chajim Penja, mit denen andere gewichtige Persönlich: keiten gegangen waren, hatte an Glanz und Kraft verloren und drohte, sich in ein Chaos aufzulösen. Man sah Jachini und Primo von beiden Seiten zum Baldachinsitze eilen und durch den Vorhang aus Sabbatai einreden. Plötzlich legte sich Totenstille über das wogende Menschengewirre. Durch den weißen Vorhang drang die Stimme Sabbatais wie aus einer Wolke an die Menge: „Auch die Massenseele hat ihre „Kliphoth", ihre unreinen Elemente. Es gilt die Schalen, die die Erlösung behindern, zu zerbrechen, zu vernichten ..." „Geht hinüber und schlagt sie alle tot, die Abtrünnigen, die Kofrim, die Kliphoth!" interpretierte jemand die dunklen Worte Sabbatais laut und vernehmlich und fand Widerhall. „Sie haben sich darin verbarrikadiert!" rief einer. „Wir brechen Türen und Fenster ein!" „Es ist heiliger Feiertag, denn schon hat sich der Tag zur Neige gesenkt," mahnten Vernünftige. Wieder sprach der Messias durch den Vorhang: „Feiertagsopfer ist es für den Herrn, wenn die Kliphoth schwinden, daß sein Reich nahe..." „Wir schlagen ihnen Türen und Schädel ein, am heiligsten Feiertage, es ist eine heilige Tat..." rief man sich in Auslegung der letzten Worte Sabbatais zu. Drohend mit Wutgeschrei ergoß sich die Menge aus der Synagoge in den gegenüberliegenden Hof, die Fenster des kleinen Bethauses klirrten, die schwere Türe brach. Im Schreien und Johlen und im wüsten Chaos wurden Beter von innen, und Stürmende von außen durcheinandergewirbelt, daß man Freund von Feind nicht mehr unterscheiden konnte und die Lichter ausgingen. Kinder fielen zu Boden und schrien, gestoßen und getreten, in Verzückung den „Herrn und König Sabbatai" um Hilfe an. Auch Frauen und Mädchen waren auf einmal mitten im Gedränge drin. Rabbi Chajim Lapapa war nicht zu finden, er war durch das Fenster nach der entgegengesetzten Seite geflüchtet. Chajim Penja, der Vorsteher, wollte im Dunkel durch die drängende Menge fliehen, und wurde an der Türe im schwachen Widerscheine der „Ewigen Lampe" erkannt und aufgehalten. Geballte Fäuste fuchtelten in der Luft. Einer zerrte ihn am Kragen. Der Hartbedrängte stemmte sich mit dem breiten Rücken an die Türwand und sah ruhigen Blickes in die haßsprühenden Augen der Tobenden. „Ihr seid wahnsinnig, Leute! ..." „Nieder mit dem Ketzer! . . ." Eine weibliche Gestalt, die sich dazwischen gedrängt hatte, griff den gegen ihn ausgeholten Schlag auf und fiel zu Boden, ein anderes Mädchen lag bald daneben, und es war nicht zu sehen, ob ebenfalls infolge eines empfangenen Schlages oder in Verzückung. Beide Mädchen schrien: „Laßt ab. Euere Hände mit Blut zu beflecken, denn heilig ist der Raum und heilig die Stunde, in der unser Herr Sabbatai Zewi, unserKönig und Erlöser, sich uns in seinem Glanze gezeigt.." „Penja, Euere eigenen Töchter," schrien Stimmen aus der Menge, die sich in. der Spannung ob dieses neuen Momentes, von Penja ein wenig ablenkte. „Ihr, Tamar und Tirza?" Die beiden Mädchen erhoben sich mit aufgelösten Haaren und glühenden Wangen. „Vater, siehst Du nicht an allem, daß Sabbatai der gottgesandte Messias ist?" flehte die ältere weinend. „Wie kommt Ihr her?" „Wissens nicht. Eine Eingebung zwang uns her, Dich zu retten und Dir zu sagen, was heute alle wissen, Stumme und Säuglinge, über die Gott seinen Geist ausgegossen, wie mit Engelszungen verkünden. Sabbatai Zewi ist unser Herr und König! ..." Die beiden Mädchen griffen ihren Vater zu beiden Seiten am Arm und zogen ihn durch die Menge, die ehrerbietig Platz machte, hinaus. Keiner wagte mehr, die Hand oder nur ein Wrt zu erheben. Ein neues Wunder war geschehen. Eines der vielen in dieser Roschhaschananacht der Messiasoffenbarung in Smyrna. (Fortsetzung folgt.)

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