Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 48 (27.11.1924)
- Date
- 1924-11-27
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 10 Nr. 48 Äinderecke. O denk daran! Von Heinrich EinslSdter. Herbst, Schabbos Dämmerung.— Ein trüber, aber linder Tag geht seinem Ende entgegen. In dem weiten Hofe der Waisenanstatt stehen einige Gruppen von Männern und jungen Leuten, die bei anbrechender Nacht in der Anstültssynagoge das Abendgebet verrichten wollten. Diese Versamlung geraume Zeit vor Beginn des Gottesdienstes erscheint fast als Zubehör zum Gebet beim Ausgang des Schabbos. Sie bildet eine Eigentümlichkeit, die man nicht nur allenthalben in Deutschland — in der Stadt sowohl als auf dem Lande — sondern auch weit über die Grenzen hinaus beobachten kann. Die „Nefchomo jefero" entflieht. Man weicht unwillkürlich der Einsamkeit, um der wehmutvollen Stimmung zu entgehen. Denn jeder fühlende Mensch richtet seine Gedanken um diese Stunde gar zu leicht'auf Dinge, die nicht geeignet sind, Frohsinn und Selbstbewußtsein zu erwecken. Wir treten zu zwei Bekannten, um uns an ihrer Unterhaltung zu beteiligen. Doch bald gewahren wir, daß sie gerade rin Thema behandeln, das zu jenen gehört, dke wir um diese Zeit vermeiden möchten. Sie sprechen von der schwierigen Lage Deutschlands und von den Wolken, die den politischen Horizont überziehen. Zum Glück nähert sich uns in diesem Augenblicke der treffliche Inspektor der Anstalt, der sich in den vorausgegangenen Minuten der Stimmung des entweichenden Schabbos entsprechend ebenfalls mit der Erinnerung an eine trübe Vergangenheit beschäftigt hat. Im Zusammenhang mit dem, was er jetzt hört, bricht jedoch feine auf Gottvertrauen gegründete Zuversicht durch, und, er zeigt ihre Berechtigung durch bie Schilderung eines Erlebnisses, das sich vor genau sieben Jahren um diese Zeit zugetragen hat. „Man spricht immer von den schlechten Zeiten," so beginnt er. „Wir aber, die im Feld waren, sind froh, daß wir überhaupt noch am Leben sind. Heute vor sieben Jahren, gerade vor Schabbosausgang, bin ich nur durch ein Wunder dem Tode entgangen. Unsere Abteilung lag vor Verdun. Da ich erst aus dem Lazarett entlassen worden war, wurde ich einstweilen mit Büroarbeiten beschäftigt. Zuerst kamen wir in ein Lager, das 10 Kilometer von Verdun entfernt war. Später aber wurden wir in eine Baracke verlegt, die weiter rückwärts jenseits einer Anhöhe lag. Ein Feldwebel, ein Unteroffizier und zwei weitere Schreiber teilten sie mit mir. An einem Schaabos erhielt ich den Auftrag, mit einem meiner Kameraden in unser bisheriges Lager zurückzukehren, um einige dort verbliebenen Einrichtungsgegenstände zu holen. Es ging gegen Abend. Das Wetter war lind, aber der Schmutz war so arg, daß wir oft bis an die Knie einsanken und nur langsam weiterkamen. Wir hatten auch keine Eile. Da plötzlich, als wir den Gipfel des Hügels erreicht hatten, der beide Lager trennte, hörten wir das Pfeifen von Granaten. Sssst-bum! Sssst-bum! Sssst-bum! So ertönte es über unseren Köpfen. Wir bemerkten aber bald, daß die Schüsse nicht uns, sondern unserem Lager galten. „Wer weiß", sagte mein Kamerad, „ob es Der Israelit nicht unser Glück ist, daß wir soeben unterwegs sind." Die Sonne war vor wenigen Minuten untergegangen, und der kurze Oktobertag sandte schon seine Schatten. Ich dachte an meine Lieben daheim, deren Gedanken um diese Zeiten gewiß auch bei mir waren, dachte an die Sidra, die ich viel lieber heute früh in der Heimat gelesen hätte, als hier durch den „Verdunschmutz" zu waten, und wiederholte in Gedanken die Verse von dem Gottesbündnis in „Noach". Endlich, es war schon finster, kamen wir in unserem ehemaligen Lager an. Wir wurden fröhlich begrüßt, mit Likör bewirtet, und erst nach einer Stunde traten wir den Rückweg an. Es war mühevoll in der dunklen Nacht. Erft gegen 2 Uhr kamen wir in unser Lager. Wir suchten unsere Baracken. Wir suchten und suchten und sahen sie nicht. Wir orientierten uns nach der Umgebung und standen bald — vor einem Loche in der Größe eines Zimmers. Unsere Baracke war verschwunden, unser Kamerad in Stücke zerrissen."- Die Erzählung wat zu Ende. Der Schabbos desgleichen. Aus der Synagoge ertönten die ersten Verse der Lieder von David: „Gepriesen fei der Ewige, mein Hort." Vermischtes. Berlin. 10. Nov. Der Israelitische Fortbildungsverein „Montefiore" veranstaltet am Sonntag, . den 14. Dezember, sein 40 jähriges Stiftungsfest. Zwecks Einladung werden eheMalge Mitglieder, Gönner, Interessenten um sofortige Aufgabe ihrer Adresse ersucht. Lchönlanke. 13. Nov. Zum Rabbiner in Schönlanke wurde anstelle des verstorbenen Rabbiners Dr. Bamberger Herr Rabbiner Dr. Harry Levy, Berlin, mit großer Mehrheit gewählt. Herr Rabbiner Dr. Harry Levy, einstiger Schüler des Berliner Rabbiner-Seminars, bekleidete einige Zeit das Rabbinat der Synagoge des Moabit-Hanfa-Bezirks. Gleiwih, 3. Nov. Am 3. November ist hier ein jübischer Kindergarten eröffnet worden, welchem sogleich 25 KiyHer zugeführt wurden. Die Anregung zu dieser vom ludifch-kulturellen Standpukte wichtigen Neueinrichtung ging vom Verein zur Förderung des Judentums aus, welcher in den vier Iahten seines Bestehens sich um das jüdische Leben in der Gemiende große Verdienste erworben hat. Der Kindergarten wird von einem Komitee verwaltet, welchem die Damen Wiener als Vorsitzende, Läufer als Kasienführerin, Salomon als Schriftfürerin vwie Frau Dr. Cohn-Efchelsbacher, Frau Lachmann, ssrau Rawak und Frau Grünpeter angehören. Sämtliche Komiteedamen sowie die Herren N. Bujakowski und Wolkowski haben feit Wochen ihr bestes Können in den Dienst der Sache gestellt und kein Opfer gescheut, um die Gründung zustandezubringen. Als Leiterin fungiert die geprüfte Kindergärtnerin, Frl. Gadtel aus Hindenburg, als Helferin Frl. Badrian. Der Eröffnung wohnte als Ehrengast Herr Rabbiner Dr. Ochs bei, welcher in beredten Worten die Bedeutung des jüdischen Kindergartens für die Gemeinde schilderte und darauf hinwies, daß ein jüdischer Kindergarten, außer der allgemeinen noch eine jüdische Aufgabe zu erfüllen habe. Nachdem die Kinder alsdann mit Schokolade bewirtet worden waren, schloß die Eröffnungsfeier um 10 Uhr vormittags. Möge der jüdische Kindergarten als ein weiterer wichtiger Schritt zur Verinnerlichung des jüdischen Lebens in Gleiwitz blühen und gedeihen! Delmenhorst, 6. Nov. Hier wurde der Bau einer neuen Synagoge beschlossen. Die jetzige Synagoge ist im Jahre 1838 errichtet worden. Seitdem hat sich die Anzahl der Gemeindemitglieder oerzeehnfacht, wodurch der Neubau eine dringende Notwendigkeit wurde. Durch günstigen Verkauf eines Grundstückes ist die Gemeinde in den Besitz eines erheblichen Teiles der Bausumme gelangt. Bafel, 16. Nov. In der letzten Zeit haben sich hier Entwicklungen vollzogen, die, wie man sie auch beurteilen möge, jedenfalls eine gewisse Beachtung auch außerhalb des lokalen Kreises verdienen. Fast gleichzeitig haben sich einerseits ein Teil der ostjüdischen Gemeindemitglieder, andererseits eine Gruppe ausgesprochen orthodorer Persönlichkeiten, die mit der Entwicklung des offiziellen Gemeindelebens nicht zufrieden sind, zur Errichtung neuer gottesdienstlicher Mittelpunkte zusammengefunden. Die O st j u d e n beschlossen den Bau eines eigenen Bethauses. Unter dem Namen Verein S ch o m r e Schabbos hat außerdem der erwähnte westjüdische orthodoxe Kreis für seine Zwecke ein Haus erworben und dort bereits einen regelmäßig an Wochentagen, wie am Sabbat statt findenden Gottesdienst eingerichtet. An der Spitze dieser neuen Gemeinschaft stehen die Herren Sally Guggenheim, Dr. Eugen Frankel . und Schwarz. Bafel, 16. Nov. Ein inhaltreiches Und fesselndes Referat über das Thema: „Altes und Neues aus dem Gebiete des Glaubens und Wissens" 27. November 1924 erstattete zur Eröffnung des Wintersemesters im Schwüre Thora-Jünglingsverein Herr Räbbißer Dr. Heinrich Eohn aus Berlin. Der Referent erörterte in gemeinverständlichen Darlegungen die Beziehungen zwischen Wissenschaft und überlieferter Emunoh und totes nach, wie sowohl bfe spezrsijch-naturwissettschaftlichen als auch die abstrakt philosophischen Einwürfe gegen die Lehren des biblischen und rabbinischen Judentums durch die wissenschaftliche Entwicklung der letzten Jahrzehnte oft in geradezu überraschender Weife in Nichts zerfallen sind. Freilich bedarf es, um zu dieser Erkenntnis zu gelangen, eines gründlichen und nicht oberflächlichen wissenschaftlichen Forschens. Reicher Beifall lohnte die lehrreichen Ausführungen. Der Präsident gab der Hoffnung Ausdruck, daß es dem Vater des Referenten, unserem allverehrten Herrn Rabbiner Dr. A. Cohn, recht bald wieder vergönnt sein möge, innerhalb des ihm besonders am Herzen gelegenen Schomre Thoravereins persönlich zu lehren und zu wirken. . Newyork, 20. Nov. Aus, Newyort berichtet die I. P. Z.: „Das orthodoxe Wochenblatt, „Das Jüdische Licht", bat nach zweijähriger Existenz das Erscheinen eingestellt. Das Blätt erschien in englischer und jüdischer Sprache und vertrat Misracht und Agudas Jisroel." (Das Eingehen dieses vorzüglich geleiteten und mutig für mw und niink kämpfenden Blattes ist höchlichst zu bedauern.) Briefkasten. Juda Ber Seidmann, Kolomyja. Das angefragte Buch erhalten Sie bei L. Sänger Verlag, Hier, Gnnimerstratze 18. . Jakob M. Ka. Betrag eingegangen. E» ist ausschlietzlich Sache der Leser, dte tm YnserateateU enthaltenen Tnipfehlnnaen ritueller Ware« oder sonstig« Angabe« religionrgesetztichen Charakter» ans ihre Zuverlässigkeit z« prüfe». Dnsere allseitig dEkannte 8pe2iLlitLt: Heveen-, Anabenm& starmizivok-Kleidung In streng 1 W D Verarbeitung CARSCH Liebfrauenstr. 8-10 Neue Kräme 27 PonncfcldfsTee Ji ab beeinflußt des Wohlbefinden ln günstigster Weise seskhkj. ^aisswe* KOHLEN« GASHERDE shahonäreu. transportable I KACHELOFEN j I rnihpatentRauchgasbrennung J 1 WASCHEREtMASCHIHEN j ÄM «»TS« Horstkötfor,KnodtX° Verantwortlich für den allgemeinen Teil und das Feuilleton K. S ch a ch n o wi tz; Inserate i. B.: S. S ch achn ow itz, sämtlich <n Frankfurt a. M; Pädagogische Beilage: 'Lehrer I. Spiro t» Fulda.' —| Verlag „Israelit", ©. m. v. Ä*. Frankfurt a. M. Druck: Hermon Verlags-Aktiengesellschaft, Frankfurt a. M.