Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 48 (27.11.1924)
- Date
- 1924-11-27
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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KT" Der Israelit Die Messiasbraut. Die Geschichte einer verlorenen Hoffnung. *7° Don S. Schachaowih. (Fortsetzung.) -25. 3n der alten Heimat. In Smyrna hatte sich inzwischen vieles geändert. Seine Eltren fand Sabbatai nicht mehr am Leben.' Sein Vater Mordechai starb zwischen Erwartung und Sorge. Ein süßes Bangen um den seltsamen Sohn, der die Welt in Spannung hielt und in Spaltung brachte, erfüllte zuletzt fein Herz. Seine ausgedehnten Agenturgeschäfte hatte Elia, Sabbatais älterer Bruder, übernommen, der jetzt sein einstiges ablehnendes Benehmen gegen Sabbatai tausendfach gutzumachen sich möchte und ihn mit Hilfe seiner unversiegbaren Beziehungen wie Geldquellen alle Wege ebnete.. Was der Münzenmeister Rafael Josef Chelebi in Kairo guthieh, durfte er, Elia Zwi in Smyrna, nicht für falsch ansehen und es stachelte seinen Ehrgeiz ungeheuerlich an, neben seinen anderen Ehrenämtern und Würden auch noch Messiasbruder zu fein. Auch Rabbi Josef Jskaffa, Sabbatais früherer Lehrer, war nicht mehr am Leben. Sein gedrücktes Wesen und die Wortkargheit, mit der er von dannen ging, zeigten, daß er sich nicht frei von Schuld und Selstanklage wußte. Freunde Sabbatais deuteten aber die gedrückte Stimmung Jskaffas in den letzten Jahren seines Lebens im umgekehrten Sinne und streuten aus, der Rabbi hätte fein Auftreten gegen Sabbatai schwer bereut und den Bann kurz vor seinem Tode zurückgenommen. Josef Jskaffas Amt als erster Rabbi und Vorsitzender des Besdin in Smyrna hatte jetzt Rabbi Aron Lapapa inne, dem Rabbi Chajim B e n e w e n i st i zur Seite stand.. Zum Rabbinatskollegium gehörte auch der frühere Jugendfreund Sabbatais, Rabbi Mose P i n h e i r o. Die weltlichen Geschäfte der Gemeinde Smyrna leitete an der Spitze eines Kollegiums der allverehrte Chajim Penja. So fand Sabbatai Zewi seine Vaterstadt Smyrna nach zwanzig bewegten Jahren der Meffiaswanderung wieder. Rabbi Aron Lapapa sowohl wie Benewenisti begegneten Sabbatai mit allem Vorbehalte und größtem Mißtrauen. Mose Pinheiro, inzwischen fast gealtert, schwieg, um nicht Erinnerungen an sein eigenes früheres Verhalten wachzurufen. Indes war vom früheren Banne nicht mehr viel übrig. Die Berichte, die in all den Jahren aus aller Welt nach Smyrna kamen, machten es stolz auf seinen großen Sohn. Es fiel ein Glanz von ihm auch auf die Stadt. Hieß er doch überall „Der Messias von Smyrna". Und der Empfang, den ihm jetzt die ^Heimat bereitete, war denn auch danach. Trotzdem war Sabbatai nicht ganz zufrieden mit sich. Etwas störte feine Sicherheit. Hier in* Angesichte der Gräber seiner Eltern und Lehrer; der Synagogen und Lehrhäuser, in denen er HnüftKindheit und einen Test seiner Jugend vertDüsttt hatte/war eS ihm,, als würden sich/bei «Ütr Hm gebrachten HüldtHüng, Begeisterung des . Volkes, taufend Finger warnend und drohend gegen ihn erheben . . . Er hatte sich schon ohnedies in letzterer Zeit, je lauter es um ihn ward, immer mehr in sich zurückgezogen, er ließ die anderen, vornehmlich Jachini, Primo und Nathan von Gaza aus für sich arbeiten. Hier war es ihm bei aller Größe vollends enge zumute. Eine ganze Nacht hindurch war er psalmbetend und ehrliche Tränen weinend durchs lange Zimmer in tiefer Einsamkeit und Versonnenheit auf und ab geschritten, und in den Nebengemächern lauschten sie mit gespitzten Ohren und pochenden Hetzen auf jeden Schritt, jeden Laut, jeden Seufzer. Er aber war allein, auch seelisch allein und hielt, was er früher nie tat, Gericht mit sich. Das väterliche Haus, vergrößert und verschönt, hatte noch das Gemach hinter dem grünen Vorhang und das Bett, von dem aus er damals schauernd. den dunklen Lehren und Weissagungen Nathans lauschte, und zwei Häuser weiter stand das Haus, in dem er zu Füßen Jskaffas faß, in die „höheren Sphären" versetzt und in die Welt der „Gilgulim", da sich die „Klipoth" von den „Nizozoth" lösen und die Bahn vorbereiten für den höheren Menschen, der mit feinem Volke die Welt erlöst . . . War er dieser Obermensch, der Erlöser? Er glaubte an sich, als er draußen im Walde Hochzeit feierte mit dem „Ensof", indes im Brautgemache eine Jungfrau aus Fleisch und Blut vergebens um ihn weinte. Der Glaube wurde zum felsenfesten Durchdrungensein von seiner Mission, als da Plötzlich, wie aus dem Boden gewachsen, der Weltenwanderer Abraham Jachini auf der Bildfläche erschien mit der alten wundersamen Urkunde. Als genügte dieses noch nicht, kam das Zeichen vom Himimelmit der Mesiiasbraut . . . Jerusalem wollte ein Wunder haben, und auch dieses kam . . . Hier hielt Sabbatai in seinen Gedanken inne. Wie einen dunklen Schatten zauberte das Wort Jerusalem in seine Seele, das gespenstisch alles Licht darin verschleierte. ' Er hatte in Kairo von den Dingen in Jerusalem gesprochen wie aus einem inneren Gesichte heraus, und er war doch durch Nathan und Jachini gut eingeweiht . . . Und es war doch keineswegs Zufall, daß er just zur rechten letzten Stunde in Jerusalem eintraf, es war alles bestens vorbereitet . . . Und das Wunder beim Pascha?! ... Er mochte nicht daran denken... Und was konnte er schließlich dafür? Das Volk wollte seine Wunder haben und holte es sich selbst, er hatte kaum was dazu getan . . . Gleichwohl wußte er, daß von dem Momente ab seine stille Zurückgezogenheit, seine Versunkenheit herrührte^ Die innere Kraft hatte, ihn verlassen, der Glaube an sich war erschüttert und er ließ von diesem Momente ab, stiller und mehr in sich gekehrt, die anderen gewähren ... Aber konnte er was dafür, daß diese seine Zurückgezogenheit ihm noch mehr Nimbus verlieh, seinen Ruhm noch vermehrte und vergrößerte? War nicht dieser wachsende Anhang schon für sich ein Wunder? Das Volk glaubte an ihn, ließ nicht von ihm. Durfte e r an sich verzweifeln? ... Gehörte er überhaupt noch sich selbst? . . . Er hörte kaum, wie die Türe leise aufging. Vor ihm stand Jachini, er wußte nicht, wie er ins Zimmer gekommen war. „Sabbatai, die Stunde drängt, das Volk will Taten sehen, es muß was geschehen." Sabbatai hielt im Gehen inne und sah Jachini lange und verständnislos an. Dieser mußte seine Worte wiederholen. „Taten. Sabbatai, Taten, es muh was geschehen!" „Was soll geschehen?" fragte1 Sabbatai Hetstreüt. - ' „Morgen abend ist Rosch haschona. Das Jahr 5426, das Jahr der Erlösung, bricht an, es muß das erlösende Wort gesprochen werden, wenn das Volk nicht ungeduldig werden soll. Der Messias muß sich in aller Form verkünden...." „Wie soll das geschehen?" „In der großen Synagoge, mit Gebet und Widderhorn. Es ist alles bestens vorbereitet, die Gebete verfaßt, die „Tikkunim" vervielfältigt..." „Es wird Kampf geben," sagte Sabbatai unsicher. „Den gewinnen wir. Das Volk ist auf unserer Seite. Hier und überall. Die Briefe unserer Boten aus Amsterdam, aus Deutschland wie Polen sind eine Sicherheit, eine Erwartung. In Jerusalem, richtiger in Gaza, arbeitet Nathan für uns. Man wartet zitternd auf das erlösende Wort . . Deine Nächsten sind zu allem bereit ..." Sabbatai durchmaß wie in einem letzten Anlauf mit großen Schritten das Zimmer, blieb dann hart vor Jachini stehen und sah ihm scharf ins Auge. „Jachini, sind meine Nächsten, von denen Du sprichst, ganz bei mir und mit mir?" Jachini trat einen Schritt zurück. „Daran zu zweifeln, wäre Undank. Samuel Primo glaubt an Dich, Sabbatai, und hängt an Dir wie alle mit den Augen der glühenden Sehnsucht." „Und Du selbst?" „Ich glaube an Dich, solange Du selbst an Dich glaubst, Sabbatai-" Sabbatai nahm wieder Jachini scharf ins Auge. „Jachini, wir stehen vor der letzten Entscheidung, nach der Du selber drängst. Willst Du mir nicht mehr verraten vom Geheimnis der mir überbrachten Urkunde aus der Höhle Rabbi Schimeons? Jachini, wir stehen hier Mann gegen Mann, Auge im Auge. Hast Du die Stimme wirklich v e r n o m m e n, ist die Schrift echt?" „Die Schrift hat Dich stark erhalten und Dir Kraft gegeben, Wunder zu vollbringen/' .antwortete Jachini ausweichend. „Und wenn ich die Kraft nicht mehr hätte? ..." „Dann, dann" Jachini zögerte ein wenig, „dann tritt ein Anderer an Deiner Stelle, der die Kraft hat . . . Die Sache ist bereits stärker wie Du, ist über den Mann hinausgewachsen..." Da Sabbatai schwieg, fügte Jachini wie ergänzend hinzu: „Der Stein ist im Rollen und kann nicht mehr aufgehalten werden ... Das Maß ist bis zum Ueberlaufen voll, alle Sehnsüchte, Hoffnungen und Erwartungen sind erwacht und bis zum Brechen gespannt; bist Du jetzt schwach, Sabbatai, dann kommt ein anderer, ein Starker . . ." Sabbatai antwortete nicht, sondern lief in innerem Ringen im Zimmer auf und ab. Jachini sprach weiter: „Schon macht einer von sich reden. Nehemja Hakohen nennt er sich. Soll aus Holland stammen, bereiste Deutschland, Ungarn und Galizien und ist auf dem Wege nach der Türkei.. Er gibt sich als Erlöser aus und findet Glauben . . . Die Stunde drängt, Sabbatai, wenn nicht ein Anderer, ein Unberufener, die Frucht unserer Arbeit genießen soll!" „Die Stunde drängt," wiederholte Sabbatai mechanisch. „Morgen soll dieses Zeichen sein!" schloß er das Gespräch mit einem hebräischen Gebetzitate. (Fortsetzung folgt.) o-nf *