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Der Israelit · 1924-11-20 · Heft 47 (20.11.1924) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
65 (1924)
Issue
Heft 47 (20.11.1924)
Date
1924-11-20
Page
– (sequence 9)
Language
German
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cfje^X^art lllcrans Breuers Elijahu. Von Dr. Joseph Larlebach in Hamburg. Mit Recht ist dieses Buch, das eine Deutung vom Wesen des Judentums gibt, an dieser Stelle bereits als bedeutende Erscheinung in der jüdischen Welt begrüßt worden. Es greift an die letzten entscheidenden Probleme des Lebens. Mit einem außerordentlich glücklichen Wurf verbindet es schlichte Kinderunterhaltung mit weltphilosophischer Betrachtung. Es findet und erspürt im Kleinsten das Große, es entlarvt das Große als das Kleine und Kleinste. Es regt im tiefsten unsere Seele auf und läßt uns doch immer in innigster Verbindung mit der kleinen Welt, in die wir Hmeingehören, und die uns fälschlich immer als zu klein erscheint. Dies Buch gibt neue Maßstäbe, es lehrt neu, anders werten. Cs ist im besten Sinne eine „Gelegenheits-Dichtung", ist aus dem intimsten Weben und Sein des Verfassers heraus geboren. Das furchtbare Erlebnis, ein kaum zum Leben erwachtes Kind wieder dieser Erde und dem Kreise der Seinen entrissen zu sehen, führt den Vater zu tiefster Selbstbesinnung, zum wehmütig ernsten Nachdenken über seine Stellung zu W e i b und Kind. Aus den Erschütterungen dieser von Elternfreude und Todesnot erfüllten Stunde sucht er nicht durch eine Flucht in die Berufstätigkeit, durch Ablenkung der Seele nach Kräften sich zu entschlagen, er gibt sich ihrer herben Wirkung ganz hin, bis ihm die Tränen des Leids zum Segen, zu neuer Offenbarung geworden sind. Elijahu sollte das Kind heißen, und' dieser Marne des Friedensbringers zwischen Eltern und Kindern läßt die große Entdeckung reifen: Sinn und Inhalt menschlichen und jüdischen Seins ist die Familie; Kindsein, Gattesein, Brudersein, Vatersein und Stammvaterfein, das sind des Lebens schlichteste und höchste Aufgaben, das sind die natürlichen Standorte für die seelische Selbstentfaltung, das sind die erschöpfenden Kategorien seiner sittlichen Verpflichtungen. Die Vereinsamung des Ich im Individualismus, seine Ertötung und Versklavung im Politizismus des modernen Lebens sind im Gegensatz dazu Verirrungen, die uns vom Mutterboden des natürlichen Glücks und Wachstums (vom „Geschöpflichen") losgerissen und daher auch religiös entwurzelt, gottfremd gemacht haben. Und diese Entdeckung erweitert sich dem forschenden Sinne zu einer geschichtsphilosophischen Betrachtung der Gesamtentwicklung der Welt und? Israels. Entartet sei die Menschheit, weil der Mann das Weib, die Familie verließ, und in Selbstsucht und Ruhmgier eine andere Organisation des Menschengeschlechtes suchte. Da ward Abraham zur großen Gottesrevolution berufen, Hur SMung des Gottesvolkes als HaupbeiMr F a M l i e, als Bejaher des natürlichem Standpunktes schlichten Menschentums. Diese Grundlegung des Judentums in der Familie erklärt feine Geschichte, sein Gesetz, sein Verhältnis zu Gott und Welt. Bei aller Fortentwicklung der Generationen, aller Mannigfaltigkeit der Lebensprozesse, aller Vielgestaltigkeit der Lebensaufgaben wird diese Basis der Familie nie verlassen, im Gegenteil, das Volk Israel ist nur ein erweiterter Familienkreis, fein Land nur ein Komplex von Familienbesitztümern und sein Heiligtum ein „Familienhaus". Dieser Aufbau ist ein innerlich so unbedingter, daß er die Schicksalsfrage Israels wurde; als es als Volk diese Form seiner Konstitution verlassen wollte, mußte es national zerstört, territorial entwurzelt werden, damit nichts bleibe als nur die jüdische Einzelfamilie, als neuer Baustein der Zukunft. Gewissermaßen zum a b r a h a - mitischen Urzustand ward das jüdische Volk durch das Golus zurückgeführt, und nur die Golusgemeinde mit ihrer Synagoge ist ein verkleinertes Nachbild der Volksfamilie, der hoffnungsvolle Rest des einstigen Jakobshauses, in dem die Einzelfamilie ihre Enge sprengte und alle Glieder ihre Eigenart als GottesgeschÜpfe nach ihrem natürlichen Sein und ihrem sittlichen Sollen ausleben können. Wie alles Organische aus der Zelle sich baut und in seinen höchsten Formen nur eine Zellenordnung bleibt, so ist alle wahre Kultur der Menschheit an diese Zellform der Familie unauflöslich gebunden und darf diesen Familienzellverband nie aufgeben. Die Zerreißung der Zelle hat die Atomisierung und endliche Auflösung zur unabweislichen Folge. Das innere Leben aber der Zelle wie ihres Verbandes ist geregelt in der Thora: sie gibt ihr das Lebensgesetz: das Gottesrecht, sie befähigt sie zur köstlichen Fruchtbildung: der Gottesliebe. Recht und Liebe sind die erschöpfenden Inhalte eines Lebens als Gottesgeschöpf, eines im Sinne der Religion „natürlichen" Daseins. Wie diese beiden sich durchdringen, das Recht die Liebe zeugt, diese das Recht ergänzt, mildert, versöhnt, wie das Recht das Sein erhält, die Liebe es stets neu gebiert das erstere der Regler, die letztere der Schöpfer des. Familienzusammenhangs ist, gibt stets neue fruchtbare Gesichtspunkte, aus denen das jüdische Lebensganze durchleuchtet und verstanden wird. Das ist der großartige Gedankengang des Buches. Die Form bleibt dem Ausgang der Betrachtung treu: wie dort aus dem traurigen Erlebnis der Grundgedanke geboren wird, so führt uns im Beginn jedes der sieben Kapitel der Verfasser in das Familienleben: aus Gesprächen mit seinen Kleinen, aus der Stimmungswelt dieser Kinderstube erwachsen die Gedanken und spinnen den Faden der begonnenen Untersuchung fort. Von der Schilderung dieser Kinderstube, vom Sabbat And Tischobeaw, von unterhaltsamer Illustrierung talmudischer Rechtsfälle wie von der Erzählung biblischer Geschichten gehn die fünf mittleren Kapitel aus; das letzte: „es Mar einmal" endlich von der sehnsuchtsvollen Rückerinnerung an Jeruscholajims Herrlichkeit. Die Kapitel stehen nicht alle auf gleicher Höhe; vor allem nicht in der Form. Am schönsten ist das erste, weich, stimmungsvoll, einfach. Auch das letzte findet wieder Worte des Herzens. Aber in der Zwischenpartie wird die Sprache oft geschraubt; künstliche Wortbildungen, in ewiger Wiederholung ermüdend, gehen stelzenhaft vor dem Leser einher. Bald wird grundlos der Stil der 19 Briefe nachgeahmt: Leben, also gelebt: Glück der Kinder übers tausendste Geschlecht läßt Gott daraus erblühn (S. 63); bald sind die Bilder unausgeglichen, gewagt: „Der menschheitliche Bruderbegriff schlottert um die Schultern der Abrahamsfamilie" (S. 91) „aus dem Sehnen der liebenden Einsamen bricht lavagleich ein Revolutiönchen" (S. 85). Auch die Unterhaltungen mit den Kindern finden nicht unsren ungeteilten Beifall. Eine spezifisch Frankfurter Atmosphäre und störender Familienstolz tönt aus ihnen entgegen: der Sabbat kommt nur zu braven Menschen; der Vater geht ins Beth Hamidrasch, damit alle Leute so gut wie er werden; für eine gute Antwort soll das Kind den Ehower erhalten; wenn das Schaufor des Moschiach Rschalll, wird Großvater die Tekiaus vorsagen u. a. m. Da hätte der Verfasser sich sagen müssen, daß er doch kein Buch für seine Familie und guten Freunde schreibt, sondern es der Öffentlichkeit übergibt und darauf hätte er alles abstimmen müssen. (Siehe auch S. 140 plötzlich ein Zitat aus Hirsch als „eures Urgroßvaters": ferner solche Wendung wie „Abraham ist ausgetreten".) Auch sachlich haben wir einige Ausstellungen zu machen. Daß Abraham für die Väter und Familien in Sodom betete, ist durch nichts erwiesen und wohl auch unrichtig: der Verfasser ist dabei von seinem System verleitet worden. Der Sabbatgedanke scheint uns willkürlich behandelt: weder hat für uns ein Satz einen Sinn: in der Natur ist Sabbat, noch können uns Milah und Sabbat als identische Symbole und Institutionen erscheinen. Jedenfalls wird der Sabbatbegriff unvollständig, wenn er nur ein Ausdruck der „Vollendung" ist. Endlich erscheint es uns fraglich, ob der Ehofchen Mischpot ohne weiteres für alle Völker und die Gesamtmenschheit dienen soll und kann, ob er mit vielen Einrichtungen, die unsre Großen als •]V»n rrnra kennzeichnen, von denen übernommen werden darf, denen Gott nur die Pflicht: Dinim zu schaffen, gemäß dem achten noachidischen Gebote auferlegt hat. Auch die Behauptung, das jüdische Recht sei lückenhaft, ist u. E. nicht statthaft. Aber diese Ausstellungen vermögen den Gesamteindruck des Buches nicht zu verwischen. Es ist eine echte, wertvolle Leistung, die den Tag überdauern wird. Es ließe sich, wenn der Verfasser bei einer Neuauflage mehr Selbstzucht im Gedanken an den Leser übt, ein Buch daraus

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