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Der Israelit · 1924-11-13 · Heft 46 (13.11.1924) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
65 (1924)
Issue
Heft 46 (13.11.1924)
Date
1924-11-13
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Scite 12?lr. 46 »er Israelit 13. November 1924 „Was wäre da zuviel, wenn es wahr sei, daß Dutzend gähnender Beter, die Jahrzeit oder sonstiger Sabbatai den.Gottesnamen voll ausspricht und S-mM-n-nlaß zum Knddiich oder 5um „Slufgebot" in d°ß m seinem Bethause Männer uK Frauen sich die Hand zum Tanze reichen? . . .! Matrikelverordnungen in spaniolischer Sprache an den „Man sollte erst Primo hören," schlug Rabbi sauber gemalten Wänden des Vorraumes, die die abso- Amigo vor r'°^ *.~s „Samuel Primo hat sich Sabbatai mit Herz und Seele verschworen, er kann weder für noch wider ihn zeugen," sagte Chages. „Sabbatai muß," nahm Jakob Zemach das Wort, „raschestns aus der Stadt, wenn nicht das Uebel, die ganze Gemeinde gefährdend, um lute Unabhängigkeit und staatlich konzessionierte Selbständigkeit der Gemeinde stolz dartun. Man kann auch in Schönheit sterben, wenn die Seele aus Mangel an Nahrung und Pflege verdorrt und .trh mmert. Eine Spezialität Wiens bilden die unzähligen kleinen Synagogen, von denen jedes Viertel ein paar, und jede Straße mindestens eine hat. Ein gut Teil dieser sich areifen soll Ich überleate schon ob man kleinen Schulen bezieht bel der mehr oder minder sor- S Ä' 9f»nl!! 1 mellen Abhängigkeit von der Kultusgemeinde seine seemcht des Kadr Auge auf fern aufrührerisches wische Kraft aus dem Wurzelwerk der Schiffschul. Fast Treiben lenken sollte. Es ist doch auch Gefahr jede dieser Synagogen hat ihren eigenen Rabbiner, den für die ganze Gemeinde Israels in diesem man daran erkennt und von den anderen unterscheidet, Treiben Sabbatais und wir sollten uns schützen, daß °r ->l- «inriz«'■«“! bcnor ©omoti Jlkohim uns alle als Verräter --"pfted-ckung als Requisit eines Festgottesdienstes in und Rebellen erklärt und neuen Anlaß hat, uns Wien noch nicht eingeführt). Manche tüchtige Kraft auszupressen und mit Tod und Folter zu be-! wirkt hier im Stillen und verbreitet Segen über den droben " engen Kreis hinaus. Ich kenne einen solchen Rabbiner, Jakob Chages konnte sich für diesen Vorschlag ^s-ine rabblnisch-Mg,°it^inaus bi°,Kl°inig. mcht erwärmen. «Schulen mit ansehnlichem Lehrerapparat und großer „Solange unsere eigenen Abwehrmittel Schülerzahl zu leiten und sie ökonomisch wie geistig auf nicht allerschöft sind,"sagte er, „muß der auf Ä °ll° Fälle und sür alle Teile gefährliche Weg zum KMg "n S^«ln?g k°hr? bfefÄnntnÜÄinfJ Kadi vermieden werden. Wir haben noch als hervor, daß die Außenstehenden von dieser seiner Würde gar nichts" wissen. " Ich erkannte den „Rabbiner" erst am Sabbatzylinder. . . In den großen vornehmen Tempeln der Kultusgemeinde herrscht außer an den hohen Feiertagen, wie mir letzte Waffe den B a n n s p r u ch." „Wenn wir noch länger schweigend zuwarten, wird auch der „große Bann" seine Kraft und Wirkung verlieren. Wennnicht jetzt schon #“S In der spät ist... , gab Jakob Zemach fernen Bedenken Seitenstättengasse wirkt an historischer Stelle der Mann Ausdruck. als geistiges Oberhaupt der Kultusgemeinde, der wohl „Man strast nicht ahne vargehende Derwarnung", zitierte Amigo aus dem Talmud und ..Eroberung der Gemeinden" verkörpert und dessen Gebaren oft genug in den Kreisen der Schiffschul den Wunsch erweckt, auch noch die letzten Fesseln, die sie an die Kultusgemeinde binden, abzuwerfen und ihre volle Ellenbogenfreiheit zu gewinnen. Eine Wandlung, an der der Historiker nicht achtlos Vorbeigehen kann, bedeutet dieser Oberrabbiner immerhin, der von der Stätte aus, die einen Jellinek als Propheten der reinsten Assimilation, der absoluten Negation des jüdischen Volkstums gesehen, das jüdischeVolkstum mit fchärffter Entschiedenheit in der positivsten Form . verkündet. Leider kommt für uns bei diesem Posttivismus, der das Nationale über alles stellt, und in dem Thoraverlangen, an erster Stelle zu stehen, eine „übersteigerte Forderung des jüdischen Klerikalismus" sieht, nicht viel heraus. Dabei soll der Mann, wie Eingeweihte versichern, nichts vom Pathos eines Mannheimer haben, keine Spur von der strahlenden Dialektik eines Jellinek, auch wenig von der aus Wissenstiefen schöpfenden Art Güdemanns. Er spricht Leitartikel, wohl durchdacht, schön gesetzt, klar berechnet und scharf pointiert, aber es sind Leitartikel, Produkte des reinen Intellektes. Und von Zeit zu Zeit gibt es auf der Kanzel eine Sensation, über die die einen jubeln, bie anderen sich ärgern, von der aber tout Wien spricht — bis zur nächsten Kanzelsensation. Es muß aber gerechterweise festgestellt werden, daß Wiener Synagogen. die Schwierigkeiten, die der Schissschul in wichtigen Am Sabbat nach Jom Krppur ist m Wien für den Fragen zuweilen in den Weg gelegt werden, keineswegs .uden, der jüdisches Leben sucht, nicht viel zu sehen, vom Oberrabbiner ausgehen, mit dem sich in religiösen Sämtliche Oberkantoren sind heiser oder ruhen auf ihren Dingen sehr wohl verhandeln läßt. Sie gehen von einer Jomkippur-Lorbeeren. In allen Synagogen beten Kananderen Seite in Wien II aus, von einer großen Synatoren zweiten Grades vor, verärgert, verdrossen, im goge und einem bekannten polnischen Rabbiner, von Gefühle absoluten Verkanntsems, unverdienter Dedenen wir in diesem Zusammenhänge nicht weiter klassierung ... sprechen wollen. Es könnte dies das Maß des Unerfreu- Manche drehen den Spieß um und wollen zeigen, lichen, das zur Not einem Feuilleton beigemischt werden was f i e können. Das macht die Situation noch darf, weit überschreiten . . . schlimmer... Das jüdisch politische Leben. schlug vor, Sabbatai mitsamt Samuel Primo und Nathan aus Gaza vor das Vesdin zu laden, daß sie über ihr Tun und Treiben Aufklärung und Rechenschaft gäben. Dem Vorschlag stimmten alle zu, und noch am gleichen Tage wurde Sabbatai und seinem Anhang die Vorladung durch den Gemeindediener übersandt. Die Antwort langte auch ungesäumt ein: „Sabbatai Zewi fordert die Männer auf, die sich erkühnt haben, unwürdige Sprache gegen ihn zu führen, vor seinem Tribunal zu erscheinen und'sich zu rechtfertigen ..." (Fortsetzung folgt.) Heilige Tage in Wien. 3. In der großen „Polnischen Schul", ein verwöhntes Lieblingskind der Kultusgemeinde und von ihr als Zentrum des gesetzestreuen Elementes östlicher Obser- Das türlich vanz gedacht und gegen die Schiffschul ausgespielt, sieht! in {jer es, wie wohl gut gefüllt, etwas öde aus im Vergleiche ~ Zum sonstigen oft geradezu lebensgefährlichen Andrang, der in erster Reihe ihrem Caruso-Chasan und seinem Meschorarimchoregilt, von dem man sich Wunder erzählt. Heute steht ein einfacher Baal Tefiloh aus der Gemeinde am Omud, der fang- und klanglos nur betet, darum sind auch nur die Beter da . . . Immerhin eine stattliche Anzahl. Im sogenannten Türkentempel in der Zirkusgasse, in den ich noch gegen Schluß einen Blick werfe, brennen viele Kerzen und gähnen wenige Beter, die, einschließlich des Chacham, Vorbeters und zweier Synagogendiener mit rotem Fes aus dem Kopse, der im Halbdunkel so aussieht wie ein -umgekehrter Blumentopf aus Ton, wohl die nötige Minjanzahl ergeben. Doch wird mir versichert, daß am Jomkippur der Tempel ganz angefüllt war und am kommenden Simchastorah-Abend sich die Menschen schon Stunden vor Beginn anstellen würden, um den Pomp,den Lichterglanz und die ganze Grandezza der spaniolischen Granden zu bewundern. Jomkippur und Simchas Thora, und dazwischen, d. h. in der, Zwischenzeit von Simchasthora bis Jomkippur, nichts . . . Brennende Lichter, dunkelrote auf den Kopf gestellte Tontöpfe und ein halbes jüdische politische Leben schlägt nain dieser Riesengemende hohe Wellen. Daß Urheimat des politischen Zionismus, in der Stadt Herzls, der Zionismus in all seinen Schattierungen, von Misrachi bis Paole Zion an der Oberfläche schwimmt, ist selbstverständlich. Die Jugend wird durch das bewährte Mittel von Sport und Spiel gelockt und vielfach gewonnen. Eine zionistische Tageszeitung lebt zu einem Teile vom Kampfe gegen eine hie Aguda und zum anderen Dom Kampfe der Juden als „nationaler Gemeinschaft" gegen die Völkischen auf der feindlichen Seite. Der Zionismus schreibt, redet, tobt, tanzt und turnt. Indes hat die Aguda zwei große jüdische Schulen in ihre Regie übernommen und sie wie eine verwunschene arme Seele aus dem Zauberbann des neologen Radikalismus befreit , Vereinslokale und Thoraheime gegründet, in denen man allsabbatlich viele Hunderte ältere und jüngere Leute beim Lernen und bei Vorträgen versammelt sieht, ein Chaluzrmheim ins Leben gerufen, in dem etwa fünfzig jüdische Auswanderer auf ihrer Durchreise sür Wochen und Monate ein Asyl finden. Manch schönes Unternehmen konnte infolge der schweren Krisis, die auf Wien schwerer als auf irgendeiner Stadt lastet, nicht weiter gebracht werden und mußte in den ersten Ansätzen stecken bleiben. Das gilt leider auch vom besagten Chaluzimheime. Was den Kampf gegen die Assimilation betrifft, so ist es eine ganz moderne Schlacht, die die Wiener Thoratreuen zu fuhren haben, eine Front gegen einen unsichtbaren Feind. Es ist das Eigentümliche an der Wiener Neologie, daß man sie nicht sieht noch hört und ihr Gift in allen Teilen und Poren des Gemeindeorganismus dennoch verspürt. Ich weiß nicht, ob in irgend einer Wiener Synagoge eine Orgel spielt oder ein gemischter Chor singt. Und dennoch werden Hunderte, vielleicht Tausende jährlich still und stumm aus dem Judentum hinausgeorgelt. Wien ist neben Budapest die klassische Stadt der Judentaufen und Mischehen. Von der Viertelmillion jüdischer Seelen, die, tiefgegriffen, Wien heute bevölkern, stehen gut Hunderttausend an der Außentüre des jüdischen Hauses. Ohne Haß, ohne Kampf, ohne Impuls; aus reinster Indolenz bleibt man oder man geht hinüber... Cs bedarf der Orgel, der gemischten Chöre und der anderen Kunstgriffe der Reform nicht mehr, da wo Arbeiten und Versäumnisse von einem Menschenalter und mehr einen Seelenzustand herausgebildet haben, dem die Orgel als überfrommes Getue schon längst als überwunden erscheinen muß . . . Das Schulwerk der Gemeinde und ihr ganzer Zuschnitt haben reichlich nach der Richtung der Türe gearbeitet. . . Einst gab es in Wien, wie anderswo, Kämpfe. Nachahmungsleidenschaft sprach mit Orgelpfeifen und sang und schrie und lockte. Nun aber bedarf es all dieser Hilfsmittel nicht mehr. Ohne Haß und ohne Liebe, ohne Kampf und ohne Leidenschaft steht die Neologie in zweiter und dritter Generation an oer Schwelle und wartet nicht auf das Epiludium der Orgel, um hinauszuschreiten . . . Gelingt es den Gesetzestreuen, durch eifrige positive Arbeit Einfluß in der Kultusgemeinde zu erlangen, so wird die Arbeit von unten heraus einsetzen müssen, an der Schule. Wiener Juden. Ich habe in Wien alles gesehen, nur keine i e n e r. Von drei Juden, die ich sprach, war sicherlich einer aus Polen ... die anderen zwei stammten aus Ungarn und Galizien. Den ersten echten jüdischen Vollblutwiener traf ich im Nachtzug, der mich vom Sabbat zu Sonntag nach der Heimat fuhr. Ein sympathischer Mann von Welt und Wissen mit dem schönen Herzlbarte und den dunklen Augen des typischen Wieners, liebenswürdig und zuvorkommend. Wir hatten uns bald angefreundet. Mein Begleiter staunte über mich, daß ich soviel bange Sorge bekundete, noch rechtzeitig vor Anbruch des Festes die Heimat zu erreichen. Er meinte, nachdem der „lange Tag" vorbei sei, könne doch alles andere nicht mehr so schlimm fein ... Er hatte andere weitere Ziele, fahre Sonntag mittag noch weiter nach Köln und von dort mit dem Nachtzug nach Rotterdam, wo er dringende Geschäfte hatte. Ich suchte ihm klar zu machen, daß der „lange Tag" gar nicht lang genug gestreckt werden kann, daß er eigentlich nur Höhepunkt des religiösen Lebens eines ganzen Jahreszyklus sei, zu dem das Sukkothfest sicherlich auch gehöre. Er blieb höflich, freundlich. Kein spöttischer Zug zuckte auf seinen Lippen, aber auch keine Spur von Verständnis. In der Nähe von Frankfurt lud ich ihn ein, mit mir auszusteigen und Gast meiner bescheidenen. Hütte zu sein. Er lächelte charmant. Das Wort „Sukköh" gefiel ihm. Er hat einmal etwas davon gehört, es ist schon so lang her, im Religionsunterricht. Daß es heute noch so etwas gäbe! ... Im übrigen müsse er für seine Person verbindlichst danken. Cr müsie weiter, dringende Geschäfte in Rotterdam . . . „Sie reisen wohl viel?" fragte ich. „Gewiß, bin fast immer auf Reisen, nach Holland, nach England, nach Frankreich. War auch schon in Amerika und in Brasilien." „Dann",- sagte ich, „sollten Sie doch gelegentlich auch eine kleine Reise nicht scheuen, die Reise von ihrer Wohnung in Schönbrunn über den Donaukanal nach i e n II. Sie werden dort so manches finden, was Sie in Paris, in London und Rio de Janeiro nicht gesehen, auch nicht gesucht haben, vielleicht entdecken Sie da gar die sonnige Heimat der Kindheit, zumindest die der Väter und Urväter..." Natürlich vefttand er mich wieder nicht, und es war nur Wiener Artigkeit von ihm, daß er mir die Hand drückte und für den guten Rat und die angenehme Unterhaltung dankte. Als ich zwei Stunden später in der geschmückten kleinen Hütte des Festes im Kreise der vor Freude mit den Lichtern und Blumen der Sukkoh strahlenden Kinder den Becher in die Höhe hob und den Segenssppuch anstimmte, mischte sich plötzlich etwas wie Trauer und Mitleid in mein frohes Festgebet. Mitleid mit einem Menschen, einem Bruder, der zur gleichen Nachtstunde irst kalten Zug nach Köln saß, um heute nacht noch in Geschäften weiter nach Rotterdam zu fahren... —tz. Beranlworliich für den allgemeinen Teii und das Feuilleton ----— >tuuju. — sokviuh , vw. tu, u. aji, Frankfurt a. Druck: Sermon Verlags-Aktiengesellschaft, Frankfurt a. M. H,

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