Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 46 (13.11.1924)
- Date
- 1924-11-13
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2450286-2450330--71682-2528998- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Iw. 46 1924 Die Messiasbraut. Die Geschichte einer verlorenen Hoffnung. Von S. Schachnowitz. (Fortsetzung.) Vom Minaret der Omarmoschee kam der dünne, schrille Klang eines Glöckleins. Der Scheich hielt im Reden ein, breitete einen Teppich aus, berührte mit dem Daumen Herz und Stirn und fiel zu Boden, alle taten ihm gleich und lagen in Gebet versunken zu Boden. Auch die Juden murmelten leise einige Gebete. Die drei Glockenklänge vom Minaret kündigten die Abenddämmerung an. Wenn der Zeiger an der Sonnenuhr um dreißig Punkte weiter gerückt ist und vier Glockenklänge drinnen im Palaste des Pascha zum Nachtgebete rufen, dann wird es vorbei sein . . . Als sich aber die Araber erhoben und die Juden die Augen auftaten, stand der Mann auf dem Esel vor ihnen, der Wagen mit der Frau und den zwei Männern dicht hinter ihm. In einem der beiden Männer, die jetzt dem Wagen entstiegen, erkannten alle Nathan aus Gaza. Auch Jachini wurde von einigen erkannt. Den Mann mit den Feueraugen im barlumrahmten schönen Gesichte hatte bis jetzt keiner gesehen, aber alle wußten, er war es . . . Die Beduinen neigten sich zu Boden vor chm. Einer hob ihn dienstfertig vom Esel. Die Rabbis kamen mit offenen Armen auf ihn zu. „Schalom, Bote -des Herrn! Die Gefahr ist groß . . .!" Sabbatai erwiderte kurz den Schalomgruß uyd sagte aus hebräisch mit einem Satze der Schrift: „Bleibet stehen und harret der Hilfe des Herrn . . .!" Damit schritt er geradeaus in das Säulenhaus, Hne den Wanderstaub von den Füßen abzuschütteln. Jachini zog, die Hände behutsam um den Gürtel geschmiegt, hinter dem sich ein Gegenstand verbarg, hinter ihm her. Vom Minaret ließ das Möcklein vier Schläge ertönen und ein Derwisch rief singend zum Nachtgebete . . . Nathan und Samuel Primo, die sich begrüßt hatten, als wären sie erst gestern voneinander geschieden, folgten dem Wagen Sarahs, der in die enge Gaffe einbog und auf Weisung Primos den Weg nach dessen Haus in der Davidstadt unweit der Tempelmauer nahm. Die Menschen vor dem Hause des Pascha beachteten den Wagen und dessen schöne Insassin kaum, so sehr standen sie im Banne der Stunde und der Dinge, die sie hinter der dicken Mauer nur ahnen konnten. Es dauerte eine knappe halbe Stunde, eine halbe Stunde der zitternden Spannung, der bangen Furcht und glühenden Hoffnung zugleich. Man konnte erwarten, daß bald die Köpfe der beiden Männer, die sich vielleicht mit hohen Plänen und leeren Händen, vielleicht zu spät vor den Gewaltigen gewagt hatten, über die Mauer geworfen würden, daß sich ein Reitertroß mit brennenden Pechfackeln sengend und mordend in die Judengasse ergießen werde. Was konnte man nicht vom Pascha Mustafa Gamali Jlkohim und seinem Anhänge erwarten . . .? Auch die Nomadenkarawane war stark interessiert stehengeblieben, und der buntbedeckte Scheich berührte mit dem Daumen Herz und Stirn und schwor bei dem Barte des Propheten, daß der Mann, der Schlangen beschworen und dem Sturm gebietet, auch ihn — er meinte den Pascha — zu seinen Füßen zwingen werde ... In Wirklichkeit kam jetzt Sabbatai heraus heil an Leib, mit Jachini und — man traute den eigenen Augen nicht — hinter ihnen derPascha s e l b st, Mustafa Gamali Jlkohim in der Mitte seines Rates. Auf der Ballustrade leuchteten bunte Lichter auf und warfen milde Strahlen auf die Gesichter der-gestrengen Herren. Und nun geschah das Wunder aller Wunder, der Pascha lächelte — wer hatte Gamali Jlkohim je lachen gesehen? — lächelte Sabbatai zu und lächelte huldselig allen sich jetzt in gesteigertem Mute dem Palaste nähernden Juden zu. Man sah sogar, wie der Pascha die linke Hand aufs Herz legte und mit dieser Geste des Salomongrußes Sabbatai entließ. Alles drängte sich jetzt um Sabbatai und hundert stumm fragende Blicke waren auf ihn gerichtet. Sabbatai wischte sich mit der Linken den Schweiß von der breiten leuchtenden Stirn, musterte prüfenden Auges die inzwischen gewaltig angewachsene Schar und sagte nur auf hebräisch mit den Worten des Kohelet: „Gehet, esset in Freuden Euer Brot und trinket vergnügten Herzens Euren Wein, denn schon hat Gott wohlgefällig ausgenommen Euer Werk . . ." 23. Taumel in Jerusalem. Große Erregung bemächtigte sich aller Bewohner Jerusalems. Ueber die Freude ob der Hilfe und Errettung leuchtete das Wunder, das aller Herzen in Jubel und Erwartung hell aufflammen ließ. Der Messias war Nicht, wie Nathan und Primo prophezeit hatten, auf einem Löwen, der den Drachen im Rachen hatte, an der Spitze der Mosessöhne und „zehn Stämme" eingezogen; er kam auf einem Esel geritten. Das entsprach einer noch älteren frommen Erwartung... Und er brachte Hilfe, in letzter Minute, da die Glocken der Turmuhren schon Tod und Vernichtung kündeten. Ein sichtbares Wunder war geschehen . . . Keiner wußte, was sich in den entscheidenden Minuten hinter den dicken Mauern zwischen Sabbatai und dem Pascha abgespielt hatte, außer Sabbatai selbst, der darüber nicht sprach und Jachini, der nur in dunklen Andeutungen davon redete, die so und auch anders zu verstehen waren. Um so lebhafter arbeitete die Phantasie daran, den Vorgang mit den üppigsten Blumen zu umranken. Sabbatai habe dem Pascha nur klar ins Auge gesehen, und dieser beugte sich, erzählte man. Sabbatai fing an, Psalmen zu singen, und damit war alles getan, wußten andere. Er sprach den „heiligen Namen" aus, und Gamali Jlkohim war schier in den Boden gebohrt, daß er um Gnade winselte . . . An die Möglichkeit, daß er dem Pascha die geforderte Summe überbracht hätte, dachte keiner. Und wer dcucan flüchtig dachte, sah sich vor einem noch gwßeren Wunder. . . Wo sollte der Mann auf natürliche Art das Geld hergenommen haben, just in letzter Minute?... Man fing an, Sabbatai aus Schritt und Tritt zu beobachten. Man brachte ihm Huldigungen entgegen, stumme und rauschende. Er tat zurückhaltend und hielt sich ganze Tage an der Tempelmauer und ganze Nächte auf dem Oelberge zwischen den heiligen Gräbern auf. Wenn er sich tags auf der Straße zeigte, sammelte sich gleich viel Volk um ihn, Mütter hoben ihre Kinder hoch, daß sie das Bild des Mannes in sich aufnahmen, auf dem Israels Hoffnung ruhte. Im Bethause des Samuel Primo in der Davidstadt fand sich alles, was von der Sehnsucht der Zeit ergriffen war, und hier konnte bald Sabbatai herrschen, als Spender und Erlöser, als Führer und Gesetzgeber, Gott lobsingen mit eigenen Liedern und beten mit eigenen Gebeten ... Sogar den vierbuchstabigen Gottesnamen durfte er hier wieder in Extase aussprechen, ohne etwas anberes als tiefe Begeisterung und heiligen Schauer damit bei den Betern zu erwecken. Als man zu Elulbeginn das Horn blies, verkündete Sabbatai, daß es des Erlösungshorns erste Töne feien und daß bevor sich ein Jahr gerundet, die volle Erlösung da sei, mit neuem Bunde, neuen Gesetzen und neuen Festen . . . Und die Gemeinde sang zu den üblichen Slichaus ein an diesen Tagen auch anderswo wiederholt gehörtes Lied mit dem Kehrreime: „Es gleicht mein Geliebter einem Zewi ..." Sarah hatte einen eigenen großen Kreis von Frauen und Jungfrauen und auch jungen Männern an sich gezogen, den sie majestätisch beherrschte. Man sah sie wenig mit Sabbatai zusammen. Sie schienen ihre besonderen Wege zu gehen. Aber ihre Wege liefen, ohne ihr Zutun, ineinander. Als man an einem Sabbat bei der dritten Mahlzeit saß, erschien Sarah, zum erstenmale, im Bethause und mit ihr stürmten andere Frauen und Mädchen in den Männerraum, ohne von Sabbatai oder von anderen daran gehindert zu werden. Die Frauen schlugen in die Hände, indes die Männer sangen und tanzten. Dann tanzte man im Reigen um Sabbatai und Sarah in der Mitte. Und wie der Taumel weiter um sich griff, umfingen sich Männer und Frauen und drehten sich im Tanze, unter heiligen und unheiligen Liedern bis zum Wahnsinn. Sie rissen die Oberkleider von sich wie Menschen, die sich im Rausche in den Strom warfen . . . Mari tollte und tanzte bis man entkräftet zu Boden fiel. Diese Vorgänge wiederholten sich jetzt alle paar Tage, mindestens mit jedem Sabbatausgange. Der Anhang wurde immer größer, die Tänze immer toller. Als wollte man im Rausche hineintaumeln in die neue Zeit des Heiles . Im Rate der Alten wurden die Rabbis und führenden Männer sehr besorgt und nachdenklich. Jakob Z e m a ch, ein nüchterner Mann von Welt und Wissen, auch als Arzt sehr geschätzt^ meinte, man sei wohl Sabbatai sehr zum Danke verpflichtet, er habe doch auf diese oder jene Art schweres Unheil von der Gemeinde abgewendet und man könne ihn nicht hart anfassen. Aber so dürfte man es doch nicht weitergehen lassen. Mose Galante stimme nur halb zu und ließ sogar durchblicken, daß man nicht vorschnell im Urteile fein dürfe gegen einen Mann, der solches vollbringe und dergestalt des Volkes Gunst und Vertraun besitze . . . „Wer weiß, und vielleicht . . . Gottes Wege sind wunderbar, und die Not so groß, die Erlösung so nötig ..." Abraham A m i g o schüttelte das graue Haupt, und es war nicht zu erraten, was in diesem vorging. Jakob C h a g e s, mutig, gerade und unerbittlich wie er war, sprach es aber aus: „Wenn der Mann es f o anlegt, dann wäre es besser, er wäre nicht gekommen und unser Auge hätte ihn und all das nicht geschaut . . ." „Wir würden dann heute nicht mehr am Leben sein",erinnerte sein Schwiegersohn, Mose Galante. „Wir hätten den Tod vorziehen müssen einem Leben der Sünde und Schande in Abkehr, in Gotteslästerung und Unzucht. Wehe dem Auge, das dieses geschaut! ..." „Es ist zu viel gesagt, Rabbi," meinte Galante.